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Sechs Monate an Bord der Mir

Mehrere Jahre lang arbeiteten Astronauten und Kosmonauten in der russischen Raumstation einträchtig zusammen. Die einzige Frau unter den Teilnehmern an diesem Programm, das Erkenntnisse über den Betrieb einer neuen, permanent bemannten Raumbasis erbringen sollte, berichtet über ihre persönlichen Erfahrungen.

Sechs Monate lang schwebte ich mindestens einmal täglich über dem großen Beobachtungsfenster im Quant-2-Modul der Mir und betrachtete fasziniert die Erde unter mir oder schaute in die Tiefen des Weltraums. Immer aufs neue überwältigte mich diese unvergleichliche Szenerie. Was mich damals jedoch noch mehr beeindruckte war die Tatsache, daß ich – in Texas geboren und in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen – hier auf einer russischen Raumstation lebte und mit einem russischen Luftwaffenoffizier und einem russischen Ingenieur zusammenarbeitete. Noch vor zehn Jahren wäre dies reine Utopie gewesen.
Anfang der siebziger Jahre hatten die Raumfahrtbehörden der Vereinigten Staaten und der damaligen Sowjetunion zu erforschen begonnen, ob und wie ein längerer Aufenthalt im All möglich sei. Die USA richteten zunächst in einer umgebauten dritten Stufe ihrer Saturn-5-Mondrakete das Himmelslabor Skylab ein und brachten es in eine Erdumlaufbahn. Nach Abschluß der dritten Skylab-Mission 1974 konzentrierte sich das amerikanische Programm jedoch auf kurze Flüge mit der neuentwickelten Raumfähre, dem Space Shuttle. Die Sowjets hingegen dehnten die Dauer der Raumflüge ihrer Kosmonauten weiter aus, zunächst auf den Saljut-Stationen und später auf der Mir (deutsch: Frieden). Anfang der neunziger Jahre – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und nach Ende des Kalten Krieges – erschien es sinnvoll, eine permanent bemannte Station im Orbit gemeinsam zu entwickeln und zu betreiben. Dem Projekt der Internationalen Raumstation (Raumstation "Alpha"), das die USA, Europa, Japan, Kanada und Brasilien realisieren wollen, schlossen sich die Russen 1993 formell an.
Die erste Phase der Zusammenarbeit bildete das sogenannte Shuttle-Mir-Programm. Mehrmals sollten US-Astronauten mit dem Space Shuttle zur russischen Raumstation gebracht werden und dort jeweils etwa vier Monate lang gemeinsam mit ihren Kollegen aus Rußland eine breite Palette wissenschaftlicher Experimente durchführen. Dies bot Gelegenheit, die Zusammenarbeit beider Nationen zu erproben sowie Erfahrungen mit Langzeitflügen im Weltraum und für den Bau der Internationalen Raumstation zu gewinnen.
Meine Mitarbeit in dem Programm begann 1994. Damals war ich seit 15 Jahren im amerikanischen Astronautenteam und hatte an vier Shuttle-Missionen teilgenommen. Eines Freitags rief mich mein Chef, Robert "Hoot" Gibson, an und fragte, ob ich einen Intensivlehrgang in Russisch und vielleicht auch ein Training in Rußland für einen Aufenthalt auf der Mir absolvieren möchte. Ich sagte sofort zu. Hoot versuchte, meinen Enthusiasmus zu dämpfen: Ich sei zunächst nur für den Sprachkurs vorgesehen. Dies bedeute nicht unbedingt, daß ich nach Rußland gehen, noch weniger, daß ich auf der Mir fliegen würde; aber immerhin gebe es eine Chance dafür.
Nach diesem Gespräch machte ich mir kurz die Fakten bewußt. Die geplante Mission sollte in knapp eineinhalb Jahren stattfinden. Bis dahin mußte ich mir eine völlig fremde Sprache aneignen, um mich mit meinen Mannschaftskollegen an Bord der Raumstation verständigen und um überhaupt am Vorbereitungstraining teilnehmen zu können. Ich mußte die Bordsysteme der Mir sowie der Sojus-Kapsel bedienen lernen, mit der die russischen Kosmonauten ins All starten und wieder landen. Da ich jedoch mit einem Space Shuttle zur Mir und zurück fliegen würde, galt es zugleich meine Kenntnisse über die amerikanische Raumfähre auf dem laufenden zu halten. Und als ob dies alles noch nicht ausreichte, mußte ich auch die an Bord der Mir durchzuführenden Experimente beherrschen.
