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Analyse des Wissenschaftsrates: Sind die Hochschulen fit für die Hightech-Zukunft?

Der alte und der neue Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Winfried Schulze und Karl Max Einhäupl, zeigten anlässlich der Amtsübergabe die aktuellen Herausforderungen an die deutschen Hochschulen auf.


Ein Phantom ging um in Deutschland. Das Phantom vom arbeitslosen Akademiker, der Proletarisierung der Elite, der hoffnungslosen Überqualifikation einer ganzen Nation. Die Klischeefigur, die erstmals vor 15 Jahren auftauchte und die sich seither explosiv vermehrt, hat längst einen Namen: Bürobote Dr. X und Taxifahrer Dr. Y. Allerdings – wie so oft bei Vorurteilen – gab und gibt es hier und da tatsächlich den Pförtner Dr. Z als lebenden Beweis.

Dies mögen Sonderfälle sein, begründet aus individuellen Biografien und Motiven – keinesfalls jedoch sind sie heute die Regel. Und spätestens seit dem Wink mit der Greencard auf der Cebit 2000 nach Internet-Indern aus aller Welt ist klar, dass von einer Überqualifikation hier zu Lande keine Rede sein kann. Ganz im Gegenteil. Das Dilemma kam nicht von heute auf morgen, sondern ist Resultat einer langfristigen Fehlentwicklung. Und die war so evident, dass eigentlich schon längst alle Alarmglocken hätten schrillen müssen. Mag sein, dass die Wende und der Aufbau Ost die bereits in den 80er Jahren geforderte Reform aufs Eis legte.

Und doch schlug es ein wie der Blitz aus heiterem Himmel, als der Wissenschaftshistoriker Winfried Schulze 1998 beim Antritt seines dreijährigen Amtes als Vorsitzender des Wissenschaftsrates die Träger der Hochschulen mit einer erschreckenden Analyse konfrontierte: Damals betrug der Anteil der Hochschulabsolventen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen in Deutschland 16 Prozent. Ein Anteil, der weit hinter dem der USA (29 Prozent), der Niederlande (28 Prozent), Norwegens (26 Prozent) und Kanadas (21 Prozent) zurück liegt.

Damit war die Marschrichtung klar: Nicht eine Akademikerschwemme gilt es zu bremsen, sondern eine höhere Quote herbeizuführen. Die vom Wissenschaftsrat angestrebte Akademisierungsquote liegt eher bei 40 statt bei 30 Prozent. Bereits 2015 werden 30 Prozent aller Arbeitsplätze mit Hochschulabsolventen besetzt sein, wie der Arbeitskreis "Fortschreibung Beschäftigungsperspektiven" im Mai 2000 feststellte. Das war nicht nur einfach eine neue, es war eine revolutionäre Einsicht. 40 Prozent jedes Jahrgangs mit akademischer Qualifikation werden benötigt, um die Herausforderungen zu meistern, die Schulze nun bei der Amtsübergabe an seinen Nachfolger, den Neurologen Karl Max Einhäupl, als "Compu-, Nano-, Robo- und Geno-Zukunft" umschrieb.

Doch die Ausbildung heute hat nur noch wenig gemein mit der Situation in den sechziger Jahren, als lediglich fünf Prozent jedes Jahrgangs ein Studium absolvierten. Die Hochschulen müssen sich auf die Massenausbildung einstellen. "Ein Leichtes, wenn man einfach die Durchlaufzeit reduziert oder die Ansprüche runterschraubt", erteilt Schulze den schlichten Lösungsvorschlägen eine Absage. Wie aber können die Massen qualifiziert ausgebildet werden, ohne dass dabei Forschung und Lehre zu kurz kommen?

Nach der Bedarfsanalyse empfahl Schulze qualitätssichernde Maßnahmen zur besseren Nutzung der vorhandenen Kapazitäten, die für manchen im Forschungs-, Verwaltungs- und Lehrbetrieb schockierend waren:

- Einführung von Controlling-Methoden durch Evaluation;

- Einführung einer leistungsorientierten Besoldung sowie Besetzung von Lehrstühlen auf Zeit und nicht mehr auf Lebenszeit;

- Aufteilung in Bachelor- und Masterdegree-Studiengänge. Dies erlaubt vielen Studenten eine Abkürzung der Studiendauer auf drei Jahre – mit international anerkanntem Abschluss.

