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Quo vadis, Hochschule?

Einige Gedanken des seit 1. Januar 1998 amtierenden Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu den Bemühungen um Hochschulreformen.

In unser Hochschulwesen ist Bewegung gekommen, und das ist gut so. Zwar werden in und von unseren Hochschulen Hoch- wenn nicht Höchstleistungen vollbracht. Einiges ist dennoch verbesserungswürdig. In den Beiträgen des Forums "Perspektiven der Hochschulentwicklung" (Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1997, Seite 34) wurden dazu gewichtige Meinungen vertreten. Zu einigen Themen, die mich als den neuen DFG-Präsidenten interessieren, wie die Problematik der Studien-gebühren, die Internationalität des Forschungsbetriebs und die Nachwuchs-situation, stehen jedoch noch einige Beobachtungen und Bemerkungen aus.

Bei der Frage nach den Studiengebühren fällt auf, wie allzuoft die Diskussion darüber nur einseitig geführt wird, ohne das Ganze im Auge zu behalten. So spricht beispielsweise durchaus einiges für Studiengebühren, zumindest auf den ersten Blick. Sie sind zweifellos ein Instrument des Wettbewerbs, das Rückwirkungen auf die Qualität von Hochschullehrern, Studierenden und damit die Qualität der Hochschulen insgesamt haben kann. Studiengebühren müssen auch nicht unbedingt der Chancengleichheit entgegenstehen, zumindest dann nicht, wenn der von vielen ungeliebte Begriff im gleichen Atemzug mit Stipendien- und Darlehnsprogrammen verwendet wird. Selbst im Mekka dieses Systems, an den Eliteuniversitäten der amerikanischen Ostküste, zahlt ein Drittel der Studierenden überhaupt keine Gebühren.

Dennoch meine ich, daß ein Staat, der immer wieder auf seine geistigen Ressourcen rekurriert, seinen Bürgerinnen und Bürgern auch ein Hochschulstudium zu finanzieren in der Lage sein müßte, selbstverständlich unter strikten Zeit- und Leistungsvorgaben. Die Angelegenheit ist allein eine Frage der Prioritäten. Natürlich ist der Staat durch die Wiedervereinigung und auch durch unser Unvermögen, einige wichtige Reformen anzupacken, in den letzten Jahren rein materiell gesehen nicht reicher geworden. Für den Bildungssektor würde das Geld dennoch reichen, wenn man ihm einen höheren Stellenwert einräumte als beispielsweise leerstehenden Wohnungen in Ostdeutschland oder Containerschiffen. Leider ist aber nirgendwo sonst der Widerspruch zwischen Festreden und Handeln so groß wie ausgerechnet auf dem Felde der Bildungspolitik.


Zur mangelnden Internationalität des Forschungsbetriebs

In Deutschland gibt es etwa 1,9 Millionen Studierende; davon sind 140000, also sieben Prozent, Ausländer. In Wirklichkeit ist dieser Anteil geringer, denn in dieser Zahl sind die bereits seit ihrer Geburt in der Bundesrepublik lebenden ausländischen Mitbürger eingerechnet (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, März 1997, Seite 122).

Es wird immer wieder gesagt, daß ausländische Studierende später deutsche Produkte kaufen. Dies mag ein nützlicher Nebeneffekt sein. In Wahrheit geht es aber um uns selbst. Unsere Probleme sind nicht mehr nur lokal, sondern global. Sie können nur durch Achtung, Verständnis für den anderen und in einem gewissen globalen Miteinander gelöst werden. Der frische und auch kalte Wind der weiten Welt erhöht die Weltläufigkeit aller Beteiligten.

Warum ist es aber heute so, daß japanische Studenten in Deutschland zwar Musik studieren, aber nicht mehr Maschinenbau oder Biologie? Warum sind Berufungen von Ausländern so selten und in der Regel schwierig? Das hat viele Gründe. Einer ist, daß wir uns in der Sprache immer noch kompromißlos geben. Eine Chemievorlesung etwa war nie ein Hort oder Urquell der reinen deutschen Sprache; zumindest muß sie es nicht sein. Im germanistischen Oberseminar ist dies natürlich anders. Bachelor und Master als Studienabschlüsse anzubieten reicht allein nicht aus, es muß auch die Sprache stimmen. Wer will, soll seine Prüfungen ruhig in englischer Sprache ablegen können. Unsere deutschen Studierenden bereitet diese Übung auf eine spätere Arbeit im und mit dem Ausland vor. Daß Förderanträge mehr und mehr, wissenschaftliche Publikationen praktisch nur noch in englischer Sprache geschrieben werden, ist ohnehin gelebte Wirklichkeit.