Vor einer solchen Entscheidung sollte man sich einige persönliche und auch allgemeine Fragen stellen. Warum wollte ich auf der Mir leben und arbeiten? Und was bezweckt überhaupt der Aufbau der Internationalen Raumstation?
Einer der Gründe für dieses ehrgeizige Großprojekt ist sicherlich die wissenschaftliche Forschung: Während auf der Erde die Gravitation alle Experimente beeinflußt und Schwerelosigkeit nur kurzzeitig in Falltürmen oder mit Parabelflügen simuliert werden kann, lassen sich in einer Raumstation Langzeitexperimente unter Mikrogravitation durchführen – also in einer Umgebung, in der nur minimale Störungen durch die Schwerkraft oder durch Erschütterungen auftreten. Zudem können die Erfahrungen, die man während des permanenten Aufenthalts von Menschen im Weltraum sammelt, hilfreich sein für die Vorbereitungen eines bemannten Fluges zu anderen Planeten.
Persönlich sah ich die Mir-Mission als eine perfekte Möglichkeit, zwei meiner Passionen zu verbinden: das Fliegen und die Arbeit im Labor. Meinen Pilotenschein hatte ich bereits im Alter von 20 Jahren erworben. Bevor ich Astronautin wurde, war ich als Biochemikerin tätig gewesen. Was könnte für eine Wissenschaftlerin, die das Fliegen liebt, aufregender sein, als die Arbeit in einem Labor, das mit 27000 Kilometern in der Stunde um die Erde rast?
Nach drei Monaten intensiven Sprachstudiums konnte ich mit dem Training in der Sternenstadt, dem Ausbildungszentrum der russischen Kosmonauten in der Nähe Moskaus, beginnen. Im Januar 1995, im klirrend kalten Winter, traf ich dort ein. Jeden Morgen stand ich um 5 Uhr auf. Wenn ich zum Kursraum ging, dachte ich stets daran, daß ein Ausrutscher auf dem spiegelglatten Eis ein gebrochenes Bein zur Folge haben könnte und dann der Traum vom Flug zur Mir zu Ende wäre. Den größten Teil des Tages hörte ich Vorlesungen zu den Bordsystemen der Mir und der Sojus-Raumschiffe – auf Russisch natürlich. Die Abende verbrachte ich mit dem weiteren Erlernen der Sprache und mühte mich mit Fachbüchern ab. Gegen Mitternacht fiel ich erschöpft ins Bett.
In diesem Jahr arbeitete ich härter als jemals in meinem Leben. Verglichen damit war das gleichzeitige Studium und Mutter-Dasein ein Kinderspiel gewesen. Schließlich, im Februar 1996, hatte ich alle geforderten medizinischen und fachlichen Prüfungen bestanden, und die russische Raumfahrtkommission nahm mich in den Kreis der Mir-Mannschaft auf. Ich fuhr nach Baikonur in Kasachstan, um den Start der Sojus zu verfolgen, die meine russischen Kameraden – Kommandant Juri Onufrijenko, ein Luftwaffenoffizier, und Bordingenieur Juri Usatschew, ein Zivilist – zur Mir bringen sollte. Dann kehrte ich in die USA zurück, um dort ein dreiwöchiges Training mit der Besatzung der Shuttle Mission STS-76 zu absolvieren. Am 22. März 1996 hoben wir vom Raumfahrtzentrum in Cape Kennedy mit der Atlantis ab. Drei Tage später dockte das Shuttle an der Mir an, und ich stieg in die Station über, in der ich – so war es zumindest geplant – die nächsten viereinhalb Monate leben und arbeiten sollte.

