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Archäologie: Petra - Metropole am Rande der Wüste

Wer waren die Nabatäer, die jahrhundertelang von Petra aus den Weihrauchhandel kontrollierten? Antike Schriften und neu interpretierte archäologische Befunde zeichnen ein schillerndes Bild dieses arabischen Stammes.


Inruhig traben die Pferde voran. Die kaum drei Meter breite, dafür aber rund siebzig Meter hohe Schlucht im Fels eignet sich nicht gerade, um Vertrauen zu schaffen. Ihre Reiter sind nicht minder gespannt, was sie am Ende der Schlucht erwartet. Plötzlich – strahlendes Sonnenlicht! Hinter dem Schatten des Ausgangs ragt eine monumentale Fassade empor, von längst vergangenen Meistern in den Fels geschlagen. Dahinter, so vermuten die Abenteurer, befindet sich die Schatzkammer mit dem Heiligen Gral.

So weit "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug", ein Film von Steven Spielberg, der 1989 in die Kinos kam und eine archäologische Stätte im Süden Jordaniens weltbekannt machte: Petra, die Residenz der Nabatäer. Bis zu 1500 Touristen täglich erkunden heute die Schluchten, Höhen und Täler am Rande der wüstenhaften Araba, der Grenzzone zwischen Jordanien und Israel. Dort, wo das fruchtbare edomitische Hochplateau abbricht, hoffen vielleicht auch sie einen der Schätze zu finden, die arabischen Legenden zufolge in den Felsgräbern und -häusern auf ihre Entdecker warten. (Das Volk der Edomiter herrschte im 8.–5.Jh. v. Chr. über ein Territorium, das im Osten durch die Wüste und im Westen durch die Araba begrenzt wurde. Das Alte Testament bezeichnet sie als Nachbarn und Gegner Israels.)

Diesem Aberglauben war es zu verdanken, dass Petra zu betreten Anfang des 19. Jahrhunderts noch für Europäer verboten war. Welches Interesse hätten sie an den antiken Stätten auch haben können, als Schätze durch Zauberei zu bergen? Dem Schweizer Johann Ludwig Burckhardt (1784–1817) gelang es als Erstem, das Verbot zu durchbrechen. Im Auftrag des britischen Empires bereiste er als "Scheich Ibrahim" verkleidet Arabien, sammelte Informationen über Handelswege ins Innere Afrikas und betrat 1812 Petra.

Sozusagen als realer Vorläufer Indiana Jones beschrieb er seine Eindrücke folgendermaßen: "… ein ausgehöhltes Grabmal, dessen Lage und Schönheit notwendig einen außerordentlichen Eindruck auf den Reisenden hervorbringen müssen, der fast schon eine halbe Stunde lang auf einem so dunklen, fast unterirdischen Weg gegangen war … Die Eingeborenen nennen dieses Denkmal Kasr Fara‘un oder Kastell des Pharao und behaupten, dass es die Residenz eines Fürsten gewesen. Allein es war wohl eher ein fürstliches Grabmal; groß aber muss der Reichtum einer Stadt gewesen sein, welche dem Andenken ihrer Herrscher solche Denkmäler widmen konnte."

Der britische Spion mit Schweizer Pass hatte Recht: Die grandiose Fassade am Ende des 1,2 Kilometer langen und engen Siq, einer Felsspalte, schmückte einst ein Tempelgrab, von Steinmetzen und Bildhauern aus Alexandria mit drei Kammern aus dem Sandsteinfels gemeißelt. Kunstgeschichtler datieren die Chaznet Fara‘un (in der modernen Umschreibung) auf die Zeit 40–20 vor Christus. Vielleicht betteten die Bewohner ihren 30 vor Christus verstorbenen König Malichos I. dort zur Ruhe? Falls ja, stand in der zentralen hinteren Kammer einst der königliche Sarkophag. Doch wertvolle Grabbeigaben lockten vermutlich schon damals Diebe an. Heute stehen sämtliche Felsgräber leer.

