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Rechtes und linkes Gehirn: Split-Brain und Bewußtsein

Jahrzehntelange Studien an Patienten mit chirurgisch getrennten Großhirnhälften haben das Verständnis für den funktionellen Aufbau des Gehirns und das Wesen des Bewußtseins vertieft.


Gut dreißig Jahre ist es her, daß ich in einem Artikel für "Scientific American" aufregende neue Befunde über die Arbeitsweise des Gehirns resümierte. Sie waren mehreren Menschen zu verdanken, die sich wegen schwerer, anders nicht beherrschbarer Epilepsie einer tiefgreifenden Hirnoperation unterzogen hatten. Dabei war der Balken, das Corpus callosum, durchtrennt worden – jene mächtige Faserverbindung aus Neuronenfortsätzen, die wie eine Datenautobahn zwischen den beiden Großhirnhälften vermittelt (kleines Bild rechts). Als Therapie war der Eingriff recht erfolgreich, und meine Kollegen Roger W. Sperry (der 1981 den Medizin-Nobelpreis erhielt), Joseph E. Bogen, Philip J. Vogel und ich hatten verfolgt, was es bedeutet, wenn rechte und linke Großhirnhemisphäre nicht mehr miteinander kommunizieren können.

Ganz offensichtlich kam nun Sehinformation nicht mehr von einer Seite zur anderen. Wie im großen Bild zu erkennen ist, gelangen im heilen Gehirn Eindrücke aus dem rechten Teil des Gesichtsfeldes – also normalerweise von der linken Hälfte der Netzhaut beider Augen – zur linken Hemisphäre und umgekehrt. Das nutzten wir in Tests; wir ließen die Split-Brain-Patienten einen Punkt geradeaus fixieren und projizierten auf einen Schirm kurz rechts oder links davon Bilder. Was im rechten Gesichtsfeld auftauchte, demnach in der linken Gehirnhälfte verarbeitet wurde, konnten sie korrekt beschreiben; erschien dasselbe Bild jedoch im linken Feld, sahen sie – nun unter Benutzung der rechten Hirnhälfte – angeblich gar nichts. Sollten sie allerdings das Bild nicht benennen, sondern auf einen ihm gleichen Gegenstand deuten, konnten sie das ohne weiteres. Demnach sah das rechte Gehirn die Abbildung durchaus und vermochte eine sinnvolle Reaktion auszulösen, nur eben nicht in sprachlicher Form.

Vergleichbares stellte sich für den Tast- und den Geruchssinn und für das Hören heraus. Außerdem zeigte sich, daß die Muskulatur der Oberarme von bei-den Hemisphären gesteuert werden kann; Hand- und Fingerbewegungen stehen dagegen unter der alleinigen Kontrolle der gegenseitigen Hirnhälfte: Das linke Gehirn regiert nur die rechte Hand, das rechte die linke (Bild rechts).

Wir erkannten schließlich auch die insgesamt beträchtliche Arbeitsteilung und Spezialisierung beider Seiten. Jede hat eigene Aufgaben und Kompetenzen beim Denken und Handeln, damit aber auch ihre Grenzen. Das linke Hirn führt bei Sprache und Sprechen Regie, das rechte glänzt bei visuell-motorischen Anforderungen. Diese Unterscheidung ist bereits so stark ins Alltagswissen übergegangen, daß sich der Sprachgebrauch durchgesetzt hat, Schreiberlinge als Linkshirner und bildende Künstler als Rechtshirner einzustufen.


Kommunikation im Gehirn


Die Split-Brain-Forschung hat seit den Anfängen viele Gebiete der Neurowissenschaften bereichert und tut das noch immer. Das betrifft nicht nur die funktionelle Asymmetrie, zu der noch manches entdeckt wurde. Wir verstehen inzwischen auch, wie die beiden Hirnseiten nach Durchtrennung des Balkens kommunizieren. Die Erkenntnisse beleuchten die Sprachverarbeitung, die Mechanismen der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, aber auch die Gehirnorganisation, und sie sagen womöglich etwas über den Sitz falscher, nur eingebildeter Erinnerungen. Am vielleicht faszinierendsten ist jedoch, was sie zu den Vorstellungen vom Bewußtsein und von der Evolution der Funktionsweise des Gehirns beitragen.