Das Leben in der Schwerelosigkeit

Die ersten Tage auf der Mir verbrachte ich damit, die Station sowie Onufrijenko und Usatschew kennenzulernen (Bild 1); wir sprachen ausschließlich Russisch. Die Mir besteht aus verschiedenen nach und nach angekoppelten Modulen (Bild 2). Die Basiseinheit wurde im Februar 1986 in die Erdumlaufbahn gebracht. An ihr ist das Zusatzmodul Quant 1 angefügt, das 1987 gestartet wurde; am gegenüberliegenden Ende befindet sich eine ballförmige Schleuse mit insgesamt sechs Luken. An vier von ihnen sitzen sternförmig die Module Quant 2 (gebaut 1989), Kristall (1990), Spektr (1995) und Priroda (es kam während meines Aufenthalts an Bord hinzu und enthält das Labor, in dem ich die meisten meiner Experimente ausführte). In Spektr brachte ich meine persönlichen Dinge unter und schlief dort jede Nacht. Mein Weg zur Arbeit war sehr kurz – in wenigen Sekunden schwebte ich von einem Modul zum anderen.
Die beiden Kosmonauten schliefen in würfelförmigen Kabinen in der Basiseinheit. Meistens wurden wir um 8 Uhr geweckt (auf der Mir sowie im russischen Kontrollzentrum in Koroljow gilt Moskauer Zeit); etwa 20 Minuten später waren wir angekleidet und arbeitsbereit. Wir setzten im allgemeinen zunächst unsere Kopfhörer auf und sprachen mit dem Kontrollzentrum. Anders als das Space Shuttle, dessen Kommunikationskanäle über zwei Nachrichtensatelliten verlaufen, ist die Mir nur dann in Funkkontakt mit der Bodenstation, wenn sie eine der auf russischem Territorium liegenden Antennenanlagen überfliegt; während jeder der 90 Minuten dauernden Erdumkreisungen ist dies etwa zehn Minuten lang der Fall. Kommandant Onufrijenko wünschte, daß wir alle jedes Mal "auf Leitung" waren, falls die Bodenstation uns sprechen wollte. Diese Routine hatte Vorteile, weil sie uns im Laufe des Tages kleine Pausen bot. Wir trafen uns in der Basiseinheit und konnten vor und nach dem Gespräch mit der Bodenkontrolle ein wenig plaudern.
Nach dieser ersten Pflichtübung des Tages frühstückten wir. Einer der angenehmsten Aspekte an Bord der Mir war, daß wir alle Mahlzeiten gemeinsam einnahmen, wobei wir um einen Tisch in der Basiseinheit herum schwebten. Vor dem Flug hatte ich angenommen, daß die nicht sehr abwechslungsreiche Speisekarte meinen Appetit zügeln würde, doch zu meiner Überraschung aß ich jedesmal mit Genuß. Wir verzehrten russische und amerikanische Trockennahrung, die wir mit heißem Wasser anrührten. Wir experimentierten mit neuen Geschmacksnoten, indem wir die verschiedenen Packungen mischten; jeder von uns hatte Lieblingsrezepte, die wir den anderen empfahlen. Zum Frühstück mochte ich gern eine Tüte Borschtsch oder Gemüsesuppe und eine Tüte Fruchtsaft. Zum Mittag- oder Abendessen schätzte ich die russischen Fleisch- und Kartoffelaufläufe. Die Russen liebten die Päckchen mit amerikanischer Mayonnaise, die sie fast allem, was sie aßen, hinzufügten.
Der Arbeitsablauf an Bord richtete sich nach einem Plan, den die Russen Schema 24 nannten. Üblicherweise verbrachten meine beiden Kollegen den größten Teil ihrer Zeit mit der Wartung der Bordsysteme, während ich Experimente für die NASA durchführte. Wir mußten täglich Gymnastik treiben, um den durch die Schwerelosigkeit bedingten Muskelschwund zu verhindern; normalerweise taten wir dies vor dem Mittagessen. Auf der Mir gibt es in der Basiseinheit und im Kristall-Modul je ein Laufband, auf dem man joggen kann, wenn man sich mit einem Geschirr und Gummibändern festgeschnallt hat (Bild 3 links); ein Fahrrad-Ergometer ist unter einem Bodenblech in der Basiseinheit verstaut. Wir hielten uns an drei von russischen Physiologen entwickelte Übungseinheiten, die sich täglich abwechselten und zyklisch wiederholten. Jede dauerte 45 Minuten und wechselte zwischen Joggen und Ziehen an starken Gummibändern (als Schwerkraftersatz). Gegen Ende meines Aufenthalts auf der Mir hatte ich das Gefühl, härter trainieren zu müssen, und so lief ich zusätzliche Kilometer auf dem Band.