Wir müssen unsere ausländischen Gäste auch besser behandeln. Die Widrigkeiten der deutschen Bürokratie beginnen für sie in den Generalkonsulaten und Botschaften, und in den örtlichen Meldebehörden erreichen sie ihren Höhepunkt. Wir behandeln Gastwissenschaftler in der Regel wie Asylbewerber; Ausnahmen bestätigen die Regel. Anderswo auf der Welt gibt es für sie entweder extra Schalter, oder es kommen die Beamten der Meldebehörden sogar in die Institute. Warum nicht bei uns?

Auch das öffentliche Dienstrecht diskri-miniert ausländische Gastwissenschaftler. Wenn Stellen nach Weggang des Stelleninhabers für mindestens drei Monate gesperrt werden, dann beeinflußt das zunächst einmal in ganz besonderem Maße die Arbeit der Universitäten mit ihrem natürlichen Turnover an Mitar-beitern. Universitäten sind keine Behörden. Aber es sind auch und gerade die ausländischen Gäste, die bei uns nur kurz verweilen wollen, gegen die sich das Verfahren richtet. Welcher Dozent möchte eine Stelle nur für sechs Monate eines Jahres besetzen wollen? Es ist schon merkwürdig. Da beanspruchen wir, die Exportnation Nummer 1 in der Welt zu sein oder sind es sogar, und interessieren uns nicht für die Grundlagen dieses Erfolgs oder nehmen sie für gottgegeben hin. Das winterschlafende Murmeltier kann ziemlich sicher sein, wieder aufzuwachen. Aber wir?

Immerhin gibt es zu diesem Thema einen Lichtblick. Einrichtungen wie die Alexander von Humboldt-Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst oder die Goethe-Institute vollbringen auf dem Felde der internationalen Zusammenarbeit Glanzleistungen. Um so unverständlicher, daß auch hier nun Meister Schmalhans als Küchenmeister zu regieren beginnt. Außenpolitik ohne Prioritäten?


Zum Thema Nachwuchssituation

Unsere Absolventen und unsere Habilitanden sind zu alt, keine Frage. Sie gehen zu lange zur Schule, sie finden nicht immer gut strukturierte Studiengänge, und schließlich fehlt uns eine Postdoktorandenkultur. Nachdem ich noch nie einen Studierenden gefunden habe, der das 13. Schuljahr nicht als totalen Leerlauf bezeichnet hätte, sollten wir dieses leichten Herzens entbehren können. An der Modernisierung von Studiengängen wird vielerorts intensiv gearbeitet – in der Regel nicht deshalb, weil die Lehre in der Vergangenheit ausnahmslos schlecht gewesen wäre, sondern weil die Studiengänge anderen, international kompatiblen Randbedingungen angepaßt werden müssen, oder an neue Studieninhalte, wie ganz besonders in den Lebenswissenschaften.

Dies geschieht auch. An der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität wird derzeit in Zusammenarbeit mit der Harvard Medical School die Medizinerausbildung völlig erneuert und auf eine fall- beziehungsweise patientenorientierte Lehre umgestellt. Damit kommt man einer lange ersehnten Annäherung von Wissenschaft und Klinik entgegen. Zur Nachahmung empfohlen!

Und schließlich die fehlende Postdoktorandenkultur. Für junge Promovenden ist es unerläßlich, nach der Promo-tion zwei oder drei Jahre außerhalb ihrer bisherigen Wirkungsstätte zu verbringen, meist im Ausland. In unserem Lande gibt es diese Möglichkeit nur sehr eingeschränkt, weil das System dafür keine Stellen zur Verfügung stellt. Assistentenstellen sind hierfür im Grunde nicht geeignet. Sie sollen dem Hochschullehrernachwuchs zur Verfügung stehen, um ihm frühzeitig Gelegenheit zu geben, wissenschaftlich selbständig zu arbeiten. Kluge Professoren haben schon immer diesen Weg für ihre besten Absolventen offen gehalten; allzuviele aber halten ihre Mitarbeiter jahrelang auf solchen Stellen als abhängige Postdoktoranden fest und versperren ihnen so den Weg zu einer zeitigen Habilitation. Wen wundert es, daß nach dreijähriger Postdoktorandenzeit in den USA, nach vierjährigem Postdoktorat auf einer Assistentenstelle und nach weiteren vier Jahren selbstständiger Arbeit ein Habilitand heute 40 Jahre alt und damit unberufbar ist.

Die DFG, werden einige Leserinnen und Leser dieser Zeilen einräumen, könnte dies sehr schnell ändern. So leicht ist dies aber nicht, denn die DFG ist nicht ihr Präsident und ist auch nicht ihre Geschäftsstelle, sondern die DFG sind wir alle, die wir aus den unterschiedlichsten Motiven heraus bei Förderanträgen oft, allzu oft, die beantragte Postdoktorandenstelle in eine Doktorandenstelle kürzen und damit nicht einfach Geld sparen, dies auch, sondern Doktoranden produzieren, für die nachher der Weg versperrt ist.