Die frühen Studien warfen viele interessante Fragen auf, so auch die, ob die beiden separierten Großhirnhälften sich noch irgendwie einander mitteilen können und falls ja, was dies für das Denken und Handeln bedeutet. Der Balken ist zwar die mächtigste neuronale Brücke (Kommissur) zwischen den beiden Seiten, jedoch gibt es noch einige andere. Normalerweise durchtrennt man bei der geschilderten Operation nur den Balken und läßt die übrigen, kleineren Kommissuren intakt.

Welche Rolle sie haben könnten, hat man anhand des Aufmerksamkeitssystems geprüft, das zielgerichtete Wahrnehmung ermöglicht. Eine Reihe von Strukturen in der Großhirnrinde, dem Cortex, und in tiefergelegenen, entwicklungsgeschichtlich älteren Teilen des Endhirns sind daran beteiligt. Anfang der achtziger Jahre erkannte Jeffrey D. Holtzman von der Cornell-Universität in Ithaca (New York), daß jede Hirnhälfte ei- nes Split-Brain-Patienten bei räumlicher Wahrnehmung auch auf bestimmte Stellen beispielsweise im Blickfeld zu achten vermag, die eigentlich zur Sinnessphäre der Gegenseite gehören. Das legt nahe, daß das Aufmerksamkeitssystem, zumindest das für räumliche Informationen, beiden Hemisphären gemeinsam ist. Offenbar bleibt über die kleineren Kommissuren irgendeine Verbindung bestehen.

Besonders interessant war diese Studie, weil sie nahelegte, daß es quasi nur begrenzte Ressourcen für Aufmerksamkeit gibt. Holtzman vermutete, daß um so mehr von diesen Ressourcen beansprucht wird, je schwerer oder anspruchsvoller die Aufgabe ist – und daß eine Hemisphäre dann immer mehr die Hilfe tieferer Bereiche des Endhirns oder der anderen Seite einfordern muß. Wichtig war in diesem Zusammenhang seine Entdeckung von 1982, daß bei den Operierten beide Seiten tatsächlich voneinander abhängen: Je mehr Aufmerksamkeit eine Seite leisten muß, um so schwerer fällt es der anderen, gleichzeitig andere Aufgaben zu erfüllen.

Nach neueren Arbeiten von Steve J. Luck von der Universität von Iowa in Iowa City, Steven A. Hillyard und seinen Kollegen von der Universität von Kalifornien in San Diego und Ronald Mangun von der Universitiät von Kalifornien in Davis bleibt ein weiterer Aspekt der Aufmerksamkeit trotz durchtrennten Balkens gewahrt. Sie ließen die Testpersonen ein Gesichtsfeld nach einem Muster oder Gegenstand absuchen, und bei einigen dieser visuellen Detektionsaufgaben schnitten Split-Brain-Patienten besser ab als andere Probanden. Offensichtlich hemmt das unversehrte Gehirn die Suchmechanismen, über die jede Hemisphäre von Natur aus verfügt. Gerade die linke Hemisphäre bewältigt solche Aufgaben mit Bravour. Wie Alan Kingstone von der Universität von Alberta in Edmonton (Kanada) herausfand, verfügt sie über geradezu pfiffige Suchstrategien – die rechte nicht. Die linke schneidet besser ab, wenn es gilt, unter einer Anzahl gleicher Posten einen etwaigen nicht dazugehörigen auf möglichst effiziente Weise zu finden. Es scheint, als könne im intakten Gehirn die kompetentere linke Hemisphäre das Aufmerksamkeitssystem nun für sich allein beanspruchen.

Es gibt noch mehr Belege für eine gewisse Verständigung zwischen den beiden Großhirnseiten nach dem Balkenschnitt, doch manche vermeintlichen Verbindungen erwiesen sich als Scheineffekte. Das widerfuhr auch Kingstone und mir (Kasten links). In dem Experiment zeigten wir einer Hemisphäre des Patienten das englische Wort für "Pfeil", der anderen das für "Bogen" und baten ihn, das Gesehene zu zeichnen. Zu unserem Erstaunen skizzierte er Pfeil und Bogen in einer Einheit, als hätte er die Information in einer Hemisphäre integriert, worauf diese beim Zeichnen die Führung übernahm.

