Direkt zum Inhalt

Giselher Schubert, Sylvie Gregg und Susanne Schaal:: Paul Hindemith.Leben und Werk.

CD-ROM. Schott Wergo Music Media, Frankfurt am Main 1997. DM 74,90 (unverbindliche Preisempfehlung).


Er war einer der besten Bratscher seiner Zeit, ein gefragter Dirigent, einer der erfolgreichsten Komponisten der Moderne, aber auch ein Wegbereiter der historischen Aufführungspraxis alter Musik, ein begehrter Lehrer und Theoretiker. Paul Hindemith – ein Universalmusiker.

Seinem Andenken widmet der Schott-Verlag, dem der Künstler stets eng verbunden war, in seiner Reihe musicavision eine CD-ROM. Den Autoren, Mitarbeitern des Paul-Hindemith-Instituts in Frankfurt, ist eine Biographie gelungen, die mit umfangreichem Bild- und Tonmaterial auch musikalischen Laien Person und Werk nahebringt.

Gestaltung und Programmierung tragen das ihre dazu bei. Die Benutzerführung ist optisch ansprechend, gleichzeitig aber einfach und damit intuitiv zugänglich gehalten. Vom Hauptmenü aus kann der Benutzer ein "Kurzporträt" abrufen, zum "Musikzimmer" wechseln, um dort Ton- und Filmdokumente und anderes mehr gezielt aufzurufen, oder die eigentliche Biographie verfolgen.

Letztere ist zum einen nach Zeitabschnitten, zum anderen thematisch nach Leben und Werk gegliedert. Dort wiederum sind weiter unterteilende Kapitel anwählbar. Diese Navigation erfolgt auf der linken Seite der Benutzungsoberfläche, während auf der rechten jeweils Collagen von Photographien und Reproduktionen erscheinen, von denen einige durch Anklicken mit der Maus zu vergrößern sind. Eine Lupenfunktion hätte hier gut getan; manches ist nur schwer lesbar. Über Icons sind Texte oder Ton-, mitunter auch Filmdokumente aufzurufen. Hyperlinks bieten kurze Erläuterungen zu Personen oder Hinweise auf das Werkverzeichnis.

Paul Hindemith wurde 1885 im hessischen Hanau in bescheidenen Verhältnissen geboren. Schon in frühester Kindheit erhielt er Musikunterricht. In einem Tondokument erläutert er, dies habe er wohl dem unerfüllten Wunsch des Vaters zu verdanken, selbst Musiker zu sein. Der Dreizehnjährige beginnt ein Studium am Hochschen Konservatorium in Frankfurt, sechs Jahre später wird er Geiger an der Frankfurter Oper und im März 1917 dort – trotz seiner Jugend – erster Konzertmeister. Dazu ein Zitat: "Das Probespiel wurde mir zwar sehr schwer gemacht. Erst wurde ich nämlich auf die Intendanz bestellt, ohne daß ich überhaupt wußte, was ich da sollte. Ich habe... gänzlich unvorbereitet je den 1. Satz des Brahms- und Beethovenkonzertes, das ganze Mendelssohn-Konzert sowie die Chaconne vorgespielt, was für die Herren natürlich eine große Überraschung war."

Seiner Begabung als Komponist vertraut er zunächst wenig. Sein Frühwerk verdeutlicht, so die Autoren, den kompositorischen Ausgangspunkt, der keiner bestimmten Schule oder Richtung zugeordnet werden kann. "Harmonisch ist er von französischer und russischer Musik beeinflußt, formal von Brahms, in der Chromatisierung des Tonsatzes und der Verwendung kontrapunktischer Techniken von Reger, im melodischen Elan von Strauß, im Orchesterkolorit von Schreker, in der programmatischen Verbindung von Instrumentalmusik mit Gedichten vom frühen Schönberg."

Wenn diese schöne CD-ROM zu wünschen läßt, dann an solchen Stellen. Statt alle Möglichkeiten des Mediums zu nutzen, vertrauen die Autoren auf die umfassende musikalische Bildung der Nutzer. Sicherlich vermitteln die zahlreichen, zum Teil historischen Tonbeispiele einen Eindruck vom Schaffen Hindemiths, doch erst die Gegenüberstellung mit geeigneten Audioschnipseln anderer Komponisten würde solche stilistischen Zuschreibungen verständlich machen.

Auch ein Glossar musikalischer Fachbegriffe wäre hilfreich gewesen. So erfährt man über die Jahre zwischen 1919 und 1921, daß sich Hindemith von der "spätromantischen Ausdrucksweise" löst und in "engem Anschluß an die zeitgenössische Dichtung einen eigenen Expressionismus" ausbildet. Kurze, mit Tonbeispielen garnierte Erläuterungen wären dem Nicht-Musikologen hilfreich (waren aber wahrscheinlich zu teuer).

