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Quasare - die kosmischen Mahlströme

Neue Beobachtungen mit dem Hubble-Weltraumteleskop helfen den Astrophysikern, die Geheimnisse der mysteriösen kosmischen Kraftwerke zu entschleiern.


Quasare sind die leuchtkräftigsten Objekte im Universum. Sie strahlen vielhundertmal heller als unser Milchstraßensystem, in dem immerhin etwa zehn Milliarden Sterne leuchten. Dabei sind sie in kosmischen Maßstäben betrachtet winzig: Licht, das sich mit 300000 Kilometern pro Sekunde ausbreitet, bräuchte nur wenige Tage, um sie zu durchqueren, doch einige zehntausend Jahre, um von einem Ende unserer Galaxis zum anderen zu gelangen.

Wie nur können Quasare so viel Energie in einem so kleinen Volumen erzeugen? Läßt sich ihr Vorhandensein überhaupt mit den bisher bekannten Gesetzen der Physik erklären? Um einer Antwort näherzukommen, richten die Astronomen ihre modernsten Instrumente – darunter auch das Hubble-Weltraumteleskop – auf diese rätselhaften Strahlungsmonster.





3C273 – der erste Quasar




Die Entdeckungsgeschichte der Quasare begann Anfang der sechziger Jahre, als man versuchte, einige der bekannten Radioquellen am Himmel mit im sichtbaren Licht erkennbaren Objekten in Verbindung zu bringen. Dies war damals eine große Herausforderung, denn das Auflösungsvermögen eines Radioteleskops ist viel kleiner als das eines optischen Fernrohrs, so daß sich die Position der untersuchten Radioquelle nicht genau genug ermitteln ließ.

Cyril Hazard, ein junger Astronom an der Universität Sydney (Australien), hatte jedoch eine Idee: Eine auffällige Radioquelle im Sternbild Jungfrau mit der Katalogbezeichnung 3C273 müßte gelegentlich vom Mond bedeckt werden, wenn dieser auf seiner monatlichen Bahn dort entlangzog. Zusammen mit John Bolten, dem Direktor des neugebauten Radioteleskops des australischen Nationalen Radioastronomischen Observatoriums bei Parkes in Neusüdwales, richtete Hazard 1962 die 64-Meter-Parabolantenne auf diese Quelle. Durch die genaue Messung der Zeitpunkte, zu denen das Radiosignal beim Vorbeigang der Mondscheibe verschwand und wieder auftauchte, wollten sie die Position der Quelle exakt bestimmen – in der Hoffnung, sie dann mit einem sichtbaren Objekt identifizieren zu können. Das Unternehmen drohte freilich zu scheitern, weil während der Messung die Parabolantenne ihren maximal zulässigen Kippwinkel erreichte. Offenbar unbeeindruckt von etwaigen Risiken beseitigte Bolton kurzerhand die Sicherheitssperren, und das Teleskop vermochte so der Bedeckung weiter zu folgen – bis der Rand der Antenne fast den Boden berührte.

Das Wagnis hatte sich gelohnt. Erstmals konnte Hazard die genauen Koordinaten einer kosmischen Radioquelle ermitteln. Und mehr noch: An dieser Stelle des Himmels fand er ein vergleichsweise helles, sternartiges Objekt. Maarten Schmidt, Astronom am Mount-Palomar-Observatorium in Kalifornien, nahm mit dem dortigen Fünf-Meter-Teleskop das optische Spektrum der Quelle auf. Zunächst war er verwirrt, ließen sich doch die beobachteten Emissionslinien offenbar keinem bekannten Element zuordnen. Doch schließlich erkannte der Wissenschaftler, daß es sich um ein Wasserstoffspektrum handelte, dessen Linien zu größeren Wellenlängen hin verschoben waren, und zwar um 16 Prozent. Dieser Effekt der Rotverschiebung ist auf die Expansion des Universums zurückzuführen: Spektrallinien erscheinen um so mehr zum roten Ende des sichtbaren Spektrums hin verschoben, je schneller die Quelle sich von uns wegbewegt und je weiter sie entfernt ist. Im Falle von 3C273 ergab sich eine Entfernung von rund zwei Milliarden Lichtjahren. Mit diesem Wert und der gemessenen Helligkeit errechnete Schmidt, daß die Quelle das Mehrhundertfache an Strahlung aussenden müsse wie eine Galaxie. Die erste quasistellare Radioquelle – kurz Quasar genannt – war entdeckt (vergleiche "Der Quasar 3C273", Spektrum der Wissenschaft, August 1991, Seite 94).