Aber das war ein Trugschluß. Wir kamen schließlich zu dem Ergebnis, daß die vermeintliche Integration nur auf dem Papier stattgefunden hatte. Zunächst hatte die eine Hemisphäre ihr Objekt gezeichnet – den Bogen –, dann hatte die Gegenseite übernommen und ihres darübergemalt – den Pfeil. Was dabei herauskam, sah nur nachträglich nach einem sinnvollen Ganzen aus. Daß wir uns hatten täuschen lassen, erkannten wir bei der Präsentation weniger leicht im Bild zu verknüpfender Wortpaare: Sah eine Hirnhälfte das Wort für "Himmel" (englisch sky), die andere das für "Kratzer", malte der Patient nicht etwa einen Wolkenkratzer (englisch skyscraper), sondern einfach ein Stück Himmel und darunter ein Kratzgerät.

Die Forschung über die Rolle des Balkens bei verschiedenen Hirnfunktionen hat an unerwarteter Stelle die Grenzen der Übertragbarkeit von Tierversuchen aufgezeigt. So untersuchen Neurowissenschaftler seit vielen Jahren die Gehirne von Affen und anderen Tieren, weil sie wissen möchten, wie das menschliche Gehirn arbeitet. Gemeinhin herrschte bis in die jüngste Zeit die Überzeugung – die auch der Begründer der Evolutionstheorie Charles Darwin (1809 bis 1882) nachdrücklich vertrat –, die Gehirne unserer nächsten Verwandten seien dem unseren in der Organisation und der Funktionsweise weitgehend gleich.

Doch wie die Split-Brain-Studien deutlich machen, muß das nicht immer zutreffen. Trotz der bemerkenswerten Übereinstimmung mancher Strukturen und Abläufe gibt es zahlreiche Unterschiede. Ein gutes Beispiel ist die vordere Kommissur, eine kleinere Verbindung zwischen rechts und links, die unterhalb des Balkens verläuft. Affen, bei denen dieses schmale Faserbündel bei der Split-Brain-Operation verschont blieb, können weiterhin visuelle Information zur anderen Hirnseite geben – was beim Menschen überhaupt nicht gelingt. Die gleiche Struktur kann somit bei verschiedenen Spezies andere Funktionen haben, und man sollte bei der Übertragung von Befunden äußerst vorsichtig sein.

Selbst eine vorschnelle Verallgemeinerung von Mensch zu Mensch kann fehlgehen. Zu unseren ersten eindrucksvollen Befunden an Split-Brain-Patienten gehörte die Beobachtung, daß die linke Hemisphäre Sprache zwanglos verarbeiten und von ihren Erfahrungen reden konnte; die rechte Seite war weniger beweglich, doch wies auch sie Spuren eines Sprachvermögens auf: Unter anderem konnte sie Wörter Bildern zuordnen, buchstabieren, reimen und Objekte kategorisieren. Wir fanden rechts zwar niemals Hinweise auf eine Syntax und einen vernünftigen Satzbau, doch wir gewannen den Eindruck, daß dort immerhin ein recht eindrucksvoller Wortschatz vorhanden sei.



Das Gehirn im Zwist



Im Lauf der Jahre ist nun klargeworden, daß unsere ersten Fälle Ausnahmen waren, denn bei den meisten Menschen kann die rechte Hemisphäre nicht einmal einfachste sprachliche Aufgaben bewältigen. Das besagen auch neurologische Befunde von Schlaganfallpatienten: Die Folgen eines linksseitigen Hirninfarkts sind für das Sprachvermögen wesentlich fataler.

Allerdings sind auch hierin die Plastizität und die individuellen Unterschiede groß. Einer der Split-Brain-Patienten, J. W., lernte später auch von der rechten Hemisphäre her zu sprechen – dreizehn Jahre nach der Operation. Er vermag nun über Inhalte zu reden, die seinem linken oder auch seinem rechten Gehirn präsentiert werden.

Von einem bisher einzigartigen Fall berichtet Kathleen B. Baynes von der Universität von Kalifornien in Davis. Die linkshändige Patientin sprach nach der Operation – nicht weiter ungewöhnlich – aus der linken Hemisphäre heraus. Doch zu schreiben vermochte sie ausschließlich von rechts aus, von der stummen Seite her. Das bestätigt die These, daß das Schreibvermögen nicht an die Fähigkeit zur phonologischen Repräsentation gebunden sein muß. Anders ausgedrückt scheint es sich um ein eigenständiges System zu handeln, eine Erfindung von Homo sapiens, und es braucht nicht Teil des ererbten Systems für gesprochene Sprache zu sein.

