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Winters' Nachschlag: Onkel Pipi und die Panoramascheibe

Wer Kinder motivieren möchte, sollte dazu besser keine japanischen Fantasieviecher verwenden!
Wissen Sie noch, was ein Pokemon ist? Nein?! Na ja, die Zeit des großen Wahns liegt auch lange zurück – so lange, dass er bereits als "retro" gilt und inzwischen schon wieder angesagt ist. Knapp zusammengefasst stellt ein Pokemon ein abgrundtief hässliches, von irgendwelchen Asiaten erfundenes Monster dar, für das Kinder überall auf der Welt sämtliches Geld ihrer Eltern ausgeben, dessen sie habhaft werden können.

Wie ich nun kürzlich zu meinem Entsetzen feststellte, ist mein Lieblingsneffe Nikko eines der Opfer des derzeit erneut kursierenden Pokemonvirus. Mit ihm infizierter Nachwuchs, das war mir sofort klar, lernt nichts mehr für die Schule und gerät unweigerlich auf die schiefe Bahn. Ich als sein Patenonkel war fest entschlossen, Nikko zu retten.

Da kam mir der Artikel "Coaching statt Nachhilfe" (siehe S. 66) gerade recht. Ihm zufolge sollten Erwachsene den Lerntyp ihrer Kinder bestimmen und sich ein paar Lerntechniken antrainieren, um dann als leuchtende Vorbilder dem Nachwuchs das richtige Pauken beizubringen.

Sofort schritt ich zur Tat. Ich besorgte mir ein Pokemon-Buch mit dem Verzeichnis aller schätzungsweise 493 Monster und begann, ihre Namen mit der im Artikel beschriebenen Merkworttechnik auswendig zu lernen. Mit meiner beeindruckenden Gedächtnisleistung wollte ich Nikkos Ehrgeiz anstacheln, mich im Lernen dann seinerseits zu übertrumpfen.

Während ich den verzweifelten Versuch unternahm, jeder Zahl ein Bild und dann jedem Pokemon ein solches Zahlenbild zuzuordnen, schweiften meine Gedanken immer wieder ab. Warum um alles in der Welt hieß ein und dasselbe Pokemon auf Japanisch Poppo und auf Deutsch Taubsi? Nein, ich werde hier nicht erklären, mit welchem Bild ich mir dieses Fabelmonster merkte.

Ein unangenehmer Nebeneffekt meiner Bemühungen war, dass mich in meinem Stammcafé auf einmal alle anstarrten, nur weil ich halblaut Pokemon-Namen memorierte. Schließlich jedoch fühlte ich mich bestens vorbereitet und empfing abends daheim meinen Lieblingsneffen mit der Frage, ob er mir den Namen des schmetterlingartigen Pokemons mit den roten Augen nennen könne.

"Smettbo, 50 Prozent weiblich, 50 Prozent männlich, Gewicht 32 Kilo, Größe 1,1 Meter", deklamierte Nikko. "Spielen wir Fußball?" Nicht schlecht für den Anfang, der Kleine! Meine Trickkiste war aber noch lange nicht erschöpft. Also griff ich seinen Vorschlag auf – offensichtlich gehörte er zum motorischen Lerntyp.

"Du triffst niemals das Garagentor", forderte ich ihn heraus. "Falls doch, erkläre ich dir, wie man die Fläche eines Garagentors berechnet!" Lernen als Belohnung, lösbare Aufgaben als Motivationsanreiz – die Autoren des Artikels wären sicher stolz auf mich! Sekunden später durchschlug der Fußball die Panoramascheibe des Wohnzimmers und blieb in der Vitrine mit den Porzellanfiguren liegen. "Hoppla, tut mir leid, Onkel Pipi!" "Onkel wer?!", schrie ich, ohne zu merken, dass ich dabei war, innerlich von meinem durchdachten pädagogischen Konzept abzuweichen. "Wenn du die Pokemons besser gelernt hättest, dann wüsstest du, dass das ein Kompliment war!", strahlte mich der kleine Klugscheißer an.

Um es kurz zu machen – es wurde noch ein lehrreicher Tag. Allerdings hauptsächlich für mich. Unter anderem erfuhr ich, dass man a) die Fläche einer Glasscheibe am einfachsten mit dem im Handy eingebauten Taschenrechner berechnet und b) bei Pokemon-Meisterschaften locker genug Geld verdienen kann, um seinem Onkel ein kaputtes Fenster zu ersetzen.

Und noch eins wurde mir klar: Wenn mir Gespräche mit meinem klugen, motivierten und darüber hinaus auch noch mit einem strammen Schuss gesegneten Neffen so viel Spaß machen, muss ich wohl ein kommunikativer Lerntyp sein.
September 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist September 2009

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