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Suizidprävention

Jung, verletzt - und lebensmüde?

Fast jeder fünfte Jugendliche hat sich schon einmal absichtlich selbst verwundet, etwa mit ­Rasierklingen oder Zigaretten. Wie erkennt man, ob sich ein Schüler womöglich Schlimmeres antun will?
Wenn Jugendliche sich ritzen, handelt es  sich oft um den Versuch, mit überwältigenden Gefühlen klarzukommen.

Vergangenen Monat erhielt ich den Anruf einer Vertrauenslehrerin. Sie wisse nicht genau, wie sie sich verhalten solle. Es gehe um eine Schülerin, die sich offenbar seit gut eineinhalb Jahren regelmäßig am Unterarm mit einer Rasierklinge ritzt. Lange konnte die 15-jährige Pia (Name und Fallgeschichte anonymisiert) die Verletzungen geheim halten, indem sie immer lange Ärmel trug. Doch dann entdeckte eine Schulkameradin in der Sportumkleide die Wunden und wandte sich besorgt an die Vertrauenslehrerin, mit der Bitte, Pia zu helfen. Diese suchte umgehend das Gespräch mit dem Mädchen, ließ sich die Ritzverletzungen zeigen und fragte nach dem Grund. Pia erklärte, indem sie sich selbst weh tue, könne sie besser mit negativen Gefühlen und inneren Anspannungen umgehen. Mehr wollte sie nicht erzählen. Die Lehrerin befürchtete nun, Pia könnte sich so tief schneiden, dass sie dabei ums Leben kommt.

Es handelt sich in vielerlei Hinsicht um eine typische Situation. Laut internationalen Erhebungen fühlt sich ein Großteil der Pädagogen und Schulsozialarbeiter unsicher im Umgang mit Jugendlichen, die sich selbst ­verletzen. Meist reagieren sie mit Erschrecken, oft mit Mitgefühl und Anteilnahme, mitunter aber auch mit Abneigung, Ekel und Unverständnis. Viele fragen sich, ob die Selbstverletzungen ein Indiz für einen drohenden Suizid darstellen. Oft wissen sie nach eigenen Angaben nicht, wie sie mit den Jugendlichen am besten ins Gespräch kommen und sie unterstützen können. Nur in den seltensten Fällen haben Angehörige der genannten Berufsgruppen jemals eine konkrete Schulung für den Umgang mit solchen Kindern erhalten. Dabei kommen fast alle irgendwann einmal mit Betroffenen in Berührung …

1/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 1/2018

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  • Literaturtipps und Quellen

Literaturtipps

In-Albon, T. et al.: Ratgeber: Selbstverletzendes Verhalten - Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Hogrefe, Göttingen 2015
Kompakter Ratgeber mit fachlichem Anspruch

In-Albon, T. et al.: Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie. Selbstverletzendes Verhalten. Hogrefe, Göttingen, 2015
Leitfaden zu Symptomatik, Diagnostik, Therapie und Prävention

Plener, P. L.: Suizidales Verhalten und nichtsuizidale Selbstverletzungen. Springer, Heidelberg 2015
Aktueller Stand der Forschung, gut geeignet für Psychologen und Therapeuten


Quellen

Brown, R. C. et al.: #cutting: Non-Suicidal Self-Injury (NSSI) on Instagram. In: Psychological Medicine 10.1017/S0033291717001751, 2017

Brunner, R. et al.: Life-Time Prevalence and Psychosocial Correlates of Adolescent Direct Self-Injurious Behavior: A Comparative Study of Findings in 11 European Countries. In: Journal of Child Psychology and Psychiatry 55, S. 337-348, 2013

Gould, M. S. et al.: Evaluating Iatrogenic Risk of Youth Suicide Screening Programs: A Randomized Controlled Trial. In: JAMA 293, S. 1635-1643, 2005

Groschwitz, R. C. et al.: Strong Schools against Suicidality and Self-Injury: Evaluation of a Workshop for School Staff. In: School Psychology Quarterly 32, S. 188-198, 2017

Kokkevi A. et al.: Adolescents' Self-Reported Suicide Attempts, Self-Harm Thoughts and Their Correlates Across 17 European Countries. In: Journal of Child Psychology and Psychiatry 53, S. 381-89, 2012

Muehlenkamp J.J. et al.: International Prevalence of Adolescent Non-Suicidal Self-Injury and Deliberate Self-Harm. In: Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health 6, 10, 2012

Plener, P.L. et al.: An International Comparison of Adolescent Non-Suicidal Self-Injury (NSSI) and Suicide Attempts: Germany and the USA. In: Psychological Medicine 39, S. 1549-1558, 2009