Trotz der unzähligen Ausnahmen und Gegenbeispiele zeigt die Split-Brain-Forschung aber doch eine hochgradige Lateralisierung auf – also eine Spezialisierung der beiden Hemisphären. Dieses Ergebnis paßt sehr gut in das Bild, das sich in den letzten Jahrzehnten in anderen Zweigen der Hirnforschung herausgebildet hat. Man stellt sich eine Organisation in Modulen vor, in einzelnen Einheiten mit jeweils spezifischer Funktion. Nach diesem Konzept, das in den Kognitions- wie Neurowissenschaften, in der evolutionären Psychologie wie in der Forschung zur Künstlichen Intelligenz verfolgt wird, ist das Gehirn nicht einfach eine unspezialisierte Problemlösungsmaschinerie, bei der jeder Teil im Prinzip alles kann. Vielmehr wäre es ein Ensemble von eigenen Apparaturen, das alles in allem der geistigen Informationsverarbeitung dient.

So gesehen hat die linke Hemisphäre sich bei anspruchsvollen kognitiven Leistungen, etwa dem Problemlösen, als ziemlich dominant entpuppt, und die Balkendurchtrennung scheint diese Fähigkeiten nicht zu beeinträchtigen. Man hat den Eindruck, das linke Gehirn benötigt dazu die immense Kapazität des rechten gar nicht – das übrigens seinerseits bei verzwickten Problemstellungen versagt.

Vor fast 20 Jahren haben Joseph E. LeDoux von der New-York-Universität und ich diesen Qualitätsunterschied an Split-Brain-Patienten mit einem recht schlichten Versuch aufgedeckt. Wir wollten wissen, wie die linke Hirnhälfte auf Verhaltensäußerungen der stummen rechten reagiert. Dazu zeigten wir jeder Hemisphäre auf dem Projektionsschirm kurz ein großes Bild und dazu jeweils vier kleine, die auf dem Tisch lagen. Jede Hälfte für sich sollte wählen, welches der kleinen Objekte zum großen gehört. Die linke Hand – als Werkzeug der rechten Hemisphäre – wies dabei auf das vom rechten Hirn gewählte Objekt, die rechte Hand darauf, wofür das sie befehligende linke Hirn sich entschieden hatte. Beide machten ihre Sache ohne weiteres korrekt (siehe Kasten auf Seite 87).

Hinterhältigerweise fragten wir dann die linke Hemisphäre – denn nur sie vermag ja zu antworten –, warum die linke Hand wohl auf jenes Bild zeige. Natürlich konnte sie das gar nicht wissen. Schließlich war die Entscheidung allein Sache der Gegenseite gewesen. Doch sie hatte auf der Stelle eine frisch erfundene, plausible Erklärung parat. Dieses Talent kreativen Erzählens nannten wir Interpretier-Mechanismus.

Die erstaunliche Begabung zum Fabulieren stand im Zentrum neuerer Untersuchungen, bei denen herausgefunden werden sollte, wie dieser in der linken Hemisphäre sitzende Interpret das Gedächtnis beeinflußt. Wie Elizabeth A. Phelps von der Yale-Universität in New Haven (Connecticut), Janet Metcalfe von der Columbia-Universität in New York und Margaret Funnell vom Dartmouth-College in Hanover (New Hampshire) feststellten, unterscheiden die beiden Hemisphären sich in ihrem Umgang mit neuen Items. Normalerweise behält man viel von dem, was man Neues erlebt – beziehungsweise in Tests präsentiert bekommt. Bei Nachfrage ist es auch normal, daß man sich felsenfest an vermeintliche Tatsachen erinnert, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Führt man solche Tests mit Split-Brain-Patienten durch, dann produziert die linke Hemisphäre viele solcher falschen Erinnerungen – ganz im Gegensatz zur rechten, die sich viel mehr an die Wahrheit hält.

Dieser Befund könnte Aufschluß darüber geben, wo und wie Erinnerungstäuschungen entstehen (siehe "Falsche Erinnerungen" von Elizabeth Loftus, Spektrum der Wissenschaft, Januar 1998, Seite 62). Es gibt verschiedene Thesen, in welcher Phase des informationsverarbeitenden Zyklus sie aufkommen. Manche Forscher meinen, sie würden sofort entstehen und gleichzeitig mit dem tatsächlichen Ereignis abgespeichert. Andere sind der Ansicht, daß der Fehler erst beim Abrufen der Erinnerung entsteht: Wenn man sich ein Schema der Ereignisse ins Gedächtnis rufe, würde man passende Details dazuerfinden.

