Direkt zum Inhalt

Optische Telegraphen und die ersten Informationsnetze

Die Kommunikationstechnik hatte schon um das Jahr 1800 einen Höhepunkt erreicht: Flügelsignalstationen übermittelten Nachrichten in wenigen Minuten Hunderte von Kilometern weit.

Großräumige Kommunikationsnetze werden gemeinhin als Errungenschaft des 20. Jahrhunderts angesehen. Viele Bewohner der Industrieländer können sich noch daran erinnern, wie das Telephon in ihrer Nachbarschaft Einzug hielt, und die jungen Erwachsenen von heute werden sicherlich ihren Enkeln von den Zeiten erzählen, in denen es noch keine weltweiten Verbindungen zwischen Rechenzentren und Personal Computern wie Internet gab.

Die ersten Netze zum Informationsaustausch, die ganze Staaten überspannten, entstanden jedoch bereits vor fast 200 Jahren. Lange vor der Perfektionierung des elektrischen Telegraphen betrieben viele europäische Länder solche Kommunikationssysteme, die jeweils aus Hunderten von Stationen bestanden.

Die beiden ersten Systeme dieser Art bauten Ende des 18. Jahrhunderts der französische Abbé Claude Chappe (1763 bis 1805) und der schwedische Adlige Abraham Niclas Edelcrantz (1754 bis 1821) auf. Vor ihnen waren unzählige mehr oder weniger ernsthafte Forscher daran gescheitert, funktionierende Fernverbindungen zu entwickeln, mit denen sich Nachrichten anders als mit den seit der Antike üblichen Feuer- oder Rauchsignalen oder Läufer- und Reiterstafetten rasch übermitteln lassen. Der Verdienst von Chappe und Edelcrantz ist um so höher einzuschätzen, als ihr Durchbruch unter widrigsten Bedingungen gelang – während der Revolutionswirren in Frankreich beziehungsweise einer Serie von Staatsstreichen in Schweden.


Eine revolutionäre Erfindung

Chappe war 25 Jahre alt, als am 14. Juli 1789 die Französische Revolution mit der Erstürmung der Bastille einen ersten Höhepunkt erreichte. Er hatte die Priesterlaufbahn eingeschlagen, mußte aber, als er im November seine Pfründe verlor, in seinen Geburtsort Brûlon bei Le Mans zurückkehren. Auch seine vier Brüder Ignace, René, Pierre-François und Abraham konnten in der unruhigen Zeit ihren Lebensunterhalt nicht mehr verdienen und fanden sich im Elternhaus ein. Die Familie war allerdings nicht mittellos, und mit Hilfe seiner Brüder konnte sich Claude physikalischen Experimenten widmen.

Aufgrund seiner Untersuchungen wurde er bald in die Société Philomatique, eine in Paris ansässige Vereinigung von Physikern, aufgenommen. Von 1789 bis 1793 veröffentlichte er fünf Facharbeiten und behandelte mehrfach das Problem der Übertragung elektrischer Impulse durch Drähte. Obwohl anderswo Erfolge gemeldet wurden, verstand man die Grundlagen der Elektrizität noch nicht ausreichend, um einen praktikablen elektrischen Telegraphen konstruieren zu können.

Vielleicht durch entsprechende Versuche enttäuscht, wandte sich Chappe optischen Alternativen zu. Am 2. März 1791 schließlich führte er sein erstes System öffentlich vor. Jede Station bestand lediglich aus einer modifizierten Pendeluhr und einer großen Signaltafel, die auf einer Seite schwarz und auf der anderen weiß gestrichen war. Das Ziffernblatt war in zehn Sektoren unterteilt, die jeweils eine der Ziffern von 0 bis 9 repräsentierten. Ein einzelner Zeiger beschrieb mindestens zweimal pro Minute eine volle Umdrehung.

