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Politik im Tempel der Wissenschaft. Forschung und Machtausübung im deutschen Kaiserreich


Schon seit geraumer Zeit erfreut sich der konstruktivistische Ansatz in der Wissenschaftsforschung wachsender Attraktivität: Es wird immer beliebter zu entdecken, daß man es bei den sogenannten wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mit objektiven Wahrheiten zu tun habe, sondern mit Diskursprodukten, die von Wissenschaftlergruppen gleichsam ausgehandelt werden. Treibt man dieses Deutungsmuster ins Extrem, bekommt es einen Unterton von Zynismus, und am Ende bleibt das große Rätsel, wieso die Gesellschaft für diese fiktiven Forschungen soviel Geld zahlt und wieso die Wissenschaftler mit ihren ewig imaginären Wahrheitskonstrukten nicht schließlich im Irrenhaus landen.

Timothy Lenoir, Wissenschaftshistoriker an der Universität Stanford (Kalifornien), sucht den Konstruktivismus aus dieser Aporie zu erlösen, und zwar vor allem mit den folgenden Argumentationslinien:

– Der Wissenschaftsdiskurs verläuft nicht wissenschaftsintern, sondern begibt sich schon im Frühstadium einer neuen Forschungsrichtung in eine Wechselwirkung mit der Politik.

– Auch wenn die Wissenschaftsentwicklung nicht vom Streben nach Wahrheit, sondern von sozialem Geltungsbedürfnis getrieben wird, bringt sie deswegen keineswegs willkürliche, fiktive Konstrukte hervor, sondern orientiert sich zwangsläufig an praktischer Vernunft.

Wenn Lenoir seine „Überzeugung“ bekundet, „daß es sich bei Erkenntnis in der Tat um ein soziales Konstrukt handelt“ (Seite 210), so setzt er doch gleich hinzu: „Dieses untergräbt jedoch in keiner Weise ihren Charakter als Erkenntnis der realen Welt, sowenig wie die soziale Konstruktion von Erkenntnis, wie sie sich verstanden wissen möchte, den Wahrheitsgehalt der Wissenschaft in Zweifel zieht.“ An anderer Stelle (Seite 146) unterstreicht er: „Daß Erkenntnis im Rahmen eines sozialen Prozesses entwickelt wird, bedeutet keineswegs, daß sie unter dieser Perspektive fiktional, subjektiv oder willkürlich würde und auf Rationalität verzichtete.“

Anders als es der Titel des Buches vermuten läßt, geht es Lenoir letztlich um Wissenschaftstheorie, nicht um die Analyse spezifischer Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Macht im deutschen Kaiserreich; seine Fallstudien haben es jedoch alle mit deutschen Naturwissenschaftlern von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg zu tun.

Das Buch besteht aus sechs verschiedenen Abhandlungen, die um zwei inhaltliche Schwerpunkte kreisen: die Entstehung und Institutionalisierung der physikalischen Physiologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Industrialisierung der deutschen Chemie nach der Jahrhundertwende. Besondere Aufmerksamkeit widmet es den Querverbindungen zwischen der Wissenschaftsgeschichte und dem Aufstieg des neuen Deutschen Reiches; aber letztlich sollen diese Beispiele nur die Grundthese belegen, daß Wissenschaftsgeschichte weder als bloße Theorie- noch als Forschungsgeschichte geschrieben werden dürfe, sondern „eine erfolgreiche Verbindung von Theorie und Experiment davon abhängt, wie beide in die aktuelle technische und soziale Praxis eingebettet sind“ (Seite 177). Selbst an dem amerikanischen Wissenschaftssoziologen Thomas S. Kuhn, dessen „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ gerne als Öffnung der Wissenschaftstheorie hin zu den Sozialwissenschaften verstanden wurde, kritisiert Lenoir, daß sein vielzitierter „Paradigmenwechsel“ aus der Wissenschaftsgeschichte in der Essenz doch wieder Theoriegeschichte mache.

So weit, so gut. Wenn Lenoir jedoch zwischendurch den Eindruck erweckt, die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Politik bedeuteten überhaupt keine Gefahr für die Qualität der Forschung, so fällt es im Gedanken an viele böse Erfahrungen unseres Jahrhunderts schwer, ihm zu folgen. Das historisch begrenzte Spektrum seiner Beispiele läßt so weitreichende Schlüsse nicht zu. Seine lebensgeschichtlichen Fallstudien haben ihren Reiz; aber manchmal besteht ein Bruch zwischen den farbigen Details und den allgemeinen Folgerungen. Wenn der Leipziger Physiologe Carl Ludwig (1816 bis 1895) seinem Berliner Kollegen und Freund Emil du Bois-Reymond (1818 bis 1896) anvertraut, er müsse den Medizinern Vivisektionen bieten, „weil die Doktoren nun einmal Blut sehen wollen“ (Seite 38), so schlägt Lenoir gleich die Brücke zu der Bismarckschen „Blut und Eisen“-Devise; aber diese Verbindung zur Politik ist zu kurz geschlossen und geht an der spezifischen symbolisch-voyeuristischen Bedeutung der Sektionen für die demonstrativ auf Anatomie gegründete Medizin vorbei.

Lenoir beschäftigt sich überhaupt viel mit du Bois-Reymond, dem Verkünder einer physikalischen Menschenlehre, der den Schriftsteller und Kulturkritiker Julius Langbehn (1851 bis 1907) zu der Klage verleitete, der Professor sei „die deutsche Nationalkrankheit“. Überall in dem Werdegang dieses Naturwissenschaftlers erblickt Lenoir zielbewußte Strategie; aber wenn Ludwig sich erinnert, daß der junge Privatdozent du Bois-Reymond „das Flammenschwert der Physik in der Hand, sengend und mordend durch die medizinischen Kraals lief“, deren Anerkennung er doch brauchte, so klingt das nicht nach kühler Berechnung.

Manchmal scheint Lenoir die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts zu sehr von Impressionen aus dem gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb her zu interpretieren. Heute erhält man in der Tat nicht selten den Eindruck, Wissenschaft werde vorwiegend als soziale Profilierungsstrategie betrieben – die Zeit der großen Entdeckungen ist in vielen Disziplinen vorbei; aber einst gab es den Ent-deckerrausch als mächtigen Antrieb der Wissenschaft wirklich. Im übrigen standen Physik und Chemie in Deutschland vor 1914 in ganz unterschiedlicher Distanz zur Politik und zur Industrie; das wird von Lenoir nicht gewürdigt.

Ist es vielleicht die Crux der Wissenschaftsforschung, daß sie zu einer allgemeinen Theorie der Wissensproduktion gelangen möchte, diese aber keinen überhistorischen Regeln folgt?


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1993, Seite 119
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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