Was über die linke Hemisphäre in Erfahrung gebracht wurde, spricht für die zweite These. Zum einen wäre der links lokalisierte Interpret genau dafür prädestiniert. Zum anderen vermag diese Hemisphäre, wie Margaret Funnell entdeckte, den Ursprung des Gedächtnisinhalts anhand des Kontextes einzuordnen; offensichtlich stellt sie Erlebnisse aktiv in einen größeren Zusammenhang, während die rechte Hemisphäre sich an die reine Wahrnehmung hält. Und schließlich sind nach Befunden von Michael B. Miller vom Dartmouth-College bei normalen Personen Regionen im linken präfrontalen Cortex aktiv, wenn sie falsche Erinnerungen aufrufen (siehe Photo im Kasten auf Seite 87).



Evolution des Denkens



Diese Erkenntnisse deuten sämtlich darauf hin, daß der Interpretier-Mechanismus des linken Gehirns unausgesetzt hart arbeitet, um die Bedeutung von Ereignissen herauszufinden. Er sucht unablässig nach einer Ordnung und einem Sinn, auch wenn dergleichen nicht vorhanden ist – und macht dabei so manchen Fehler. Er neigt dazu, übermäßig zu generalisieren, und schafft so häufig eine Vergangenheit, die zwar hätte sein können, aber so nicht war.

Zu dieser Deutung paßt das erfinderische Verhalten des Menschen in einem einfachen Test, wie George L. Wolford vom Dartmouth-College berichtet. Dabei erscheint ein Lichtfleck auf einem Computerbildschirm bald oben und bald unten, und man soll mittels Knopfdruck voraussagen, wo er wohl das nächste Mal aufblitzen wird. Der Test ist nun so eingerichtet, daß es in acht von zehn Fällen oben aufblitzt, wobei ein Zufallsgenerator die Reihenfolge festlegt. Die Häufung im oberen Teil bemerkt jeder Teilnehmer rasch. Doch praktisch jeder versucht unbeirrt weiter irgendein Muster, irgendeine Regelmäßigkeit zu erkennen. Mit diesem Ansatz ist die Trefferquote aber allenfalls 68 Prozent. Würde man sich generell nur für oben entscheiden, hätte man eine von 80.

Ratten und andere getestete Tiere hingegen machen es sich in solchen Versuchen leichter und erlernen bereitwillig die bequeme Lösung: nur noch den oberen Knopf zu wählen. Gerade so macht es in dem geschilderten Experiment übrigens unsere rechte Hemisphäre: Sie versucht gar nicht erst, das Geschehen zu interpretieren und Sinn darin zu finden. Sie beschränkt sich darauf, den Anforderungen des Augenblicks zu genügen – und behält bei diesem Test in vier von fünf Fällen recht. Fragt man jedoch das linke Gehirn, warum es unbedingt das Muster herausfinden möchte, hat es immer gleich eine Theorie parat, und sei sie noch so weit hergeholt.

Diese besondere Gabe, Geschichten um Tatsachen herum zu erfinden, erklärt sich am besten von der Evolution her. Im Tierreich sind die Fähigkeiten der Gehirne im allgemeinen nicht lateralisiert; vielmehr gibt es eine Tendenz zu einigermaßen gleich starker Repräsentation in beiden Hemisphären. Sofern bei Affen Anzeichen für eine gewisse Seitenspezialisierung vorliegen, sind sie doch selten und widersprüchlich.

Das ist der Grund, warum man die Lateralisierung im menschlichen Gehirn bisher immer damit erklärte, daß beim Menschen neue Funktionen hinzukamen, die nur in einer Hemisphäre angelegt sind. Die jetzt von uns aufgedeckten erstaunlichen Gegensätze zwischen rechtem und linkem Gehirn passen zu dieser Vorstellung jedoch nicht. Im Gegenteil fragen wir uns ernstlich, ob einige der Unterschiede nicht vielmehr durch einseitigen Verlust von Fähigkeiten zu erklären sind.

In der Evolution muß es eine harte Konkurrenz um Platz auf der Hirnrinde gegeben haben, als das Primatengehirn dem Zwang ausgesetzt war, neue Fähigkeiten zu erwerben und dennoch alte nicht aufzugeben. Vielleicht war Lateralisierung die Lösung. Die Kopplung der beiden Hemisphären erlaubte es, bei beidseits gleichen Strukturen Neues einseitig auszuprobieren – die alte Funktion blieb ja auf der Gegenseite erhalten und zugänglich.