Zu Beginn einer Übertragung drehte der Bediener der Sendestation die Tafel in dem Moment um, wenn der Zeiger seiner Uhr nach oben zeigte. Sein Kollege in der Empfängerstation, der durch ein Fernrohr spähte, konnte dann seine Uhr entsprechend stellen. Der Sender übermittelte nun eine Folge von Zahlen, indem er die Signaltafel immer dann von weiß auf schwarz drehte, wenn der Zeiger seiner Uhr über die jeweiligen Zifferblatt-Sektoren strich. Durch einen Blick auf seine eigene Uhr konnte der Empfänger feststellen, welche Zahl der Sender meinte. Mitteilungen codierte man mit Hilfe einer buchstarken Liste, die Buchstaben, Wörtern und kurzen Sätzen bestimmte Zahlen zuordnete. Die Übermittlungsgeschwindigkeit hing dabei von der Umlaufzeit des Zeigers ab.

Die erste Nachrichtenübertragung dieser Art fand über eine Distanz von ungefähr 16 Kilometern statt, zwischen der Burg von Brûlon und einem Privathaus in der Nachbarstadt Parcé. Der ortsansässige Arzt, M. Chenou, wählte als ersten Satz, dessen Übermittlung ungefähr vier Minuten benötigte: "Si vous réussissez vous serez bientôt couvert de gloire" ("Wenn Sie erfolgreich sind, werden Sie bald Ruhm ernten").

Ausgerüstet mit eidesstattlichen Erklärungen der Augenzeugen zog Chappe nach Paris, um dort finanzielle Unterstützung für größere Versuche zu gewinnen. Die französische Hauptstadt war zu dieser Zeit kein ruhiges Pflaster, und mehr als einmal kam er nur knapp mit dem Leben davon, als aufgebrachte Revolutionäre seine experimentellen Telegraphenstationen stürmten und zerstörten, die sie mit einer royalistischen Verschwörung in Verbindung brachten.

Am 22. März 1792 reichte Chappe gleichwohl einen förmlichen Vorschlag bei der Gesetzgebenden Nationalversammlung ein. Sein älterer Bruder Ignace war in diese seit Oktober des Vorjahres bestehende assemblée nationale législative gewählt worden und konnte sein Anliegen unterstützen. Bereits am 24. März präsentierte Claude der Versammlung in einer kurzen Rede seine Erfindung, die dazu verwendet werden könne, "Botschaften, Gefechtsbefehle oder alles sonst Erdenkliche" in wenigen Minuten an jeden Ort des Landes zu übermitteln.

Nichts geschah. Chappes Fall wurde von einem Ausschuß an den nächsten verwiesen. Schließlich nahm sich am 1. April 1793 – die Nationalversammlung war inzwischen durch den Nationalkonvent abgelöst worden – der Abgeordnete Charles-Gilbert Romme dieser Sache an (bekannter ist er dadurch, daß er mit dem Ersatz des Gregorianischen Kalenders durch eine neue Zeitrechnung beauftragt war, die mit dem 22. September 1792 – dem Tag der Verkündung der Republik – begann; sie wurde unter Napoleon Bonaparte am 1. Januar 1806 wieder aufgehoben). In einer Rede setzte Romme sich vehement für Chappes Erfindung ein und hob ihre militärische Bedeutung hervor. Da die junge Französische Republik mit fast allen ihren Nachbarn Krieg führte, überzeugte dieses Argument: Der Konvent erklärte sich bereit, ein Experiment zu finanzieren. Gleichzeitig wurde eine neue Bezeichnung für das Gerät eingeführt: télégraphe (Fernschreiber); bis dahin hatte Chappe mit dem Begriff tachygraphe (Schnellschreiber) gespielt – einem nicht besonders treffenden Kunstwort.


Frankreichs Semaphoren

Drei Telegraphenstationen wurden mit offizieller Unterstützung gebaut: eine im Park Le Peletier Saint-Fargeau im Pariser Stadtteil Belleville, eine weitere auf den Anhöhen von Écouen etwa 16 Kilometer nördlich davon und die dritte in Saint-Martin-du-Tertre. Chappe hatte inzwischen das Pendeluhr-Konzept verworfen und sich nach Untersuchung anderer Optionen für einen Mast mit beweglichen Armen entschieden. Dieser Semaphor (wörtlich: Signalträger) bestand aus einem Unterbau mit einem großen horizontalen Balken an der Spitze, dem Regulator, und zwei an dessen Enden angebrachten kleineren Balken, den Indikatoren (Bilder 1 und 3 links). Die Anordnung ähnelte einer Person, die mit weit ausgestreckten Armen in jeder Hand eine Signalflagge hält. Die Winkel der Indikatoren und die Stellung des großen Regulators ließen sich in Schritten von 45 Grad verändern – dies reichte aus, um mehrere hundert Symbole darzustellen.