Die Europäische Union hilft hier mit ihren "Training and Mobility"-Programmen weiter, insbesondere, wenn diese im fünften Rahmenplan in ihrem Umfang nun verdoppelt werden. Vielleicht würde es auch nützlich sein, als promovierter Wissenschaftler oder, vor allem, als promovierte Wissenschaftlerin, seine eigene Stelle beantragen zu dürfen. Möglicherweise wird auch die Experimentierklausel in den Hochschulgesetzen einige Hochschulen auf die Idee bringen, Assistentenstellen in Stellen für selbständige Assistenzprofessuren, die im Wettbewerb besetzt werden, umzuwandeln. Es wird einer konzertierten Aktion bedürfen, hier Abhilfe zu schaffen.

Zu einer Postdoktorandenkultur gehört aber noch viel mehr als nur Stellen an der Universität. Es gehören dazu auch Berufsmöglichkeiten, die über die Hochschullehrerlaufbahn hinausweisen. Physiker und Ingenieure finden sich heutzutage nicht nur dort, wo sie in ihren ureigensten Gebieten forschen oder entwickeln können, sondern auch in Banken und Risikokapital-Firmen. In den Lebenswissenschaften war dieses Marktsegment lange verschlossen. Die große Pharmaindustrie hat seit Jahren Stellen abgebaut. In den USA gab und gibt es die Alternative junger Biotech-Neugründungen, mit Zehntausenden von hochqualifizierten Arbeitsplätzen für junge Absolventinnen und Absolventen.

Nachdem wir uns lange damit – aus vielerlei Gründen – schwertaten, ist inzwischen auch in der Bundesrepublik eine solche Innovationskultur im Ent-stehen begriffen, die uns in die richtige Richtung zu katapultieren scheint. Aus Professoren werden wieder Unternehmer, und umgekehrt; Doktoranden lernen "Businesspläne" schreiben. Ein gewisser Aufbrauch ist nicht zu übersehen. Der Bioregio-Wettbewerb des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft, Forschung und Technologie hat hierzu entscheidend beigetragen.

Wenn ich diesen Weg befürworte und mich sogar selbst daran aktiv beteilige, dann kann damit nicht gemeint sein, daß von nun an wirtschaftliches Denken und Handeln allein die Arbeit in unseren Instituten, Seminaren und Laboratorien bestimmen soll. Dies hieße in der Tat, das Kind mit dem Bade auszuschütten und wieder in dieselbe Falle Wirtschaft/Universität hineinzulaufen, wie wir dies in der Post-68er-Zeit, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen, erlebt haben.

Die reine Funktionalisierung der Universität, wie sie gelegentlich im Übereifer propagiert wird, kann nicht unser Ziel sein. Es ist richtig: Die große Mehrzahl unserer Studierenden bilden wir für die Wirtschaft aus. Auch und gerade dabei geht es aber nicht um fach-liche Qualifikationen allein, sondern genauso um die Ausbildung zu Entscheidungs- und Verantwortungsträgern. Unsere Absolventen müssen Zukunftsaufgaben lösen lernen, und das lebenslang und in einer Welt voller Widersprüche, die gerade erst anfängt, von Informationstechnologien durchdrungen und damit global zu werden. Die Erfahrung zeigt, daß die Ausbildung zur Forschung dazu hervorragend geeignet ist. Letztlich befähigt sie nämlich nicht nur dazu, Forschungsanträge zu schreiben und dann in die Tat umzusetzen, sondern sie hilft Talente zu entwickeln, wie Eigeninitiative, Organisationstalent und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, die auch dann gebraucht werden, wenn später im Leben nicht mehr nur geforscht wird.

Ich kann nur hoffen, daß die diversen Hochschul- und anderen Räte, die jetzt geschaffen werden sollen, dies im Sinne behalten und in den von ihnen betreuten Hochschulen nicht einfach nur verlängerte Arme ihrer Entwicklungsabteilungen sehen. Was wiederum nicht heißen soll, daß die Hochschulen nicht unendlich viel von der Wirtschaft lernen und profitieren könnten – im Gegenteil. Das neue System einer größeren Nähe der Hochschulen zur Wirtschaft und zur Gesellschaft aber wird nur dann wirklich befriedigen und von Erfolg gekrönt sein, wenn jeder das tun darf, was er am besten kann. Dieses im Sinn, könnte die Hochschulreform durchaus zu einer Chance für uns alle werden.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1998, Seite 124
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1998

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