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Schrift: Gandhara: Indiens Weg zur Schrift

Die heutigen Schriftsysteme auf dem indischen Subkontinent haben sich samt und sonders aus der Brahmi-Schrift des 3. Jahrhunderts v. Chr. entwickelt. Deren Inspiration wiederum können Forscher dank spektakulärer Handschriftenfunde nun nach Gandhara zurückverfolgen, einer einst iranisch und griechisch geprägten Provinz im heutigen Pakistan und Afghanistan.

Ein Europäer, der den indischen Subkontinent bereist, erlebt Unvertrautes und Exotisches auch hinsichtlich des Geschriebenen. Denn statt einem einzelnen grundlegenden Schriftsystem mit lokalen Sonderzeichen begegnet ihm eine bunte Vielzahl ganz verschieden aussehender Schriften. Die indische Verfassung kennt 22 Regionalsprachen, die in den großen Schriften des Nordens – Bengali, Devanagari, Gujarati, Gurmukhi und Oriya – beziehungsweise des Südens – Kannada, Malayalam, Tamil und Telugu – festgehalten werden. Von diesen ist die Devanagari als offizielle Schrift der Bundesregierung in ganz Indien verbreitet, aber auch im benachbarten Nepal in Gebrauch, während die Bengali-Schrift obendrein in Bangladesch verwendet wird. In Bhutan findet der Reisende das Schreibsystem Tibets, auf Sri Lanka die singhalesische und tamilische Schrift. Im Zuge der islamischen Expansionen hat sich auch die arabische Schrift in Südasien verbreitet, der muslimische Bevölkerungsgruppen den Vorzug geben. Hingegen brachte die europäische Kolonialisierung die lateinische Schrift mit, die zur Schreibung des Englischen im öffentlichen Raum, aber auch oft für einheimische Sprachen verwendet wird.

Ein Vergleich zeigt, dass alle modernen indischen Schriften dem gleichen System folgen, welches sich von dem unserer Alphabetschrift deutlich unterscheidet. Das grafische Grundgerüst stellen Konsonantenzeichen dar, die einzeln oder in Gruppen den Kern eines Silbenzeichens (eines so genannten Aksaras) bilden. An diese Zeichen werden Modifikationen gefügt, um die jeweils folgenden Vokale anzugeben und dabei zwischen langen und kurzen zu unterscheiden. So wird der Name der altindischen Stadt Pataliputra in allen indischen Schriften nach dem Muster "Pa-T-Li-Pu-TR" geschrieben (Großbuchstaben bezeichnen Konsonantenkerne, Kleinbuchstaben Vokalmodifikationen, der Bindestrich die Aksara-Grenzen). Dieser besondere Schrifttyp wird als »alphasyllabisch« oder »Abugida« bezeichnet. Er unterscheidet sich sowohl von den semitischen Konsonantenschriften als auch von den westlichen Alphabeten, reinen Silbenschriften wie dem japanischen Hiragana wie auch logografischen Systemen wie der chinesischen Schrift. »Abugidas« kommen nur in Südasien und – wahrscheinlich durch indischen Einfluss – in Äthiopien vor. Die Entwicklung dieses Typs versuchen Epigrafiker und Sprachforscher in ihren einzelnen Schritten nachzuvollziehen.

Inschriften und Manuskripten zufolge war um das Jahr 1000 herum eine mehr oder weniger einheitliche Schriftform – die so genannte Siddhamatrika – in ganz Nordindien verbreitet. Im Süden wurden hingegen zwei Hauptschriften – Grantha und Vatteluttu – verwendet. Ihnen allen lag wiederum die Brahmi zu Grunde, deren früheste Form in den Inschriften des Kaisers Asoka aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. überliefert ist. Diese Texte findet man in ganz Indien in lokaldialektisch gefärbten Versionen der Kanzleisprache dieses Herrschers. Nur die Provinz Gandhara im äußersten Nordwesten machte eine Ausnahme: Asoka ließ dort seine Edikte in der Schrift Kharosthi einmeißeln, zudem gab es dort auch aramäische und griechische Übersetzungen. ...

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 3/2014

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