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Depression: Schaden Antidepressiva dem ungeborenen Kind?

Schwangere, die unter einer Depression leiden, nehmen häufig Medikamente dagegen ein. Schon länger diskutieren Experten, ob das eine Gefahr für das ungeborene Kind bedeutet. Eine neue Studie aus Kanada nährt diesen Verdacht: Die Pharmakologin Anick Bérard und ihre Kollegen berichten, dass die Einnahme von Antidepressiva im ersten Schwangerschaftsdrittel das Risiko von Geburtsschäden erhöht.

Die Forscher von der Université de Montréal werteten Daten einer Längsschnittstudie aus, für die sämtliche Schwangerschaften in der Provinz Québec in den Jahren 1998 bis 2009 dokumentiert worden waren. 3640 Frauen hatten schon mindestens ein Jahr vor ihrer Schwangerschaft begonnen, eine Depression oder Angststörung mit einem Antidepressivum zu bekämpfen. Ihre Kinder waren bei der Geburt im Schnitt 100 Gramm leichter als jene von Teilnehmerinnen, die ebenfalls an einer dieser Erkrankungen litten, aber keine Medikamente dagegen nahmen. Allgemein fand sich zwar kein signifikanter Zusammenhang zwischen Antidepressiva und Geburtsschäden. Eine genauere Analyse jedoch offenbarte, dass zumindest manche Präparate die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Geburtsschäden erhöhten, darunter Fehlbildungen des Gesichts oder der Schädelnähte. Zum Teil stieg das Risiko auf das Vierfache. Neben den trizyklischen Antidepressiva, einer älteren Wirkstoffklasse, betraf das vor allem die beiden selektiven Serotonin-Wiederaufnahme­hemmer Citalopram und Paroxetin. Die Mittel würden zu schnell auch bei leichten und mittelschweren Depressionen verschrieben, sagen die Forscher, obwohl eine Psychotherapie hier oft genauso gute Dienste leiste. Der Anteil der Schwangeren, die zu Antidepressiva griffen, hatte sich im Untersuchungszeitraum von zwei auf vier Prozent verdoppelt.

Ein ähnliche Tendenz gebe es in Deutschland, sagt Niels Bergemann vom Sächsischen Krankenhaus Rodewisch, der auf affektive Erkrankungen in Schwangerschaft und Stillzeit spezialisiert ist. Als Gründe vermutet er, dass Depressionen heute besser erkannt würden und die neueren Medikamente weniger Nebenwirkungen hätten. Zwar rät er ebenfalls zur Vorsicht beim Einsatz von Antidepressiva während der Schwangerschaft. Patientinnen "in anderen Umständen" sollten aber eine bestehende Medikation nicht einfach kurzfristig abbrechen. Zum einen werde eine Schwangerschaft ohnehin oft erst erkannt, wenn das kritische erste Drittel schon zur Hälfte überstanden ist, zum anderen bestehe dann ein hohes Rückfallrisiko – mit ebenfalls ungünstigen Folgen für das Kind. Daher gelte es in jedem Einzelfall sorgsam abzuwägen.

5/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 5/2017

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  • Quellen
BMJ Open 7, e013372, 2017