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Schach auf einem Go-Brett

Sind Sie es auch leid, an regnerischen Urlaubstagen immer wieder die gleichen Spiele hervorzuholen|? Dann lassen Sie sich erzählen, wie man mit Go-Steinen Schachstrategien verfolgt.

An einem dieser trüben, naßkalten Aprilabende saßen die Drillinge Anna, Bella und Carlo ziemlich mißmutig beisammen.

"Mir ist langweilig", knatschte Bella.

"Laßt uns doch eine Partie Go spielen", schlug Carlo vor.

"Oh nein, nicht schon wieder! Mir drehen sich schon weiße und schwarze Kreise im Kopf", entgegnete Bella.

"Dann spielen wir doch Gess", meinte Anna. "Die Arbeitsgemeinschaft für Spiele und Rätsel der Archimedischen Gesellschaft – das ist eine Studentenvereinigung an der Universität Cambridge in England – hat als neues Spiel eine Art Bastard von Go und Chess erfunden."

"Auf deutsch Goschach oder Gach."

"Meinethalben. Das Ungewöhnliche ist, daß eine Figur im allgemeinen aus mehreren Steinen besteht. Welche Steine eine Figur bilden – das ist Interpretationssache und kann sich während des Spiels ändern. Man spielt auf einem klassischen Go-Brett mit 18×18 Feldern. Allerdings setzt man die Steine nicht wie bei Go auf die Schnittpunkte der Linien, sondern auf die Felder selbst. Jeder der beiden Spieler Schwarz und Weiß hat 43 Steine. Sie ziehen abwechselnd. Schwarz beginnt. Seht her, ich baue mal die Anfangsstellung auf. Sie ist wie bei Schach" (Bild 1).

"Wieso?" wandte Carlo ein, "ich sehe nur je sechs einsame Vorposten und auf den drei Grundlinien ein ziemlich verwirrendes Muster."

"Das ist es ja gerade. Jede schwarze Figur besteht aus einem Quadrat der Größe 3×3, in dem mindestens ein schwarzer, aber kein weißer Stein sitzt; die weißen sind entsprechend aufgebaut. Eine Figur darf sich sogar teilweise außerhalb des Brettes befinden, solange mindestens ein Feld auf dem Brett bleibt. Soweit einleuchtend?"

"Aber klar doch", antworteten Bella und Carlo gleichzeitig.

"Eine Figur bewegt sich als Einheit -wie, das hängt von der Lage ihrer Steine ab. Das mittlere ihrer neun Felder gibt an, wie weit sie sich bewegen darf: Ist es unbesetzt, darf die Figur sich höchstens drei Felder weit von ihrer Ausgangsposition entfernen. Ist es besetzt, darf sie in jede zulässige Richtung beliebig weit wandern, es sei denn, es stehen ihr Hindernisse im Weg. Das kommt später.

Die Steine auf den äußeren Feldern geben an, welche Richtungen zulässig sind. Zum Beispiel darf eine Figur mit einem Stein in der Nordwest-Ecke sich diagonal in Nordwest-Richtung bewegen" (Bild 2 links).

"Also ist die Form einer Figur so etwas wie ein Plan für ihre Zugmöglichkeiten?" fragte Carlo.

"Genau. Das ist der Vorteil von Gach gegenüber Schach."

".Jetzt verstehe ich, wieso die Anfangsstellung wie bei Schach ist", sagte Bella. "Gruppiert man die Steine zu 3×3-Quadraten, findet man auf der Grundlinie von links nach rechts Turm, Läufer und Dame. Und eine Figur mit acht Steinen und einem freien Feld in der Mitte bewegt sich gerade so wie der König."

"Richtig", bestätigte Anna. "Diese Figur kann sich höchstens drei Felder weit bewegen, weil das mittlere Feld leer ist, und in alle Richtungen, weil sämtliche Felder am Rand besetzt sind. Eine solche Figur heißt Ring, und man muß gut auf seinen Ring aufpassen."

"Wie beim Schach auf den König?"

