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Qualitätskriterien der Versuchstierforschung


Das Wort „Qualitätskriterien“ im Titel bezieht sich nicht auf die Güte, sondern auf die Variabilität und Varianz in den Merkmalen von Versuchstieren. Hier sollen die von vornherein gegebenen Bedingungen dargestellt werden, mit denen man sich bei der Arbeit mit Versuchstieren in der biomedizinischen Forschung stets auseinandersetzen muß.

Das Buch vermittelt ausschließlich wissenschaftliche Informationen und bleibt durchgängig sachlich und wertneutral. Weder findet man darin eine Diskussion der gegenwärtigen Kritik und Polemik zum Tierversuch noch die üblichen praktischen Anweisungen, wie sie in der versuchstierkundlichen Fachliteratur verbreitet sind. Aufbau und Auswahl des Inhalts sprechen für gute Zusammenarbeit zwischen den durch die Beteiligung an den Arbeiten erfahrenen Autoren und dem Herausgeber Klaus Gärtner, dem Initiator und damaligen Sprecher des Sonderforschungsbereichs 146, der von 1972 bis 1987 mit mehr als 22 Millionen DM von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde.

Bei ausgewogener Länge der Texte variiert erheblich der Aufwand, den die einzelnen Autoren getrieben haben, um ihr Thema über den eigenen Arbeits- und Erfahrungsbereich hinaus in einen breiteren Rahmen einzubauen. Das ist ablesbar an den Literaturverzeichnissen, die zwischen 10 (Kapitel 6) und 307 (Kapitel 5) Zitate enthalten. Dennoch entsteht nirgends der Eindruck des Anekdotenhaften durch zu enge Beschränkung auf Einzeluntersuchungen.

Einige Kapitel enttäuschen wegen der lückenhaften Berücksichtigung des vorhandenen Wissensfundus und des Mangels an Verweisen auf weiterführende Zusammenhänge. Sie sind dennoch exemplarisch und wichtig als Orientierungshilfen, weil sie in eine besondere Thematik einführen – wie Kapitel 3 in die Allometrie als Untersuchungsmethode oder Kapitel 7 in die biologischen Rhythmen als angeborene Phänomene. Die Mehrzahl der Beiträge hat das gesetzte Ziel erreicht, „solide Informationsquellen“ vorzulegen, so in den Kapiteln über genetisch definierte Inzuchtstämme (5), mikrobielle Faktoren als Variationsquelle (8), Tötung von Versuchstieren (10) und Methoden der Fortpflanzungsbiologie (11). Kapitel 13 erläutert am Beispiel des Zusammenhangs zwischen Vitamin D und Rachitis sehr anschaulich, wie komplex die Grundlagenforschung über menschliche Krankheiten und ihren verwickelten Verlauf sein kann.

Das Hauptthema führt der Herausgeber im Kapitel 4 zu den Ursachen und zum Umgang mit der Variabilität von Meßdaten ein. Gärtner zerlegt die Varianz in drei Anteile: eine von außen aufgezwungene und teilweise kontrollierbare Komponente, eine genetisch bestimmte und als Rest eine dem menschlichen Zugriff unzugängliche. Wie diese „intangible“ Komponente gesteuert wird, ist bisher nicht bekannt.

Unvollständig ist, was zum Einfluß der Adaptation auf die Varianz der Merkmale vorgelegt wird. In einer Liste sind willkürlich gewählte Merkmale unter pauschalen Bedingungen auf drei aufeinanderfolgende Adaptationsphasen aufgeteilt (Seite 64). Die Angaben sind nicht nachvollziehbar, weil die Begriffe nicht definiert sind und Angaben zu den Autoren fehlen. Vor der praktischen Nutzung dieser Tabelle, die sich auf die Adaptationslehre des Stress-Forschers Hans Selye (1907 bis 1982) bezieht, sei der Leser gewarnt. Die nachfolgenden Kapitel behandeln erst die genotypische (5 und 6) und dann die phänotypische Variabilität (7, 8 und 9).

Die Grundsatzfrage zur Nutzung von Tieren im wissenschaftlichen Versuch stellt Gärtner im Einführungskapitel in das Spannungsfeld zwischen biologischen, soziologischen und philosophischen Aspekten, ohne sich auf Lösungen festzulegen. Die Sympathie der Menschen für Tiere reicht von anonymen sachdienlichen Beziehungen bis zu engen persönlichen Bindungen. Die sachliche Einstellung herrscht beim Zusammenleben mit Nutztieren vor, die emotionale Bindung bei Stadtbewohnern mit eigenem Heimtier, denen eine ausgiebige Erfahrung von Landschaft und Bindung an sie fehlt.

Zur Auseinandersetzung zwischen Tierschutz und Tierforschung vergleicht Gärtner theologisch-philosophische mit biologischen Ansichten. Erstere sind statisch, letztere dynamisch unter Berücksichtigung der andauernden Evolution. In einer nicht-stationären Welt, in der jederzeit Neues auftreten kann, sind wir zur Forschung aufgerufen, um das Neue zu verstehen und um bei Bedarf zum Wohle von Mensch und Tier vernünftig eingreifen zu können.

Das Buch ist weit mehr als ein Arbeitsbericht. Es spricht nicht allein die in der Versuchstierkunde tätigen Fachwissenschaftler, sondern wegen der vielen grundsätzlichen Themen alle die an, die auf die Methode des Tierversuches in der Forschung angewiesen sind und sie überlegt einsetzen wollen. Gemessen an dem potentiellen Lerngewinn für die Planung der Untersuchungen und für die oft noch schwierigere Interpretation der Ergebnisse ist der Preis bescheiden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1993, Seite 110
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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