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Kulturwissenschaften: Ratlos in die Zukunft

Eine so dichte Abfolge drastischer und rapider gesellschaftlicher Wandlungsprozesse hatte es in der Geschichte noch nie zuvor gegeben! Auf die russische Revolution 1917 folgte das Experiment der Weimarer Republik, die von der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 abgelöst wurde. Revolutionen erschütterten in den 1960er und 1970er Jahren Südamerika. Die Welt schien sich im Kalten Krieg in einem Gefüge von Machtblöcken einzurichten, das sich 1989 mit dem Kollaps der Sowjetunion verflüchtigte. Als eine Folge davon zerbrach Jugoslawien nur zwei Jahre danach. Mancher dieser Prozesse bahnte sich innerhalb weniger Monate an und wirbelte doch die internationale Staatengemeinschaft durcheinander. Erstaunlicherweise verfügen weder Soziologie noch Politologie oder Geschichtswissenschaft über eine Theorie oder auch nur über Konzepte zur Beschreibung und Erklärung solcher sich selbst dynamisierender Gesellschaftsprozesse – obwohl jeder, der in diesen Wissenschaften arbeitet, dergleichen mindestens einmal selbst beobachten konnte.

Ohne eine adäquate Theorie aber gibt es keine Möglichkeit, solche Phänomene wahrzunehmen, zu analysieren und gegebenenfalls zu steuern. Vor diesem Hintergrund ist es symptomatisch, dass Experten in Westeuropa nach 1989 zwar die osteuropäischen Länder sogleich als "Transformationsgesellschaften" bezeichneten, diesen Begriff aber nicht auf die Situation ihrer eigenen Staaten anwenden. Offenbar sehen sie nicht, wie massiv insbesondere der Zusammenbruch des Ostblocks den Westen verändert. Ganz zu schweigen von noch kaum abzusehenden Entwicklungen, die der Wirtschaftsboom agiler "Schwellenländer", allen voran China und Indien, derzeit in Gang setzt.

Wie notwendig eine theoretische Durchdringung dieser Phänomene wäre, lässt sich leicht zeigen: Bedenkt man die Geschwindigkeit, mit der Bürgerkrieg, ethnische Säuberungen und Massenerschießungen das zersplitternde Jugoslawien erschütterten, hält man sich das Tempo vor Augen, in dem die deutsche Gesellschaft 1933 auf die nationalsozialistische Linie einschwenkte, scheint es um die Stabilität moderner Gesellschaften, um ihre institutionellen Sicherungssysteme und das psychosoziale Binnengefüge nicht sehr gut bestellt. Beunruhigende Meldungen zu diesem Thema gibt es genug: So ermittelte die Friedrich-Ebert-Stiftung dieser Tage, dass jeder dritte Bundesbürger der demokratischen Staatsform nicht mehr zutraue, die Probleme unserer Zeit zu lösen.

Es sind eben nicht abstrakte Kategorien wie "Gesellschaft" und "Herrschaftsformen", die auf reale oder nur gefühlte Probleme reagieren. Vielmehr zeigt das 20. Jahrhundert, dass sich die Menschen, die diese Gesellschaften bilden und ihre Herrschaftsformen leben, in ihren moralischen Orientierungen, in ihren Werten, in ihren Identifikationen und auch in ihrem zwischenmenschlichen Handeln überraschend schnell neu justieren können. "Moralische Umformatierungen" erfolgen insbesondere dann, wenn Gefährdungen das eigene Handeln einzuengen drohen oder wenn rasche Entscheidungen gefordert scheinen, um einer Gegenseite zuvorzukommen. Dieser Dynamik, diesem Strudel aus Wahrnehmungen und Verpflichtungen vermögen sich auch jene nicht zu entziehen, die neuen Entwicklungen zunächst distanziert gegenüberstehen ...
November 2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft November 2008

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