Mit der Chaznet Fara‘un haben die den Talkessel begrenzenden Felsfassaden ihren glänzenden Auftritt. Zu Anfang schlugen Beduinen dort nur ihre Zelte auf. Zwar gibt es im Talkessel keine Wasserquellen, doch der Zugang über den Siq ließ sich leicht verteidigen. Drohte ernsthaft Gefahr, zogen sie sich auf einen der Felsen zurück. Griechen nannten ihn Petra, das heißt Fels. Dieser Name stand bald synonym für den gesamten Talkessel, der im Laufe der Jahrhunderte zu einer Handelsmetropole ausgebaut worden ist; der einheimische Name, Raqmu, die Schimmernde, begegnet dem Archäologen nur vereinzelt in Inschriften. Den ursprünglichen Fliehfelsen identifizieren sie heute mit dem als Umm al-Biyara bekannten steilen, hohen Berg im Südwesten des Talkessels.

Auf einigen Quadratkilometern graben Archäologen seit 1929 Felsgräber, Heiligtümer und die Ruinen der Metropole des nabatäischen Königreiches wie auch die Spuren späterer Bewohner aus. Zisternen und künstliche Wasserläufe versorgten die Bevölkerung in den Sommermonaten. Vor den reißenden Fluten des Wadi Musa im Winter schützten sie den Siq durch einen Damm vor dem Eingang. Nur eines entdeckten die Forscher bislang nicht: schriftliche Aufzeichnungen. So sind sie bei der Rekonstruktion der Vergangenheit auf Inschriften und Artefakte, die archäologischen Befunde zur Bau- und Siedlungsgeschichte sowie die Zeugnisse zeitgenössischer Griechen angewiesen. Bis vor wenigen Jahren hatten diese Beschreibungen wie auch der Baustil in Petra die Überzeugung genährt, das Volk der Nabatäer sei dem Charakter nach "hellenistisch" geworden, doch mittlerweile erscheinen die Nabatäer in einem anderen Licht.

Dass sie reich seien, hatte schon Alexander der Große vernommen, als er 332 v. Chr. die Hafenstadt Gaza belagerte, eine Verladestation für die über die berühmte Weihrauchstraße aus Indien und Südarabien herbeigebrachten Gewürze und Spezereien. An Petra kam keine Karawane vorbei, und seine Bewohner kontrollierten den Handel mit Weihrauch – ein einträgliches Geschäft. Dieses Harz verschiedener Straucharten entwickelt beim Erhitzen einen aromatischen Geruch, der vor allem für kultische Zwecke und in Parfüms verwendet worden ist. Die Pflanzen gediehen aber nur in bestimmten Teilen Südarabiens und der benachbarten Küste Ostafrikas. Nicht anders als heutzutage die Mitgliedsstaaten der Opec hielten die Produzenten durch kontrollierten Anbau den Preis hoch. Das getrocknete Harz war dementsprechend in der gesamten orientalischen und griechisch-römischen Welt eine heiß begehrte und teuer bezahlte Ware. Kamele, die Schiffe der Wüste, bewältigten die 3700 Kilometer lange Route zum Mittelmeer in gut 85 Tagen. Jedes konnte maximal 400 Pfund Weihrauchkörner tragen, der Gesamtwert entspräche bis zu 200000 Mark. Das machte alle Abgaben und Zwischenzölle bei weitem wett. Wer diesen Handel kontrollieren konnte, wurde reich. So entwickelte sich Petra dank seiner Lage an den Karawanenrouten zu einer Handelsmetropole. Kein Wunder, dass die Großmächte der Antike mehrfach versuchten, ebenfalls Kontrolle über den Weihrauchhandel zu gewinnen. Gelungen ist es keinem.

Ein Nachfolger Alexanders, der Makedone Antigonos Monophtalmos hat es 311 v. Chr. versucht. Zwar machte seine Truppe reiche Beute, doch sie wurde verfolgt und verlor den Kampf. Hieronymos von Kardia, ein griechischer Historiker, war an dem Raubzug als Feldherr beteiligt. Seine Beschreibung der Nabatäer ist in der "Weltgeschichte" des Diodoros von Sizilien aus dem 1. Jh. v. Chr. überliefert. Gut 10000 Menschen sei der Stamm groß und lebe zwischen Syrien und Ägypten in einem Gebiet ohne Wasser. Daraus ergäbe sich zwangsläufig, dass sie vor allem von Raubzügen und Überfällen lebten, allerdings auch Kamele und Schafe züchteten. Sie seien kriegerisch und freiheitsliebend und noch nie jemanden unterworfen gewesen. Die Nabatäer lebten unter freiem Himmel, bauten keine Häuser, säten nicht und tränken keinen Wein. Aus heutiger Sicht beschrieb der Grieche die üblichen Charakteristika von Nomaden. Fast nebenbei erwähnt er, dass nicht wenige Nabatäer Weihrauch und Spezereien aus Arabia Felix ans Mittelmeer brächten.

