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Mathematik: Göttliche Proportion und menschliche Deutung

Eine Ausstellung zum Goldenen Schnitt räumt mit hartnäckigen Vorurteilen über dessen künstlerische Bedeutung auf.

Ich gestehe, dass mir der Name Adolf Zeising (1810 – 1876) bislang nicht geläufig war. Dabei ist der Einfluss dieses Gelehr­ten kaum zu überschätzen. Zeising war derjenige, der dem Teilungsverhältnis des Goldenen Schnitts eine überragende ästhetische Bedeutung zuschrieb. Seine Zeitgenossen nahmen seine "Neue Lehre von den Pro­portionen des menschlichen Körpers" (1854) begeistert auf und suchten jene Pro­portionen nicht nur in der belebten Natur, sondern auch in den verschiedensten Kunstwerken. Die Vorstel­lung, Maler aller Epochen hätten ihre Bildfläche zu­nächst im Verhältnis 1,618 zu 1 zerlegt und die wich­tigsten Bildelemente auf den Teilungslinien platziert, ist ins allgemeine Bewusstsein übergegangen.

Nur bleibt von dieser Idee unter dem kritischen Blick der Kunsthistoriker so gut wie nichts übrig. In keinem überlieferten Dokument hat je ein Maler beschrieben, dass er diese Technik beim Komponieren eines Bilds angewendet habe. Und bei näherer Betrachtung erwei­sen sich die vermeintlichen Belege in existierenden Kunstwerken als ungenau oder willkürlich. Irgendein Element findet sich immer, das mehr oder weniger präzise auf einer Teilungslinie liegt; das muss man dann nur noch zum bedeutendsten Bildteil hochinterpretieren. ...

Dezember 2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Dezember 2016

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