Vom provozierenden, die Sexualität thematisierenden Expressionisten, dessen "Sancta Susanna" (1922) noch 1977 in Rom für Aufsehen sorgt, wandelt sich Hindemith zum Protagonisten der Neuen Sachlichkeit. Auslöser ist seine Arbeit am Liederzyklus "Das Marienleben" (1922/1923) nach Gedichten von Rainer Maria Rilke, die ihm die ethischen Notwendigkeiten der Musik und die moralische Verpflichtung des Musikers zum Bewußtsein bringt.

Im Jahre 1927 wird Hindemith Kompositionlehrer an der Berliner Musikhochschule, wo er sich auch Film und Funk zuwendet und die Entwicklung des Trautoniums, eines elektronischen Musikinstruments, fördert (Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1997, Seite 54); er gilt in Deutschland als führender Komponist seiner Generation.

Ein zentrales Thema jener Zeit ist die Überwindung der Dur-Moll-Tonalität. Während nun Arnold Schönberg (1874 bis 1951) jeglichen tonalen Bezug auflöst, indem er alle zwölf Töne der chromatischen Leiter für gleichberechtigt erklärt, propagiert Hindemith in seiner "Unterweisung im Tonsatz" einen Umgang mit dem klanglichen Material, der nicht mehr der Dur-Moll-Harmonik gehorcht, gleichwohl tonal ist.

Verschiedene Texte der CD-ROM widmen sich unter der Überschrift "Musiktheoretische Arbeit" etwas lehrbuchhaft diesem schwierigen Thema. Um Anschaulichkeit bemüht, greifen die Autoren die Forderung heraus, die Melodie solle sich in Sekundschritten entwickeln: Es erklingen einige Takte aus dem Vorspiel zur Oper "Mathis der Maler", dazu erscheint das Notenbild mit farbigen Markierungen. Die Zuordnung ist allerdings schwierig, auch hier hätte ich mir mehr Multimedia gewünscht. An anderen CD-ROMs sieht man, daß es durchaus möglich ist, graphische Hervorhebungen mit Musik zu synchronisieren, um beispielsweise melodische Linien zu verdeutlichen.

Hindemiths Bekenntnis zur Tonalität – "In allen Tonzusammenstellungen muß es immer Töne geben, die andere beherrschen, und solche, die sich unterordnen" – steht im Widerspruch zur Schönbergschen Schule und damit auch zu den Ansichten des Philosophen, Musiktheoretikers und Komponisten Theodor W. Adorno (1903 bis 1969), der in der Zwölftonmusik die Zukunft sieht. Desungeachtet wird Hindemith nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten als Kulturbolschewist beschimpft und 1934 von Joseph Goebbels als atonaler Geräuschemacher bezeichnet. Er erhält Aufführungsverbot und wird 1938 auf der Ausstellung "Entartete Kunst" in München diffamiert.

Die Familie Hindemith emigriert zunächst in die Schweiz und nach Kriegsausbruch in die Vereinigten Staaten. Die Autoren vermitteln durch Bildmaterial und Zitate jene bewegten Jahre: Der in Europa berühmte Musiker findet sich im "Land der begrenzten Unmöglichkeiten" zunächst schwer zurecht. Dies ändert sich, als er als Kompositionslehrer an die Yale-Universität berufen und in der Folge immer bekannter wird. Bald erhält er mehr Aufträge als sonst ein lebender Komponist. Auch findet er in der Bibliothek einen Schatz an historischen Notentexten und beginnt, alte Musik zur Aufführung aufzubereiten.

Nur zögernd kehrt Hindemith nach dem Kriege zurück, zunächst nur im Rahmen von Konzertreisen. Im Jahre 1949 folgt er einem Ruf an die Universität Zürich und pendelt vier Jahre lang zwischen Yale und Zürich, bis er sich ganz für die Schweiz entscheidet. In seiner Musiktheorie entwickelt er die Vorstellung einer Gesamttonalität, die Atonalität als eine komplexe Form umfaßt.

Dennoch steht er der Neuen Musik gegen Ende der fünfziger Jahre kritisch gegenüber. Er wirft ihr ein der Wissenschaft entlehntes Fortschrittsdenken vor, das seinen ethischen Vorstellungen zuwider läuft: "Neue Horizonte hat man freilich eröffnet, aber die Weiten, die man erblickt, sind wie diejenigen endloser Meere und Sandwüsten für Menschen unbesiedelbar."

Am 16. November 1963 erkrankt der Komponist an einem Fieber unklarer Ursache und stirbt wenig später unerwartet in Frankfurt am Main. Der Kreis um Adorno trauert nicht, im Gegenteil. Was die Autoren der CD-ROM nur andeuten: Hindemith wird posthum heftig attackiert, als Vertreter der Restauration abgewertet und sogar persönlich angegriffen. Der Kampf gegen jegliches tonale Komponieren zeigte Wirkung: Vertreter der Zwölftonmusik und des daraus hervorgegangenen Serialismus dominierten bis vor wenigen Jahren das Bild avantgardistischer Musik.

Es ist ein Verdienst der Autoren, daß sie an den Menschen und den Komponisten Paul Hindemith sachlich und umfassend erinnern.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1998, Seite 115
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!