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Nicéphore Niépce und die Erfindung der Photographie

Dem französischen Privatgelehrten gelang es erstmals, ein haltbares Bild durch Belichten eines lichtempfindlichen Stoffes zu erzeugen. Die Genialität dieser Leistung läßt sich erst ermessen, seit seine kryptischen Aufzeichnungen durch Nachvollzug seiner Experimente entschlüsselt sind.

Die Pionierzeit der Photographie ist untrennbar mit dem Namen von Louis Jacques Mandé Daguerre (1789 bis 1851) verbunden; die frühen Werke der Lichtbildkunst sind nahezu ausschließlich Daguerreotypien. Aber die Erfüllung des alten Traums, den Augenblick – zumindest als Abklatsch – für die Ewigkeit festzuhalten, verdankt die Menschheit nicht ihm, sondern dem Privatgelehrten Nicéphore Niépce (1765 bis 1833).

Unter Fachleuten ist heute zwar allgemein anerkannt, daß Daguerre seine Erfolge nur erzielen konnte, weil er als Schüler und (seit 1829) Vertragspartner Niépces von dessen Vorarbeiten profitierte. Gleichwohl hat man bislang die kreative Leistung des Älteren und die Schwierigkeiten, die er zu überwinden hatte, gröblich unterschätzt, vor allem weil man verkannte, daß ihm einige heute selbstverständliche Fakten noch nicht geläufig waren.

Niépce hat allerdings das Wissen und die technischen Möglichkeiten seiner Zeit auch auf sehr eigenwillige Weise genutzt. Zudem hat er seine Erkenntnisse in einer Sprache aufgezeichnet, die mühsam zu entziffern ist.

Die Texte der Entdecker und Erfinder zu verstehen, sie in heutiger Sprache zu interpretieren sowie Aufwand und Erfolg ins Verhältnis zu setzen ist das tägliche Geschäft des Wissenschaftshistorikers. Allerdings kommt man bei den Aufzeichnungen Niépces mit der bloßen Textanalyse nicht weit. Vielmehr muß man seinen experimentellen Wegen und Irrwegen recht detailliert folgen, um zu begreifen, warum er gerade dieses oder jenes spezielle Experiment ausgeführt, eine Idee verfolgt und eine andere verworfen hat.

Das habe ich (Marignier) unternommen. Mit Hilfe der Originaltexte vermochte ich seine Experimente im Detail nachzuvollziehen. Dadurch werden seine Beobachtungen verständlich. Mehr noch: Manche Gedankengänge, die er nie aufzeichnete, weil sie ihm selbstverständlich waren, werden rekonstruierbar. Nachdem damit das Funktionsprinzip und die Leistungsfähigkeit seines Verfahrens klar sind, lösen sich auch Widersprüche in der überkommenen Geschichte der Photographie auf (zu der Chemiker nicht genug beigetragen hatten). Erstmals seit 160 Jahren können wir nun das Werk Niépces in seiner Gesamtheit erfassen und den entscheidenden Augenblick – den Beginn der Photographie – für die Nachwelt festhalten.

Biographisches

Joseph Niépce – der Vorname Nicéphore (griechisch für "der Siegreiche") kam erst später hinzu – wurde am 7. März 1765 in Chalon-sur-Saône als Sohn eines Advokaten geboren. Nur kurze Zeit seines Lebens hat er für Geld gearbeitet: als Lehrer in einem Priesterseminar, bis dieses im Gefolge der Französischen Revolution aufgelöst wurde, als Leutnant der Armee und in der Verwaltung des Distriktes Nizza. Gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Claude kehrte er 1801 in das Vaterhaus zurück.

Auf dem nahe gelegenen Landsitz Gras bei Saint-Loup-de-Varennes richteten die Brüder eine Werkstatt ein, in der sie im Laufe der Jahre eine Fülle von Erfindungen austüftelten. Bemerkenswert ist der 1807 patentierte pyréolophore, ein Verbrennungsmotor, der mit Lykopodiumpulver (Bärlappsporen) betrieben wurde. Er konnte immerhin ein Boot auf einem Teich oder auf der Saône bewegen, gelangte jedoch nie zur Anwendungsreife – auch nicht, als die Brüder Niépce das teure Lykopodiumpulver durch Kohlenstaub und später durch Erdöl ersetzten. Ferner befaßten sie sich mit der verbesserten Herstellung eines blauen Farbstoffs aus Färberwaid (pastel) als Ersatz für das indische Indigo, das wegen der Kontinentalsperre nicht erhältlich war, der Gewinnung von Zucker aus Rüben und von Stärke aus Kürbis sowie mit der Konstruktion einer hydraulischen Ramme; all dies anscheinend ausgelöst durch Anregungen oder Ausschreibungen der französischen Regierung. Offenbar hinderte ihre Abgeschiedenheit in der burgundischen Provinz sie nicht daran, an der mit Macht aufkommenden industriellen Entwicklung teilzunehmen.

