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Pilzgeschichten. Wissenswertes aus der Mykologie.

Springer, Berlin 1996.
212 Seiten, DM 29,80.

Höchst eigenartige Organismen retten mit ausgefallenen Inhaltsstoffen fiebergeschüttelten Patienten das Leben; andere bringen einem buchstäblich das Dach über dem Kopf zum Einsturz. Etliche Vertreter dieser Gilde bieten erlesene Gaumenfreuden, andere verderben binnen weniger Tage die Ernte eines vielversprechenden Sommers. Manche von ihnen öffnen die Pforten zu angeblich neuen Weiten geistiger Wahrnehmung, und wiederum andere bringen – eventuell sogar innerhalb weniger Stunden nach dem Genuß – den gesündesten Menschen ums Leben.

Antibiotikaführende Schimmelbeläge, zersetzender Hausschwamm, die kulinarisch verzückende Trüffel, der pflanzenschädigende Schwarzrost, der halluzinogene Spitzkegel-Kahlkopf und der tödlich giftige Knollenblätterpilz - alle zehren sie von fremder organischer Substanz. Gleichwohl haben sie und ihresgleichen mit am erfolgreichsten die Erde zu ihrem ökologischen Feld gemacht – und das in weit größerer Vielfalt, als das marktübliche Ensemble Champignon, Pfifferling und Steinpilz ahnen läßt. Kein Wunder, daß die Menschen den Pilzen ambivalente Gefühle entgegenbringen.

Kurioses und Merkwürdiges, Erstaunliches und Geheimnisvolles findet sich in dem vorliegenden Sachbuch. Schon das Einstiegskapitel wirft überraschende Schlaglichter auf die Organismen, die man noch im ausgehenden 18. Jahrhundert für Ausdünstungen des Bodens oder der Bäume hielt. Es sucht zudem wieder einmal die immer noch verbreitete Auffassung zu korrigieren, Pilze seien verhinderte Pflanzen. Ausgerechnet ein Entomologe, der Amerikaner Robert H. Whittaker, begründete 1959 den mittlerweile weithin akzeptierten Vorschlag, die Pilze einem selbständigen Organismenreich zuzuordnen – als eigene dritte Linie des Lebens zwischen einfachen Ein- und höchstentwickelten Vielzellern.

Nach diesem Vorspiel führen die Marburger Biologen Hans und Erika Kothe einen bunten und bemerkenswert unterhaltsamen Themenmix aus Kulturgeschichte, Pharmakologie und angewandter Ökologie vor. Zweifellos spielten Giftpilze (im Buch neben Saft-, Täub- und Schleierlingen ausdrücklich als "Fieslinge" apostrophiert) bei manch politischen Ränkeschmieden mit, wurden angeblich gar zum Fluch der Pharaonen und entführten mit Lysergsäure-Derivaten auf berüchtigte Horrortrips.

Außer dem Wehe stellen die Autoren aber zu Recht auch das Wohl für den Menschen heraus: Gerade die gemeinhin kaum wahrgenommenen und wenn, dann immer kritisch beäugten Mikropilze sind in der modernen Lebensmitteltechnologie unentbehrlich, nicht nur wie seit Beginn der Zivilisation in Back- und Braustube ("Kein Pils ohne Pilz"), im Winzerkeller als Edelfäule der Trockenbeerenauslese oder als Blauschimmel im Käseregal des Feinkostladens. In allen Materialkreisläufen der Natur haben Pilze ebenfalls unersetzliche Funktionen; jedes Jahr nach dem herbstlichen Laubfall etwa finden sie am Boden haufenweise Arbeit vor.

Der Text ist sachkundig und ansprechend geschrieben, in guter Dosierung durchsetzt mit Anekdoten und aktuellen Berichten aus der mykologischen Forschung. Das Buch bietet Lesevergnügen auch denjenigen, denen zum Thema lediglich Fliegenpilz oder Pizza funghi einfällt. Die Illustration fällt dagegen mit flauen Schwarzweiß- und doch etwas erratisch ausgewählten Farbbildern deutlich ab.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997, Seite 138
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997

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