Ehrlich gesagt: Das tägliche Training war für mich das Unangenehmste auf der Mir. Erstens war es wirklich anstrengend und zweitens langweilig; denn das Laufen im Gestell verursachte einen solchen Lärm, daß eine Unterhaltung unmöglich war. So setzte ich während des Joggens meinen Walkman auf, mußte aber bald feststellen, daß ich zu wenig Bänder mit schnellen Rhythmen mitgenommen hatte. Glücklicherweise gab es auf der Mir eine große Auswahl an Musikkassetten, die ich während meines sechsmonatigen Aufenthalts fast alle hörte.
Nach Abschluß des Trainings genossen wir meistens ein ausgedehntes Mittagessen und kehrten dann zu unserer Arbeit zurück. Oft machten wir am späten Nachmittag eine kurze Teepause und aßen am späten Abend gemeinsam. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir in der Regel die Verpflichtungen des Schema 24 erledigt, aber es blieb noch viel Hausarbeit übrig wie Einsammeln des Mülls, Organisieren des Nahrungsmittelvorrats und Aufwischen des Kondenswassers, das sich auf kalten Oberflächen gebildet hatte. Problematisch war die Unordnung an Bord. Alle paar Monate brachte ein unbemanntes Raumschiff vom Typ Progress Nachschub zur Raumstation. Nach dem Ausladen konnten wir unseren Abfall dort verstauen, der dann beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zusammen mit der Kapsel verglühte. Aber meistens reichte der Platz in der Progress nicht aus, um auch nicht mehr benötigte wissenschaftliche Ausrüstungen darin unterzubringen.
Nach dem Abendessen schickte uns die Bodenkontrolle über den Fernschreiber das Schema 24 für den nächsten Tag; das letzte Funkgespräch erfolgte in der Regel zwischen 22 und 23 Uhr. Anschließend zog sich jeder in seinen Privatbereich zurück. Ich rollte meinen Schlafsack aus, band ihn an einem Handlauf fest und las noch ein wenig oder schrieb auf meinem Computer Briefe nach Hause (wir funkten die Nachrichten an die Kontrolleure am Boden, die sie per E-mail an meine Familie weiterleiteten; Bild 4 rechts). In meinem Schlafsack hängend schlief ich jede Nacht tief und fest bis zum Klingeln des Weckers am nächsten Morgen.

Wachteleier und Zwergweizen

Der Alltag auf der Mir war Routine, doch keineswegs monoton. Ich erlebte den Traum eines jeden Wissenschaftlers. Ich hatte mein eigenes Labor und arbeitete den größten Teil des Tages allein und selbständig. Bevor ein Experiment langweilig wurde, mußte ich bereits ein anderes mit neuen Geräten und aus einem anderen Wissenschaftsgebiet beginnen. Mindestens einmal täglich diskutierte ich meine Arbeit mit Bill Gerstenmaier, dem Flugdirektor der NASA, oder mit Gaylen Johnson, dem NASA-Flugmediziner, die beide in der russischen Bodenkontrollstation anwesend waren. Sie koordinierten meine Arbeit mit den jeweiligen Leitern der Experimente in den USA und Kanada. Oft hatte Gerstenmaier es arrangiert, daß die Projektleiter sich in das Gespräch einschalten konnten, wenn wir ein neues Experiment begannen, um gegebenfalls meine Fragen sofort beantworten zu können.