Allerdings hat keines dieser Geräte und Verfahren je wirtschaftliche Bedeutung erlangt. Wohl begab sich Claude 1816 eigens nach London; doch selbst im damals technisch fortgeschrittensten Land der Welt fand er nicht genug Aufgeschlossenheit für den pyréolophore.

Dank seinem umfangreichen Briefwechsel mit seinem daheimgebliebenen Bruder wissen wir fast auf den Tag genau, was dieser derweil getan hat: Er mühte sich mit der Verwaltung des Landgutes ab und betrieb ausdauernd und leidenschaftlich weiter seine Forschungen.


Verschlüsselte Dokumentation

In seiner speziellen Art schilderte Nicéphore seine Erfahrungen, seine tastenden Versuche und die Schlüsse, die er daraus zog. Seit diese Briefe entziffert und in den Kontext eingeordnet sind, haben sie den Wert eines sorgfältig geführten Laborbuchs. In ihrer klaren und bilderreichen Sprache kommt ein weiterer bemerkenswerter Wesenszug zum Vorschein: ein lebhaftes Naturempfinden. In der Person Niépces verbanden sich die für die Aufklärung typische unbegrenzte Wißbegier samt Betonung der Verstandesschärfe mit der Empfindsamkeit der frühen Romantik.

Volle dreizehn Jahre, von 1816 bis 1829, widmete er sich dem Projekt, "die durch die Camera obscura aufgenommenen Bilder mit den Abstufungen der Töne von Schwarz bis Weiß durch die Wirkung des Lichtes von selbst zu reproduzieren", wie er in der 1829 verfaßten "Notice sur l'Héliographie" schrieb. Damit griff er ein altes Projekt wieder auf; in einem Brief vom 16. September 1824 an seinen Bruder erwähnte er, sie hätten bereits 1797 gemeinsam in Cagliari auf Sardinien an der Idee gearbeitet. Zwar hatte 1802 auch der Engländer Thomas Wedgwood (1771 bis 1805) in einer Abhandlung eine Konservierung von Bildern der Camera obscura vorgeschlagen, sogar mit den (heute üblichen) Silbersalzen; aber es gibt keinen Grund anzunehmen, daß die Brüder Niépce davon Kenntnis hatten. Wedgwood starb im Alter von 34 Jahren, ohne daß andere seine Erfindung direkt aufgegriffen hätten.

Schon im Mai 1816 hatte Nicéphore Niépce Anlaß zu großer Befriedigung: Es war ihm gelungen, Papier mit einem lichtempfindlichen Stoff zu beschichten. Nach späteren Äußerungen zu urteilen, muß es sich um muriate d'argent (Silberchlorid) gehandelt haben. Das präparierte Blatt brachte er an der Rückwand einer Camera obscura an, eines lichtdichten Kastens mit einer Einzellinse. Weil ihm aber das Objektiv seines Gerätes zerbrochen war, setzte er eine andere Linse kürzerer Brennweite ein. Das Mißgeschick erwies sich indes als fruchtbar: Das Bild, "das sich auf das Papier zeichnet", ein Blick aus dem Fenster, war heller und schärfer als erwartet, allerdings ein Negativ. "Der Hintergrund des Bildes ist schwarz", notierte Niépce, "und die Gegenstände sind weiß, das heißt, heller als der Hintergrund." Gleichwohl, versicherte er in seinem Brief vom 5. Mai 1816, "scheint mir die Möglichkeit, auf diese Weise zu zeichnen, so gut wie erwiesen". An diesem Tage hatte er also das welterste photographische Negativ auf Papier hergestellt. Nur war es noch nicht fixiert – es schwärzte sich unter Lichteinwirkung immer mehr.