Handelsbörse am Wüstenrand

Wer waren die Nabatäer und woher kamen sie? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Mangels schriftlicher Quellen des Volkes selbst sind auch nur Vermutungen möglich. Aramäische Elemente in Sprache und Kultur machen eine Herkunft vom Persischen Golf wahrscheinlich. Viele Archäologen gehen davon aus, dass dieser Stamm spätestens im 4. Jh. v. Chr. in Nordwestarabien einwanderte.

Gewiss ist nur, dass vor den Nabatäern der arabische Großstamm der Qedar den Weihrauchhandel kontrollierte. Das Alte Testament kennt ihn und seinen Scheich Geschem als Gegner des Nehemia, eines persischen Beamten jüdischer Herkunft, der zum Wiederaufbau der 586 zerstörten Stadtmauern 445 v. Chr. nach Jerusalem geschickt wurde und die dortige Provinz Juda restaurierte. Die Nachbarn Jerusalems standen dieser Wiederbelebung eher ablehnend gegenüber. Als Klientel der damals mächtigen Perser – also unter ihrer Herrschaft stehend, aber doch mit weitgehender Autonomie – besaßen die Qedar manche Vorrechte, prägten in Gaza sogar Geld.

Als sie sich aber im frühen 4. Jh. v. Chr. einem antipersischen Aufstand anschlossen, verloren sie nach dessen Niederschlagung ihre Vorrangstellung und wurden durch die Nabatäer ersetzt. Diese nutzten nun die Einkünfte aus dem Weihrauchhandel, um ihre politischen, militärischen und wirtschaftlichen Ambitionen zu stärken, die Karawanenwege zu sichern und mit festen Stationen auszubauen, darunter auch Petra im edomitischen Gebirge. Sie selbst wurden zu einem Großstamm unter einem Emir, der den Titel König übernahm.

Da nur den Nabatäern die geheimen Wasserstellen in der Wüste bekannt seien, berichtet Hieronymos, zögen sie sich vor Feinden dorthin zurück, welche dann Gefahr liefen zu verdursten. Diese Taktik bekam auch das römische Reich zu spüren, das 63 v. Chr. Juden und Nabatäer unterworfen hatte, und sich nun anschickte, den lukrativen Weihrauchhandel in eigene Hände zu nehmen. Petra war dabei unter römische Klientel geraten, musste also Kriegsdienste leisten. Als der römische Feldherr Aelius Gallus 25 v. Chr. mit einem großen Heer aufbrach, um das Handelsmonopol von Saba, dies-er führenden südarabischen Macht, zu brechen, zog der nabatäische "Kanzler" Syllaios als Scout mit. Das Ziel der Expedition lag durchaus in seinem Interesse, denn Saba sperrte die Weihrauchstraße nach Norden bei Nadschran seit etwa einem Jahrhundert.

Den Einfluss Roms wollte er freilich nicht stärken. Syllaios ließ die 10000 schwer bewaffneten Legionäre unnötig durch Wüsten ziehen, viele starben oder erreichten geschwächt ihr Ziel. Das Heer vermochte gerade noch, die Sperrforts der Sabäer zu zerstören. Doch ihr Scout führte sie über falsche Wege zurück, bis nur noch wenige Soldaten überlebten. Für Rom war dieses Unternehmen ein Desaster. Ein neuer Feldzug ließ sich politisch nicht durchsetzen, und das Imperium gab seine Ambitionen im Weihrauchhandel auf. Petra hingegen erblühte, denn ohne die lästige Konkurrenz im Süden flossen die Einnahmen nun wieder reicher in die Kassen. Syllaios büßte seinen Verrat erst viele Jahre später, nachdem er sich auch noch mit Herodes und dem syrischen Legaten angelegt hatte; er wurde in Rom hingerichtet.