Meine Aufgabe war das Durchführen der notwendigen Prozeduren an Bord. Die Meßdaten und Proben wurden dann mit dem Space Shuttle auf die Erde zurückgesandt und an die Projektleiter zur Auswertung weitergeleitet. Meiner Erfahrung auf der Mir zufolge ist der Betrieb einer bemannten Raumstation wertvoll für die Forschung. Bei manchen Experimenten vermochte ich subtile Effekte zu beobachten, die eine Video- oder Photokamera nicht erfaßt hätte (Kasten Seite 35). Da ich zudem mit den wissenschaftlichen Fragestellungen eines jeden Versuchs vertraut war, konnte ich mitunter regulierend in die Durchführung eingreifen. Auch Fehlfunktionen der Apparaturen ließen sich von mir oder meinen russischen Kollegen in der Regel beheben. Lediglich eines der für meine Mission vorgesehenen 28 Experimente scheiterte völlig, weil ein Gerät ausfiel.
Als erstes auf dem Programm stand ein biologisches Experiment zur Entwicklung von Embryonen in Eiern japanischer Wachteln. Die befruchteten Eier hatte ich in meiner Ausrüstung mitgebracht und in einen Brutschrank der Raumstation gelegt. In den folgenden 16 Tagen entnahm ich ihm nach und nach die 30 Eier und legte sie geöffnet ineine vierprozentige Paraformaldehyd-Lösung, um den jeweiligen Zustand der Embryonen für die spätere Analyse auf der Erde zu fixieren; so konserviert konnte man sie bei normaler Umgebungstemperatur lagern.
Dieses Experiment scheint simpel zu sein, doch um es in einer nahezu schwerelosen Umgebung durchzuführen, bedarf es einer gewissen Kreativität. Nach den Sicherheitsrichtlinien der NASA und der Russen mußte die Fixierlösung mit drei Schichten Abdeckmaterial abgeschirmt sein, denn wenn ein Tropfen freikäme und in das Auge eines Mannschaftsmitglieds geriete, könnte er schwere Verätzungen hervorrufen. Ingenieure des Ames-Forschungszentrums der NASA hatten ein System verbundener Klarsichttüten entwickelt, in denen die Eier in die Fixierlösung eingelegt und zerschlagen werden konnten. Das gesamte Experiment wurde zudem in einer größeren Tasche mit eingestülpten Handschuhen als Eingriffe durchgeführt, so daß ich hineinlangen konnte, ohne sie öffnen zu müssen (Bild 3 rechts).
Forscher in Ames und an verschiedenen Universitäten analysierten nach Abschluß meiner Mission die Wachtelembryonen, um zu überprüfen, ob sie sich von anderen unterschieden, die sich im Brutschrank auf der Erde entwickelt hatten. Bemerkenswerterweise wiesen 13 Prozent der Mir-Embryonen Anomalien auf – im Vergleich zur Kontrollgruppe ein vierfach höherer Anteil. Die Forscher vermuten zwei Faktoren als Ursache: die geringfügig höhere Temperatur in dem Brutschrank an Bord der Mir und das sehr viel höhere Strahlenniveau auf der Raumstation. In anderen Experimenten wurde festgestellt, daß die mittlere Strahlenbelastung auf der Mir immerhin acht Röntgenuntersuchungen des Brustkorbs pro Tag entspricht. Ein Astronaut müßte sich aber wohl mindestens einige Jahre im Weltraum aufhalten, um sein Krebsrisiko merklich zu erhöhen.
In einem weiteren, längerfristigen Experiment pflanzte ich Weizen in einem Treibhaus im Kristall-Modul an. Eine amerikanisch-russische Forschergruppe wollte herausfinden, wie die Saat in einer nahezu schwerelosen Umgebung wachsen und reifen würde; es ging um die Frage, ob sich Getreidepflanzen als Sauerstoff- und Nahrungslieferant für Langzeitraumflüge eignen würden. Die Wissenschaftler hatten eine zwergwüchsige Weizenart gewählt, weil deren Lebenszyklus sehr kurz ist. Ich legte die Samen in ein Substrat aus Zeolith-Körnern, einem feuchtigkeitsspeichernden Mineral. Ein Computer steuerte Lichtmenge und Feuchtigkeitszufuhr.
