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Niederländisch - Mittlersprache zwischen Deutsch und Englisch

Von den germanischen Sprachen hat das Niederländische besondere Altertümlichkeit bewahrt|; entgegen einer noch immer weitverbreiteten Ansicht ist es auch kein hollandisierter deutscher Dialekt, sondern hat sich in der Neuzeit unabhängig entwickelt.

Unter den Verwandten des Deutschen steht ihm das Niederländische, die direkte nordwestliche Nachbarsprache, am nächsten, während Englisch und Friesisch erst in zweiter Linie durch gemeinsame süd- oder westgermanische Herkunft hinzukommen. Noch weiter entfernt sind die skandinavischen Sprachen auf nordgermanischer Grundlage, ferner die ausgestorbenen ostgermanischen Sprachen der Goten, Burgunder und Wandalen in Spätantike und Frühmittelalter. So ergibt sich ein sprachfamiliäres Gefüge, in dem vom Deutschen aus gesehen das Niederländische die Stelle der Schwester einnimmt, Englisch und Friesisch schon mehr wie Vettern oder Basen dastehen und die übrigen germanischen Sprachen der weiteren Verwandtschaft dritten Grades zuzurechnen sind. Eine vor allem kolonial- oder siedlungsgeschichtlich zu verstehende Tochtersprache des Niederländischen ist schließlich das Afrikaans in Südafrika, wo die holländische Sprache der Buren sich mit dort einheimischen Elementen vermischt und dem Sprachbau nach stark vereinfacht hat.


Verbreitung

Was heißt nun aber Niederländisch? Mit diesem Begriff bezeichnet man in der Neuzeit eine selbständige germanische Sprache an den Unterläufen und in den Mündungsgebieten der Flüsse Schelde, Maas und Rhein (mit seinen Verzweigungen Nederrijn, Oude Rijn, Lek und Waal). Weiter nordostwärts schließt sich noch das Gebiet der Ijssel und der Vecht an, alter Zuflüsse der ehemaligen Zuiderzee (niederländisch für südliches Meer), jener Nordseebucht, welche die Niederländer 1927 bis 1932 zur Landgewinnung abgeschottet haben; der große Restsee ist das Ijsselmeer.

Dementsprechend macht Niederländisch mit 90 Prozent den Hauptanteil der Schrift- und Volkssprachen im zweisprachigen Königreich der Niederlande aus (wo es Staatssprache ist; daneben ist Friesisch in der Provinz Friesland im Norden gängig) und mit 55 Prozent im dreisprachigen Königreich Belgien (neben Französisch im Süden und Südosten sowie Deutsch im äußersten Osten). Doch erstreckt sich seine Verbreitung als – freilich zurückgehendes – Volksidiom längs der Nordseeküste und landeinwärts noch bis in die Gegend zwischen Dünkirchen und Lille in den französischen Departements Nord und Pas-de-Calais, wo noch der Gebietsname Flandre (französische Form für Flandern) gilt.

Damit ergibt sich eine überstaatliche Gemeinschaft von rund 20 Millionen Sprechern, die verschiedenen Konfessionen angehören. Im Süden sind es die katholischen Flamen in Belgien und viele Südniederländer in den angrenzenden Provinzen Zeeland, Holland, Noord-Brabant und Limburg, während der Norden mehrheitlich protestantisch, aber in verschiedene kirchliche Gemeinschaften – darunter besonders Kalvinisten – aufgefächert ist; bedeutende jüdische Gemeinschaften finden sich in den Handelsstädten zumal des Nordens. Der Sprachhintergrund ist also recht vielfältig und außerdem durch die sozialen Komponenten des Bauerntums, der Kanal- und Schleusenerbauer, der Fischer und Seefahrer sowie der einst kolonialerfahrenen bürgerlichen Handelsleute geprägt. In der Gegenwart ist dieses gesellschaftliche Gefüge freilich überwölbt durch eine betont moderne und auch sprachnivellierende Industriegesellschaft samt ihrer hochintensiven, exportorientierten Landwirtschaft.