Tricks und langer Friede

Petra profitierte aber nicht nur vom Geschick seiner Herrscher, sondern auch von der gerade angebrochenen Zeit des Augustäischen Friedens. Zwei Jahre vor dem Feldzug gegen Saba war Augustus (27 v. Chr. – 14 n. Chr.) zum ersten römischen Kaiser ernannt worden. Es gelang ihm, das Reich zu einen und bis zu seinem Tode größere kriegerische Auseinandersetzungen zu unterbinden. Wohlstand herrschte allenthalben, und auch Petra, mittlerweile Hauptstadt eines Königreichs, partizipierte daran, wie der griechische Geograph Strabon berichtete. Die Nomaden hatten sich seiner Meinung nach zu reichen Hausbesitzern entwickelt, Krieger zu Kaufleuten. Manche Fehleinschätzung der Nabatäer beruht auf seinen Ansichten, die seine Landsleute geteilt haben dürften. Hellenistisch wirkend hat die Felsenstadt Römer und Griechen angezogen, sei es als Händler, Gelehrte oder Touristen. Die arabische Gastfreundschaft dürfte ihnen einen angenehmen Aufenthalt beschert haben. Doch wie Strabon betrachteten sie die arabische Metropole aus dem Blickwinkel ihrer eigenen Kulturmaßstäbe. Und irrten in vielem.

Wirklich Stadt war Petra im Sinne eines Verwaltungs- und Kultzentrums, aus arabischer Sicht aber war es Stammessitz, Residenzort des nabatäischen Königs/Emirs und vor allem der Wohnsitz des Stammesgottes Dushara. Zwar gab es ein dynastisches Königtum, doch war der Regent nicht absolut, sondern der Stammesversammlung Rechenschaft schuldig. Zudem musste er dem ihn tragenden Stammesadel durch Positionen in der Verwaltung, Schenkungen und Gastmähler gebührend Reverenz erweisen. Zwar waren die Nabatäer Hausbesitzer und Kaufleute geworden, doch bewahrten sie Gebräuche und Gesetze der Nomaden. Archäologen nehmen an, dass ein Großteil des Stammes umherzog, sei es als Hirten, sei es als Karawanenbegleiter, während andere sesshaft Ackerbau oder Handel betrieben. Auch oblag die Rechtsprechung einer Volksversammlung oder einem Ältestenrat, nicht dem Herrscher. Gewinn und Beute kam letztlich – in sozialer Schichtung – allen Stammesmitgliedern zugute. Anders ließen sich die 580 mit monumentalen Fassaden geschmückten Familiengräber im Fels kaum verstehen.

Götter im Fels

Petra mag eine Art Weihrauchbörse gewesen sein. Hier wurden die Preise für den Weltmarkt festgesetzt und die großen Handelsgeschäfte getätigt. Darüber hinaus wurde auch mit allerlei anderen Waren gehandelt, vom Agrarprodukt bis zur Spezerei aus dem Osten. Wer durch gute Geschäfte beispielsweise den Stammesbesitz an Grund und Boden oder seinen persönlichen Bestand an Kamelen und Pferden mehren konnte, genoss hohes Ansehen. Doch gingen dem Volk bei schlechtem Handel Weideland, Plantagen oder Ackerflächen verloren, zog das eine öffentliche Verurteilung nach sich. Denn Viehhaltung und Ackerbau waren einfach lebensnotwendig, in einem Reich, das fast gänzlich aus Wüste bestand. Viehherden und Ländereien galten deshalb als Statussymbole.

Wer also zum Stamm gehörte, hatte gut leben, solange es diesem gut ging. Vermutlich gab es aber viele weniger Privilegierte im Umfeld Petras. Zwar scheint die Sklaverei keine so wesentliche Rolle gespielt zu haben wie etwa bei späteren arabischen Herrschaften oder zur Zeit Strabons auf den Latifundien der römischen Großgrundbesitzer. Große soziale Unterschiede gab es sicher gegenüber abhängig Hörigen, vor allem Bauern, die in den Gebieten heimisch waren, durch die die Nabatäer ihre Handelsrouten führten. Es gibt aber keinerlei Hinweise auf Konflikte zwischen den Schichten. Zudem bezeugen Inschriften, dass reiche Stammesangehörige Stiftungen machten, um die Situation der Landbevölkerung durch Bewässerungssysteme zu verbessern; vermutlich eine Art von Steuer.

