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Archäologie: Rom

Ein archäologischer Führer Aus dem Italienischen von Agnes Allroggen-Bedel. Philipp von Zabern, Mainz 2000. 283 Seiten, DM 49,80


Es gibt mehrere "Bibeln" in der archäologischen Literatur: "den Gruben" für griechische Architektur, "den Fuchs" für griechische Plastik, "den Andreae" für römische Kunst – und eben "den Coarelli", der ein akribisches Bild der Stadt Rom im Altertum zeichnet. 1974 erstmals bei Mondadori erschienen, 1975 ins Deutsche übersetzt und seither zwar alle paar Jahre nachgedruckt, aber nur selten – zuletzt 1997 – komplett überarbeitet, ist dieses Werk zum unverzichtbaren Begleiter jedes archäologisch interessierten Romreisenden geworden. Nun kommt endlich eine neue, überarbeitete deutsche Auflage auf den Markt.

Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel: "Die großen öffentlichen Bauten" befassen sich mit Stadtmauern, -türmen und Aquädukten (nicht aber den ebenfalls öffentlichen Thermen, Stadien und Theatern). "Das religiöse und politische Zentrum der Stadt" beinhaltet die eigentlichen Highlights: Kapitol, Forum Romanum, Kaiser-Foren, Palatin und Kolosseum. Die Besiedelung auf den sieben Hü-geln Roms, die republikanischen Fora (Platzanlagen) und der der Stadtmauer am nächsten gelegene Teil der Via Appia bilden das dritte Kapitel, "Die augusteischen Regionen" – nach der von Augustus (23 vor bis 14 nach Christus) eingeführten wegweisenden Stadteinteilung. Man wünscht sich eigentlich nur noch ein Kapitel über die stadtnahen Ausgrabungen in Ostia oder Tivoli, zwei Attraktionen, die zum Standardprogramm jedes Rombesuchers gehören.

In der umfassenden Einleitung gibt Coarelli einen Überblick über die städtebauliche Entwicklung von der republikanischen Frühzeit im 7. vorchristlichen bis zum 3. nachchristlichen Jahrhundert, als das Zentrum des römischen Reiches von Rom nach Konstantinopel verlegt wurde und die "Ewige Stadt" ihre Bedeutung verlor. Der Anhang liefert eine nützliche Kaiserliste; leider werden in der deutschen Ausgabe, anders als in älteren Auflagen, nur noch die Baumaterialien, nicht aber die Bautechniken illustriert, was deren Beschreibung unanschaulich macht.

Inhaltlich lässt sich "dem Coarelli" kaum etwas anhaben: Der große Kenner Roms legt hier profunde Sachkenntnis an den Tag, und Pläne, Grundrisse und Umzeichnungen wie jene des Frieses der Trajanssäule dienen der besseren Verständlichkeit des detailliert Beschriebenen.

Optisch aufgemöbelt wurde der neue Coarelli durch die im Computerzeitalter anscheinend unverzichtbaren Axonometrien. Zugegeben, manchmal geben sie tatsächlich eine bessere Vorstellung, doch bei der Gelegenheit hätte man einige der teilweise sehr alten und nicht immer sonderlich scharfen Fotos durch bessere Aufnahmen ersetzen können.

Gegen die deutsche Übersetzung ist jedoch einiges einzuwenden. Das Literaturverzeichnis endet mit dem Erscheinungsjahr 1973 (dem Stichdatum der allerersten italienischen Auflage!) und ignoriert damit wichtige und wegweisende Neuerscheinungen. Werke wie zum Beispiel "Der Titusbogen" von Michael Pfanner (Mainz 1983) und der wegweisende Ausstellungskatalog "Kaiser Augustus und die verlorene Republik" (Berlin 1988) sollten keinem Leser vorenthalten werden.

Im Register sind die Anordnungskriterien oft nicht sehr klar zu erkennen. Auch mancher Übersetzungsfehler hätte bei größerer Sorgfalt vermieden werden können. So befinden sich die Monumente unter der Überschrift "Die Via Appia innerhalb der Stadtmauer" in Wirklichkeit außerhalb derselben. Nicht zuletzt ermüdet der dreispaltige, optisch kaum gegliederte Flattersatz das Auge ziemlich rasch, zumal die Schrift recht klein und schmal ist.

Man hätte sich außerdem gewünscht, dass neueste Ausgrabungen miteinbezogen worden wären. Gerade im Zusammenhang mit dem Heiligen Jahr 2000 ist in letzter Zeit viel geschehen. Die unlängst wieder eröffnete Domus Aurea wurde zwar integriert, doch hätte ein zusätzlicher Hinweis – wohlgemerkt keine Ergebnisse, denn mit deren Publikation lassen sich Archäologen bekanntlich viel Zeit – auf die fortdauernden Ausgrabungen im Bereich der Via dei Fori Imperiali oder auf dem Foro Romano nicht geschadet.

Trotz dieser Mängel – bei dem archäologisch orientierten Verlag von Zabern etwas unverständlich – ist Filippo Coarellis archäologischer Romführer seit über 25 Jahren nicht nur ein Standardwerk, sondern ein "Reiseführer", der ins Gepäck eines jeden Rombesuchers muss – auch wenn er nach wie vor zu unhandlich für die Jackentasche ist.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001, Seite 108
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001

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