In weiteren Experimenten konstruierte er neue Camerae obscurae verschiedener Größe und verwendete "Scheiben aus durchlöcherter Pappe", um die Bildschärfe zu erhöhen. (Die Tiefe des scharf wiedergebbaren Bildfeldes nimmt zu, wenn man die Blendenöffnung verringert.) Er schickte seinem Bruder "Proben" seiner sich entwickelnden Technik (noch heute heißen Papierabzüge in Frankreich épreuves, Proben) und formulierte – in einem Brief vom 19. Mai 1816 – drei Ziele: "1. der Darstellung der Gegenstände mehr Schärfe zu geben; 2. die Farben [gemeint: Grautöne] umzukehren; schließlich 3. sie zu fixieren, was nicht das Einfachste sein wird; aber... es fehlt uns nicht an Geduld, und mit Geduld erreicht man jedes Ziel." Der letzte Punkt war der wichtigste; denn auch die neuen Bilder dunkelten unter weiterer Lichteinwirkung nach.

Niépce plante sogar, von ein und demselben Negativ mehrere positive Bilder herzustellen: "Wenn man in dem optischen Kasten eine gut gezeichnete [kontrastreiche] épreuve auf ein Papier legt..., das mit der von mir verwendeten Substanz bedeckt ist, müßte sich das Bild in natürlichen Farben auf das Papier zeichnen, denn die schwarzen Teile der épreuve würden, da weniger durchsichtig, den Durchgang der Lichtstrahlen mehr oder weniger behindern", schrieb er am 16. Juni 1816. Aber der Versuch, das herzustellen, was man heute einen Kontaktabzug nennen würde, mißlang.

Ferner suchte der Erfinder nach Stoffen, die unter Lichteinwirkung ausbleichen, statt sich zu schwärzen. Auch hier blieb das schwierigste Problem das Fixieren: die Entfernung jenes Anteils der Ursprungssubstanz, den das Licht nicht verändert hatte.

Durch Probieren stellte er ein Sortiment lichtempfindlicher Stoffe zusammen, leistete mithin erste Vorarbeiten zu der neuen Wissenschaft der Photochemie. Des weiteren leitete eine spezielle Idee seine Gedanken: Er suchte eine Beziehung zwischen der Wirkung des Lichtes (das er sich als eine Art strömendes Medium, fluide lumineux, vorstellte) auf diese Stoffe einerseits und der Wirkung der (flüssigen) Säure, mit welcher der Kupferstecher seine Druckplatte ätzt, andererseits. So hoffte er eine Säure zu finden, die je nach einfallender Lichtmenge mehr oder weniger stark wirkte. Durch sie würde sich ein von einem Objektiv projiziertes Bild quasi von selbst auf eine Metallplatte ätzen. Leider kennt man bis heute keine Säure mit dieser Eigenschaft.


Das latente Bild

Von Versuch zu Versuch modifizierte Niépce die Ziele seines großen Projekts. Er bestand nicht mehr darauf, daß die Wirkung des Lichtes auf einen Stoff alsbald sichtbar würde, sondern begnügte sich damit, daß ein zweiter Prozeß das Bild zum Vorschein brächte.

Auf der Suche nach derart reagierenden Substanzen fand er durch ausgedehntes Literaturstudium, daß die Löslichkeit in Alkohol des Guajakharzes (von den Bäumen Guajacum officinale und Guajacum sanctum, die vor allem auf der Bahama-Insel Santo Domingo wachsen) von der Lichteinwirkung abhängt. Damit hatte er erstmalig ein photochemisches Verfahren an der Hand: Der belichtete Stoff läßt sich mit chemischen Mitteln von dem unbelichteten unterscheiden; damit könnte man – zum Beispiel durch Auswaschen des letzteren – ein Bild fixieren. Tatsächlich stellte sich das Phänomen bei Experimenten Niépces mit Sonnenlicht ein, nicht aber bei Belichtung in der Camera obscura. Heute wissen wir, warum: Nur ultraviolette Strahlen wirken auf das Guajakharz; die durchdrangen jedoch nicht das gewöhnliche Glas, aus dem das Objektiv bestand.