Wenn schon nicht durch Sklaven, so wollten die Nabatäer doch auf andere Weise nach außen hin zeigen, dass sie es zu etwas gebracht hatten – Reichtum beruhte schließlich nach ihrer Ansicht auf dem Segen der Götter. So begannen sie gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. erstmals Tempel zu errichten und figürliche Darstellungen ihrer Gottheiten zu formen, während sie zuvor – und auch weiterhin – behauene Steinblöcke von wenigen Zentimetern bis zu 1,20 Metern Höhe (so genannte Betyle) anbeteten. Das Phänomen einer offensiven Selbstdarstellung durch prunkvolle Heiligtümer war in jener Zeit auch bei anderen nahöstlichen Mächten verbreitet, man denke an die Tempelbezirke von Palmyra und Jerusalem.

Römisch-griechische Mischkunst

Für sich selbst errichteten sie erstmals Steinhäuser, auch wenn viele das durchaus luxuriöse Wohnen in Zelten und in Felshöhlen vorzogen. In ihrer Ausstattung konnten sie es mit den Villen Roms und Pompejis aufnehmen: Farbige und sogar vergoldete Stuckaturen und Fresken illusionistischen Stils schmückten die Innenwände und beeindrucken noch heute den Besucher. Einige einheimische Künstler haben sich in Inschriften verewigt – ein Beleg gegen Strabons These, alle Kunstwerke müssten importiert worden sein. Der Grieche hielt die Nabatäer wohl für Barbaren. Seine Kollegen des 19. und 20. Jahrhunderts äußerten sich nicht viel positiver: Lange galt die nabatäische Kunst als Plagiat der griechischen und römischen. Allmählich begreifen Archäologen und Kunsthistoriker, dass es geradezu ein Charakteristikum der Künstler des antiken Petras war, aus den Vorgaben der hellenistisch-römischen Umwelt eine eigenständige Mischform zu kreieren, die wir heute als den nabatäischen Stil bezeichnen.

Nicht nur die Hauptstadt Petra erlebte einen Bauboom: Entlang der Handelsrouten im Einflussbereich der Nabatäer entstanden Dörfer, wo zuvor Wüste war, und kleinere Niederlassungen wurden zu Verwaltungszentren ausgebaut. Es scheint so, dass in dieser Phase die Besiedlung auch weiter nach Norden vorgeschoben wurde. Das nabatäische Reich erstreckte sich schließlich von Nordwestarabien, etwas nördlich von Medina, über die Regionen Midian, Sinai, Negeb, Edom, Moab und unter Ausgrenzung der Dekapolis – eigenständigen Städten in Jordanien zwischen dem Golan und dem heutigen Amman – bis in den Hauran in Südsyrien. In die heutige politische Landkarte übersetzt tangierte das Reich die Staatsgebiete von Saudi-Arabien, Ägypten, Israel, Jordanien und Syrien. Die Nabatäer waren somit in ihrer Hochzeit das Zentrum der arabischen Welt. Ihre Schrift, eine Zwischenstufe zwischen dem perserzeitlichen Reichsaramäisch und dem Hocharabisch, wurde zur Amtssprache vieler Völker im Nahen Osten. (Das bedeutet für den Archäologen leider auch, dass entsprechende Inschriften nicht eindeutig rückschließen lassen, ob man es mit Nabatäern zu tun hat.)

Knapp hundert Jahre später mussten sich die Bewohner der Felsenstadt mit einer neuen politischen Situation zurechtfinden: Aus dem freien Königreich wurde die römische Provinz Arabia. Die Vorboten standen schon seit längerem am Horizont. Ein Aufstand der Juden zwischen 66 und 70 n. Chr. hatte zur Folge, dass das benachbarte Judäa, seit 6 n. Chr. autonome römische Provinz, seinen Rest Selbstständigkeit verlor; damit rückte das Imperium bedrohlich näher. Vielleicht war das der Grund für den letzten nabatäischen König, Rabb’el II. (70–106 n. Chr.), arabische Grundwerte in Religion und Kultur gegenüber denen der Griechen und Römer zu betonen, insbesondere Dushara, den Gott von Petra, als seinen persönlichen Schutzgott und zugleich als den Staatsgott aller Nabatäer herauszustellen. Alte, unter freiem Himmel liegende Heiligtümer der Nabatäer erfuhren nun die gleiche, wenn nicht mehr, Förderung wie die Tempel und erhielten überregionale Bedeutung.