Am 12. Juli 1793 um 16 Uhr 30 tauschten die Operateure die ersten Meldungen aus. In 11 Minuten sandte einer der Beobachter, Pierre Daunou, die Botschaft: "Daunou ist hier angekommen. Er gibt bekannt, daß der Nationalkonvent gerade seinen Ausschuß für allgemeine Sicherheit autorisiert hat, Siegel auf die Papiere der Abgeordneten zu setzen." Die dem Ereignis gemäß etwas sorgfältiger durchdachte Antwort erreichte ihn nach neun Minuten: "Die Bewohner dieser schönen Gegend erweisen sich durch ihre Hochachtung vor dem Nationalkonvent und seinen Beschlüssen der Freiheit würdig."

Einige Wochen später beschloß der Nationalkonvent, einen staatlichen Telegraphendienst einzurichten und den Bau einer Linie mit zunächst 15 Stationen zu finanzieren, die Paris mit der 270 Kilometer nördlich an der Grenze zu den österreichischen Niederlanden gelegenen Stadt Lille verbinden sollte. Claude Chappe erhielt den Titel eines Ingénieur Télégraphe, ein Gehalt von 600 Francs pro Monat und das Privileg eines Dienstpferds auch für den privaten Gebrauch. Auf sein Ersuchen wurden seine Brüder Abraham, Ignace und Pierre-François zu den ersten Administratoren der Linie nach Lille ernannt.

Chappe stellte die Verbindung innerhalb eines Jahres fertig. Am 15. August 1794 erreichte die erste offizielle Botschaft Paris. Dieses Bulletin, das die Rückeroberung der Stadt Le Quesnoy von den Österreichern und Preussen meldete, wurde innerhalb einer Stunde nach Ende der Schlacht übertragen. Die Abgeordneten waren sehr beeindruckt.

Am 30. August kam per Telegraph erneut die Botschaft von der Wiedereinnahme einer Stadt: "Condé être restitué à la Republique. Reddition avoir eu lieu ce matin à six heures" ("Condé ist der Republik zurückgegeben. Die Kapitulation erfolgte heute morgen um 6 Uhr"). Ähnliche Nachrichten folgten, während die Franzosen in den österreichischen Niederlanden weiter nach Norden vordrangen (die Vereinigten Niederlande besetzten sie dann 1795). Mit jeder Siegesmeldung gewannen Chappe und sein Telegraph an Ansehen. Am 3. Oktober beschloß die Regierung, das Telegraphensystem um eine zweite Linie von Paris in Richtung Osten nach Landau zu erweitern, das damals zu Frankreich gehörte (Bild 2 links).

Wie bei so vielen anderen Projekten jener Tage behinderte Geldmangel auch den Bau dieser Verbindung; es dauerte vier Jahre, bis Straßburg erreicht war. Das Telegraphenamt entschied, hier die Endstation zu errichten. Dafür verlängerte man die Verbindung Paris-Lille um 64 Kilometer bis Dünkirchen. Unterdessen wurde auf Wunsch der Marine eine neue Telegraphenstrecke in Richtung Westen gebaut, die Paris mit dem rund 510 Kilometer Luftlinie entfernten Flottenstützpunkt Brest verbinden sollte. Mit diesem Bauabschnitt waren 1799 etwa 150 optische Telegraphenstationen in Betrieb.

Als noch im gleichen Jahr Napoleon die Macht als Erster Konsul ergriff, befahl er den Bau einer 95 Kilometer langen Verbindung von Straßburg nach Hüningen nahe Basel. Im Jahre 1803 kamen die Linien Lille-Brüssel (96 Kilometer) sowie Lille-Boulogne (110 Kilometer) hinzu, die bei einer möglichen Invasion Englands gute Dienste leisten sollte.

