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Nützlinge im zoologisch-botanischen Garten Wilhelma - ein Erfahrungsbericht



Auf einem Areal von etwa 27 Hektar präsentiert die Stuttgarter Wilhelma, der einzige zoologisch-botanische Garten in Deutschland, mehr als 5000 Pflanzen- und mehr als 1000 Tierarten. Den Namen gab König Wilhelm I. von Württemberg (1781 bis 1864): Er ließ ab 1842 im Park des Schlosses Rosenstein verschiedene prächtige Gebäude, Gewächshäuser und eine Orangerie im damals beliebten maurischen Stil von Karl Ludwig von Zanth (1796 bis 1857) errichten.

Nach dem Tode Wilhelms I. geriet die Anlage zunächst in Vergessenheit, war aber ab 1880 jedermann zugänglich. Mit Auflösung des Hofes nach Ende des Ersten Weltkrieges ging sie in Staatsbesitz über und wurde botanischer Garten. Bei der Bombardierung benachbarter Industriebetriebe wurde auch dieser 1944 weitgehend zerstört. Erhalten blieben Teile der Gebäude, der streng geometrische maurische Garten und Gewächshäuser; einige der damals ausgelagerten Pflanzen sind heute die ältesten Exemplare im Bestand.

Auf rund 8200 Quadratmetern Gewächshausfläche werden heute Pflanzen kultiviert; davon dient die eine Hälfte der Schau, die andere der Anzucht. Weitere 1500 Quadratmeter Unterglasfläche nehmen Frühbeetkästen ein. Anders als in Erwerbsgärtnereien wachsen in botanischen Gärten vielerlei Gattungen, Arten und Sorten aus aller Welt (Bild 1). Entsprechend vielgestaltig ist die tägliche Pflege; zahlreiche Einzelexemplare müssen sogar individuell betreut werden. So mannigfaltig die Pflanzen, so verschieden sind auch die Schädlinge und Krankheiten, die auftreten können.



Eine Schlupfwespe machte den Anfang


Die Maximen der Schädlingsbekämpfung in der Wilhelma haben sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Synthetische Insektizide wurden stets nur sparsam eingesetzt, denn außer dem allgemeinen Arbeitsschutz ist besondere Sorgfalt wegen der Besucher und der zum Teil sehr empfindlichen Tiere geboten. Weil zudem Resistenzen die Wirksamkeit der Mittel mehr und mehr verschlechterten, erprobten wir 1989 mit Unterstützung der Landesanstalt für Pflanzenschutz in Stuttgart den Einsatz der Schlupfwespe Encarsia formosa gegen die Weiße-Fliege-Arten Bemisia tabaci und Trialeurodes vaporariorum.

Die Schädlinge befallen in Anzuchtgewächshäusern gerne Weihnachtssterne – eine im tropischen Mexiko und Mittelamerika beheimatete Wolfsmilchart. Die Schlupfwespe legt ihre Eier in den Larven der Weißen Fliege ab, und ihre schlüpfenden Larven fressen die Wirte von innen heraus leer. Jede Woche ausgebracht, bewährte sich das Insekt bestens und verhinderte bereits im Folgejahr einen Massenbefall der Fuchsiensammlung mit Weißen Fliegen.

Nach diesem Erfolg begann 1991 der konsequente Ausbau der biologischen Schädlingsbekämpfung (Bild 2). Das Sortiment an Nützlingen wächst beständig. Auf nahezu der Hälfte der Unterglasfläche werden derzeit etwa 20 Arten eingesetzt, darunter auch Exoten wie der Australische Marienkäfer gegen Schmierläuse; er benötigt allerdings Temperaturen von mehr als 20 Grad Celsius (für ihn ausreichende Tageslängen sind hierzulande von März bis Oktober gegeben).

In Kalthäusern mit Temperaturen unter 12 Grad Celsius ist hingegen nur die Florfliege Chrysoperla carnea noch aktiv. Die meisten Nützlinge benötigen mindestens 18 bis 20 Grad. Manche Kulturen wie die einiger Kalthausfarne bleiben nahezu befallsfrei. Für manche Schädlinge wiederum gibt es bislang keine wirksamen biologischen Gegenspieler, so daß nützlingsschonende Insektizide angewandt werden müssen.