Vom Königreich zur Provinz

Die Wiederbesinnung auf das Verehren von Göttern in Betylen spiegelte sich auch in Beinamen für die Götter. So sprachen sie nun von Dushara A’ra, das ist "Der im Stein Gesalbte". Im Endeffekt konnte nun jeder Nabatäer in allen Teilen des Reiches neben dem regionalen Hauptgott auch Dushara in Heiligtümern "antreffen" und verehren. Gleichzeitig wurde Dushara als Staats- und Nationalgott propagiert. Offensichtlich versuchte Rabb’el II die Nabatäer stärker an Petra zu binden, hatte vielleicht sogar das Ziel, aus dem Stammesfürstentum einen Staat zu machen.

Gab es auch Aufstände gegen Rom? Kündigte Petra vielleicht dem mächtigen Imperium die Klientelschaft? Warum auch immer: Im Jahre 106 marschierten überraschend zwei Legionen ins nabatäische Reich ein – das freie Königreich wurde zur Provinz Arabien. Zwar wurde die Eroberung erst fünf Jahre später offiziell bekannt gegeben, vermutlich um den Sieg des römischen Kaisers Trajan (98–117 n. Chr.) über das Volk der Daker nicht zu schmälern, dennoch machte sich die römische Militärverwaltung sofort an die Arbeit. Straßen mit Meilensteinen erschlossen das Land, darunter die via nova Traiana von Bostra in Syrien bis Aila am Golf von Aqaba. Dörfer erblühten zu Städten. Über das Schicksal des nabatäischen Königshauses schweigen die Geschichtsschreiber. Der Stamm verlor aber ohne seine Führungsspitze und das einstige Handelsmonopol rapide an Bedeutung und verschmolz mit anderen arabischen Völkern.

Petra erwies sich als anpassungsfähig und wurde vermutlich Hauptstadt der neuen Provinz (eventuell war das aber auch Bostra in Syrien, wo die römische Provinzlegion stationiert wurde). Die Münzen der Stadt zeigten nun nicht mehr das nabatäische Königspaar, sondern eine weibliche Figur, die Tyche. Sie steht für eine autonome Stadt. Als solche besaß Petra einen Stadtrat und ein Ratshaus. Vieles spricht dafür, dieses Gebäude mit einer Entdeckung von 1997 im Zentrum von Petra zu identifizieren. Im so genannten Großen Tempel, einem monumentalen Komplex über zwei Terrassen hinweg, stießen die Ausgräber unerwartet auf ein theaterähnliches Zuschauerhalbrund, das gut 600 Personen fassen konnte. Das entspricht der damals üblichen Größe eines Rates. Das Spannende am archäologischen Befund ist, dass dieses Gebäude ursprünglich anders genutzt worden sein muss. Durch weitere Ausgrabung wollen die Archäologen klären, ob sich dort zuvor ein Tempel oder der Königspalast befunden hat. Die Umwandlung eines Heiligtums in ein Ratshaus wäre freilich äußerst ungewöhnlich.

Trajan versuchte, der Stadt einen römischen Anstrich zu geben. Die alte Prozessionsstraße entlang des Wadi Musa im Zentrum des Talkessels wurde zur Säulenstraße mit überdachtem Bürgersteig und dahinterliegenden Geschäften verbreitert. Eine monumentale Freitreppe führte auf die nächste Hangterrasse, wo man den Marktplatz annimmt. Ein römischer Bogen zierte den Eingang. Die Weihinschrift von 114 n. Chr. nannte den neuen Titel der Stadt: "Metropolis von Arabien". Baugeschichtlich noch bedeutender war das so genannte Temenos-Tor, das unter Trajan oder Hadrian errichtet worden sein muss, vielleicht unter Verwendung von Baugliedern eines älteren Vorläufers. Es gewährte über drei verschließbare Durchgänge den Eintritt in den heiligen Bezirk des Qasr al-Bint, den Haupttempel Petras. Büstenreliefs von Gottheiten und Schutzgeistern zieren propagandistisch die Pilaster (flache, wenig vorspringende Wandpfeiler).