Napoleon hatte sogar bereits zwei Jahre zuvor den jüngsten Chappe-Bruder Abraham mit der Konstruktion eines Telegraphen beauftragt, mit dem sich Signale über die Straße von Dover hinweg übermitteln ließen. Abraham entwarf einen großen zweiarmigen Semaphor und testete Prototypen im Juli 1801 zwischen Belleville und Saint-Martin-du-Tertre, deren Entfernung ungefähr derjenigen zwischen Boulogne und Dungeness auf der britischen Seite des Kanals entspricht. Ein Semaphor wurde in Boulogne auch gebaut; aber weil die Invasion niemals stattfand, gab man ihn bald auf.

Im Jahre 1804 ordnete Napoleon den Bau der mit 720 Kilometer längsten Linie des Telegraphennetzes an – von Paris über Dijon, Lyon und Turin bis nach Mailand. Innerhalb eines Jahres überdeckte das System damit fast alle Regionen Frankreichs: Vier Hauptzweige, die zumeist den alten Postkutschenrouten folgten, liefen von der Hauptstadt nach Norden, Süden, Osten und Westen.

Claude Chappe hatte den Gipfel des Ruhms erklommen, wenngleich er dies nie empfunden zu haben scheint. Er litt unter den immer heftigeren Anfechtungen anderer Erfinder, die behaupteten, entweder schon vor ihm Telegraphen erfunden oder aber bessere Modelle entwickelt zu haben. Gegen Ende des Jahres 1804 erkrankte er während einer Routine-Inspektion einiger im Bau befindlicher Linien. Voller Argwohn beschuldigte er seine Widersacher, sein Essen vergiftet zu haben. Wieder genesen nach Paris zurückgekehrt, verfiel er in eine Depression, von der er sich nicht mehr erholte; am 23. Januar 1805 nahm er sich das Leben, indem er in den Brunnen vor der Telegraphenverwaltung am Hotel Villeroy sprang.

Seine Brüder setzten aber das Werk mit kräftiger Unterstützung der Regierung fort. Napoleon war vom Nutzen der Chappe-Semaphoren überzeugt und verwendete sie während seiner Feldzüge. Die schnelle Meldung von Truppenbewegungen mag ihm durchaus geholfen haben, Gegner zu überlisten. Im Jahre 1812 beauftragte er Abraham Chappe sogar damit, einen mobilen Semaphor zu entwickeln, der dann bei der Invasion Rußlands eingesetzt wurde (Bild 4).


Codierung der Signale

Gleichzeitig mit dem Ausbau des optischen Kommunikationssystems entwickelte man auch die zugehörigen Methoden der Nachrichtenübermittlung weiter. Der erste Telegraphencode lehnte sich noch an den 1791 für den Pendeltelegraphen entworfenen an. Diese Liste umfaßte 9999 Einträge. Die ersten neun Codes mit den Ziffern 1 bis 9 konnten durch eine einzige Semaphorstellung übermittelt werden; für diejenigen von 10 bis 99 waren zwei, für die dreistelligen drei und für die vierstelligen vier Signale erforderlich. Um die Übertragung zu beschleunigen, hatte man den am häufigsten benutzten Wörtern und Sätzen die niedrigsten Ziffernfolgen zugeordnet (das war gleichsam eine frühe Version der Datenkompression).

Für die Umstellung der Signalisierungstechnik von synchronisierten Uhren auf Flügeltelegraphen verwendete Chappe anfangs einen Satz einfacher Semaphorzeichen, die entfernt einer verbreiteten Kurzschrift-Notation ähnelten. Diese Art der Codierung nutzte aber nicht alle Kombinationen, die man mit den drei Balken einstellen konnte, und verlangsamte darum die Nachrichtenübertragung.

Im Jahre 1795, bevor der Bau der zweiten Linie nach Straßburg begann, entschloß sich Chappe, einen neuen, für den Semaphor optimierten Code zu entwickeln. Die Winkel von Regulator und Indikatoren ließen sich, wie erwähnt, in 45-Grad-Schritten verstellen. Jeder Indikator konnte somit acht und der Regulator vier verschiedene Positionen einnehmen – insgesamt waren also 256 Kombinationen möglich. Parallele Stellungen von Indikatoren und Regulator sollten wegen ihrer schlechten Unterscheidbarkeit ausgeschlossen werden, was die möglichen Indikatorstellungen auf jeweils sieben und die Anzahl der Kombinationen auf 196 reduzierte. Zur weiteren Vereinfachung schränkte Chappe die Semaphorzeichen auf solche ein, bei denen der Regulator entweder horizontal oder vertikal steht, wodurch nur noch 98 Kombinationen übrigblieben. Von diesen strich er nochmals sechs leicht zu verwechselnde Konfigurationen, so daß er schließlich 92 Telegraphenzeichen in seine Tabellen aufnahm.