Diese erste enttäuschende Erfahrung mit einer organischen Verbindung brachte Niépce gleichwohl auf eine vielversprechende Spur: Er verwendete Asphalt, der nach den seit der Antike abgebauten Vorkommen in Palästina Judenpech (bitume de Judée) genannt wurde. In Frankreich wurde das zähe, schwarzbraune Mineral damals auch in der Mine du Parc, einer Grube bei Seyssel, ungefähr 100 Kilometer von seinem Landsitz entfernt, gewonnen.

Niépce vermahlte den Asphalt zu feinem Pulver und löste ihn in Lavendelöl (eine heute wenig gebräuchliche Verwendung des Stoffes, der einer der wesentlichen Bestandteile von Kölnisch Wasser ist). Das ebenfalls geeignete Dippelsche Tieröl erwähnte er auch, hat es jedoch zweifellos nur im Notfall verwendet: Die aus Tierknochen ausgekochte Flüssigkeit stinkt wahrhaft tierisch. Die zähflüssige Lösung verstrich er auf einer Metallplatte (silberbeschichtetem Kupfer in der fortgeschrittensten Version des Verfahrens von 1828), ließ sie eintrocknen und brachte die Platte an der Rückwand einer Camera obscura an. Nach der Belichtung war zunächst kein Bild sichtbar.

Niépce tauchte die Platte sodann in ein Bad mit verdünntem Lavendelöl, das nur die nicht oder wenig belichteten Teile der Schicht ablöste. Dann spülte er die Platte mit Wasser und ließ sie trocknen. An den belichteten Stellen – entsprechend den hellen des Motivs – blieb die dunkle Asphaltschicht stehen; in den Schatten kam das blanke Metall zum Vorschein. Aus normalen Blickwinkel betrachtet war die Aufnahme also ein Negativ (Bilder 3 und 4). Spätestens 1822 hatte Niépce auf diese Weise ein haltbares Bild gewonnen, das er héliographie nannte, eine griechische Wortneubildung mit der Bedeutung "von der Sonne gezeichnet".

Wie kommt die Lichtempfindlichkeit des Asphalts zustande? Die dafür wesentlichen Bestandteile sind die Asphaltene, aromatische, ebene Kohlenwasserstoffmoleküle mit aliphatischen Seitenketten. Unter natürlichen Bedingungen ordnen sie sich wie ein Stapel Blätter in Schichten an. Unter dem Einfluß des Lichtes bilden sich chemische Bindungen von Blatt zu Blatt aus – je intensiver die Strahlung, desto mehr: Die Moleküle vernetzen sich durch Photooxidation. Da die Wirkung der Photonen auf den Ort ihres Auftreffens beschränkt bleibt, ist die Auflösung hervorragend. (Bei der heute üblichen photographischen Entwicklung ist die ursprüngliche Wirkung der Belichtung, die Reduzierung von Silberbromid zu metallischem Silber, ebenfalls lokal. Unter dem Einfluß der Entwicklersubstanz wird dieser Effekt jedoch verstärkt, indem Bromsilbermoleküle in der Nachbarschaft der belichteten ebenfalls reduziert werden. Dadurch wird das latente Bild unweigerlich vergröbert.) Die Dicke der verbleibenden Asphaltschicht nach dem Auswaschen hängt von der Menge des empfangenen Lichtes ab.

Die Empfindlichkeit des Asphalts ist dagegen extrem gering. Niépce hat sich nie genau über seine Belichtungszeiten geäußert; aber nach den von uns nachvollzogenen Experimenten zu urteilen, müssen sie 40 bis 60 Stunden für eine sonnenbeschienene Landschaft betragen haben. In heutigen Maßeinheiten wäre das eine Empfindlichkeit von 10-6 ISO. (Üblich sind heute 100 ISO.)

Natürliches Helldunkel

Es blieb das Problem, aus dem Negativ ein Positiv zu machen. Dieses Ziel verfolgte Niépce auf drei Wegen:

- Den Eindruck eines Positivs durch geeignete Beleuchtung erzielen: Wahrscheinlich brachte ihn ein unterbelichtetes Bild auf den entscheidenden Gedanken. Während auf der Heliographie in den Schattenpartien des Motivs nach wie vor das blanke Metall zum Vorschein kommt, ist an den hellen Stellen wegen der Unterbelichtung der Asphalt nur unvollständig molekular vernetzt (Bild 5), wird deshalb im Lavendelölbad oberflächlich angelöst und dadurch matt. Unter schräger Beleuchtung erscheinen die blanken Stellen dunkel, da sie das Licht wie ein Spiegel reflektieren, die angerauhten hingegen hell wegen der diffusen Reflexion. Man sieht also ein Positiv. Dasselbe Prinzip liegt den Daguerreotypien zugrunde.

