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Selbstständige Köpfe - brauchen wir einen anderen Nachwuchs?


In seiner am 15. Oktober 1877 an der Berliner Universität gehaltenen Rektoratsrede feierte der in Empirie und Theorie äußerst rege und anregende Naturforscher Hermann von Helmholtz (1821 bis 1894) mit enthusiastischen Worten das geistige Klima an den deutschen Universitäten: Nur dem deutschen Studenten werde die Freude an einer Zeit gewährt, "wo er im ersten Genusse junger Selbstverantwortlichkeit zunächst noch von der Arbeit für fremde Interessen befreit, ausschließlich der Aufgabe leben darf dem Besten und Edelsten nachzustreben, was das Menschengeschlecht bisher im Stande war an Wissen und Anschauungen zu gewinnen, eng verbunden in freundschaftlichem Wetteifer mit einer großen Anzahl gleichstrebender Genossen und in täglichem geistigem Verkehr mit Lehrern, von denen er lernt, wie die Gedanken selbständiger Köpfe sich bewegen".

Wenn es denn richtig ist, daß die Jahrzehnte um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Blütezeit der Universitäten und der Wissenschaften generell in Deutschland waren, sollte in Helmholtzens Bekundung sozusagen das Erfolgsrezept der damaligen Universität erkennbar sein. Denn Erfolg von Universitäten heißt ja immer auch gelungene Selbstergänzung durch hervorragenden Nachwuchs.

Die Unterschiede zur heutigen Situation sind offenkundig. Selbstverwirklichung statt Selbstverantwortlichkeit im Streben nach Erkenntnis, Abhaken von in Studienordnungen vorgeschriebenen Leistungseinheiten statt freundschaftlichen Wetteifers um Einsichten und eine didaktisch gar nicht zu bewältigende Massenabspeisung statt täglichen geistigen Verkehrs mit Lehrern – da wird Wasser nicht zu Wein. Und vielleicht gibt es auch bald die personalsparende, aktuell mediengerechte, nämlich virtuelle Hinführung zur Wahrheitssuche. Fazit: Der wissenschaftliche Nachwuchs hat es heute schwer.

Ich behaupte: Wissenschaftlicher Nachwuchs, ausgebildet nach den Helmholtzschen Prinzipien, wäre auch heute hervorragender Nachwuchs. Er wäre jünger und dennoch selbständiger, kommunikationsfreudiger und weniger speziali-stisch eingestellt, als das heute die Regel ist. Er wäre auch geeignet für die Aufgaben, die ihm heute eine Gesellschaft anträgt, die in allen Bereichen von Wissenschaft geprägt ist.

Das Unbehagen an Selbstverständnis und Eigenschaften heutiger Nachwuchswissenschaftler wird zunehmend lauter vorgetragen. Freilich überzeugt nur begrenzt, was dabei insbesondere Personalchefs der Wirtschaft fordern. Da ist zumeist von der fachlichen Kompetenz kaum mehr die Rede, um so mehr aber von Jugendlichkeit, Vielsprachigkeit (außer Deutsch wenigstens zwei weitere Sprachen perfekt), Praxisbezug, Teamfähigkeit und ausgeprägten Führungsqualitäten. Wollen die Abnehmer des Nachwuchses so gänzlich darauf verzichten, ihnen spezifisch dienliche Profilelemente selbst zu vermitteln? Und sehen sie nicht, daß alle ihre Forderungen zusammengenommen sich ausschließen? Wenigstens dürften, sofern die Fertigkeiten denn nicht alle in Crash-Kursen vermittelt werden, entweder die Jugendlichkeit oder die fachliche Basis dahinschwinden. Übrigens hat es wohl nicht am Fehlen der geforderten Profilmerkmale gelegen, daß in den letzten fünf Jahren die Wirtschaft in Deutschland eine fünfstellige Zahl von Positionen, in denen der wissenschaftliche Nachwuchs bislang seine Kompetenz einbringen konnte, abgebaut hat.

Natürlich Internationalität! Natürlich Kommunikationsfähigkeit! Völlig zu Recht hat der Publizist und Medienwissenschaftler Peter Glotz, inzwischen Gründungsrektor der Universität Erfurt, den Verfall der Kommunikationskultur in den deutschen Universitäten als Krebsschaden bezeichnet. "So treffen sich manche Fakultätsmitglieder nur noch im Supermarkt", meinte er – doch auch nur, wäre zu ergänzen, wenn sie nicht als Spagatprofessoren weit über die Landschaft verstreut sind. Aber Führungsqualitäten? Wie viele "Führer" braucht unsere Wirtschaft – von der Wissenschaft nicht zu reden?

Da war schon der Soziologe, Nationalökonom und Wirtschaftshistoriker Max Weber (1864 bis 1920) skeptisch: "Bedenken Sie: es hängt der Wert des Menschen ja nicht davon ab, ob er Führungsqualitäten besitzt", rief er 1919 in seinem Vortrag "Wissenschaft als Beruf" Münchener Studenten zu. Sollten sich die Zeiten seither so tiefgehend gewandelt haben, daß dies nicht mehr gilt? Kaum, fehlt es doch heute eher an Orientierung und Perspektiven denn an Führung.