Das 1795 herausgegebene Codebuch enthielt dementsprechend 92 Seiten mit je 92 Einträgen für insgesamt 8464 Buchstaben, Ziffern, Wörter und Sätze. Jeder Eintrag wurde als Paar von Semaphorsignalen übermittelt, die Seitenzahl und Zeilennummer darstellten.

Weil die erste Seite die 92 am häufigsten verwendeten Codewörter enthielt, konnten die Operateure deren Übertragung durch einen gekürzten ("doppelt-geschlossenen") Code beschleunigen: Anstatt das Zeichen für die erste Seite zu signalisieren, klappten sie einfach – unabhängig von der vorherigen Semaphorstellung – die beiden Indikatorbalken nach innen.

Im Jahre 1799 erweiterte Chappe den Code durch zwei zusätzliche Bücher auf insgesamt 25392 Einträge, die Codepaare für geographische Namen sowie häufig benutzte Wörter und kurze Sätze darstellten. Der Code definierte selbstverständlich auch Umschaltsequenzen, die den Wechsel von einem Buch auf ein anderes signalisierten.

Zu Beginn einer Übermittlung dauerte es etwa sechs Sekunden, um das erste Signal von einer Station zur nächsten weiterzugeben. Für die 120 Stationen der Linie Paris-Toulon zum Beispiel bedeutete dies eine Gesamtlaufzeit von 12 Minuten. Die nachfolgenden Signale ließen sich im Prinzip schneller von Station zu Station durchgeben: alle ein oder zwei Sekunden eines. Um Übertragungsfehler auszuschließen, zeigten die Operateure aber jedes Signal 20 bis 30 Sekunden lang an, so daß nur etwa zwei pro Minute den Empfänger am anderen Ende der Leitung erreichten.

Da jedes Signal ein beliebiges der 25392 Wörter und Sätze codieren konnte, entsprechen zwei Signale pro Minute einer Datenübertragungsrate von etwas weniger als 15 Bit (mit denen man 32768 Kombinationen erzeugen kann) pro 30 Sekunden oder 0,5 Bit pro Sekunde. Wenn man die durchschnittliche Länge eines Wortes oder einer Phrase zu etwa 10 Zeichen annimmt, dann betrug die effektive Übertragungsgeschwindigkeit ungefähr 20 Zeichen pro Minute.

Überraschenderweise ist dieser Wert durchaus mit jenem der ersten elektrischen Telegraphen vergleichbar. Der Ein-Nadel-Telegraph etwa, den die beiden Briten William Fothergill Cooke (1806 bis 1879) und Charles Wheatstone (1802 bis 1875) im Jahre 1837 patentieren ließen, übertrug im Mittel 25 Zeichen pro Minute. Das erste schnellere System war Wheatstones automatischer Telegraph von 1858, der mittels Lochstreifenlesern Übertragungsgeschwindigkeiten von 2000 Zeichen pro Minute erreichte.


"Passa väl upp"

Während Chappe beim Aufbau des französischen Telegraphennetzes mit den Unbilden der Revolution zu kämpfen hatte, mußte sich sein Gegenpart in Schweden in einer Atmosphäre von Attentaten und Hofintrigen durchsetzen. Abraham Edelcrantz wurde als Abraham Niclas Clewberg am 29. Juli 1754 in der heute zu Finnland gehörenden Stadt Åbo geboren. Wie Chappe stammte er aus einer relativ wohlhabenden Familie und hatte einen regen Geist. Bereits vor seinem 19. Geburtstag hatte er zwei Doktorarbeiten verfaßt, eine in Optik, die andere in Literatur. In den Folgejahren hielt er an der Königlichen Akademie in Åbo (aus der die Schwedische Universität Finnlands hervorgegangen ist) Vorlesungen über Elektrizität und Literatur. Anläßlich eines Besuchs von König Gustav III. im Jahre 1775 trug der junge Dozent einige Gedichte vor; offenbar beeindruckte er den Monarchen damit sehr, denn er erhielt eine Einladung an den Hof in Stockholm.