Ganz schön viel, was der scheidende Vorsitzende in nur drei Jahren ins Rollen gebracht hat. So fragte sein Nachfolger Einhäupl bei seinem ersten Auftritt vor der Presse auch bescheiden: "Gibt es überhaupt noch was nach Schulze, was sich der Wissenschaftsrat vornehmen kann?" Er präsentierte auch gleich die Antwort: "Weiter gehen auf dem Weg." Und zwar mit vier Schwerpunkten:

Medizin: Hier ist der Reformbedarf besonders groß, denn die großen Universitätskliniken – wie etwa die Berliner Charité oder Großhadern bei München – sind zunehmend gefordert als Anbieter von Hochleistungsmedizin. Notwendigerweise kollidiert da die Verantwor-tung für Patienten mit den Aufgaben in Forschung und Lehre. Besonders in der medizinischen Forschung und in diagnostischen Verfahren will Einhäupl Karrierewege für Naturwissenschaftler einrichten.

Forschungspolitik: Verstärkt soll die Wirtschaft in die Forschung und Lehre einbezogen werden. Denn auf vielen Gebieten der Genforschung zum Beispiel ist die Industrie führend. Kooperationen und Partnerschaften sind hier geboten. Allerdings nicht nach amerikanischem Modell. Denn es hat sich gezeigt, dass aufgrund der unterschiedlichen Geschichte die Bereitschaft der deutschen Industrie, Forschung oder Lehre zu sponsern oder hier zu investieren, minimal ist.

Einstellen muss sich der Hochschulbetrieb auf die Grundversorgung durch Bund und Länder. Doch während die Zahl der Studienabsolventen zwischen 1993 und 1998 jährlich durchschnittlich um 2,4 Prozent anwuchs, stiegen die Grundmittel jährlich – preisbereinigt – lediglich um 1,3 Prozent. Die Schere klafft immer weiter auseinander – besonders für Institute, die weniger als andere versiert sind in der Beschaffung von Drittmitteln. Hier kommt es zu Schieflagen.

Die neuen Bundesländer liegen bei der Einwerbung von Drittmitteln pro Lehrstuhl um mehr als 20 Prozent hinter den Kollegen aus den alten Bundesländern. Um einen fairen Ausgleich in der Mittelverteilung zu erzielen, empfiehlt der Wissenschaftsrat nachdrücklich eine Novellierung der Hochschulfinanzstatistik.

Evaluation: Die Leistungsbewertung der Hochschulen nach objektiven Qualitätskriterien durch die Blaue Liste hat sich bestens bewährt. "Wie jedermann nachvollziehen kann, der jemals vor irgendeinem Test oder Prüfverfahren stand", so Einhäupl, "ist allein schon dieser Druck ein Leistungsansporn. Häufig hat die Vorbereitung auf eine Evaluation schon einen wesentlichen Teil der zu erzielenden Effekte gebracht." Das Verfahren selbst ist also sinnvoll – ähnlich wie der TÜV fürs Auto. Und ebenso wie der TÜV kann der Wissenschaftsrat Institute aus dem Verkehr ziehen (lassen), indem die Förderung gestrichen wird. So können Mittel rationaler vergeben werden.

Hochschulbau: Im laufenden Jahr sind 4,3 Milliarden Mark für Gebäude und Großgeräte vorgesehen. Hier will Einhäupl auf Verwaltungsvereinfachung drängen und auf größere Entscheidungsfreiheiten der Bauherrn: "Nicht jedes Bauelement und jedes Trafohäuschen muss einzeln verhandelt werden." Bei künftigen Standortentscheidungen sollen verstärkt Leistungs- und Wettbewerbskomponenten eine Rolle spielen. Die Nachbarschaft zu außeruniversitären Einrichtungen der forschenden Industrie soll im Dienste engerer Verbindungen und stärkerer Praxisorientierung berücksichtigt werden.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001

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