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Wissenschaftsorganisationen: Revolution in der Forschungslandschaft

Der Wissenschaftsrat will, dass die Leibniz- und die Helmholtz-Gemeinschaft effektiver arbeiten. Inhalte gewinnen an Bedeutung, Einzelinteressen von Geldgebern und Egoismen der Institute werden zurückgedrängt.


Bund und Länder werden künftig weniger in die inhaltlichen Details der wissenschaftlichen Einrichtungen hineinregieren können. Deren Steuerung wird der Selbstverwaltung der Forschungsorganisationen anvertraut.

Freilich sind die einzelnen Institute der Forschungsorganisationen noch immer zu sehr in sich selbst versponnen. In Verhandlungen mit dem politischen Geldgeber wollen sie eher ihren Bestand als ihre wissenschaftliche Qualität sichern. Es fällt ihnen schwer, Teile von "erworbenen" Aufgaben an andere Einrichtungen abzugeben oder einzelne Abteilungen ganz zu schließen, um durch Konzentration und Kooperation effizienter zu forschen. Die Leitungen der Organisationen, insbesondere der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF), mögen das oft deutlich sehen – bei den eigensüchtigen Instituten können sie sich aber nur schwer durchsetzen.

Mit dem Segen des Wissenschafts-rats machen sich nun die HGF und die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) daran, ihre Forschungsarbeit neu zu strukturieren. In seinen "Thesen zur künftigen Entwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland" hatte das zentrale deutsche Wissenschaftsgremium im Juni 2000 die Basis für die jetzt fälligen Systemevaluationen dieser beiden Forschungsorganisationen gelegt.

Die zusammenfassende Bewertung zu den Einrichtungen der "Blauen Liste" erläuterte der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Winfried Schulze, im November in Bonn. Vor drei Jahren hatten sich 78 der 84 Institute zur WGL zusammengeschlossen (Spektrum der Wissenschaft, 11/97, S. 124). Sie sind jetzt "zu einem unverzichtbaren Bestandteil der deutschen Forschungslandschaft geworden", so Schulze. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit erbringen sie wichtige Serviceleistungen für die Forschung und sind in der Politikberatung und der Ausbildung tätig. Weil dies von überregionaler Bedeutung und gesamtstaatlichem Interesse ist, werden sie von Bund und Ländern gemeinschaftlich – in der Regel zu je 50 Prozent – gefördert.

Auch die fünfzehn früheren Großforschungseinrichtungen in der HGF – die sechzehnte, das GMD-Forschungszentrum Informationstechnik, ist inzwischen zur Fraunhofer-Gesellschaft gewechselt – haben ihr Selbstverständnis und ihre Struktur geändert. An ihrer Finanzierung mit öffentlichen Mitteln beteiligt sich der Bund zu 90, das jeweilige "Sitzland" zu 10 Prozent. Ziel ist eine stärker an wissenschaftlichen Inhalten und Programmen orientierte Förderung. Wie Schwerpunkte im Forschungsprozess begründet werden, erläuterte Schulze während der HGF-Jahrestagung Ende November. Die Zentren wollen sich von der bloßen Ressourcenverwaltung abkehren und die Budgets inhaltlich über Forschungsprogramme steuern. In diese Richtung wird auch die Systemevaluation der HGF weisen, die der Wissenschaftsrat noch im Januar verabschieden will.

Mit diesen beiden übergreifenden Bewertungen werden dann Stellungnahmen des Wissenschaftsrates zu allen großen Forschungsorganisationen vorliegen. Die Fraunhofer-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft wurden bereits früher evaluiert (Spektrum der Wissenschaft, 4/99, S. 104, und 9/99, S. 96).

Außer dem Wegfall der staatlichen Detailsteuerung werden gefordert:

- ein deutlicherer Bezug zu Anwendungen und zur Praxis,

- der Ausbau der institutionenübergreifenden anwendungsorientierten Programmförderung von Bund und Ländern,

- die intensivere Nutzung von Informations- und Kommunikationstechniken,

- die stärkere Internationalisierung des deutschen Wissenschaftssystems sowie

- Künftig müssen die Wissenschaftseinrichtungen ihr jeweiliges Profil stärker herausarbeiten. Grundsätzlich sollen sie nur noch mit begrenztem Auftrag und zunächst befristet eingerichtet werden. Während die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) das wichtigste Instrument zur Finanzierung der Grundlagenforschung bleibt, wird die Förderung der anwendungsbezogenen Forschung umstrukturiert und ausgebaut werden. Zwei Punkte sind hierbei besonders wichtig: einerseits die Stärkung des institutionellen Wettbewerbs sowie andererseits intensivere Kooperationen zwischen unterschiedlichen Wissenschaftseinrichtungen, die zum Teil komplexe Verbünde bilden sollen.

