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Winters' Nachschlag: Odyssee zur Pekingente

Sich in einer fremden Großstadt zurechtzufinden, ist oft schwierig. Und manchmal sogar hoffnungslos.
Möchte ein Forscher die Orientierungsfähigkeit einer Ratte testen, setzt er diese in ein "Plus-Labyrinth", wie Tobias Meilinger und Christian Döller in ihrem Artikel auf S. 54 ausführen. Für uns Menschen empfehle ich als ultimativen Härtetest eine Reise in die Volksrepublik China. Denn sämtliche Techniken, mit denen man sonst immer ganz gut seinen Weg findet, versagen im Land des Lächelns kläglich, wie die folgende Begebenheit illustrieren möge.

Mein Tagesziel war ein historisches Viertel von Peking, in dem sich ein für seine Pekingente berühmtes Restaurant befinden sollte – im Reiseführer grün eingerahmt und mit drei "Sehenswert-Sternchen" versehen. Der vor chinesischen Schriftzeichen nur so strotzende Stadtplan erwies sich auf der Suche nach dem Weg dorthin jedoch als etwa so hilfreich wie ein Schnittmusterbogen. Obwohl viele Straßenschilder anlässlich der Olympiade in für Westler lesbare Schrift übersetzt worden waren, brachten auch diese mich kaum weiter. Denn jeden der unaussprechlichen Straßennamen gibt es gleich viermal, mit je einer winzigen Variante für Ost, West, Süd und Nord.

Eine Orientierung nach der Sonne ist im Pekinger Dauersmog ebenfalls unmöglich, und so bestand meine einzige Chance darin, einem Taxifahrer das von der freundlichen Rezeptionistin kalligrafierte Zettelchen mit der Zieladresse unter die Nase zu halten. Der Chauffeur lachte, nickte und raste vergnügt mit mir los – natürlich unter Missachtung aller Verkehrsregeln. Und dummerweise genau in die falsche Richtung! So viel war mir jedenfalls klar, nachdem ich den unleserlichen Stadtplan ja bereits stundenlang gemustert hatte.

Wild gestikulierend und mit meinem Reiseführer fuchtelnd versuchte ich den ungeheuer gut gelaunten Fahrer umzulenken. Ohne Erfolg: Er schüttelte kichernd den Kopf und bretterte weiter. Um die Fahrt zu beenden, ohne einen Gesichtsverlust des Chinesen zu riskieren, simulierte ich schließlich einen Schwächeanfall – eine leichte Übung bei 38 Grad im Schatten.

Da mittlerweile die Rushhour drohte, versuchte ich mein Glück anschließend mit einem dreirädrigen Motorrad-Taxi. Fahrer und Maschine sahen aus, als seien sie soeben von der Rallye Paris-Dakar zurückgekehrt. Sobald sich der röhrende Schrotthaufen auf Rädern in Bewegung gesetzt hatte, wurde mir klar, dass sie das Wüstenrennen wohl auch gewonnen hätten. Ohne Rücksicht auf Fußgänger, sein eigenes oder mein Leben raste der Fahrer los: schnurgerade auf jenen Punkt zu, den ich ihm im Reiseführer gezeigt und den er nach vielen unverständlichen Widerworten letztlich auch als Fahrtziel akzeptiert hatte. Für Details wie Ampeln, Gegenverkehr oder Blumenbeete hatte er nichts als Verachtung übrig.

Als das marode Vehikel schließlich zum Stehen kam, zahlte ich benommen den überteuerten Fahrpreis und sah mich um. Eine graue, heruntergekommene Industriebrache, weit und breit keine Menschenseele – und schon gar kein Pekingenten-Restaurant. War ich einem Verbrecher in die Hände gefallen? Würde ich morgen selbst als Delikatesse in einer chinesischen Garküche enden? Verzweifelt schlug ich noch einmal meinen Reiseführer auf und traute meinen Augen nicht: Erst jetzt erkannte ich das grün eingerahmte und vermeintlich im Südwesten der Stadt gelegene Viertel – als vergrößerte Ausschnittskarte! Diese befand sich links unten auf dem Plan, da sich mit Sicherheit kein Tourist in den sonst dort dargestellten Stadtteil verirren würde.

Auf dem etwa vierstündigen Fußmarsch zurück ins Stadtzentrum gewann ich immerhin – ganz empirisch – eine wichtige Erkenntnis: Nichts verbessert die individuelle Orientierungsleistung mehr als unerträglicher Hunger in Verbindung mit der Aussicht auf eine knusprige Pekingente.
Oktober 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist Oktober 2009

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