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Petra. Antike Felsstadt zwischen arabischer Tradition und griechischer Norm.

Philipp von Zabern, Mainz 1997. 172 Seiten, DM 68,–.


Der vorliegende Sammelband mit 14 Beiträgen von 24 Autoren ist in der Reihe "Zaberns Bildbände zur Archäologie" erschienen und gleichzeitig ein (gebundenes) Sonderheft der Zeitschrift "Antike Welt". Zeitschrift wie Reihe wenden sich nicht nur an das Fachpublikum, sondern auch an weitere Kreise archäologisch Interessierter. Die Herausgeber Thomas Weber von der Universität Mainz und Robert Wenning von der Universität Eichstätt sowie die meisten anderen Autoren sind durch einschlägige wissenschaftliche Veröffentlichungen, teils sogar durch eigene Forschungen vor Ort, als Fachleute ausgewiesen.

Petra ist das altgriechische Wort für Fels, und felsig ist das Gebiet der antiken Araber-Hauptstadt dieses Namens im heutigen Südjordanien tatsächlich. Die farbigen Tönungen des Sandsteins, die Muster und Formationen, die bei seiner Verwitterung entstehen, machen den Ort zu einer natürlichen Attraktion. Die Nabatäer, so der Name des arabischen Stammes, haben den engen, schluchtartigen Hauptzugang zum Talkessel, der das Stadtareal im engeren Sinne bildet, in dreifacher Hinsicht gestaltet: bewässerungstechnisch, indem sie einen Wasserlauf umleiteten, verteidigungstechnisch, indem sie die Schlucht mit einem Stadttor sicherten, und dramaturgisch, indem sie den Besucher nach langen Windungen der urtümlichen Schlucht unvermutet durch den Rahmen eines verschatteten Felsschlitzes auf ein riesiges, hell erleuchtetes, hochartifizielles Fassadenrelief blicken lassen. Die einheimischen Beduinen gaben ihr den Namen Hazne al-Fir'un (Schatzhaus des Pharao).

Der zugehörige Eingang führt nicht etwa, wie im dritten Teil des Indiana-Jones-Epos, in ein Höhlensystem mit ritterbewachtem Gral, sondern in eine aus dem Fels gehauene Grabanlage. Wo sich die Schlucht erweitert, liegt linker Hand das ebenfalls dem Felsen abgewonnene Theater. Noch etwas weiter öffnet sich der Talkessel vollends: Im Rücken die beeindruckenden Felsfassaden der sogenannten Königsgräber, blickt man nach Westen die von Säulenreihen begleitete Hauptstraße entlang, zu deren Seiten sich größere Gebäudekomplexe, zunächst wohl Verkaufsmärkte, dann Heiligtümer mit Höfen und Tempeln anschließen. Am Ende des Weges bildet ein Prachttor die Schnittstelle zum größte Heiligtum der Stadt, dessen gut erhaltener Tempel den Spitznamen Qasr al-Bint Fir'un (Palast der Tochter des Pharao) trägt. An den Hängen oberhalb dieser Monumentalbauten erstreckte sich, wie neueste Grabungen zeigen, die Wohnstadt. Die zerklüftete Felslandschaft der Umgebung ist voller weiterer Felsfassaden, Heiligtümer, Wasserbauanlagen und anderer Hinterlassenschaften der Nabatäer.

Die Einwohner von Petra betrieben eine Landwirtschaft, die in der wasserarmen Gegend ausgeklügelte Bewässerungsmethoden erforderte, und produzierten auch Waren wie die charakteristische nabatäische Keramik. Grundlage für den Reichtum der Stadt aber war der weitgespannte Karawanenhandel, vor allem der Handel mit Weihrauch, den die Nabatäer zeitweise allein kontrollierten. Ein von diesem Stamm organisiertes Staatswesen ist erst ab dem 3. Jahrhundert vor Christus faßbar, zunächst unter einem Scheich, seit 82 vor Christus dann unter einem König, bis die Römer 106 nach Christus das Reichsgebiet in die Provinz Arabia umwandelten. Auch danach blieb Petra jedoch das bedeutendste Zentrum der Region und war nach seiner Christianisierung zweieinhalb Jahrhunderte lang Bischofssitz.