Die Leibniz-Institute sind aus den fachlichen Bewertungen, die der Wissenschaftsrat in den letzten fünf Jahren vorgenommen hat, eindeutig gestärkt hervorgegangen. Der WGL-Vorsitzende Frank Pobell sieht ihre Reputation und ihr Selbstbewusstsein gefestigt. Ihre mitunter als "Gemischtwarenladen" hämisch abgetane fachliche "Heterogenität" – von der Paläontologie bis zur Mikroelektronik, vom Institut für Deutsche Sprache, den Sozial- und Wirtschaftsforschungsinstituten bis zur Tropenmedizin und der Molekularen Pharmakologie – wandelt sich zur föderalistischen Vielfalt als der eigentlichen "Mission" der WGL, so der Wissenschaftsrat. Dem Bundesrechnungshof, der jüngst den Aufwand der gemeinschaftlichen Bund-Länder-Förderung als ineffizient kritisierte, hält der Wissenschaftsrat entgegen, die erwiesene Qualität der wissenschaftlichen Leistungen der Leibniz-Institute und ihre gute Synergie rechtfertigten den Koordinierungsaufwand.

Allerdings will und soll die WGL nicht eine "Trägerorganisation" von Instituten werden wie etwa die Max-Planck-Gesellschaft. Sie bleibt ein Verband selbstständiger Institute. Doch die Wege zu einer inhaltlichen wissenschaftlichen Steuerung werden ausgebaut. So wird ein Teil ihrer regulären Mittel bei der DFG deponiert und von dieser auf Antrag sowie nach wissenschaftlicher Begutachtung vergeben. Ähnlich funktioniert der zentrale Strategiefonds der HGF.

Der Wissenschaftsrat drängt darauf, dass die WGL- und HGF-Institute die Kooperationsmöglichkeiten nicht nur mit Einrichtungen innerhalb ihrer eigenen "Säule", sondern auch mit anderen öffentlich oder privat finanzierten Partnern nutzen, insbesondere mit Universitäten und Fachhochschulen. Netzwerke und komplexe Verbundstrukturen können auf allen Ebenen aufgebaut werden – sei es lokal, regional, überregional oder europäisch.

Ein aktuelles Beispiel dafür, wie örtliche Synergien entstehen können, ist das Institutsgelände Beutenberg in Jena. Dort soll jetzt nach dem – durch seine Teilhabe am Human-Genom-Projekt bekannt gewordenen – Leibniz-Institut für Molekulare Biotechnologie auch das bisher landeseigene Hans-Knöll-Institut für Naturstoffforschung in die WGL aufgenommen werden. Im November empfahl der Wissenschaftsrat, eine Strukturkommission für den Campus Beutenberg Jena zu bilden, wo auch einige andere wissenschaftliche Institute ansässig sind. Dieses Gremium soll ein Konzept erarbeiten, wie die beiden Institute intensiver zusammenarbeiten können. Mittelfristig dürfte daraus ein Zentrum für biomedizinische Forschung entstehen.

Schon in den vergangenen Jahren hat die WGL die Zusammenarbeit zwischen den eigenen Instituten und auch mit anderen verstärkt. In der Sektion Lebenswissenschaften zum Beispiel haben das Forschungszentrum Borstel für Medizin und Biowissenschaften, das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und das Heinrich-Pette-Institut für Experimentelle Virologie eine so genannte biomedizinische Allianz vereinbart, die auch Einrichtungen der Medizinischen Universität Lübeck und der Universität Hamburg einschließt. Daraus soll ein gemeinsamer Sonderforschungsbereich entstehen. Der biomedizinischen Allianz haben sich über die Region Hamburg-Lübeck hinaus auch das Leibniz-Institut für Molekulare Biotechnologie in Jena, das Deutsche Institut für Ernährungsforschung in Bergholz-Rehbrücke bei Potsdam, das Diabetes-Forschungsinstitut in Düsseldorf, das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen, das Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie in Berlin und das Institut für Neurobiologie in Magdeburg angeschlossen.