Ähnliches ergibt sich aus unserer Spracherfahrung mit dem Niederländischen von heute: Eine gewisse Gemütlichkeit hat sich bei aller erstrebten Weltoffenheit – früher mehr in Richtung Frankreich und Übersee, zur Zeit mehr in Richtung England und den Vereinigten Staaten – bewahrt bis in die recht locker wirkende Standardsprache hinein. Das verbürgen nicht zuletzt die vielen Diminutive, die ähnlich häufig wie im Mittelhochdeutschen oder im heutigen Schweizerdeutschen wie auch im Bairischen verwendet werden.


Genealogie und Entwicklung

Herkunft und weitere Geschichte des Niederländischen sind recht komplex; sie lassen sich wie folgt skizzieren: Seit dem Frühmittelalter bestand eine neu erwachsene Sprachgemeinschaft aus nordseegermanisch-friesischen, binnenländisch-niedersächsischen und niederrheinisch-fränkischen Stammesdialekten. Sie hatte sich erstmals umfassend in der mittelniederländischen Sprachstufe des Hoch- und Spätmittelalters als eigenständige südwestgermanische Spracheinheit in einer Mittelstellung zwischen Hochdeutsch, Niederdeutsch, Friesisch und Englisch etabliert. Infolge der Freiheitskriege in der frühen Neuzeit mit Gründung der Republik der Vereinigten Niederlande 1581, die 1648 im Westfälischen Frieden anerkannt wurde, prägte sich eine durchaus eigene, vom Deutschen unabhängige Schriftsprachentwicklung aus.

Tatsächlich kommt auch dem Niederländischen eine den benachbarten germanischen Sprachen vergleichbare Abfolge seiner historischen Stufen zu:

- Altniederländisch (Oudnederlands) vom 9. bis zum 12. Jahrhundert,

- Mittelniederländisch (Middelnederlands) vom Ende des 12. Jahrhunderts bis um 1500, im Mittelalter als dietsch beziehungsweise duutsch bezeichnet, was etymologisch (wie "deutsch") "volkssprachlich" bedeutet, und

- Neuniederländisch (Nederlands), seit dem 16. Jahrhundert zunächst mit nördlichem Schwerpunkt, deshalb auch Holländisch genannt (wohingegen englisch Dutch sich vom mittelniederländischen duutsch herleitet), im Hinblick auf die Schriftsprache seit etwa 1900 als Algemeen Beschaafd ("kultiviertes") Nederlands bezeichnet.

Zieht man die räumlich-dialektale Komponente hinzu, so versteht man unter Flämisch (Vlaams) als Überbegriff die niederländische Sprache in Belgien, das heißt die Muttersprache der Flamen, im Gegensatz zum Französischen der Wallonen. Aber im engeren Sinn meint Flämisch auch einen Teil der südniederländischen Dialekte in den belgischen Provinzen West- und Ostflandern, während Holländisch (Hollands) die ältere Gesamtbezeichnung des Niederländischen überhaupt ist wie auch die Regionalsprache und die Dialekte der volkreichen und für den Aufschwung der Niederlande so wichtigen Provinzen Nord- und Südholland mit ihrer dichten Stadtkultur (Amsterdam, Haarlem, Leiden, Den Haag, Delft und Rotterdam) bezeichnet. Im übrigen sind Geschichte und Gegenwart des Niederländischen eng mit dem Nord-Süd-Gegensatz verbunden, woraus – nachdem wechselnde kulturelle Schwerpunkte bestanden – mehr und mehr eine übergreifende Sprachgemeinschaft mit regem literarischem Austausch erwachsen ist; auch die Stellung des Flämischen in Belgien hat sich seit hundert Jahren enorm gefestigt, weil sich die Flamen strikt der mehr in Holland verankerten Standardsprache Algemeen Beschaafd Nederlands (ABN) angeschlossen haben.