Rätselhafte Energieschleudern




Angespornt durch die Arbeiten von Hazard und Schmidt entdeckten in den folgenden Jahren auch andere Astronomen viele weitere Quasare. Es zeigte sich, daß deren Helligkeit oftmals stark variiert: Einige werden innerhalb von Tagen um das Zehnfache heller. Da eine Strahlungsquelle nicht schneller fluktuieren kann, als ein Lichtstrahl benötigt, um sie zu durchqueren, konnten die Forscher daraus die erstaunliche Schlußfolgerung ziehen, daß der Durchmesser dieser so leuchtkräftigen Objekte nicht größer als etwa eine Lichtwoche sein kann. Einige durchaus achtbare Astronomen weigerten sich deshalb schlicht, die enormen Entfernungen und Helligkeiten zu akzeptieren, die sich aus den Rotverschiebungen der Quellen ergaben. Diese fachliche Kontroverse schwappte auch in die populäre Presse über und lockte so eine jüngere Generation von Wissenschaftlern, darunter auch mich, in die astronomische Forschung.

Bis heute wurden mehrere tausend Quasare katalogisiert, einige mit Rotverschiebungen von 500 Prozent. Sie sind auch nicht schwer zu finden, denn im Gegensatz zu Sternen und Galaxien senden sie Strahlung in allen Wellenlängenbereichen aus, von der hochenergetischen Gamma- bis zur niederenergetischen Radiostrahlung (Bild 2 links). Es ist eine gewisse Ironie der Geschichte, daß sich die Radiostrahlung, durch die sie entdeckt wurden, schließlich als der unbedeutendste Anteil ihrer gesamten Strahlungsleistung entpuppte. Einige Astronomen plädieren deshalb dafür, die Bezeichnung Quasar durch QSO – quasistellares Objekt – zu ersetzen.

Die Quasar-Forschung versucht vor allem herauszufinden, wie sich diese Objekte phänomenologisch von Galaxien und Sternen unterscheiden, woher sie ihre unvorstellbare Energie beziehen und wie lange sie ihre enorme Leuchtkraft aufrechterhalten. In unserer kosmischen Nachbarschaft – bis in eine Entfernung von einer Milliarde Lichtjahren – kommt auf eine Million Galaxien nur ein Quasar. Doch bei einer Rotverschiebung von 200 Prozent – entsprechend einer Distanz von etwa zehn Milliarden Lichtjahren – ist die Häufigkeit der Quasare tausendfach größer (Bild 2 rechts). Es muß also im frühen Universum, vor zehn Milliarden Jahren, offenbar tausendmal mehr von ihnen gegeben haben als heute. Aber warum?

Keine dieser Fragen ist leicht zu beantworten. Selbst die leistungsfähigsten optischen Teleskope auf der Erde lassen keine Einzelheiten in den Quasaren erkennen – dazu müßten diese Himmelsobjekte hundertmillionenmal größer sein. Einige der Astronomen meinten von Anfang an, Quasare befänden sich innerhalb von Galaxien, vermutlich in ihren Zentren. Sie sammelten Indizien dafür, daß all die Phänomene, die bei Quasaren beobachtet werden, auch in den Kernen von etwa jeder hundertsten Riesengalaxie anzutreffen sind, wenngleich in erheblich schwächerer Ausprägung. Ein wahrer Zoo von aktiven Galaxien wurde enthüllt: Radiogalaxien, Seyfert-Galaxien, optisch rasch Veränderliche (optically violent variables, OVVs), Quellen mit scheinbar überlichtschnellen Strukturen, Blazare und so fort (vergleiche "Die fernsten Radiogalaxien", Spektrum der Wissenschaft, August 1993, Seite 38).

Die Astronomen vermochten indes nicht zu entscheiden, ob es sich bei all diesen Objekten um separate Klassen von Galaxienkernen handele oder lediglich um verschiedene geometrische Ansichten oder Entwicklungsstadien desselben Phänomens. Offen blieb auch, inwieweit aktive Galaxienkerne und Quasare miteinander verwandt seien. Kritiker wiesen darauf hin, daß sich beide in der Leuchtkraft zu sehr unterschieden; und es sei gerade der gewaltige Energieausstoß der Quasare, der sie so einzigartig und mysteriös mache.