Wir photographierten die Weizenhalme jeden Tag und beobachteten ihr Wachstum. Zu festgelegten Zeiten schnitten wir einige ab und verwahrten sie in einer Fixierlösung für die spätere Analyse auf der Erde. Am 40. Tag des Versuchs bemerkte ich Ähren an den Spitzen der Halme. Aufgeregt rief ich meine beiden Kollegen, um sich das anzuschauen. Einige Monate später erntete mein Landsmann und Nachfolger auf der Mir, John Blaha, die reifen Pflanzen und brachte sie zurück zur Erde. Doch Wissenschaftler an der Staats-Universität von Utah in Logan stellten fest, daß die mehr als 300 Ähren allesamt leer waren. Sie nehmen an, daß die Spuren von Äthylen in der Atmosphäre der Raumstation (das als Pflanzenhormon wirken kann) die Befruchtung des Weizens beeinträchtigt hatten. Der Astronaut Michael Foale säte in Folgeexperimenten auf der Mir verschiedene Rapssorten aus, die erfolgreich befruchtet wurden.
Die Mikrogravitationsbedingungen bieten zudem exzellente Voraussetzungen für Versuche zur Strömungsphysik und Materialwissenschaft. Gänzlich vermeiden lassen sich Erschütterungen an Bord der Raumstation freilich nicht, und obgleich der Mensch sie kaum wahrnimmt, können empfindliche Experimente durch sie beeinträchtigt werden. Störfaktoren sind hauptsächlich in Betrieb befindliche Bordaggregate, Luftströmungen, aber auch die Bewegungen der Besatzungsmitglieder. Um selbst feinste Vibrationen abzuschirmen, hatte die kanadische Raumfahrtbehörde eine Anlage mit einer Plattform entwickelt, die nur von elektromagnetischen Feldern in der Schwebe gehalten wurde (Bild 4 links).
Nach einem gründlichen Funktionstest führte ich mit ihr ein metallurgisches Experiment durch. In einem speziellen Ofen schmolz ich verschiedene Metallproben. Die Schmelze wanderte in enge Röhren, in denen sie langsam erstarren konnte. Die Wissenschaftler wollten damit herausfinden, wie die Teilchen einer Metallschmelze sich ohne Einfluß der Konvektion bewegen. (Nur unter Einwirkung der Schwerkraft steigen wärmere Flüssigkeiten und Gase auf, während kältere absinken.) Wie sich feststellen ließ, geht die Wanderung in der Schwerelosigkeit sehr viel langsamer vonstatten als auf der Erde. Eine verbogene Stütze im Innern des Ofens gefährdete übrigens den Fortgang des Experiments. Doch Bordingenieur Usatschew löste das Problem, indem er das Teil mit ein paar gezielten Hammerschlägen auf einer Werkbank wieder gerade richtete.
Ein Großteil meiner Experimente lieferte wichtige Erkenntnisse für den Bau der Internationalen Raumstation. Die Resultate unserer Strömungsversuche beispielsweise tragen dazu bei, bessere Lüftungs- und Lebenserhaltungssysteme zu entwickeln; und unsere Untersuchungen über die Ausbreitung von Flammen in der Mikrogravitation helfen, Brände an Bord von Raumstationen effektiver bekämpfen zu können (Kasten auf Seite 35).
Zu meinen Aufgaben gehörte auch eine Reihe von Erdbeobachtungen. Ozeanographen, Geologen und Klimaforscher hatten die NASA gebeten, Teile unseres Planeten unter verschiedenen Beleuchtungs- und jahreszeitlichen Bedingungen zu photographieren. Die Aufnahmen machte ich mit einer in der Hand gehaltenen Kamera durch das Quant-2-Beobachtungsfenster. Zweifelsfrei vermochte ich Veränderungen im Laufe der Jahreszeiten wahrzunehmen. Anfangs, Ende März, waren die Landstriche im hohen Norden noch eis- und schneebedeckt. Innerhalb weniger Wochen konnte ich große Risse auf den Seen feststellen, als das Eis zu brechen begann. Mit Beginn des Frühlings ergrünte die nördliche Hemisphäre scheinbar über Nacht.
Wir dokumentierten einige ungewöhnliche Vorgänge auf der Erdoberfläche. So sahen wir eines Tages beim Überfliegen der Mongolei riesige Rauchschwaden, als würde das ganze Land brennen. Die von uns informierten Bodenkontrolleure meldeten einige Tage später zurück, daß nach und nach Nachrichten über große Waldbrände aus der Mongolei nach außen drangen.