Niépce hatte diese Effekte bereits 1824 beobachtet, griff die Idee jedoch erst 1827 auf und ließ sie ein Jahr später schon wieder fallen. Die berühmte Heliographie "Point de vue du Gras" von 1826 oder (wahrscheinlicher) 1827 ist nach diesem Prinzip angefertigt. Diese älteste Photographie der Welt wird heute in einer Heliumatmosphäre im Harry Ransom Center in Austin (Texas) aufbewahrt. Als ich (Marignier) sie außerhalb der Vitrine unter geeigneter Beleuchtung besichtigen durfte, entdeckte ich Einzelheiten, die auf Reproduktionen (Bild 2) nicht zu finden sind, und konnte ihre Entstehung erklären.

- Aus der heliographischen Platte eine Kupferstichplatte herstellen: Man taucht die Platte in ein Bad, das die blanken Stellen angreift. Die Asphaltschicht erfüllt dieselbe Funktion wie der Ätzgrund, in den der Künstler mit der Radiernadel zeichnet und der außer Harz und Wachs ebenfalls Asphalt enthält; nachdem das Ätzmittel an den ungeschützten Schattenpartien des Bildes eingewirkt hat, löst man die Asphaltschicht gänzlich ab. In die Vertiefungen der so entstandenen Druckplatte aus Kupfer oder Zink reibt man Druckerschwärze, wischt den Überstand ab und preßt sie gegen ein angefeuchtetes Blatt Papier. Auf diese Weise kann man positive, allerdings seitenverkehrte Bilder in geringer Auflage herstellen.

Dieses Verfahren verfolgte Niépce seit 1824. Sein wesentlicher Nachteil ist das Fehlen der Grautöne; es eignet sich nur für Strichzeichnungen oder Bilder, in denen Hell-Dunkel-Übergänge durch Schraffur oder Rasterung imitiert werden. Niépce wandte es denn auch lediglich zur Reproduktion von Stichen an; einige wenige dieser Werke sind erhalten geblieben und werden in französischen und britischen Museen aufbewahrt.

Eine Weiterentwicklung ist der Phototiefdruck, als dessen Erfinder mithin Niépce anzusehen ist. Auch dabei wurde jahrzehntelang Asphalt verwendet. Nach demselben Prinzip, nur mit lichtempfindlichem Lack anstelle des Asphalts, werden heute integrierte elektronische Schaltkreise und mechanische Mikrosysteme hergestellt.

- Mit chemischen Mitteln die Tonwerte umkehren: Man färbe die blanken Stellen der Heliographie schwarz ein und entferne dann die restliche Asphaltschicht, so daß die hellen Stellen des Motivs durch nunmehr schimmerndes Metall hell wiedergegeben werden. Ab 1828 arbeitete Niépce mit versilberten Platten, die er Ioddämpfen aussetzte. An den unbedeckten Stellen bildete sich alsbald eine dünne Schicht Silberiodid, die sich zu Niépces Begeisterung zu feinkörnigem (und deshalb schwarz wirkendem) metallischem Silber reduzierte. Durch Abwaschen des Asphalts mit Alkohol erhielt er das fertige Positiv.

Wer dieses Verfahren nachvollzieht, kann über die subtile Grauabstufung und die Feinkörnigkeit der Bilder nur staunen: Sie ist derjenigen der besten modernen Photographien vergleichbar. Im Gegensatz zum Ätzmittel greifen nämlich die Ioddämpfe nicht nur das blanke Metall an, sondern durchdringen auch die Asphaltschicht, und zwar um so leichter, je dünner diese ist. Läßt man also das Iod für den richtigen Zeitraum einwirken, kommt eine getreue Wiedergabe von Halbtönen zustande.

Man muß sich klarmachen, daß erst 1811 Bernard Courtois (1777 bis 1838), ein Chemie-Industrieller aus Dijon, elementares Iod erstmals hergestellt und vier Jahre später der Physiker und Chemiker Joseph Louis Gay-Lussac (1778 bis 1850), besser bekannt als Namensgeber eines Gesetzes zur thermischen Ausdehnung der Gase, Reaktionen von Iod mit Silber erforscht hatte. Niépce nutzte also die Spitzentechnologie seiner Zeit.