Im April 1783 zog Clewberg auf Dauer in die Hauptstadt. Bereits drei Jahre später war er Mitglied der angesehenen Schwedischen Akademie der Literatur und Künste. Der König ernannte ihn 1787 zu seinem Privatsekretär und erhob ihn zwei Jahre darauf – im Alter von 35 Jahren – in den Adelsstand; von nun an nannte er sich Edelcrantz. Die Ermordung von Gustav III. am 29. März 1792 im Zuge einer Adelsverschwörung (die Guiseppe Verdi zu der Oper "Ein Maskenball" von 1859 inspirierte) leitete eine Periode der Verfolgung all jener ein, die enger mit dem König in Verbindung gestanden hatten. Ähnlich wie Chappe schaffte es jedoch auch Edelcrantz, sich den Nachstellungen zu entziehen. Viele seiner Freunde indes hatten weniger Glück; sie wurden eingekerkert oder mußten das Land verlassen.

Als sich 1794 die Kunde von Frankreichs Telegraphen in Europa verbreitete, war Edelcrantz sogleich fasziniert. Zuverlässige Informationen vermochte er jedoch nur schwer zu bekommen; meistens waren es spärliche Berichte von Reisenden, die einen Semaphor lediglich gesehen oder Zeitungsberichte darüber gelesen hatten. Edelcrantz begann trotzdem sofort mit der Arbeit an einem eigenen System und führte am 1. November 1794 – dem 14. Geburtstag von König Gustav IV. Adolf, des Sohnes von Gustav III. – einen Prototyp vor.

Das erste Gerät ähnelte dem von Chappe. Es bestand aus einem einzelnen Trägerbalken mit zwei rotierenden Indikatoren. Jeder konnte vier unterschiedliche Positionen einnehmen – insgesamt waren es also 16 Kombinationen. Damit ließ sich ein zwar eingeschränktes, aber brauchbares Alphabet darstellen.

Der Test lief über drei Stationen: eine auf dem Dach des königlichen Schlosses im Zentrum von Stockholm, eine zweite am Stadtrand in etwa fünf Kilometer Entfernung und die dritte nochmals sieben Kilometer weiter auf dem Anwesen des königlichen Schlosses in Drottningholm. Schon wenige Tage nach dieser Demonstration beauftragte der junge König seinen Beraterstab (Regent war Gustavs Onkel Karl, Herzog von Södermanland), die Möglichkeiten eines optischen Telegraphennetzes – mit Verbindungen nach Dänemark und Finnland – zu untersuchen. Da er auch Edelcrantz in den Stab berief, stand das Ergebnis der Studie praktisch schon im vorhinein fest.

Am 30. Januar 1795 begann Edelcrantz mit dem Bau der ersten Verbindung von der Katarina-Kirche in Stockholm zu der etwa 35 Kilometer entfernten Festung von Vaxholm; am 28. Juli wurde sie in Betrieb genommen. Zwischen 1795 und 1797 wurden zwei weitere Linien errichtet: von Stockholm nach Fredricsborg sowie von Grisslehamn nach Signilsskär und Eckerö auf der Insel Åland. Zu diesem Zeitpunkt hatte Edelcrantz das Semaphor-Konzept aufgegeben. Sein neuer Telegraph bestand aus einer Matrix von neun Klappen und einer zusätzlichen darüber. Durch Senkrecht- oder Waagrechtstellen einzelner Elemente ließen sich 1024 verschiedene Zeichen darstellen (Bild 3 rechts).

Im Jahre 1801 baute man eine weitere, wenngleich glücklose Linie nach Helsingborg nahe der dänischen Grenze. Von dort aus wollte man einen Übergang zwischen dem schwedischen und dem im Aufbau befindlichen dänischen Netz herstellen. Als drei Tage nach Einweihung britische Kriegsschiffe Dänemark angriffen, telegraphierten die Dänen um Hilfe – doch die schwedischen Befehlshaber reagierten nicht, und Kopenhagen wurde von den Briten unter Beschuß genommen. Verständlicherweise verloren die Dänen jegliches Interesse an dieser Verbindung, und sie wurde nicht wieder benutzt.