Forschungs-Netzwerke


Weiter gespannt als die entsprechende WGL-Sektion ist das Netz des Materialforschungsverbundes Dresden. In ihm arbeiten drei Leibniz-Institute, elf Institute der Technischen Universität, vier Fraunhofer-Institute und eine Forschungsgesellschaft zusammen. Ebenfalls in Dresden wird ein Labor für gepulste, sehr hohe Magnetfelder geplant, in dem Einrichtungen der WGL, der Max-Planck-Gesellschaft und der Technischen Universität kooperieren. In Berlin hebt der Wissenschaftsrat die Selbstorganisation interdisziplinärer Forschungsverbünde in den Grenzbereichen zwischen Material- und Werkstoff- sowie Lebenswissenschaften hervor. An ihnen sind neben Leibniz- und Helmholtz-Instituten auch die Universitäten und industrieeigene Einrichtungen beteiligt. Sie trügen, so lobt der Wissenschaftsrat, "als Koordinierungs- und Programmverbünde … zur Schwerpunktbildung und Profilierung der Berliner Forschung bei".

Sechs Leibniz-Einrichtungen bereiten eine bundesweite Kooperation auf dem Forschungsfeld der Biodiversität vor. Auch in den Raum-, Wirtschafts- und Umweltwissenschaften sind in der WGL Ansätze zur Zusammenarbeit zu erkennen, die dem Wissenschaftsrat zufolge allerdings verstärkt werden müssten.

Wesentlich weiter reichen Selbstorganisationspläne zur Neuordnung der gesamten medizinischen Forschung in Deutschland, die aus den Reihen der HGF dem Wissenschaftsrat vorgelegt wurden. Dieser Bereich ist der erste, in dem sie, wie ihr Vorsitzender Detlev Ganten sagte, die programmorientierte Förderung realisieren will. An die Stelle eines bisher schon in Teilen bestehenden Klinisch-Biomedizinischen Forschungsverbundes, an dem die HGF festhalten will, soll nach dem amerikanischen Vorbild der National Institutes of Health eine Organisation "Deutsche Zentren für Gesundheitsforschung" (DZG) treten. Der Intitiator Harald zur Hausen, Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, will die wissenschaftlichen Aufgaben in klarer Arbeitsteilung den Helmholtz-Instituten DKFZ (Krebs), Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch (Herz und Kreislauf), GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in München-Neuherberg (Allergien) sowie Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig (Infektionen) zuteilen. Leibniz-Institute sollen in diesem Rahmen die drei Komplexe Ernährung, Gehirn und Tropenmedizin übernehmen. An der Spitze der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung sollen ein Präsident und ein Senat stehen.

Sowohl dieser Plan als auch die Aktivitäten in der Leibniz-Gemeinschaft zeigen, dass das deutsche Wissenschaftssystem gründlicher als je zuvor umgestaltet werden wird. In den politischen Entscheidungen wird der Einfluss des Staates erhalten oder sogar noch gestärkt. "Der durch Koordinationsmechanismen kontrollierte Wettbewerb von Bund und Ländern um die optimale Förderung der Wissenschaft stellt sicher, dass in den Prozess der Formulierung und Aushandlung der Wissenschaftspolitik eine Vielzahl unterschiedlicher Impulse eingehen können", stellt der Wissenschaftsrat fest. Für den eigentlichen Wissenschaftsbereich jedoch sollen die "Mechanismen der Selbstregulation" wirksam und verstärkt werden. Er sollte auch frei gehalten werden von den "traditionellen Stereotypen der Argumentation und Praxis in Wissenschaftspolitik und -administration". Die "vermeintlichen Gegensätze" Grundlagenforschung/anwendungsorientierte Forschung sowie wissenschaftsorientierte Bildung und praxisorientierte Ausbildung, von denen das heutige System noch immer bestimmt ist, sollten der Vergangenheit angehören.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001, Seite 96
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001

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