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Genetik: Psychische Störungen eng verwandt

Eine Depression und eine Angststörung ähneln sich auf den ersten Blick nicht sonderlich, sind aber – genetisch betrachtet – eng miteinander verwandt. Dasselbe gilt für Magersucht und Zwangsstörung, noch mehr für Schizophrenie und bipolare Störung. Umgekehrt reagieren Menschen mit einer Phobie oder mit Posttraumatischer Belastungsstörung zwar panisch auf bestimmte Situationen, doch dahinter stecken nicht dieselben Erbanlagen. Das zeigt nun eine Analyse des so genannten Brainstorm Consortium, eines Zusammenschlusses von fünf Arbeitsgruppen der Harvard University, der Stanford University und des Massachusetts Institute of Technology. Die Wissenschaftler hatten Daten von rund 265 000 Patientinnen und Patienten sowie von 785 000  gesunden Menschen aus genomweiten Assoziationsstudien untersucht und nach gemeinsamen Erbanlagen von 25 neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen gefahndet.

Dabei stellten sie fest: »Psychiatrische Störungen teilen sich einen beträchtlichen Anteil ihrer genetischen Risiken, besonders Schizophrenie, depressive Episoden, bipolare Störung, Angststörung und ADHS.« Nicht aber das Tourette-Syndrom sowie Autismus-Spektrum-Störungen: Sie hatten in Bezug auf die Risikogene, die die Krankheiten womöglich auslösen, wenig mit den übrigen psychiatrischen Syndromen gemein. Neurologische Erkrankungen unterscheiden sich im Hinblick auf ihre genetischen Wurzeln grundsätzlich stärker voneinander sowie von den psychiatrischen Störungen, mit einer Aus­nahme: Migräne. Hier fand sich ein Zusammenhang mit ADHS, dem Tourette-Syndrom und depressiven Episoden.

Die spezifischen genetischen Krankheitsursachen würden sich damit nicht in der gängigen klinischen Diagnostik psychiatrischer Erkrankungen ­wider­spiegeln, schlussfolgern die Autoren. Zumindest auf genetischer Ebene ließen sich die verschie­denen Störungsbilder offenbar deutlich weniger stark voneinander abgrenzen als im klinischen Alltag. Ihre Befunde, so das Fazit der Forscher, unterstreichen die Notwendigkeit, die psychiatrische Diagnostik weiterzuentwickeln, und lieferten zugleich das Gerüst dazu.

9/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 9/2018

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  • Quelle
Science 10.1126/science.aap8757, 2018