Jerry Kristian, ebenfalls Astronom an der Sternwarte auf dem Mount Palomar, versuchte 1973 das Rätsel direkt anzugehen. Wenn sich Quasare innerhalb von großen Galaxien befänden, dann sollten diese auf langbelichteten Aufnahmen jeweils als diffuser Lichtfleck um die helle, punktförmige Strahlungsquelle herum erkennbar sein. Der Nachweis war diffizil, das wußte Kristian: Denn das Licht der gleißenden Punktquelle würde durch die Luftunruhe in der irdischen Atmosphäre zu einem hellen Scheibchen verbreitert, welches das um ein Vielfaches schwächere Licht der Wirtsgalaxie leicht überstrahlte. Doch er hatte Erfolg: Er vermochte um die Quasare mit der kleinsten Rotverschiebung – also um die am nächsten gelegenen – tatsächlich einen lichtschwachen, diffusen Halo nachzuweisen. Weitere Informationen ließen sich leider nicht gewinnen, nicht einmal, ob es sich um ellipsen- oder um spiralförmige Galaxien handelte.

Das Hubble-Weltraumteleskop: Rückschläge und erste Erfolge




Als in den siebziger Jahren vorgeschlagen wurde, ein großes optisches Teleskop in einer Erdumlaufbahn zu stationieren, erhofften sich die meisten Quasar-Forscher von einem solchen Instrument die ersten deutlichen Bilder der mutmaßlichen Wirtsgalaxien. Deren Nachweis wurde schließlich sogar zu einer der primären Aufgaben des aus diesen Vorschlägen hervorgegangenen Hubble-Weltraumteleskops erkoren. Wir vom Space Telescope Faint Object Camera Team der europäischen Raumfahrtbehörde ESA dachten beim Entwurf dieses Detektors stets daran, ihn für die Quasarforschung zu optimieren. So bauten wir eine Möglichkeit zur Brennweitenverlängerung ein, mit der sich eine stärkere Vergrößerung erzielen ließ, sowie einen Koronographen, in dem das helle Quasarlicht mit einer Blende abgeblockt werden kann, um die umgebende Galaxie sichtbar werden zu lassen (ganz so, wie die Korona der Sonne nur erkennbar ist, wenn der Mond die Sonnenscheibe bedeckt).

Inzwischen vermuteten viele Astronomen, daß extrem massereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Quasaren die einzige Erklärung für deren immense Energieproduktion sein könnten. Solche Schwerkraft-Monster mit der etwa einmilliardenfachen Masse der Sonne würden mit ihrer gewaltigen Anziehungskraft alles Gas und sogar die Sterne in ihrer Umgebung in sich hineinsaugen. Die Gasmassen würden dabei enorm beschleunigt und mit nahezu Lichtgeschwindigkeit in die Schwarzen Löcher hineinstrudeln, wobei starke Magnetfelder und eine Unmenge energiereicher Strahlung entstünden. Donald Lynden-Bell – damals am California Institute of Technology in Pasadena – errechnete, daß bis zu 40 Prozent der Ruhemasse der einfallenden Materie in Strahlung umgewandelt würden. Dieser Vorgang wäre somit 400fach effektiver als die thermonukleare Energieerzeugung im Innern von Sternen, was ihn zur bevorzugten theoretischen Erklärung für die Quasare werden ließ.

Um dieses Modell zu testen, bauten wir einen speziellen Spektrographen in die Faint Object Camera des Weltraumteleskops ein. Damit wollten wir die Rotationsgeschwindigkeit der Materie in den aktiven Galaxienkernen messen und so die Masse der Schwarzen Löcher in ihren Zentren bestimmen.

Als das Hubble-Weltraumteleskop nach mehreren Verzögerungen schließlich 1990 in eine Erdumlaufbahn gebracht wurde und die ersten Aufnahmen vorlagen, zerstoben alle unsere Hoffnungen. Bekanntlich erwies sich das Teleskop als fehlerhaft, weil der Hauptspiegel falsch geschliffen worden war. Wie so viele meiner Kollegen hatte ich das bittere Gefühl, durch diesen unsäglichen Vorfall fünf bis zehn der produktivsten Jahre meines Lebens als Astronom verloren zu haben.