Der Vertrag mit Daguerre

Nach dreizehn Jahren hartnäckiger Arbeit durfte der Erfinder sein Programm von 1816 als erfüllt ansehen. Sein Werk war reif zur Veröffentlichung und zur kommerziellen Nutzung. Für dieses schwierige Unterfangen, das auch erhebliche Investitionen erforderte, tat er sich mit dem 24 Jahre jüngeren Daguerre zusammen.

In einem am 14. Dezember 1829 vor einem Notar geschlossenen Gesellschaftervertrag setzten sich die Partner zwei Ziele: ohne den Umweg über ein Negativ ein Positiv herzustellen und die Reaktionsfähigkeit (promptitude) des lichtempfindlichen Materials zu verbessern, das heißt die Belichtungszeit zu verkürzen.

In Erfüllung der Vertrages verfaßte Niépce eine genaue Beschreibung seines Verfahrens, die erwähnte "Notice sur l'Héliographie". Allem Anschein nach hat Daguerre, der bis dahin nur als Bühnenmaler und Betreiber des von ihm erfundenen Dioramas – einer Art Panoramabühne mit Lichteffekten – berühmt geworden war, keine eigenen Vorkenntnisse in die Gesellschaft eingebracht.

In den folgenden vier Jahren, bis zu Niépces Tod, verweilte Daguerre viermal je zwei Wochen in Saint-Loup-de-Varennes zu intensiver Arbeit an gemeinsamen Experimenten. Von ihrer Korrespondenz aus den Zwischenzeiten sind Daguerres Briefe erhalten. Durch genaue Textanalyse konnte ich die Gemeinschaftsarbeit rekonstruieren und im Labor nachvollziehen (Kasten Seiten 56/57).

Binnen zweieinhalb Jahren entwickelten die Gesellschafter ein neues Verfahren, das Niépce physautotype nannte, eine griechische Wortneubildung mit der Bedeutung "Abbildung der Natur durch sich selbst". Die dünne lichtempfindliche Schicht bestand aus Harz, genauer: dem festen Rückstand nach Eindampfen von Lavendelöl, und wurde auf eine silberbeschichtete Metallplatte aufgebracht. Nach Belichtung in der Camera obscura wurde das Bild durch Dämpfe von Lampenöl (einer leichten Erdölfraktion, ähnlich dem Kerosin) entwickelt. Die zugrundeliegenden physikalisch-chemischen Prozesse sind zur Zeit noch nicht ganz geklärt. Unter schräger Beleuchtung ergab sich ein positives Bild.

Die Auflösung war hervorragend, die Grautöne gut wiedergegeben. Die Belichtungszeit sank auf einen Tag oder gar drei bis vier Stunden für nahe, gut beleuchtete Gegenstände.

Die beiden Männer glaubten sich kurz vor dem Ziel. Aber Daguerre bestand darauf, die Erfindung geheimzuhalten, bis es gelungen sei, die Belichtungszeit auf höchstens eine Viertelstunde zu senken. "Beim gegenwärtigen Stand der Technik darf man sich nicht mit halben Erfolgen zufriedengeben; denn die geringste Verbesserung, die jemand anders an einer Erfindung anbringt, läßt häufig ihren ersten Urheber in Vergessenheit geraten", schrieb er bereits am 12. Oktober 1829 an Niépce.

Welch zutreffende Bemerkung! Niépce starb am 5. Juli 1833 an den Folgen eines Schlaganfalls, völlig verarmt, vor allem weil nach dem Tode seines Bruders 1828 zahlreiche Gläubiger ihre Ansprüche anmeldeten – und auch Claudes angebliche Erfindungen, für die Nicéphore sich zuvor schon finanziell ruiniert hatte, erwiesen sich als Hirngespinste.

Daguerre führte die Forschungen allein weiter und gelangte schließlich zu dem, was er Daguerreotypie nannte. Das lichtempfindliche Material dieser Bilder war Silberchlorid, das mit Quecksilberdampf entwickelt und mit Kochsalz fixiert wurde.