Wenn es richtig ist, daß im 21. Jahrhundert "sozial und ökonomisch kein Stein auf dem anderen bleiben wird", wie es Wolfgang Frühwald, der scheidende Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), kürzlich sagte, bedarf unser Gemeinwesen eines wissenschaftlichen Nachwuchses, aus dem die Architekten einer neuen Ordnung hervorgehen. Diese werden scheitern, wenn sie linear und spezialistisch denkend vorgegebene konzeptionelle Furchen zu verlängern suchen. Fachübergreifende Offenheit und Kompetenz sind schon deshalb erforderlich, weil die Komplexität unserer Lebenswelt unablässig zunimmt. Wäre nun der wissenschaftliche Nachwuchs auf die Denkmuster der Lehrergeneration strikt geprägt, würde er sich wohl mit den Lösungsansätzen von gestern in die Probleme von heute verbeißen und so die Herausforderungen von morgen kaum in den Blick bekommen.

Tatsächlich muß man besorgt sein, daß der traditionell ausgebildete Nachwuchs den Aufbruch nicht schafft. Es bleiben aber auch Zweifel, ob die auf kurzfristigen Nutzen angelegten Forderungen der Berufspraxis das richtige Signal geben. Nun ist es ein beliebtes Gesellschaftsspiel im heutigen Deutschland, Schuldzuweisungen hin- und herzuschieben, wenn ein Mangel erkannt ist und nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden kann. Verbaler Aufwand solcher Art bessert indes nichts, ebensowenig die bohrende Analyse, wenn ihr nicht Taten folgen.


Anstöße von außen

Reagieren die Universitäten? Zweifellos zu wenig. Aber – um eine gern zitierte Metapher biologisch zu verlängern – durch Verrottung entsteht Humus, in dem Samen keimen können. Anstöße von außen haben in den Universitäten erfreuliche Reaktionen ausgelöst.

Die Graduiertenkollegs der DFG haben nach anfänglicher hinderlicher Skepsis – selbst innerhalb dieser Institution war die Akzeptanz zunächst sehr gering – einen Nachfrageboom ausgelöst. Zwar werden die Kollegs nicht selten als Einrichtungen zur Finanzierung von Doktorarbeiten mißverstanden oder gar mißbraucht; aber inzwischen hat man weithin dank eines sorgsam entwickelten Verfahrens begriffen, daß die Promotionsphase für unsere Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mehr sein muß als das Erlebnis Humboldtscher Einsamkeit des Forschers – ohne Freiheit. Denn von dieser ist vielfach nicht ernsthaft die Rede. Der Nachwuchs wird zu wenig betreut, aber dafür nicht selten gegängelt. Sollten nicht vor allem die Habilitanden unabhängiger und risikobereiter sein? Und ist dieses Qualifikationsverfahren Habilitation überhaupt noch dienlich?

Auch darüber wird geredet. Der Wissenschaftsrat hat mit reichem Datenmaterial und differenzierten Ratschlägen in seinen Empfehlungen zur Neustrukturierung der Doktorandenausbildung und zur Förderung des Hochschullehrernachwuchses wertvolle Anstöße gegeben, die zu wirken beginnen; ebenso hat die Hochschulrektorenkonferenz dazu beigetragen. Anregungen und Hilfestellungen gibt es, und da und dort scheinen ernsthafte Diskussionen an den Hochschulen in Gang zu kommen.

Zudem drängt der Nachwuchs selbst danach, aus der Routine auszubrechen. Die Studienstiftung des deutschen Volkes, seit je bestrebt, mit ihren Förderungszielen Leistung, Initiative und Verantwortung disziplinär verengte Rahmen zu sprengen, hat mit einem neuen Angebot, den transdisziplinären Doktoranden-Meetings, geradezu eine Nachfragelawine ausgelöst. Das erste Thema – Zugang völlig frei – lautete "Denken, Glauben und die Autonomie des Menschen".

Es ist fast alles Nötige gesagt, aber es bewegt sich zu wenig. Ich sehe es als höchst bedauerlich an, daß sich an den Hochschulen zumeist nur dort ein wirklich stimulierendes Klima für den wissenschaftlichen Nachwuchs bildet, wo Angebote – nicht Eingriffe! – von außen an sie herangetragen werden. Aber wenn dem so ist, wenn diese Angebote mit überzeugenden Ergebnissen genutzt werden und dem Nachwuchs bisher versperrte Chancen eröffnen, dann sollte dieser Weg konsequent weitergegangen werden. Es scheint so, daß sich die Universitäten, wenn es mehr Möglichkeiten gäbe, durchaus auf einen entsprechenden Wettbewerb einlassen würden. Freilich könnte sich auch der Nachwuchs selbst deutlicher artikulieren. Noch einmal Hermann von Helmholtz: "Vergessen Sie nicht, theuere Commilitonen, daß Sie an einer verantwortlichen Stelle stehen... Sie sollen zeigen, daß auch die Jugend sich für die Selbständigkeit der Überzeugung zu begeistern und dafür zu arbeiten weiß."

Vielleicht werden auch die Verantwortlichen in den staatlichen Administrationen begreifen, daß eine kleinliche Reglementierung des Studiums durch ein engmaschiges System von Ordnungen zwar Gleichbehandlung perfekt zu sichern vermag, eventuell auch den Durchsatz in einem Massenbetrieb erhöht, aber die Entwicklung unabhängiger, ausgreifend und unkonventionell denkender Köpfe kaum fördert. Freilich, wie die positiven Beispiele zeigen, muß man in einen wissenschaftlichen Nachwuchs, der die Probleme der Zukunft lösen soll, auch gezielt investieren.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1997, Seite 54
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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