Zusammen mit Paul M. Corballis und Robert Fendrich vom Dartmouth-College und Robert M. Shapley von der New-York-Universität habe ich bei einer Anzahl von Split-Brain-Patienten die Wahrnehmung von Scheinkonturen untersucht (Kasten links). Das Phänomen, daß man in bestimmte graphische Muster subjektive Umrisse – etwa ein Dreieck – hineinsieht, die objektiv gar nicht vorhanden sind, ist besonders dank Gaetano Kanizsa von der Universität Triest allgemein bekannt geworden. Man hielt das aufgrund bisheriger Untersuchungen für eine spezielle Leistung der rechten Hemisphäre. Unsere Experimente zeigen etwas anderes.

Wir entdeckten nämlich, daß an sich beide Hemisphären Scheinkonturen sehen können. Doch nur die rechte vermag bestimmte Gruppierungen von Wahrnehmungen vorzunehmen. Beispielsweise sehen beide Hirnhälften eines Split-Brain-Patienten, ob ein scheinbares Rechteck einen Bauch oder eine Taille hat – vorausgesetzt, die Aussparungen in den vier Kreisen sind offen. Ist der Kreisumfang allerdings durch eine Linie nachgezogen, dann kann nur die rechte Hemisphäre den Unterschied zwischen den Scheinkonturen wahrnehmen.

Interessanterweise kommen Mäuse mit beiden Versionen zurecht, wie Kanizsa selbst gezeigt hat. Da sogar ein Nagetier dies kann, unser linkes Gehirn aber nicht, liegt der Verdacht nahe, daß etwas verlorengegangen ist. Könnte es sein, daß eine spezifisch menschliche Fähigkeit wie das Sprachvermögen – oder etwa ein Interpretationsmechanismus – diese Funktion aus dem linken Hirn verdrängt hat? Das wäre eine neue Erklärung für die Ursprünge der lateralen Hirn-Spezialisierung.

Die einzigartigen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns mögen durchaus auf winzigen, umschriebenen Neuronennetzen beruhen. Und doch vermittelt dieses hochgradig aus Modulen aufgebaute Organ jedem von uns das Gefühl, ein integriertes Ganzes zu sein. Möglicherweise erklärt sich der Widerspruch damit, daß die linke Hemisphäre für das, was geschieht, Erklärungen sucht.

Die Vorteile eines solchen Systems sind offensichtlich. Indem es sich nicht damit begnügt, Ereignisse nur zu beobachten, sondern nach den Ursachen fragt, kann es im Wiederholungsfall besser damit fertig werden.

Angesichts der Stärken und Schwächen der beiden Hemisphären grübelten wir über die Grundlagen des menschlichen Geistes, der offenbar eine Art überwölbende Organisation der Module ist. Nach vielen Jahren aufregender Forschung über das geteilte Gehirn sieht es so aus, daß die erfinderische, interpretationsfreudige linke Großhirnhälfte ein ganz anderes bewußtes Erleben hat als die wahrheitsgetreue, prosaische rechte. Auch wenn man beiden Bewußtsein zusprechen kann: Das des linken Gehirns übertrifft das des rechten bei weitem. Womit Bündel neuer Fragen aufgeworfen wären, die uns wohl die nächsten dreißig Jahre beschäftigen dürften.

Literaturhinweise

– The Split Brain in Man. Von Michael S. Gazzaniga in: Scientific American, August 1967, Seiten 24 bis 29.
– Linkes rechtes Gehirn. Von Sally P. Springer und Georg Deutsch. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin, Oxford, dritte Auflage 1995.
– Neuropsychologie des menschlichen Gedächtnisses. Von Hans J. Markowitz in: Spektrum der Wissenschaft, September 1996, Seiten 52 bis 61.
– Hemispheric Specialization and Interhemispheric Integration. Von M. J. Tramo und anderen in: Epilepsy and the Corpus Callosum. 2. Auflage, Plenum Press, 1995.
– The Mind's Past. Von M. S. Gazzaniga. University of California Press, 1998.
– The Two Sides of Perception. Von Richard B. Ivry und Lynn C. Robertson. MIT Press, 1998.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1998, Seite 84
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 1998

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