Die Nabatäer gingen erst vergleichsweise spät zum Bau von Städten und Heiligtümern über und waren dementsprechend offen für die Vorbilder anderer Kulturen. Besonders deutlich ist das an den Architekturformen abzulesen, bei denen genuin ägyptische, griechisch-hellenistische, mesopotamische und wohl auch italisch-römische Einflüsse zu erkennen sind. Die nabatäische Schrift, in der man Texte in aramäischer Sprache aufzeichnete, obwohl man eine Form von Arabisch sprach, ist eine späte, fortentwickelte Variante der aramäischen Schrift. Das Münzsystem war zu mehreren anderen der antiken Welt direkt kompatibel.

Insgesamt ergibt sich eher eine Momentaufnahme der Forschung als ein abgerundet-zusammenfassender Überblick. Am sichersten sind die Erkenntnisse da, wo moderne Ausgrabungen abschließend wissenschaftlich ausgewertet sind, wie im Falle des Wohnviertels az-Zantur. Dagegen haben die neuen Grabungen in den Heiligtümern südlich und nördlich der Säulenstraße zwar wichtige neue Erkenntnisse gebracht; diese sind aber noch nirgends ausführlich präsentiert worden. Andere Aspekte sind noch gar nicht oder unzureichend erforscht. Beispielsweise dürfte sich der "Palast", den Theodor Wiegand (1864 bis 1936), Mitarbeiter des türkisch-deutschen Denkmalschutzkommandos in Syrien und späterer Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin, 1921 in Plan und Text vorgestellt hat, bei gründlicherer Untersuchung als weiteres Heiligtum an der Säulenstraße herausstellen.

Die Natur des Sammelbandes bringt außer manchen Wiederholungen mit sich, daß unterschiedliche Ansichten zu ein und denselben Fragen undiskutiert nebeneinanderstehen, da nicht alle Autoren überall auf demselben Stand der Forschung und Methode sind. Das mag manchen Leser verunsichern, spiegelt aber exakt den Zustand der Forschung wider.

Dem Band ist das Bemühen um Verständlichkeit deutlich anzumerken. Wer allein die zahlreichen, oft farbigen Abbildungen durchsieht und die ausführlichen Bildunterschriften liest, kann sich schnell einen Eindruck über das Thema verschaffen. Einige Abbildungen sind jedoch unscharf oder farbstichig, auch die Strichzeichnungen weisen mitunter Mängel auf. Es fehlt eine größere Karte, die alle genannten Örtlichkeiten der Umgebung sowie den Verlauf des Wasserleitungssystems hätte zeigen können.

Die Texte sind von unterschiedlicher Lesbarkeit. Manchmal gerät die unvermeidlich komplizierte Argumentation zu kurz; manches, das angesprochen wird, ist nicht abgebildet und kann auch nicht als allgemein bekannt gelten, so daß der Text dem Leser ohne einschlägige Bibliothek nichts nutzt. Fachbegriffe wie "Unguentaria" auf Seite 97 oder "Katholikon" auf Seite 152 werden nicht immer erläutert, andere Begriffe sind falsch oder zumindest unüblich wie "kompositäre Gestaltung" (Seite 48), "gestuckte Wände" (Seite 42); die Verwendung von "horizontal" und "vertikal" bei reinen Grundrißbeschreibungen (Seite 71 und folgende) ist verwirrend.

Trotzdem bildet der Sammelband für kritische Leser eine kompetente, aktuelle und facettenreiche Informationsquelle, die zudem viele gelungene Farbaufnahmen der einzigartigen Felslandschaft und der Fassadenreliefs enthält. So konzentriert und auf deutsch ist der Stand der Forschung sonst nicht verfügbar.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1998, Seite 115
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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