Die ersten gesamtniederländischen Philologenkongresse fanden 1849 in Gent, 1850 in Amsterdam und 1851 in Brüssel statt, nicht unwesentlich gefördert durch die Vlaamse Beweging, das heißt die flämische Sprachbewegung in dem seit 1830 unabhängigen, aber damals noch einseitig französisch ausgerichteten Belgien. Im Gefolge dieser Kongresse begann man in Leiden unter zunehmender belgischer Beteiligung seit 1851 das umfassende "Woordenboek der Nederlandsche Taal" (1. Lieferung 1864, 1. Band 1882, erschienen sind bisher 36 Bände) zu bearbeiten. Ähnlich wie das "Deutsche Wörterbuch" der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm (1852/54 bis 1970) stellt es den gesamten Wortschatz der Zeit von 1500 bis zur Gegenwart in beispielreichen alphabetischen Artikeln dar und soll bis zum Jahre 2000 als größtes Wörterbuch einer Sprache überhaupt vollendet werden.

Seit den fünfziger Jahren geben die Regierungen beider Staaten eine bereinigte Wortliste ihrer gemeinsamen Sprache heraus ("Woordenlijst van de Nederlandse taal", 's-Gravenhage 1954). Im Jahre 1980 wurde sogar die von beiden Staaten getragene Nederlandse Taalunie als unterstützende Dachorganisation für Sprachfragen gegründet.

Gradmesser für das zunehmende Prestige des Niederländischen in Belgien war die geschickte Haltung des Königshauses, das im erbittert geführten Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen nach und nach auszugleichen suchte. Die erste Eidesleistung außer auf französisch auch auf niederländisch leistete König Albert I. im Jahre 1909, wobei man für die richtige Formulierung eiligst den Herausgeber der führenden flämischen Zeitung "Het Laatste Nieuws", Julius Hoste, hatte heranziehen müssen. König Leopold III., der nach dem Zweiten Weltkrieg im Schweizer Exil lebte und 1950 auf den Thron verzichtete, war klug genug, seinen Sohn, den späteren, verstorbenen König Boudewijn (Baudoin I.) schon in jungen Jahren im holländischen Leiden auch umfassend in der niederländischen Hochsprache unterrichten zu lassen, so daß dieser 1951 seine Thronrede vor der französischen Version untadelig darin halten konnte. König Albert II. wiederum legte am 9. August 1993 seinen Eid sogar in den drei Nationalsprachen seines nun föderalistisch strukturierten Staates ab: erst niederländisch, dann französisch und schließlich – etwas weniger perfekt – auch deutsch.


Eigenständige Ausbildung der Standardsprache

Was das Verhältnis des Niederländischen zum Deutschen betrifft, darf man seit der bahnbrechenden Leipziger Akademieabhandlung des Germanisten Theodor Frings aus dem Jahre 1944 "Die Stellung der Niederlande im Aufbau des Germanischen" unterstreichen, daß es als eine Art germanischer Schlüsselsprache an der Nordsee zu verstehen ist, nämlich als alteigenständiges Gebilde zwischen Englisch und Friesisch einerseits und Niederdeutsch-Hochdeutsch andererseits.

Damit soll auch gegen ein Mißverständnis angekämpft werden, das bis heute – verbunden mit der völlig unzutreffenden Vorstellung von einer sogenannten Hollandisierung – nachlebt: Das Niederländische habe eine bedauerliche und eigentlich unnötige Eigenentwicklung zu einer neuen Schriftsprache durchgemacht und sei mithin ein abgespaltener Teil des Deutschen. Demgegenüber muß von der vergleichenden germanischen Philologie her immer wieder betont werden: Das Niederländische ist kein Dialekt wie Mecklenburger Platt, Rheinfränkisch-Hessisch oder Obersächsisch; schon Alt- und Mittelniederländisch waren gegenüber den älteren Stufen des Hoch- und Niederdeutschen selbständige Sprachen.