Sicherheit im Weltraum

Das wesentlichste Kriterium für erfolgreiche Langzeitflüge im All ist weniger der Aufbau und Zustand des Raumschiffs, als vielmehr die Zusammensetzung der Crew. So ist auch der wichtigste Grund für den Erfolg unserer Mir-Mission darin zu sehen, daß Kommandant Onufrijenko, Bordingenieur Usatschew und ich so gut miteinander auskamen. Es wäre durchaus möglich gewesen, daß die Unterschiede in Sprache, Kultur oder Geschlecht uns entzweit hätten, aber hierzu kam es nicht. Meine Teamkollegen bezogen mich stets in ihre Unterhaltungen ein. Wann immer möglich, arbeiteten wir gemeinsam an den Projekten. Mit Kritik vergeudeten wir keine Zeit – passierte ein Fehler, so wurde er erklärt, behoben und vergessen. Wir lachten viel zusammen, das war das Wichtigste für eine gute Atmosphäre.
Die Kompetenz der beiden war einer der Gründe, warum ich mich auf der Mir stets sicher fühlte. Als meine Mission begann, war die Station seit zehn Jahren in Betrieb, das Doppelte der ursprünglich geplanten Zeit. Onufrijenko und Usatschew mußten den größten Teil ihrer Zeit für die Wartung aufwenden; sie ersetzten ausgefallene Teile und kontrollierten die Lebenserhaltungssysteme. Ich stellte schnell fest, daß meine Kollegen nahezu alles reparieren konnten. Auf der Mir sind viele Ersatzteile gelagert, und weitere werden bei Bedarf mit einem Progress-Raumschiff herangeschafft. Anders als ein Space Shuttle kann die Mir nicht zur Reparatur auf die Erde zurückkehren; deshalb werden die wechselnden Kosmonautenteams in der Wartung der Station ausgebildet.
Zudem haben die Mannschaften der Mir in der Regel ausreichend Zeit für Reparaturen. Ein Defekt am Space Shuttle hingegen würde sofortige Aufmerksamkeit erfordern, da die Besatzung nur mit dieser Raumfähre zur Erde zurückkehren kann. Falls ein lebenswichtiges Teil versagt, müßte der Schaden schnell behoben oder die Mission vorzeitig abgebrochen werden, was bereits mehrfach vorgekommen ist. Die Mir indes hat ein Rettungsboot: Mindestens ein Sojus-Raumschiff ist permanent an der Station angedockt, so daß die Besatzung im Notfall damit heimkehren kann. Solange die Station aber bewohnbar bleibt, können die Kosmonauten einen unverhofft aufgetretenen Schaden ausfindig machen und ihn nach Rücksprache mit der Bodenkontrolle entweder beheben oder seine Folgen zu minimieren versuchen.
Nur in zwei Situationen müßte die Mir-Besatzung unverzüglich handeln: bei einem Feuer oder einem rapiden Druckabfall in der Station. Beides passierte 1997 (Kasten Seite 39); und beide Male gelang es der Besatzung, größeren Schaden zu verhindern. Mein Aufenthalt auf der Mir hätte im August 1996 zu Ende gehen sollen, aber mein Heimflug – die Shuttle-Mission STS-79 – wurde um sechs Wochen verschoben, damit Ingenieure der NASA ungewöhnliche Verbrennungsvorgänge in den Festbrennstoffraketen untersuchen konnten, die bei einem vorhergehenden Flug aufgetreten waren. Mein erster Gedanke, als ich von der Verspätung erfuhr, war: "Oh nein, nicht noch eineinhalb Monate Laufen in der Tretmühle!" So kam es, daß ich noch an Bord der Mir war, als eine neue russische Mannschaft eintraf, um Onufrijenko und Usatschew abzulösen. Als ich schließlich am 26. September 1996 mit dem Shuttle Atlantis heimkehrte, war ich 188 Tage im Weltraum gewesen – so lange wie bisher kein anderer amerikanischer Astronaut.
