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Saumstrukturen in der Landwirtschaft



Entlang der Hecke mit Wildrosen schlängelt sich der Feldweg mit seinem blühenden Rain. Über dem benachbarten Getreidefeld flimmert die Sommerluft; der Gesang der Feldlerche begleitet den Wanderer. In den letzten Jahrzehnten sind solche Erlebnisse leider immer seltener geworden. Saumbiotope wie Hecken, Feld-, Wiesen- und Wegraine passen scheinbar nicht zu einer intensiven Landwirtschaft. Doch sie haben nicht nur einen ästhetischen Wert: Weitgehend naturbelassen und von großer Strukturvielfalt, zählen sie innerhalb des von Menschen geschaffenen Agrarökosystems zu den artenreichsten Biotopen. Als Ressource der Biodiversität, aber auch als Refugium für Nützlinge gewinnen sie zunehmend an Bedeutung. Ihre Anlage und Pflege ist deshalb eine wichtige Maßnahme zum Erhalt und Management solcher Ökosysteme.

In früherer Zeit bereits dienten Hecken zu allerlei Zwecken. So berichtete der römische Feldherr und Staatsmann Gajus Julius Caesar (100 bis 44 vor Christus) im zweiten Buch seines "De bello Gallico" von Dornenhecken bei den Nerviern, einem Stamm der Belgen. Mit niedergebogenen und verflochtenen jungen Bäumen sowie mit Dornen- und Brombeersträuchern bepflanzten Zwischenräumen suchten sie Eindringlinge und wilde Tiere abzuwehren.

Entstehung, aber auch Zerstörung von Saumbiotopen sind in der Kulturgeschichte des Menschen eng mit der landwirtschaftlichen Produktion verbunden. Im Mittelalter dienten Hecken vor allem in küstennahen wie auch in gebirgigen Regionen als lebende Zäune, um das Vieh von angrenzenden Ackerflächen fernzuhalten. Zudem gewann man dort Nutz- und Brennholz, Material für Flechtwerke sowie Laub für die Winterfütterung.

Als im 16. und 17. Jahrhundert mehr und mehr Wälder der verstärkten Holznutzung zum Opfer fielen, ergaben sich eher offene Landschaften. Zusätzliche Überweidung verstärkte insbesondere im oft sehr windigen Nordwestdeutschland die Bodenerosion, und umfangreiche Sandverlagerungen und Wanderdünenbildung waren die Folge. Als Gegenmaßnahme wurden bereits im 17. und besonders ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Knicks genannte Hecken angepflanzt (Bild 1 links); der Name rührt vom periodischen Abschlagen (knicken) der Gehölze her.

In kontinentalen Gebieten mit überwiegendem Ackerbau und spärlicher Viehhaltung war solche Anlage von Saumstrukturen nicht erforderlich. Sie bildeten sich vielmehr im Laufe der Zeit auf den vom Feld abgesammelten und am Rand abgelegten Steinen durch natürliche Begrünung mit verschiedenen anspruchslosen Sträuchern und auch einzeln stehenden Bäumen (Bild 1 rechts).

Der preußische König Friedrich Wilhelm III. veranlaßte am 30. September 1805 per Dekret die Rodung gewachsener Wallhecken in Westfalen, um die landwirtschaftlichen Erträge durch vergrößerte Ackerflächen zu steigern. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft zu Beginn dieses Jahrhunderts wurden Hecken regelrecht zum Hindernis, während sie an Bedeutung als Holz- und Futterquelle verloren. Die Auslastung leistungsfähigerer Landmaschinen nach dem Zweiten Weltkrieg erforderte größere Feldschläge. In Schleswig-Holstein reduzierte man demzufolge die Länge der Knicks zwischen 1950 und 1978 von 75000 auf etwa 50000 Kilometer.

In Ostdeutschland legte das Überführen von privatem in genossenschaftliches Landeigentum mit Gründung der DDR die Grundlage für eine Großflächenwirtschaft. Demzufolge wurden dort besonders in den siebziger Jahren zahlreiche Saumstrukturen beseitigt. Felder von über 100 Hektar Größe waren nun keine Seltenheit, und wieder nahmen Wind- und Wassererosion, besonders auf den sandigen Böden Nordostdeutschlands drastisch zu. Deshalb legten staatliche Forstwirtschaftsbetriebe und landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften in den achtziger Jahren Windschutzhecken an. Des schnellen Wachstums wegen wählten sie Pappelhybride mit Sträuchern als Unterwuchs. In geraden, oft kilometerlangen Reihen durchschneiden solche Anpflanzungen die ebenen Agrargebiete Ostdeutschlands, und die einheitliche Größe der Pappelbäume verleiht der Landschaft einen strengen, oft herben Charakter.

Nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990 hat dieser Trend zur Renaissance der Hecke nicht nur durch staatliche Förderprogramme zugenommen. Erstmals ist ein Wandel im gesamtgesellschaft-lichen Bewußtsein eingetreten, insofern man Agrargebieten nun auch eine wichtige Naturschutz- und Lebensraum erhaltende Funktion zugesteht. Welche Bedeutung den Saumbiotopen beispielsweise für die Bestandsentwicklung der Brutvögel zukommt, zeigt der seit 1975 verzeichnete Rückgang von elf wichtigen Heckenbrütern, wie Raubwürger, Hänfling, Dorngrasmücke und Goldammer. Insgesamt sind 31 Vogelarten von der Ausräumung der Landschaft betroffen, darunter das Rebhuhn. Entscheidend dabei ist nicht nur der Rückgang des Heckennetzes insgesamt, sondern auch die Verinselung verbliebener Heckenbereiche. Das erschwert den notwendigen Populationsaustausch von Arten, so daß sich die Rahmenbedingungen für ein Überleben am Standort zusätzlich verschlechtern.

Des weiteren zeigen Versuche in Deutschland und der Schweiz, daß geeignete Saumstrukturen auch für die Landwirtschaft wichtige Nützlingsgruppen, wie Schwebfliegen, Schlupfwespen und Marienkäfer fördern, und somit zur Regulation von Blattläusen in angrenzenden Feldkulturen beitragen (Bild 2 rechts; vergleiche auch Spektrum der Wissenschaft, Mai 1998, Seite 86).

Neben Programmen zur Heckenneuanlage werden in Deutschland seit 1985 auch sogenannte Ackerrandstreifen beziehungsweise -schonstreifen gefördert. Das sind drei bis acht Meter breite bewirtschaftete Feldränder, auf denen aber keine Herbizide, Insektizide und teilweise keine Dünger angewendet werden. Dort lassen sich Wildkräuter wirksam erhalten wie auch 10 bis 60 Prozent höhere Arten- und Individuenzahlen räuberischer Laufkäfer und Spinnen feststellen. Die blühenden Wildkräuter locken verstärkt Schwebfliegen an, die den Pollen für die Eireifung benötigen. Sie legen ihre Eier auch in die Blattlauskolonien der angrenzenden Felder ab, wo die geschlüpften Larven reichlich Nahrung vorfinden. Ein verringerter Blattlaus-befall ließ sich im Getreide bis in 20 Meter Feldtiefe nachweisen.

Seit Anfang der neunziger Jahre geht man in der Schweiz einen Schritt weiter und legt im regelmäßigen Abstand von bis zu 36 Metern Krautstreifen auch innerhalb der Felder an. Sie sind jeweils 1,5 Meter breit und werden mit einer Saatmischung ein- und mehrjähriger Ackerwildkräuter begrünt. Eine Förderung der Nützlingsdichte und der gesamten Insektengesellschaft ließ sich bereits feststellen. In Deutschland und der Schweiz erhalten Landwirte bei derartigen Programmen Ausgleichszahlungen. Damit werden Ernteeinbußen, Flächenverluste und Mehraufwand für die Anlage der Saumstrukturen gedeckt, denn auch höhere Nützlingsdichten können nicht die hohen Erträge garantieren, die massive ökonomische Zwänge heute verlangen.

Für die breite Akzeptanz sowohl durch den Landwirt als auch aus Naturschutzsicht sind deshalb Konzepte erforderlich, die eine ökologische und zugleich ökonomische Neustrukturierung der Landschaft zulassen. Ein Beispiel dafür ist die nach Hermann Benjes benannte Hecke, bei der sich entlang aufgeschichteter Totholzwälle durch Windanflug und Tiertransport soviel Gehölzsamen ansammeln, daß eine dauerhafte Hecke heranwächst. Das Prinzip hatte der Brandenburger Chirurg und Begründer der naturnahen Waldforschung in Deutschland August Bier (1861 bis 1949) in den dreißiger Jahren erstmals zum Windschutz von Waldbeständen ein-gesetzt.

In einem Experiment unseres Instituts wurden zwischen zwei parallel zueinander verlaufenden 500 Meter langen Gestrüppwällen aus Totholz heimische Bäume und Sträucher einreihig gepflanzt, um die Begrünung einer solchen Hecke noch zu beschleunigen. Die beim Baumschnitt an Straßen und Parkanlagen anfallenden Äste und Zweige lieferten und schichteten Berliner Grünflächenämter und sparten so Kosten für deren Entsorgung. Das Totholz schützt die eingeschlossene Gehölzpflanzung ausreichend vor Wildverbiß, so daß eine kostspielige Umzäunung überflüssig ist. Den Abschluß der Wälle bilden große Holzstämme, die ungeordnet aufeinander liegen und dadurch eine Vielzahl von Unterschlupfmöglichkeiten etwa für Igel bieten. Auf einer Seite der Hecke wurde zudem ein sechs Meter breiter Wildkräuterstreifen angelegt (Bild 2 links).

Fünf Jahre nach der Fertigstellung dieser "Brandenburger Schichtholzhecke" hat sich die Anzahl der an den Gestrüppwällen wachsenden Gehölze verdreifacht. Neuntöter und Goldammer nisteten dort von Beginn an, und der Wildkräuterstreifen fördert die Population an Nützlingen in der angrenzenden Feldkultur. Es ist ein erfolgreicher Versuch, Saumbiotope neu in die Agrarlandschaft einzufügen und dabei Naturschutz- und Landwirtschaftsinteressen zu verbinden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1998, Seite 95
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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