Dieses frühe Beispiel dafür, daß der Wert einer Technologie immer davon abhängt, was die Menschen daraus machen, schmälerte freilich nicht den Ruhm des Erfinders. Im Jahre 1796 dokumentierte Edelcrantz seine Arbeiten in einer "Abhandlung über Telegraphen". Das Buch wurde bald ins Deutsche (und auch ins Französische) übersetzt und brachte ihm die Mitgliedschaft in der Schwedischen Akademie der Wissenschaften ein. Im Frühjahr 1808 wurde dann die Königliche Schwedische Telegraphengesellschaft gegründet und Edelcrantz zu ihrem ersten Direktor ernannt.

Wie schon Chappe vor ihm, nutzte Edelcrantz diese Gelegenheit dazu, seinen Code zu überarbeiten. Die neue Version ermöglichte 5120 Signale, die in 13 Tabellen zusammengefaßt waren. Damit konnte Edelcrantz auch interne Anweisungen aufnehmen – er definierte zum Beispiel Kommandos zur Maßregelung unachtsamer Operateure.

Es waren zum Teil kuriose Bestrafungen wie die, daß die Getadelten auf die Telegraphenmasten klettern mußten. Zumindest in den späteren Jahren des Betriebs scheint daraus eine eher unterhaltsame Unterbrechung des Dienstes geworden zu sein. Als der Schriftsteller Nils Risberg um 1930 die beiden Töchter des Vorstehers einer Telegraphenstation in der Nähe von Göteborg interviewte, die dort die Klappen gestellt hatten, erinnerten sie sich gut an das Reglement und sagten, die Bestrafung habe "nur Spaß" gemacht.

Die neuen Codetabellen lieferten auch das Motto des Telegraphencorps: Signal 636 – passa väl upp (sei wachsam!). Es erschien im Siegel des Telegraphenamts und zierte die Uniformknöpfe der Operateure – als permanente Erinnerung an ihre Pflichten (Bild 5).

Im November 1809 umfaßte das schwedische Netz bei einer Streckenlänge von ungefähr 200 Kilometern etwa 50 Stationen; die Anzahl der Beschäftigten betrug 172. Es gab Verbindungen von Stockholm nach Gävle im Norden, Landsort im Süden und Eckerö auf Åland im Osten (Bild 2 rechts). Wenig später jedoch führte Gustav IV. Adolf einen verhängnisvollen Krieg gegen Rußland, durch den er die Krone verlor und Finnland abtreten mußte. Das Netz wurde niedergerissen; als Edelcrantz 1821 starb, lagen die von ihm konstruierten Türme noch immer in Trümmern.

Erst Mitte 1836 nahm man die Telegraphenlinien von Stockholm nach Vaxholm und nach Sandhamn wieder in Betrieb. Zwei Jahre später hatte das Netz fast seine ursprüngliche Ausdehnung. Letztmals erweitert wurde es noch 1854, als die Furusund-Linie bis nach Arholma und Söderarm ausgebaut wurde.

Um 1840 hatten fast alle europäischen Länder eine oder mehrere optische Telegraphenlinien in Betrieb. In England wurden von der britischen Admiralität zwischen 1796 und 1816 Verbindungen von London nach Portsmouth, Plymouth, Yarmouth und Deal betrieben. In Deutschland führte seit 1832 eine Linie von Berlin über die Strecke Potsdam, Magdeburg, Köln und Bonn nach Koblenz; andere verbanden Hamburg mit Altona und Cuxhaven sowie Bremen mit Bremerhaven. Rußland baute erst relativ spät ein System auf, dafür aber in großem Stil: Am 8. April 1839 wurde eine Linie mit 220 Semaphorstationen eingeweiht, die von St. Petersburg nach Warschau führte. Auch in einigen Gebieten der USA wurden optische Telegraphen eingesetzt.