Das Shuttle-Mir-Programm endete im Juni dieses Jahres mit der Rückkehr von Andrew Thomas – dem letzten der sieben NASA-Astronauten, die in den vergangenen drei Jahren auf der Mir lebten. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen meine ich, aus diesen Unternehmungen sollten einige ernstzunehmende Lehren für den Betrieb der Internationalen Raumstation gezogen werden. Zunächst wäre die Besatzung sorgfältig auszuwählen; denn die modernste Technik an Bord würde nichts nützen, wenn die Crewmitglieder nicht harmonieren. Sodann müßte beachtet werden, daß sich ein Langzeit- von einem Shuttleflug so unterscheidet wie ein Marathonlauf von einem 100-Meter-Sprint. Für einen typischen zweiwöchigen Flug eines Shuttles ist für jede Minute festgelegt, was die Mannschaft gerade zu tun hat. Doch während einer Langzeit-Mission müssen die Raumfahrer eher behandelt werden wie Wissenschaftler, die in einem irdischen Labor arbeiten: Sie müssen ihren Tagesablauf in gewissem Rahmen selbst bestimmen können.
Heute ist es noch so, daß die Astronauten für eine Mission mit dem Shuttle jeden Handgriff so lange einüben, bis er sozusagen im Schlaf sitzt. Für einen Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation wären andere Kriterien anzulegen. Denn bei Beginn eines neuen Experiments kann es sein, daß das Training dafür bereits ein halbes Jahr zurückliegt, so daß der Astronaut einige Zeit brauchen wird, um sich den Ablauf erneut zu vergegenwärtigen. Jeder sollte sich deshalb speziell diejenigen Fertigkeiten und Kenntnisse aneignen, die er während seiner Langzeit-Mission benötigt und nicht stur jeden einzelnen Handgriff einüben. Ferner sollten die Besatzungsmitglieder einen eigenen wissenschaftlichen Anteil an den von ihnen ausgeführten Untersuchungen haben. Die Experimente sollten so angelegt sein, daß der Astronaut ihren wissenschaftlichen Hintergrund kennt und versteht sowie Beurteilungen über das notwendige weitere Vorgehen mit abgeben kann. Ein intellektuelles Engagement ist überaus wichtig für die Zufriedenheit der Besatzungsmitglieder und damit für den Erfolg des Unternehmens.
Eine Vielzahl von Ereignissen während meines halbjährigen Aufenthalts an Bord der Mir wird mir stets im Gedächtnis bleiben. Doch in einer Erinnerung spiegelt sich das gesamte Vermächtnis des Shuttle-Mir-Programms. Eines Abends schwebten Onufrijenko, Usatschew und ich nach dem Essen um den Tisch. Wir tranken Tee, aßen Kekse und erzählten uns von unserer Kindheit und den Orten, aus denen wir stammten. Nach einer Weile wurde uns bewußt, daß wir alle mit den gleichen Ängsten aufgewachsen waren: daß unsere beiden Länder einen Atomkrieg gegeneinander führen könnten. Während ich in meiner Grundschulzeit beigebracht bekam, wie man im Falle einer Bombenexplosion unter den Tisch kriecht, lernten Onufrijenko und Usatschew, daß US-Bomber und -Raketen auch ihre Dörfer vernichten könnten. Wir tauschten noch weitere Kindheitserinnerungen aus und wunderten uns, welche damals kaum vorstellbare Situation sich nun ergeben hatte. Aus Ländern stammend, die sich noch vor kurzem feindlich gegenüberstanden, lebten wir hoch über der Erde in Harmonie und Eintracht zusammen. Ja, und nebenbei hatten wir eine schöne Zeit.

Literaturhinweise

– Diary of a Cosmonaut: 211 Days in Space. Von Valentin Lebedev. PhytoResource Research, 1988; Bantam Books, 1990.
– Raumstation "Alpha". Eine Vision wird Wirklichkeit. Von Piers Bizony. BLV, 1997.
– Informationen über das Shuttle-Mir-Programm findet man im World Wide Web unter http://shuttle-mir.nasa.gov, über die Internationale Raumstation unter http://station.nasa.go


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1998, Seite 32
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