Zwar konnten Astronauten im Jahre 1993 neue Kameras mit einer Korrekturoptik in das Weltraumteleskop einsetzen, doch gingen uns dadurch die ursprünglich eingebauten Spezialinstrumente verloren. Wenn wir trotzdem nach Quasar-Galaxien suchen wollten, so würden wir die neue Wide Field Planetary Camera benutzen müssen, die nicht für diesen Zweck konstruiert war. Mein Team und ein anderes aus den USA, das John Bahcall vom Institute of Advanced Study in Princeton (New Jersey) leitete, nahmen jedoch die Herausforderung an.

Unser Unterfangen glich der Aufgabe, die Marke eines Autos zu ermitteln, das in einem nächtlichen Schneesturm mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf uns zukommt. Wir mußten jeweils mehrere Aufnahmen eines Objekts machen, das Bild des hellen Quasars vom Gesamtbild subtrahieren und diese Zwischenergebnisse nach allen Regeln der Kunst auf dem Computer auswerten. In den meisten Fällen enthielten die resultierenden Bilder tatsächlich genügend Einzelheiten, um die Strukturen einer Galaxie auszumachen. Doch zu allem Übel ging uns auch noch die Erfahrung von Jerry Kristian verloren, der auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet hatte: Noch während der Auswertungsphase verunglückte er beim Absturz eines Ultraleichtflugzeuges tödlich.

Insgesamt hatten unsere Teams 34 Quasare mit dem Hubble-Teleskop beobachtet. Bei drei Viertel von ihnen fand sich ein schwacher, verschwommener Halo, also ein Hinweis auf eine Wirtsgalaxie; bei den übrigen verlief die Suche zwar negativ, doch könnte in diesen Fällen das gleißende Quasarlicht die umgebenden Sternsysteme überstrahlt haben. Etwa die Hälfte der sichtbaren Galaxien erwies sich als elliptisch, die andere als spiralförmig, wobei auffällt, daß die Quasare mit der stärksten Radiostrahlung offenbar bevorzugt in elliptischen Galaxien auftreten. Der interessanteste Befund ist aber zweifellos der, daß drei Viertel der Quasar-Galaxien gerade mit einem anderen Sternsystem zu kollidieren oder mit ihm zu verschmelzen scheinen (Bild 1).

Zu dem gleichen Ergebnis waren bereits zuvor John Hutchings und seine Mitarbeiter vom Dominion Astrophysical Observatory in Victoria (Kanada) gekommen. Diese Forschergruppe hatte für ihre Beobachtungen ein mit adaptiver Optik ausgestattetes Teleskop auf der Erde benutzt, das die Störungen durch die Luftunruhe weitgehend kompensieren konnte. Doch die Effekte der Wechselwirkung zwischen den Galaxien sind in den Aufnahmen des Hubble-Weltraumteleskops deutlicher zu erkennen. Die Bilder legen nahe, daß die Kollision von Sternsystemen die Aktivität eines Quasars auslöst. Bei einem solchen Zusammenstoß durchdringen sich die Galaxien, und die Störungen infolge der Gravitationswirkung können Sterne und interstellare Gasmassen aus ihrer ursprünglichen Bahn ablenken und in die Zentralregion eines der beiden Sternsysteme schleudern, wo sie in den Anziehungsbereich des dort vorhandenen Schwarzen Loches geraten. Auf diese Weise könnte der Energienachschub für den Quasar über lange Zeit aufrechterhalten werden.

Durch diesen Prozeß ließe sich auch die unterschiedliche Häufigkeit der Quasare zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte des Universums erklären. Unmittelbar nach dem Urknall gab es noch keine Galaxien, somit auch keine Kollisionen zwischen ihnen. Falls bereits Schwarze Löcher vorhanden waren, so fehlte doch der Mechanismus, um ihnen Materie in ausreichendem Maße zuzuführen. Folglich werden bei hohen Rotverschiebungen, in Entfernungen von mehr als 11 Milliarden Lichtjahren, kaum Quasare beobachtet. In der nachfolgenden Epoche bildeten sich dann Galaxien heraus, und in dem noch jungen Universum standen sie relativ dicht beisammen, so daß Wechselwirkungen recht häufig waren; dies erklärt die hohe Anzahl von Quasaren, die man in einer Entfernung von rund 10 Milliarden Lichtjahren beobachtet (Bild 2 rechts). Mit der weiteren Expansion des Alls vergrößerten sich schließlich die mittleren Abstände der Galaxien voneinander so sehr, daß die Häufigkeit der Kollisionen drastisch abnahm – und damit auch die Anzahl der Quasare.