Viel mehr an römischen städtischen Elementen gibt es nicht in Petra; erst hundert Jahre später kommt noch ein Brunnenhaus dazu. Dabei war Petra eine zunächst durchaus wichtige Stadt in der römischen Verwaltung. Außerhalb des Zentrums blieb die einheimische Wohnstruktur erhalten. Der römische Provinzstatthalter von 127 n. Chr., T. Aninius Sextius Florentinus, ließ sich sogar in einem Felsengrab bestatten – möglicherweise hatte er es okkupiert, denn diese Stätten waren immer Gräber reicher nabatäischer Familien. Weihinschriften an römische Gottheiten und Statuen römischer Götter und Kaiser zeigen die Dominanz der neuen Herren. Petra blieb zwar eine bedeutende Handelsstadt, doch floss viel vom Gewinn in andere Städte oder an den römischen Fiskus ab.

Als sich die römischen Kaiser aus dem Geschlecht der Severer im frühen 3. Jh. verschiedenen Städten der östlichen Provinzen annahmen, erfuhr Petra kaum Förderung, vom steuerlich günstigen Status einer colonia und dem Bau eines Brunnenhauses abgesehen. Es hatte offensichtlich seine Bedeutung weitgehend verloren. Erschwerend kam eine allgemeine Wirtschaftskrise im Römischen Reich hinzu. Als ein Erdbeben im Jahre 363 die Stadt heimsuchte, reichten die Mittel nicht einmal aus, um alle Schäden zu reparieren.

Im Zuge der Reformen unter Kaiser Diokletian Ende des 3. Jahrhunderts verlor Petra seinen Rang als Provinzhauptstadt an Bostra. Das änderte sich auch nicht, als das römische Reich zerfiel und Arabien dem byzantinischen Teil mit der 330 eingeweihten neuen Reichshauptstadt Konstantinopel zufiel. Erst um 358 erlangte es ein wenig Glanz zurück, als bei einer neuerlichen Reform der Süden der Provinz Arabien mit Teilen des Negeb zur Provinz Palaestina Salutaris (ab 400 Palaestina Tertia) zusammengefasst wurde; erneut hatte Petra den Status einer Hauptstadt inne.

Das von Konstantin I. (280–337) im oströmischen Reich zur Staatsreligion erhobene Christentum erschien auch bald in Petra. Die Funktion als Hauptstadt, seine Lage im "Heiligen Land" und vor allem das Aarongrab auf dem Dschebel Harun begründeten den Anspruch. Bischöfe suchten den Bewohnern von Petra die christlichen Lehren nahe zu bringen. Die Kirchenväter berichteten aber von deren Hartnäckigkeit, an dem alten Glauben festzuhalten.

Erst um die Mitte des 5. Jahrhunderts konnte sich das Christentum auch in Petra durchsetzen. Im Jahre 446 ließ Bischof Jason das so genannte Urnengrab, wahrscheinlich das Grab eines nabatäischen Königs, in eine Kathedrale umbauen. Zwei andere Kirchen jener Zeit wurden erst vor wenigen Jahren bei Ausgrabungen entdeckt, die Basilika und die "Kirche auf dem Kamm", beide am Nordufer des Wadi Musa im Zentrum gelegen. Die Basilika verfügte über prachtvolle Mosaiken.

Ritter in Petra

Eine echte Sensation war es aber, als dort 1993 verkohlte Reste eines Privatarchivs geborgen wurden. Finnische und amerikanische Wissenschaftler haben Reste von 152 Papyrusrollen retten und konservieren können. Das Puzzle ihrer Rekonstruktion dauert noch an, einige Details sind aber schon bekannt. Die Schriften behandeln die wirtschaftliche Situation von Stadt und Umland im 6. Jahrhundert. Demnach war – entgegen alter Vorstellungen – mit dem Sieg des Christentums ein wirtschaftlicher Aufschwung einhergegangen, der noch das ganze 6. Jh. anhielt. Dennoch scheint die Staatskirche das weitab gelegene Petra bereits als Verbannungsort für Kriminelle und Kirchenfeinde genutzt zu haben. Gegen Ende jenes Jahrhunderts begannen sich die Zeiten vermutlich wieder zu ändern, denn das südliche Schiff der Basilika wurde für kurze Zeit als Vorratslager genutzt. Als dort Feuer ausbrach, fiel das Archiv in einem Seitenraum ihm zum Opfer.

Offensichtlich gelang es im 7. Jh. nicht mehr, Wasserleitungen und andere lebenswichtige Einrichtungen instand zu halten, die Bewohner fristeten ihr Leben in Ruinen. Petra verödete. Naturkatastrophen förderten dies vielleicht noch, wir wissen es nicht.