Es war ein genialer Schachzug Daguerres, seiner Gemeinschaftsarbeit mit Niépce den Segen der offiziellen Wissenschaft zu verschaffen. Sein Besuch bei dem Astronomen François Arago (1786 bis 1853), dem politisch aktiven ständigen Sekretär der Akademie der Wissenschaften, war entscheidend für die weitere Geschichte der Photographie. Der französische Staat erwarb die Erfindung mit dem Ziel, "sie der Welt zu schenken", gegen Zahlung von Pensionen auf Lebenszeit an Daguerre und Nicéphore Niépces Sohn und Erben Isidore. Wenige Tage später, am 19. August 1839, stellte Arago in der feierlichen Sitzung der Akademie die Innovation der Öffentlichkeit vor.

Gewissermaßen zwischen den Zeilen übermittelte Daguerre eine weitere, einfache Nachricht: Es gebe nur einen Erfinder, nämlich ihn selbst. In der Broschüre, die er 1839 aus Anlaß der Präsentation veröffentlichte, gab er den Text der "Notice sur l'Héliographie" mit herabsetzenden Anmerkungen wieder, die sich als unbegründet herausstellten. Nach den Dokumenten zu urteilen, ist das auf den Einfluß Aragos zurückzuführen; ein Erfinder, so scheint dieser gedacht zu haben, muß seine eigene Leistung erhöhen und die seiner Vorgänger schlechtmachen, um sich durchzusetzen.

Auch die Errungenschaften von Hippolyte Bayard (1801 bis 1887), im Hauptberuf Beamter im Pariser Finanzministerium, wurden mit Schweigen übergangen. Dieser hatte einen Monat vor Daguerres öffentlicher Präsentation ein Verfahren für Positivbilder auf Silberiodidpapier gefunden.

Die Photographie, neuerdings noch bereichert durch elektronische Bildaufnahme und -wiedergabe, ist heute allgegenwärtig. Nicéphore Niépce war derjenige, der die ersten Schritte zu dem unternommen hat, was man die Revolution der Bilder nennt. Mehr noch: Ein anderes Paradestück moderner technischer Entwicklung, der Computer-Chip, verdankt ein entscheidendes Herstellungsverfahren der Photolithographie, die ebenfalls Niépce erfunden hat.

Die historische erste Photographie Niépces sowie das Experiment von Jean-Louis Marignier zur Herstellung von Heliographien sind Themen der Fernsehsendung "Archimedes" im deutsch-französischen Kultursender "arte" am 4. beziehungsweise 11. Februar 1997.

Literaturhinweise

- Histoire de la découverte de la photographie. Von Georges Potonnié. Montel, Paris 1925.

– La vérité sur l'invention de la photographie. Nicéphore Niepce, sa vie, ses essais, ses travaux, d'après sa correspondance et autres documents inédits. Von Victor Fouque. Ferran, Chalon-sur-Saône 1867.

– Geschichte der Photographie. Von Josef Maria Eder. Vierte gänzlich umgearbeitete und vermehrte Auflage. Wilhelm Knapp, Halle an der Saale 1932. Nachdruck bei Arno Press, New York 1979.

– Geschichte der Photographie. Von Urs Tillmann. Huber, Frauenfeld und Stuttgart 1981.

– Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre. Von Helmut Gernsheim. Propyläen Kunstgeschichte, Sonderband III. Ullstein, Frankfurt am Main 1983.

– À la découverte des héliographies de Niépce. Von Jean-Louis Marignier in: Le Photographe, Heft 1470, Seiten 13 bis 18, 1989.

– Mystères éclaircis de la plus ancienne photo du monde. Von Jean-Louis Marignier in: Le Photographe, Heft 1480, Seiten 50 bis 55, 1990.

– Première reconstitution du deuxième procédé photographique au monde. Von Jean-Louis Marignier in: Le Photographe, Heft 1499, Seiten 26 bis 33, 1992.

– Découverte de l'invention par Niépce et Daguerre d'un procédé photographique à base de colophane. Von Jean-Louis Marignier in: Le Photographe, Heft 1524, Seiten 36 bis 42, 1995.

– Photochemistry of Asphaltene Films. A Study of the World's First Photographic Process and its Invention. Von Jean-Louis Marignier in: Journal of Imaging Science and Technology, Band 40, Seiten 123 bis 133, 1996.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997, Seite 52
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997

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