"Eher noch mehr, weil du verloren hast, wenn deinem Ring auch nur ein Stein fehlt. Allerdings hast du die Freiheit, während des Spiels weitere Ringe zu erzeugen, und dein Gegner hat erst gewonnen, wenn du keinen intakten Ring mehr hast."

"Ich nehme an, daß sich die einzelnen Steine ganz vorne wie Bauern verhalten", überlegte Carlo.

"Genau. Nur den Springer gibt es nicht – weil man bei Gach keine anderen Figuren überspringen kannn. Aber ansonsten, und das ist wichtig, kannst du während des Spiels deine Figuren beliebig definieren, das heißt ein passendes 3×3-Gebiet zum Ziehen auswählen. Verschiedene Figuren können sich also überlappen. Das erhöht die Anzahl der möglichen Züge. Noch komplizierter wird es, wenn irgendein Hindernis im Weg steht."


Schlagen

"Was verstehst du denn unter einem Hindernis?"

"Gute Frage. Es bewegen sich ja nicht nur die Steine einer Figur, vielmehr muß ma sich vorstellen, daß das ganze 3×3-Gebiet, das sie ausmacht, gezogen wird. Man nennt das ihren Schuh. Eine Figur kann sich nur so weit bewegen, bis sie mit dem Schuh einen anderen eigenen oder fremden Stein bedeckt. Dann muß sie stehenbleiben, und alle bedeckten Steine werden vom Brett entfernt, gleich von welcher Farbe sie sind. Es ist meistens nicht besonders günstig, eigene Steine zu schlagen – aber nicht verboten. Man kann seine Figur auch so verschieben, daß sie nicht auf ein Hindernis stößt. Wie bei Schach ist man nicht gezwungen, bei jedem Zug eine gegnerische Figur zu schlagen" (Bild 2 rechts).

"Und was ist mit einer Figur, die nur einen einzelnen Stein in der Mitte hat?"

"Sie dürfte nach den Regeln beliebig weit verschoben werden, aber eben in keine Richtung."

"Das heißt, sie kann sich überhaupt nicht vom Fleck rühren!"

"Richtig. Außerdem ist kein Zug erlaubt, der die Partie unverändert läßt. Das Spiel ist aus, wenn ein Spieler keinen vollständigen Ring mehr hat; der ist dann der Verlierer. Man muß also darauf achten, sich mindestens einen Ring zu erhalten, so wie ein Schachspieler seinen König schützen muß. Allerdings kann man während des Spiels weitere Ringe erzeugen, und es reicht aus, wenn einer von ihnen unbeschädigt bleibt. Man sollte also nicht versehentlich einen eigenen Ring aufbrechen – es sei denn, das brächte einen strategischen Vorteil."

"Laß mich mal kurz rekapitulieren", fiel Carlo ein. "Obwohl die Anfangsstellung derjenigen bei Schach mit den Zugmöglichkeiten von König, Dame, Läufer, Turm und Bauer nachempfunden ist, muß man im weiteren Verlauf nicht an den zugehörigen schach-ähnlichen 3×3-Konfigurationen festhalten. Man kann die ursprüngliche Anordnung aufgeben und irgendwelche 3×3-Gebiete als Figur auffassen. Diese Figur kann zu neuen Konfigurationen beitragen, indem sie durch Verschieben in die Nähe anderer Steine der eigenen Farbe gerät, oder Steine verlieren, indem der Gegner oder der eigene Spieler welche abräumt. Dadurch unterscheidet sich das Spiel doch stark von Schach."

"Aber viele der Grundprinzipien sind denen bei Schach sehr ähnlich: Erhalte mindestens einen Ring, baue eine gute Bauern-Verteidigung auf, beherrsche freie Linien, vermeide Stellungen, in denen eine deiner Figuren bewegungsunfähig wird, und so weiter. Schachspieler lernen das Spiel sehr schnell."

"Laßt uns doch endlich spielen", drängte Bella.

"Gut. Ich will nur noch erklären, wie man die Züge aufschreibt. Es ist sehr einfach. Man bezeichnet die Zeilen von 2 bis 19 und die Spalten von b bis s. Ein Feld wird durch seine Zeile und die Spalte gekennzeichnet."