Erst die Kreuzfahrer hinterließen wieder ihre Spuren. Das Aarongrab war ein Grund, die strategische günstige Lage an der Grenze zu Ägypten ein anderer. Im 12. Jh. errichteten Ritter zwei Burgen, doch ohne den Ort als das alte Petra zu erkennen. Sie kannten nur die christliche Deutung als Tal des Moses und Berg des Aaron. Die Gräber hielt man für Häuser der Moses begleitenden Israeliten. Die Festungen gingen aber noch im gleichen Jahrhundert an die Muslime verloren. Nur die Verehrung für das Grab Aarons, der im Islam als Prophet Harun gilt, überdauerte. Unter dem Vorwand, es besuchen zu wollen, gelang es Johann Ludwig Burckhardt 1812 Petra zu betreten.

Schon vor den Kreuzfahrern hatten Beduinen die antiken Ruinen, insbesondere die Felshäuser und -gräber, in Besitz genommen. Sie hüteten deren sagenumwobene Schätze über viele Jahrhunderte hinweg und verwehrten Fremden den Zutritt. Erst vor wenigen Jahren bezogen ihre Nachkommen ein nahe gelegenes, neues Dorf. Als Manager von Hotels und Cafés, Kunsthandwerker und Andenkenverkäufer, als Besitzer von Pferden, auf denen Touristen zum Siq reiten, und Führer leben sie nun von dem Erbe einer der ersten arabischen Großmächte, auf die das moderne Jordanien mit Recht stolz ist.

Literaturhinweise


Petra. Von Maria Giulia Amadasi Guzzo und Eugenia Equini Schneider, Hirmer Verlag, München 1998.

Petra. Antike Felsstadt zwischen arabischer Tradition und griechischer Norm. Von Thomas Weber und Robert Wenning (Hrsg.). Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1997.


Regen auf Umwegen


Wie war es möglich, dass im Talkessel von Petra eine Metropole entstand, obwohl es keine Quellen zum Wasserschöpfen und für den Gartenbau gab? Die Nabatäer erwiesen sich als Meister im Wasserbau. Über mehrere Leitungen gelangte das kostbare Nass von kilometerweit entfernten Quellen des Hochlands bis in das Zentrum. Eine Leitung von der Mosesquelle her, am Eingang der heutigen Stadt Wadi Musa, wird über Kanäle und einen Bogenaquädukt um das Bergmassiv des Dschebel al-Hubtha in die Stadt geleitet, wo sie beim so genannten Etagengrab in eine riesige Zisterne von 300 Kubikmetern mündete. Forscher schätzen, dass allein diese Leitung die mit ihr verbundenen Zisternen mit 1,5 Millionen Liter Wasser versorgte.

Zwei Wasserleitungen, die von großen Teichen am Ortsende von Wadi Musa ausgehen und wahrscheinlich ebenfalls mit der Mosesquelle verbunden waren, verlaufen entlang der Felswände des Siq. Davon bestand die eine aus Tonröhren in einem Mörtelbett; ein Übergangsbecken erzeugte den erforderlichen Wasserdruck. Eine weitere Leitung von der Quelle Braq im Südosten der Stadt wurde ebenfalls über eine weite Entfernung in die Stadt gebracht, wo sie im Wadi Farasa nahe dem Hohen Opferplatz bei einem monumentalen Löwenrelief ein Bassin speiste und mit einem anderen Zweig zum Qasr al-Bint führte. Zusätzlich wurde der Winterregen in zahlreichen Zisternen gespeichert. Dazu nutzte man die kanalartigen Ablaufkanten an fast allen Felshöhen als Ableitungssysteme. Umgekehrt mussten die Bewohner das im Winter reißende Wadi Musa zähmen und seine Fluten vor dem Siq ableiten. Dazu diente ein an einer Verengung aufgemauerter Staudamm.

Wasser wurde nicht nur zur Versorgung der Bewohner und ihrer Tiere oder zur Bewässerung der Gärten benötigt – man muss sich Petra in dieser Zeit wohl als eine künstliche Oasenstadt vorstellen –, sondern auch im Kult. Überall, wo Wasser aus den Felsrissen hervortrat, dankten die Nabatäer einer Gottheit für das Leben spendende Nass.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001, Seite 76
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001

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