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Winters' Nachschlag: Schurgels Monologe

Man hätte ihm gerne was Nettes gesagt, wäre man nur drangekommen.
Das Leben könnte so einfach sein. Auch für Psychologen. So hätten sich etwa jene Forscher, die Klaus Wilhelm in seinem Artikel über Selbstgespräche (S. 14) zitiert, ihre ganzen aufwändigen Studien sparen können, wenn sie nur einen Tag lang Herrn Schurgel bei der Arbeit beobachtet hätten.

Rainer Schurgel leitete die Elektronikwerkstatt der Kunsthochschule und war mein wichtigster Gesprächspartner, wenn es um die Entwicklung meiner komplizierten Installationen ging. Das Wort "Gesprächspartner" führt hier jedoch in die Irre, denn Herr Schurgel hatte es in der Kunst des Selbstgesprächs, anstatt sie im Kindesalter zu verlernen, zu wahrer Meisterschaft gebracht.

"Ah, da sehe ich schon, ein Trafo, es ist immer der Trafo, bestimmt ein verbrannter Gleichrichter! Deswegen heißt er ja Gleichrichter: 'Gleich riecht er!' ..." So empfing mich Schurgel bei meinem ersten Besuch in seiner mit defekten Elektronikteilen aus allen Erdzeitaltern vollgestopften Werkstatt, noch bevor ich meinen kaputten Transformator auch nur ausgepackt hatte. Etwa sechs Stunden später – die Reparatur selbst hatte nur Minuten gedauert – verließ ich, schwindelig und um viele unverständliche physikalische Fakten reicher, das Labor, ohne selbst auch nur ein einziges Wort gesprochen zu haben.

Alle Aspekte des Phänomens Selbstgespräch, die im genannten Artikel erwähnt werden, lagen offen wie ein eben zerlegtes Transistorradio auf Schurgels Arbeitstisch. Das ganze Alphabet des Selbstgesprächs von A wie Autosuggestion ("Na, wo ist denn das kleine Fehlerchen? Komm, Fehlerchen, komm zu Onkel Rainer, das wär' doch gelacht, wenn wir das Fehlerchen nicht fänden!") bis Z wie Zielfokussierung ("Bevor das Lämpchen brennt, wird nicht mehr gepennt, ich krieg dich schon, du Lämpchen!") konnte man im schurgelschen Monolog aufblitzen sehen. Und damit nicht genug: Auch die im G&G-Artikel unterschlagene Kunst der affirmativ-sprachlichen Handlungsdopplung gehörte zum verstörenden Repertoire des Werkstattleiters: "So, jetzt lötet Onkel Rainer hier noch ein Drähtchen dran, löt, löt löt ...", hörte man zum Beispiel, während man desgleichen sah, und ich bin sicher, dass die fast magischen Fähigkeiten Schurgels sofort zu Staub zerfallen wären, hätte man ihn zur Unterbrechung dieser verbalen Selbstverstärkung gezwungen.

Umgekehrt hinderte die ungeheure Menge an Informationen, die Schurgel sich täglich selbst zu übermitteln hatte, ihn ständig daran, seine Arbeit zu bewältigen. Ich besitze eine Tonbandaufzeichnung meines Anrufbeantworters, in der Schurgel mir mitteilt, er habe heute keine Zeit. Nebenbei erklärt er noch, warum Anrufbeantworter den Menschen unselbstständig machen, warum Magnettonaufzeichnungen nach spätestens 200 Jahren unbrauchbar werden, warum er auf keinen Fall vergessen darf, eine Petersilienwurzel zu kaufen, warum die Berliner Mauer bald fallen wird, warum ich vermutlich nicht zu Hause bin und – nicht zu vergessen – warum der Gleichrichter Gleichrichter heißt. Nach 21 Minuten und 35 Sekunden bricht der Monolog jäh ab.

Inzwischen ist Rainer Schurgel längst pensioniert, und ich habe keine Ahnung, wo er heute mit sich selbst spricht. Aber ich höre noch immer seine freundliche Stimme, die stets einfach weitersprach, wenn man seine Werkstatttür hinter sich schloss. In solchen Momenten denke ich dasselbe wie damals: Ich hätte ihm so gerne einmal was Nettes gesagt, wenn er mich nur gelassen hätte ...
Dezember 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist Dezember 2011

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