Beginn einer neuen Ära

Doch noch während dieser Ausbauphasen drohte Konkurrenz durch den technischen Fortschritt: Bereits 1837 begann in England und den USA die Ablösung des optischen durch den elektrischen Telegraphen – statt Signalturm und Teleskop nutzte man nun Kupferdraht und das Morse-Alphabet, das der Amerikaner Samuel F.B. Morse 1838 für seine Erfindung entwickelt hatte.

Für die Länder mit etablierten optischen Netzen war es nicht unmittelbar einsichtig, daß die neuen Geräte besser sein sollten. Das französische Semaphorsystem zum Beispiel erwies sich für fast ein Jahrzehnt gegen jegliche Veränderung immun; erst 1846 ersetzte der erste elektrische Telegraph die historische Linie Paris-Lille. Zunächst wurden die Signale mit einem kuriosen, von Alphonse Foy und Abraham Louis Breguet entworfenen Gerät übertragen, das die Stellungen von Chappes Semaphor imitierte. Seine größte Ausdehnung erreichte das optische Netz sogar erst 1852 mit 4800 Kilometern Länge. Es umfaßte 556 Stationen und verband 29 der größten französischen Städte mit Paris. Pro Station arbeiteten bis zu sechs Operateure im Schichtbetrieb – insgesamt waren mehr als 3000 Personen beschäftigt.

In Schweden begann die Ausmusterung der optischen Telegraphen sogar noch später. Mehr als zehn Jahre lang verwendete man außer dem neuen weiterhin das alte System, denn damit ließen sich Orte erreichen, zu denen vorerst keine Kabel führten. Im Jahre 1864 gab es 174 elektrische Telegraphenstationen mit 250 sowie 24 optische mit 66 Operateuren. Erst 1881 war mit dem Ersatz der letzten drei Klappen-Signalmasten in Schweden diese Ära beendet.

Claude Chappes und Abraham Edelcrantz' Errungenschaften sind heute weitgehend vergessen, überdeckt durch Entwicklungen, die sie sich selbst in kühnsten Visionen nicht hätten vorstellen können; gleichwohl waren sie die eigentlichen Pioniere der Kommunikationsnetze. Beide hatten viele subtile Probleme zu lösen, damit Nachrichten zuverlässig über lange Ketten von Stationen übertragen werden konnten. Rückblickend ist es höchst interessant festzustellen, daß einige ihrer Ideen erst vor kurzem von den Entwicklern moderner Konzepte des digitalen Informationsmanagements wiederentdeckt wurden. Sie hatten nicht nur anspruchsvolle Methoden der Datenkompression, Fehlerbehandlung, Datenflußkontrolle und sogar der Verschlüsselung erdacht, sondern auch in die Praxis umgesetzt.

Was beide Erfinder auszeichnete, war nicht Glück, sondern visionäre Kraft und rastloser Einsatz für ihre Aufgabe, selbst unter widrigen Umständen. Die technischen Probleme gehörten dabei zu den leichter zu nehmenden Hindernissen, wie Edelcrantz in seiner Abhandlung schrieb: "Bei neuen Erfindungen geschieht es oft, daß der eine Teil der Öffentlichkeit sie für unnütz und der andere für unmöglich hält. Wenn sich aber abzeichnet, daß sich ihre Machbarkeit und Nützlichkeit nicht mehr leugnen lassen, dann sind sich die meisten Leute darüber einig, daß das Ganze eigentlich ziemlich leicht zu entdecken gewesen sei und sie es sowieso schon die ganze Zeit gewußt hätten."

Literaturhinweise

- Pioneers of Electrical Communication. Von Rollo Appleyard. Macmillan & Company, 1930.

– A History of Tactical Communication Techniques. Von David L. Wood. Ayer Company Publications, 1974.

– The Old Telegraphs. Von George Wilson. Phillimore Chichester, 1976.

– Die Entwicklung der optischen Telegrafie in Preussen. Von Dieter Herbarth. Rheinland-Verlag, 1978.

– La Télégraphie Chappe. Herausgegeben von der Fédération Nationale des Associations de Personnel des Postes et Télécommunications pour la Recherche Historique. Editions de l'Est, Nancy 1993.

– The Early History of Data Networks. Von Gerard J. Holzmann und Björn Pehrson (im Druck).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1994, Seite 78
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!