Etwa ein Viertel der mit dem Hubble-Weltraumteleskop beobachteten Quasar-Galaxien zeigt allerdings keinerlei Anzeichen für eine Kollision mit einem anderen Sternsystem (Bilder 3a und b). Entweder blieb in diesen Fällen eine kleine Begleitgalaxie im hellen Schein des Quasars verborgen, oder es gibt einen weiteren Mechanismus, der genügend Materie liefert, um ein massereiches Schwarzes Loch in einen Quasar zu transformieren. Eines ist heute indes gewiß: Die überwiegende Mehrheit der Wechselwirkungen zwischen Galaxien führt nicht zum Aufleuchten eines Quasars – sonst müßte es erheblich mehr dieser kosmischen Leuchtfeuer geben als man beobachtet.

Man könnte nun aus der geringen Häufigkeit der Quasare schließen, daß Schwarze Löcher großer Masse recht selten sind und nur in einem kleinen Bruchteil der Galaxien vorkommen. Dem widerspricht jedoch ein Befund, der kürzlich von einem Team von Astronomen unter der Leitung von Douglas Richstone von der Universität von Michigan in Ann Arbor präsentiert wurde. Den Forschern gelang es, die Geschwindigkeitsverteilung der Materie in den Zentralbereichen von 27 nahen Galaxien zu bestimmen, indem sie Beobachtungen mit dem Weltraumteleskop mit spektroskopischen Untersuchungen von der Erde aus kombinierten. In elf dieser Sternsysteme bewegt sich die Materie so rasant, daß in ihren jeweiligen Zentren äußerst massereiche Materiekonzentrationen verborgen sein müssen; vermutlich handelt es sich dabei um Schwarze Löcher.

Dieser Befund erhärtete sich 1994 durch eine weitere Beobachtung mit dem Hubble-Teleskop: Eine Gruppe von Astronomen um Holland Ford von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (Maryland) untersuchte den Zentralbereich von M87, einer etwa 50 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernten elliptischen Riesengalaxie im Virgo-Haufen. Der aktive Kern dieses Sternsystems emittiert ein breites Strahlungsspektrum, ganz ähnlich dem von Quasaren, allerdings mit nur einem Tausendstel der Intensität. Die Wissenschaftler stellten fest, daß das Licht auf der einen Seite des Kerns blauverschoben ist, die leuchtende Materie sich also in Richtung des Sehstrahls auf uns zu bewegt, auf der anderen Seite hingegen rotverschoben, sich dort also vom Beobachter entfernt (Kasten auf der gegenüberliegenden Seite). Dies ist ein deutliches Indiz für eine rotierende Scheibe aus heißem Gas. Die Geschwindigkeit des Materiewirbels ist so hoch, daß er nur von einer Zentralmasse zusammengehalten werden kann, in der etwa drei Milliarden Sonnenmassen vereinigt sind. Einzig plausible Erklärung ist ein Schwarzes Loch. Vor Jahrmilliarden war der Kern von M87 vielleicht auch einmal ein Quasar.





Viele offene Fragen




Auf den neuen Beobachtungen aufbauend haben die Astronomen ein vorläufiges Bild von der Entstehung der Quasare entworfen. Demnach enthalten die meisten Galaxien in ihren Zentren massereiche Schwarze Löcher, die unter bestimmten Umständen große Mengen an Energie abstrahlen können. Die Energieproduktion steigt jedesmal dramatisch an, wenn die Materiemenge, die als interstellares Gas oder als Fetzen zerrissener Sterne in das Schwarze Loch hineinwirbelt, etwa eine Sonnenmasse pro Jahr übersteigt. Ein derartiger Mahlstrom wird zumeist – aber nicht immer – durch Kollisionen oder nahe Vorübergänge von Galaxien ausgelöst. Darum gab es in der Epoche hoher Galaxiendichte im noch jungen Universum mehr Quasare, als heute in der Umgebung des Milchstraßensystems zu beobachten sind.