Sie sind zwar nahe verwandt mit diesen. Aber es ist ein weiter Sprachsprung vom mittelniederländischen "Van den vos Reynaerde" des 13. Jahrhunderts zum daraus übersetzend neu gestalteten niederdeutschen "Reinke de Vos" (Druck Lübeck 1498), den der Literaturtheoretiker Johann Christoph Gottsched 1752 ins Hochdeutsche übersetzt und den Johann Wolfgang von Goethe 1793 als "Reineke Fuchs" neu gestaltet hat.

Das Neuniederländische schließlich hat sich völlig unabhängig vom Deutschen im 16. und 17. Jahrhundert, nicht zuletzt auf dem Hintergrund der in den Grundsprachen verankerten und nicht etwa auf Martin Luthers Verdeutschung zurückgehenden Bibelübersetzung der sogenannten "Statenbijbel" (Bild) zur heutigen Standardsprache entwickelt. Die Herausgabe dieser volkssprachlichen Bibel im Auftrag der niederländischen Generalstaaten wurde durch die Nationalsynode der Protestanten zu Dordrecht 1618 bis 1619 beschlossen; ein Übersetzergremium aus dem gesamten Sprachgebiet war damit befaßt. Das Werk ist 1637 erstmals in Leiden erschienen, stand aber auch in Nordwestdeutschland bis ins 18. Jahrhundert in hohem Ansehen.

Im Gegensatz zum Deutschen hat das Niederländische keine Verschiebung der harten Verschlußlaute durchgemacht (Beispiele: tien/zehn, kerk/Kirche, open/offen) sowie keine durchgreifenden Umlaute verwirklicht (groter/größer, boeken/Bücher, wobei das "e" ein Dehnungslaut ist); hingegen hebt es sich vom Englischen durch weitgehend fehlende Palatalisierung ab (kerk/church, kaas/cheese, keuken/kitchen, slapen/sleep, straat/street). Was das Formensystem angeht, steht das mäßig flektierende Niederländische mit zwei Geschlechtern (de bezeichnet Maskulinum und Femininum, het Neutrum) sozusagen zwischen dem hochflektierten Deutsch (der, die, das) und dem wenig flexionsfreudigen Englisch (the), und mit diesem verbindet es sich etwa durch die persönlichen Pronominalformen auf h- (hij, hem, haar/he, him, her).

Insgesamt kommt dem Niederländischen eine hohe Altertümlichkeit zu, da es altgermanische Strukturen in mancher Hinsicht wenig verändert hat und so dem ältesten voll überlieferten Germanischen, dem Gotischen des 4. Jahrhunderts, bis heute relativ nahe steht. Wenn Friedrich Schiller in seiner "Geschichte des Abfalls der Niederlande" (1788) die "Gründung der niederländischen Freiheit" eine der denkwürdigsten Staatsbegebenheiten der Neuzeit nennt, so darf man die Bewahrung der eigenen niederländischen Sprache bis zur Standardsprache von heute als wichtigen Teil dieser Freiheit im vielgestaltigen Europa mitbegreifen.

Literaturhinweise


– De Statenbijbel en zijn voorgangers. Von Cebus Cornelis de Bruin. A. W. Sijthoff, Leiden 1937.

– Die Stellung der Niederlande im Aufbau des Germanischen. Von Theodor Frings. Max Niemeyer, Halle an der Saale 1944.

– Het Nederlands, een dialect van het Duits? Von Cornelis Soeteman. P. Noordhoff, Groningen/Djakarta 1956.

– Niederlandistik in Entwicklung. Vorträge und Arbeiten an der Universität Zürich. Herausgegeben von Stefan Sonderegger und Jelle Stegeman. Martinus Nijhoff, Leiden/Antwerpen 1985.

– Geben und Nehmen. Theoretische und historische Beiträge zur deutschen Rezeption niederländischer Sprache und Literatur. Herausgegeben von Stefan Sonderegger und Jelle Stegeman. ICG Publications, Dordrecht 1993.




Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1994, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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