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Praktische Naturphilosophie. Erinnerung an einen vergessenen Traum.

Beck, München 1997. 520 Seiten, DM 78,–.

Die Naturphilosophie leidet, so der Frankfurter Philosoph Hans-Dieter Mutschler, unter einem Trilemma: Entweder ist sie kompilatorisch, das heißt, sie faßt nur die allgemeinsten Ergebnisse der Naturwissenschaften zusammen, oder methodologisch, das heißt, sie reduziert sich auf Wissenschaftstheorie, oder aber spekulativ: Sie entwickelt zwar eine eigenständige Position, die jedoch eigens zu begründen ist. Das Buch des Hamburger Naturphilosophen Klaus Michael Meyer-Abich gehört zur dritten Kategorie.

Sein Ehrgeiz ist es, aus der Naturphilosophie heraus eine Ethik zu entwickeln, deren Beachtung aus der Naturkrise der wissenschaftlich-technischen Zivilisation herausführen könnte. Diese Krise deutet er als Adoleszenzkrise der Menschheit (Seite 153). „Das Ziel ist letztlich die naturphilosophische Begründung ethischer und rechtlicher Normen“ (Seite 218). Hierzu sei der herrschende Naturbegriff neu zu fassen, da er eine solche Begründung nicht erlaubt: Man würde sich des sogenannten naturalistischen Fehlschlusses schuldig machen.

Meyer-Abich durchforstet im ersten Kapitel die Mythen und religiösen Traditionen insbesondere des jüdisch-griechisch-germanischen Kulturkreises nach Motiven, welche die Naturzugehörigkeit des Menschen zum Ausdruck bringen. Dieses Kapitel mündet in ein ungeschütztes Bekenntnis zum Pantheismus: „Die Natur ist der sich verweltlichende Gott, der die Welt bildet, indem er sie wird … Die Welt ist der sich als Natur bestimmende Gott, und Gott geht im Weltwerden (s)einen Weg“ (Seite 60).

Für die weitere Gedankenführung wird ein Satz des Philosophen und Theologen Nikolaus von Kues (1401 bis 1464) zentral: „In jedem Geschöpf ist das Universum ganz und gar dieses Geschöpf“. Meyer-Abich macht ihn sich als Grundsatz seiner Naturphilosophie zu eigen (Seite 353). In jedem Einzelwesen ist die gesamte Natur „contracte“ dieses Wesen, das heißt, jede Individuation (ob als Stein, Pflanze, Tier, Gott oder Mensch) ist zugleich eine Kontraktion des Ganzen. Kontraktion und Individuation sind zwei unterschiedliche Aspekte des gleichen Prozesses. Jedes Wesen einschließlich je des Menschen ist daher zugleich innerlich Individuation des Ganzen und äußerlich Teil des Ganzen.

An diesem einen Satz zeigen sich Glanz und Elend von Meyer-Abichs Naturphilosophie. Die damit ausgedrückte intuitive Vorstellung, die natürliche Mitwelt habe einen Wert an sich, ist auch vielen Wissenschaftlern nicht fremd. Aber als ernsthafte Behauptung ist der Satz äußerst problematisch. In sprachkritischer Tradition würde man sagen, er sei weder wahr noch falsch, sondern sinnlos („Begriffslyrik“). Aber man muß nicht diese positivistische Keule schwingen. Begnügen wir uns mit einer weniger strengen Position: Einen Satz verstehen heißt, die Bedingungen kennen, unter denen er wahr wäre. Dieser Satz ruht auf kosmologischen beziehungsweise theologischen Prämissen, die man achten kann, aber nicht teilen muß. Aufgrund dessen droht der spekulativen Naturphilosophie im allgemeinen und Meyer-Abichs Entwurf im besonderen stets das Abgleiten ins Weltanschaulich-Unverbindliche.

Auch im Menschen ist die Natur Mensch geworden (Seite 26 und andere). Dies besagt bei Meyer-Abich mehr und anderes, als daß Menschen ein Produkt der Evolution sind und in ihrer Triebstruktur und ihrer Leiblichkeit Naturanteile besitzen. Jeder von uns ist „menschenhaft persönlich gewordene Natur“ (Seite 69), „persönliche Individuation des Ganzen der Natur“ (Seite 213). „Die Einsicht in unser Natursein ist aber kein Ergebnis der Wissenschaft“ (Seite 69). Wenn es eine philosophische Einsicht sein soll, muß sie jedoch mehr sein als eine persönliche Überzeugung. Durch eine hermeneutische Interpretation der Schriften des Cusaners kann man sie nicht begründen. Niemand wird an dieser Stelle einen strengen Beweis fordern, aber selbst eine nachvollziehbare Begründung fehlt.

