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Briefnetzwerke: Selbstinszenierung der Gebildeten

Indem sie sich klassischer Schrifttraditionen wie des Freundschaftsbriefs bedienten, grenzten sich Galliens Intellektuelle von der der Schrift unkundigen germanischen Bevölkerung ab. Doch erst die Aufnahme germanischer Aristokraten in ihre Briefnetzwerke sicherte das Überleben der antiken Bildung.

Telefon und Internet haben unsere Kommunikation derart vereinfacht, dass wir den Akt der Nachrichtenübermittlung mittlerweile als völlig unbedeutsam erachten. Teilweise sogar in Echtzeit können wir über den ganzen Erdball hinweg mit Personen in Kontakt treten und uns mit diesen austauschen. Von solchen Möglichkeiten war die antike Welt, in der es für private Korrespondenz nicht einmal ein organisiertes Postwesen gab, weit entfernt. Dennoch wurde auch damals in vielfältiger Weise brieflich kommuniziert, und dies über erstaunlich große Distanzen hinweg. Dabei bewirkte der Aufwand der Übermittlung, dass der inhaltlichen und stilistischen Gestalt der Korrespondenzen weit höhere Bedeutung beigemessen wurde als heute. Das ist ein Grund dafür, dass antike Briefe nicht nur dem Informationsaustausch, sondern vielfach obendrein der Selbstdarstellung der Briefpartner dienten. Diese Funktion tritt besonders in der Spätantike hervor, in der Briefnetzwerke den gebildeten Römern zur Abgrenzung und Identitätswahrung gegenüber den herrschenden, aber schriftunkundigen germanischen Völkern dienten.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie den als "Vindolanda-Tablets" bekannten Soldatenbriefen aus dem Norden Englands (1. und 2. Jahrhundert n. Chr.) kennen wir nur antike Briefsammlungen der römischen Oberschicht. Diese Personengruppe verfügte über eine hohe literarische Kompetenz und setzte sogar unterschiedliche Stile für ihre jeweiligen Ziele ein. Ein prominentes Beispiel ist Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.), von dem die größte Briefsammlung des klassischen Altertums überliefert ist. So schrieb er aus dem Exil an seine Frau Terentia in der Rolle des verzweifelten Ehemanns, präsentierte sich seinen Adressaten in der philosophischen Phase als umfassend gelehrte Persönlichkeit, gegenüber seinem jüngeren Bruder Quintus hingegen als erfahrener Politiker. Nach der Ermordung seines Widersachers Gaius Julius Cäsar 44 v. Chr. versuchte er wieder ins Spiel zu kommen und mimte den Machtpolitiker.

Diese Praxis wohlkalkulierter Stilwahl erreichte im Lauf des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine neue Qualität, als Korrespondenzen bewusst mit dem Ziel der Selbstdarstellung veröffentlicht wurden. So brachte Plinius der Jüngere an der Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert neben einer knappen Sammlung dienstlicher Briefe mit Kaiser Trajan nicht weniger als neun Bücher mit privaten Schreiben in Umlauf. Manche Historiker glauben, dass Letztere von vornherein als literarisches Produkt gedacht waren und nie verschickt wurden. Als sicher gilt, dass die Publikation in der Absicht erfolgte, sich geeignet in Szene zu setzen, ohne dabei den Vorwurf des Selbstlobs zu riskieren. Denn das Bild eines moralisch einwandfreien, gesellschaftlich gewandten, geschmackvollen und literarisch versierten römischen Aristokraten, um nur die wesentlichen Aspekte der Inszenierung zu erwähnen, entstand gleichsam nebenbei aus den angesprochenen Themen und Anlässen. Diese waren immer wieder so gewählt, dass sie die zu vermittelnden positiven Eigenschaften wie von selbst hervortreten ließen. ...

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

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