"Merkwürdige Bezeichnung, die bei b und 2 anfängt."

"Aber die Figuren dürfen sich teilweise außerhalb des Brettes befinden. Es gibt also unsichtbare Zeilen 1 und 20 und unsichtbare Spalten a und t. Die Position einer Figur wird beschrieben durch die Koordinaten ihres mittleren Steins. Die Figur auf g5 belegt also auch die Felder f4, f5, f6, g4, g5, g6, h4, h5 und h6."


Ein Bei-Spiel

"Ich nehme Schwarz", sagte Bella, "also fange ich an, nicht wahr? Ich ziehe von f6 nach f7." (Bild 3 zeigt die ersten Züge in diesem Spiel.)

"Aha, du versuchst offensichtlich eine schlagkräftige Figur aufzubauen, die sich diagonal bewegen kann", sagte Carlo, der sich als Kiebitz betätigte.

"Ach ja? Ich dachte, ich bewege vorsichtig einen Bauern."

"Ich antworte mit p15 auf m12", erklärte Anna.

"Jetzt versuchst du, das Zentrum zu beherrschen und zugleich einen zweiten Ring zu bilden. Aber nicht mit mir. Ich ziehe von e3 nach e6."

"Und ich antworte mit p18 nach p15."

"Und was jetzt?" grübelte Bella auf der verzweifelten Suche nach einem guten Zug, der sie aus ihrer mißlichen Lage befreien könnte.

"Versuch es doch mal mit b3-e3", drängte Carlo.

"Geht das denn? Ach so, stimmt ja! Die Figuren dürfen außerhalb des Bretts stehen, zumindest teilweise. Und ich bilde so einen zweiten Ring, um mich abzusichern."

"Das hilft nicht viel", konterte Anna, "e15 nach h12."

"Du versuchst weiter, das Zentrum zu besetzen, wie ich sehe."

"Und außerdem bereitet sie einen Angriff auf deinen neuen Ring vor", bemerkte Carlo.

"Stimmt. Wie wäre es mit m6-l7, um mir freies Schußfeld zu verschaffen?"

"Nicht schlecht."

"Von wegen. Jetzt hab ich dich", triumphierte Anna: "m12 nach j9. Bauer schlägt Bauer. Oder so ähnlich."

"Das ist kein besonders guter Zug", erklärte Carlo. "Du kannst den Stein auf l14 kaum bewegen, wenn du nicht auf der Stelle verlieren willst. Dahinter ist dein Ring, und davor hat eine sehr schlagkräftige schwarze Figur freies Feld."

"Zu spät", freute sich Bella. "Ich nehme dir jetzt einen Stein weg: i6-i7."

"Sehr phantasielos", kritisierte Carlo. "Ich würde h6-i7 vorschlagen. Oder vielleicht j6-k7?"

"Jetzt sei endlich still!"

"Ich decke meinen Ring und mache für meine Dame den Weg frei: h15-k12", entgegnete Anna freudig und rieb sich die Hände vor Vergnügen.

"Das kann ich auch: i7 schlägt i10."

"Damit brachte Bella zwar einen ihrer Ringe in Gefahr, sie hatte aber noch einen ungefährdeten übrig.

"Mhm… m15-j12."

"Deine Bauern sind viel zu weit vorgerückt!"

"Du sollst den Mund halten, hat Bella gesagt!"

Es ging noch einige Züge so weiter, bis schließlich die in Bild 4 gezeigte Stellung erreicht war. Weiß war am Zug. Anna dachte nach und rief dann: "Du hast verloren!"

"Was? Wieso?" schrie Bella.

Wissen Sie, wie der entscheidende Zug zum Sieg aussieht? Die Antwort finden Sie am Ende dieses Artikels.

Lösung: o11-j6. Danach ist nicht mehr zu verhindern, daß der schwarze Ring durch einen Angriff über die Diagonale beschädigt wird.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1995, Seite 10
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1995

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