Diese Prämissen führen zu der Frage, mit der die ethische Dimension in Mey-er-Abichs Buch überschrieben ist: „Was ist der Sinn meines Lebens, oder: Wofür bin ich gut?“ Unter den gegebenen Prämissen ist diese Frage stringent. Wenn die Natur sich in jedes Wesen hineinindividuiert, wenn dies für alle Wesen gleichermaßen gilt und wenn das Mitsein – ein bei Meyer-Abich zentraler Begriff – ein zugleich ontologisches und ethisches Grundverhältnis ist, in dem alles seinen Wert „nur in der Einheit und Ordnung des Ganzen hat“ (Seite 352), dann bilden alle Naturwesen eine egalitäre Gemeinschaft, in der jedes Mitglied für etwas gut ist. Es gibt dann keine Rangordnung, wohl aber spezifische Möglichkeiten, gut für das Ganze zu sein. Der Begriff des Guten wird bestimmt als Tauglichkeit, einen spezifischen Beitrag zum guten Gelingen des Ganzen zu leisten.

Im Menschen kommt die Seinsordnung des Mitseins zum Bewußtsein, so daß sich jeder einzelne die Frage, wofür er gut ist, vorlegen muß. Die Haltung, die diese Frage angemessen bedenkt, bezeichnet Meyer-Abich als die physiozentrische im Gegensatz zur humanegoistischen. Unter seinen Prämissen kann die Frage umformuliert werden: „Wer bin ich, daß das Ganze der Natur in mir die Chance hat, für die ich gut bin?“ Hinter der Frage steht das cusanische Prinzip, daß allen Wesen ein natürliches Verlangen innewohne, „auf die bestmögliche Weise das zu sein, wofür sie ihrer Natur nach gut sind“ (Seite 295). Wer das Mitsein verfehlt, der verfehlt sich also zugleich selbst. Die heute dominanten Konzepte der Selbstverwirklichung sind für Meyer-Abich daher zutiefst irrig. Als Grundsatz der Umweltethik genügt zuletzt ein scheinbar schlichter, aber unendlich voraussetzungsreicher Satz: „Laßt uns tun, wofür wir gut sind!“

Anknüpfend an die sokratische Frage, wie man, nun allerdings „im Ganzen der Natur“ (Seite 285), zu leben habe, formuliert Meyer-Abich acht Punkte einer physiozentrischen Ethik. Er greift dabei auch auf Motive des US-amerikanischen Kommunitarismus zurück, den er physiozentrisch ausweitet. Die Gemeinschaft, um die es geht, ist die Gemeinschaft alles Seienden. Außerdem weitet er die Denkfigur des universellen Rollentausches physiozentrisch aus zu Fragen des folgenden Typs: Wie würde ich als Pflanze oder Tier über menschliches Verhalten denken, das mich betrifft? Wie würde ich über die gegenwärtigen Mensch-Natur-Verhältnisse denken, wenn ich damit rechnen müßte, als Fluß, Pflanze oder Tier wiedergeboren zu werden? Solche Argumente sind in der Umweltethik bekannt. Sie erweitern die Gemeinschaft der moralisch zu berücksichtigenden Wesen („moral community“) und wenden dann bewährte ethische Denkformen an. Für Meyer-Abich ist alles natürlich Gewordene moralisch relevant. Im Kontext dieser physiozentrischen Position kann man von der intensiven Landwirtschaft als von „Pflanzenquälerei“ sprechen. Es ist möglich, sich vor einem Meer zu schämen dafür, daß Motorboote es geräuschvoll durchfahren. Man kann auch von der Würde des Lichts sprechen.

Die Antwort auf die Frage, wofür Menschen gut sein mögen, lautet bei Meyer-Abich: Kultur (Seite 427). Diesen Begriff definiert er über das Mitsein, also normativ. Kultur ist Bereicherung, Verschönerung, Bewahrung und Gestaltung von Natur. Insofern mündet die Naturphilosophie in die Forderung nach einer Erneuerung der Kultur und in eine umfassende und radikale Kritik der gegenwärtigen Zivilisation, der man in vielen Punkten – Verkehr, Ernährung, Bauen und Wohnen, Technik – nur beipflichten kann.

Im Lichte von Meyer-Abichs Naturphilosophie agieren die westlichen Zivilisationen wie „interplanetarische Eroberer“, so, als ob sie nicht von dieser Welt wären. Die neokantischen Ethiken und die Diskursethik im besonderen, welche die Gültigkeit von Handlungsnormen vom Konsens aller Betroffenen in einer idealen Sprechsituation (Diskurs) abhängig macht, werden pauschal dieser räuberischen Zivilisation zugerechnet. Man sehe es mir nach, daß ich diese thetisch vorgetragene Auffassung nicht zu teilen vermag.

Meyer-Abichs Botschaft lautet: Nur im Mitsein können Menschen wahrhaft zur Welt kommen und sich fragen, wofür sie ihren jeweiligen besten Möglichkeiten nach im Ganzen der Natur gut sein mögen (Seite 398 und andere). Diese Botschaft wird mit großem Pathos verkündet (Seite 68, ähnlich auch 231).

Jedem Opus Magnum eignet ein großer Gestus. Die große Geste ist aber nur so berechtigt, wie die Grundlagen des Werks tragfähig sind. Dem Werk von Meyer-Abich ist eine Leserschaft zu wünschen, die diese Tragfähigkeit kritisch prüft.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1998, Seite 132
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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