Aus der täglichen Praxis


Für diese Form der Schädlingsbekämpfung braucht man zu Beginn viel Geduld. Erfolge stellten sich nicht so rasch ein wie von herkömmlichen Methoden gewohnt. Die Wirkungsmechanismen sind andere und erfordern umfangreiche Kenntnisse, denn die gewünschte Aktivität der Nützlinge ist von vielen Faktoren abhängig; sie kann auch nicht immer garantiert werden. Doch bei sachgerechter Anwendung gelingt es in der Wilhelma mittlerweile häufig, Schädlingspopulationen auf Dauer so klein zu halten, daß die Pflanzen sie nicht nur ertragen können, sondern auch gesund und attraktiv aussehen – gerade im Schaubereich sind die Anforderungen hoch. Dann lassen sich Insektizide äußerst gering dosieren oder werden sogar entbehrlich.

Biologischer und integrierter Pflanzenschutz für unsere Zwecke erfordert ein recht umfassendes Maßnahmenbündel. Regelmäßige Pflanzenhygiene – also Auslichten, Rückschnitt, Entfernen kranker Triebe und sorgfältige Unkrautvernichtung – beugt bereits einer Massenausbreitung von Schädlingen und Pilz-infektionen vor. So werden die Fuchsien unserer Sammlung im Spätherbst komplett entlaubt und damit auch die Larven der Weißen Fliege entfernt. Ein sehr einfaches, aber wirksames Verfahren gegen Blatt- und Schmierläuse ist das regelmäßige Spritzen mit Wasser; allerdings tolerieren das nur bestimmte Pflanzenbestände, wie sie beispielsweise für die Gestaltung von Landschaften im Aquarium verwendet werden.

Einige Schädlingsarten überwachen wir mit Leimtafeln, deren Farbe die von Blüten imitiert: Gelbe fangen Weiße-Fliege-Arten, Blattläuse, Thripse und Trauermücken, blaue selektiv Thripse. Wöchentliche Kontrollen lassen Art und Menge der Schädlinge erkennen und damit, welche Maßnahmen nötig sind.

Bei sehr starkem Befall behandeln wir vor dem Nützlingseinsatz die Pflanzen mit Präparaten, welche die Tiere schonen und eine kurze Wartezeit von wenigen Tagen bis zu zwei Wochen erfordern; Beispiele sind Produkte mit Paraffinöl, Kaliseife oder Rapsöl. Nur selten sind konventionelle Pflanzenschutzmittel notwendig; je nach Wirkstoffgruppe verlängert sich dann die Karenzzeit auf bis zu zwölf Wochen.

Verschiedene Nützlinge werden gegebenenfalls gleichzeitig eingesetzt, um mehrere Schädlingsarten zu bekämpfen. Unverträglichkeiten zwischen ihnen und Schäden an Pflanzen sind – anders als bei chemischen Mitteln – bislang nicht aufgetreten.

Manche Nützlinge sind regelmäßig jede Woche freizusetzen, andere nur nach Bedarf. In verschiedenen Gewächshäusern haben wir auch eine offene Zucht der räuberischen Gallmücke Aphidoletes aphidimyza während der gesamten Vegetationsperiode: Für diese Gegenspieler von Blattläusen halten wir auf Sommergetreide oder Zuckermais als weitere Wirtstiere Haferblattläuse, die für die zu schützenden Pflanzen ungefährlich sind; so ist von März bis Oktober stets eine ausreichende Population an Gallmücken vorhanden (Bild 2 rechts unten).

Auch Nützlinge haben Feinde: Ameisen ernähren sich vom Honigtau der Blatt- und Schmierläuse und attackieren deshalb deren Gegenspieler, zum Beispiel bestimmte Schlupfwespen. Davon halten sie kleine Schälchen mit einer Borax-Zucker-Lösung zwischen den Pflanzen ab.

Viele Probleme sind mittlerweile zumindest im Ansatz gelöst, und das Ausbringen von Nützlingen ist für viele Mitarbeiter Routine geworden. Doch stellen sich immer wieder neue Fragen. So lassen sich manche längst bekannten Schädlinge wie Schild- und Schmierläuse noch nicht zufriedenstellend bekämpfen. Mitunter treten auch nach mehrjährigem Einsatz von Nützlingen in manchen Pflanzensammlungen plötzlich bisher unbedeutende oder sogar unbekannte Schädlinge auf. Dann gilt es, sie genau zu bestimmen und sorgfältig zu testen, welche – gegebenenfalls auch neuen – Nützlinge oder integrierbaren Pflanzenschutzmittel gegen sie wirksam sind.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998, Seite 95
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998

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