Was läßt sich über die individuelle Leuchtdauer dieser Energiemonster sagen? Nicht viel Gesichertes. In keiner der beobachteten Wirtsgalaxien sind Anzeichen dafür zu finden, daß sie in irgendeiner Form Schaden genommen hätten. So ist das Wasserstoffgas in ihnen kaum ionisiert, wie es zu erwarten wäre, wenn der Quasar seinen enormen Energieausstoß sehr lange beibehalten würde. Aus dem Umstand, daß so viele der Wirtsgalaxien mit anderen Sternsystemen wechselwirken und daß solche gravitativen Beeinflussungen üblicherweise wohl nicht länger dauern als eine galaktische Rotationsperiode, läßt sich auf eine Lebensdauer der Quasare von weniger als 100 Millionen Jahren schließen. Und wenn das Vorhandensein massereicher Schwarzer Löcher in den meisten Galaxien tatsächlich als Beleg für eine frühere Quasar-Aktivität anzusehen ist, dann ergäbe sich aus der geringen Häufigkeit von maximal einem Quasar auf 1000 Galaxien eine Lebensdauer von nur zehn Millionen Jahren oder weniger. Dann wäre das Quasar-Phänomen nur eine kurze Episode in der bereits etwa zehn Milliarden Jahre währenden Entwicklungsphase der Galaxien – eine Episode allerdings, auf die etwa zehn Prozent des gesamten Strahlungsausstoßes des Sternsystems entfielen.

Um diese Vorstellungen zu überprüfen, sind zweifellos weitere Beobachtungen mit den leistungsfähigsten Instrumenten erforderlich. Die bisher untersuchte Auswahl an Quasaren ist nicht repräsentativ genug, um wirklich verläßliche Schlußfolgerungen ziehen zu können. Allerdings wird sich die weitere Suche auch auf nahe Quasar-Galaxien beschränken müssen, denn fernere wären mit den gegenwärtigen Instrumenten kaum nachzuweisen. Die Astronomen hoffen, mit zwei Geräten, die kürzlich am Hubble-Weltraumteleskop installiert wurden, neue Entdeckungen zu machen: NICMOS (Near Infrared Camera and Multi-Object Spectrometer) soll den Wissenschaftlern einen Blick in die staubverhangenen Kerne von Galaxien erlauben, und mit STIS (Space Telescope Imaging Spectrograph) wird die Bestimmung von Rotationsgeschwindigkeiten und damit Massen in den Zentralbereichen von Galaxien weitaus schneller möglich sein als bisher. Für 1999 plant die NASA auch den Einbau der sogenannten Advanced Camera in das Weltraumteleskop, die endlich einen hochauflösenden Koronographen enthält, mit dem sich das alles überstrahlende Quasarlicht ausblenden und so die Wirtsgalaxie leichter erkennen läßt.

Des weiteren sind Fortschritte in den theoretischen Modellen nötig. Bislang vermag niemand zu sagen, wie und wann sich die massereichen Schwarzen Löcher überhaupt gebildet haben: Waren sie bereits vor den Galaxien da, oder entstanden sie erst später? Zudem gibt es bisher keine überzeugende Vorstellung davon, auf welche Weise die Masse der einfallenden Materie in das breite Spektrum der Quasarstrahlung – von den Gammastrahlen bis hin zu den im Radiobereich erkennbaren scheinbar überlichtschnellen Jets – konvertiert wird. Welche Herausforderung das bedeutet, veranschaulichte die Astronomin Carole Mundell vom Jodrell-Bank-Observatorium in England: Den Quasar-Mechanismus verstehen zu wollen, ähnele der Aufgabe herauszufinden, was unter der Motorhaube eines Autos vorgeht, von dem man lediglich weiß, daß es Abgase produziert.

Literaturhinweise

– Perspectives in Astrophysical Cosmology. Von Martin J. Rees. Cambridge University Press, 1995.
– Active Galactic Nuclei. Von Ian Robson. John Wiley, 1996.
– An Introduction to Active Galactic Nuclei. Von Bradley Peterson. Cambridge University Press, 1997.
– Informationen über das Hubble-Weltraumteleskop findet man unter http: //www.stsci.edu im World Wide Web


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1998, Seite 40
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 1998

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