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Helmut Schuhmacher und Johann Hinterkircher: Niedere Meerestiere. Schwämme, Korallen, Krebse, Schnecken, Seesterne und andere. Rotes Meer, Indischer Ozean, Pazifik.

BLV, München 1996. 320 Seiten, DM 49,90.

Wir Landbewohner neigen dazu, das Leben auf dem Trockenen für den Normalfall und das im Meer für die Ausnahme zu halten. Tatsächlich ist es umgekehrt: Mehr als 90 Prozent der Biosphäre entfallen – unter Berücksichtigung der Tiefenausdehnung – auf die marine Umwelt, und entsprechend größer ist deren Artenvielfalt. Das gilt auch für ihren unmittelbar wahrnehmbaren Anteil: Während man in den kontinentalen Lebensräumen im wesentlichen nur Repräsentanten weniger Wirbeltierklassen und vom kaum faßlichen Formenreichtum der Insekten immerhin unterschiedlichste Muster zu sehen bekommt, ist jeder Tauchgang im Meer eine Entdeckungsfahrt in die gesamte Zoologie mit ihren Dutzenden grundverschiedener Konstruktionstypen; die meisten sind auf dem Festland gar nicht vertreten.

Beides, die Vielfalt und die Fremdheit, macht die besondere Faszination dieser Organismen aus. Bedeutenden Biologen wie Johannes Müller (1801 bis 1858), Ernst Haeckel (1834 bis 1919) oder Adolf Portmann (1897 bis 1982) genügte schon die erste Begenung mit dem noch überschaubaren Arteninventar der Nordsee bei Helgoland für eine lebenslange Begeisterung.

Noch weitaus mitreißender aber sind die enorm bunten Kreaturen warmer Meere. Insbesondere Korallenriffe erweisen sich mit ihrer überbordenden Artenfülle als besondere Zentren der Biodiversität – aquatische Gegenstücke der tropischen Regenwälder. Dieses grandiose Ergebnis der Evolution im Wasser, dem auch unsere Stammlinie entsprungen ist, bildet das Thema des vorliegenden Bestimmungsbuches.

Die Riffgebiete des Tropengürtels sind in den letzten Jahren zunehmend Ziele von Fernreisen mit Aktivurlaub geworden. Hobbytauchern und Schnorchlern hilft dieser praxisnahe, kompetent orientierende Leitfaden, das Gesehene zuzuordnen und das Besondere überhaupt erst wahrzunehmen|; das Reisegepäck belastet er kaum. Mit rund 550 Wirbellosen-Spezies von den Kammerlingen (Foraminiferen) über Schwämme, Nesseltiere, verschiedene Würmer, Gliederfüßer, Weichtiere und Schnecken bis zu den Manteltieren bietet das Buch zwar keine Vollständigkeit, zeigt jedoch jeweils typische oder auch besonders auffällige Vertreter dieser Gruppen.

In einer kurzen Einleitung vermittelt der Hydrobiologe Helmut Schuhmacher von der Universität/Gesamthochschule Essen die wichtigsten Grundkenntnisse über Aufbau, Ökologie und Systematik der behandelten Tierstämme sowie kompakte, doch solide Informationen über Entstehung, Struktur und Verbreitung von Korallenriffen. Die einzelnen Artbeschreibungen unterrichten genauer über Vorkommen und Verhalten sowie andere wissenswerte Besonderheiten.

Die übersichtliche, katalogartige Gliederung der Seiten wie des gesamten Buches hilft sehr, die verwirrende Artenfülle vor der Taucherbrille zu bewältigen. Dazu tragen wesentlich die 570 exzellenten Farbaufnahmen bei, die überwiegend von Johann Hinterkircher stammen; sie demonstrieren formvollendete Schönheit selbst solcher Verwandtschaftsgruppen, die dafür – wie die Strudelwürmer oder die Hinterkiemerschnecken – nicht gerade berühmt sind.

Dieser formal und inhaltlich gelungene Führer inszeniert in vorbildlicher Weise den großen Formenschatz der behandelten marinen Organismen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1998, Seite 132
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1998

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