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Sinn und Unsinn von Grenzwerten


Undurchschaubare Aussagen zum Dioxin-Skandal verwirren die Öffentlichkeit

Zu den größten Ärgernissen im jüngsten Dioxin-Skandal gehörte, daß sich die Öffentlichkeit – wie nur zu oft in solchen Fällen – aus den Verlautbarungen von Politikern, Toxikologen und anderen Experten kein klares Bild darüber machen konnte, welche Gesundheitsgefährdung denn nun wirklich bestand. Dies war um so beunruhigender, als wegen der anfänglichen Vertuschungspolitik der belgischen Behörden beim Bekanntwerden des Skandals die meisten belasteten Eier, Hähnchen und anderen Lebensmittel längst verzehrt waren.

Einerseits verkündeten Umweltpolitiker mit Entrüstung und Besorgnis, daß die in belgischen Nahrungsmitteln gefundene Dioxinmenge den zulässigen Grenzwert bis zum 2000fachen überschreite. Andererseits versicherten Toxikologen, es bestehe keine Gesundheitsgefahr – zumindest solange die verseuchten Produkte nicht über längere Zeit verzehrt würden. Wem sollte man trauen: den Umwelthütern, die durchaus gelegentlich zu übertriebener Aufgeregtheit neigen, oder den offiziellen Gesundheitsexperten mit ihrer latenten Tendenz zum Abwiegeln?

Nur eine der beiden Seiten konnte recht haben – sollte man meinen. Doch so paradox es klingt: Diesmal stimmten beide Aussagen; nur beruhten sie auf unterschiedlichen Referenzwerten. Die Politiker bezogen sich auf die höchste erlaubte Konzentration an Dioxin in Lebensmitteln in Europa: einige Picogramm (billionstel Gramm) pro Gramm. Dieser im Lebensmittelrecht verankerte sogenannte Eingreifwert deckt sich praktisch mit der Hintergrundbelastung unserer Nahrung mit dem Seveso-Gift, das bei der Metallverarbeitung und -erzeugung sowie bei anderen industriellen Prozessen in winzigen Mengen entsteht und über die Luft auf – und schließlich in – den Boden gelangt. Er ist in erster Linie politisch motiviert: Angesichts der hohen Giftigkeit der Dioxine soll jede Belastung, die über das unvermeidliche Mindestmaß hinausgeht, grundsätzlich vermieden werden. Dies ist ein vernünftiges Prinzip im Sinne des vorbeugenden Verbraucherschutzes.

Über die Gesundheitsschädlichkeit verseuchter Nahrung sagt dieser Wert jedoch nichts aus. Deshalb bezogen sich die Toxikologen bei ihren Abschätzungen auf eine andere Größe: die „lebenslang duldbare tägliche Aufnahme“. Sie wurde in Deutschland auf ein Picogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt. Dieser Wert stützt sich auf komplizierte Abschätzungen und Extrapolationen der Ergebnisse von Untersuchungen an den Opfern des Seveso-Unfalls vor 23 Jahren und an Personen, die aus Berufsgründen erhöhten Dioxin-Belastungen ausgesetzt waren. Dabei geht es nicht um akute Giftwirkungen, die bei derart niedrigen Konzentrationen ohnehin nicht zu befürchten sind, sondern um mögliche langfristige Schäden: Krebs und andere schwer faßbare Beeinträchtigungen wie Störungen von Immunabwehr, Fortpflanzung oder Stoffwechsel sowie neurologische und psychische Symptome.

Die lebenslang duldbare tägliche Aufnahmemenge für Dioxin ist dabei so niedrig angesetzt, daß sie deutlich unter jeder Risikoschwelle liegt. In Tierversuchen konnte bei einer 1000fach höheren Konzentrati-on auch nach Jahren noch keine gesundheitliche Beeinträchtigung festgestellt werden. Und die wirklich tödliche Dosis beträgt bei Meerschweinchen sogar das Millionenfache.



Bei einem normalen Erwachsenen hätte der Verzehr eines stark belasteten belgischen Eies zu einer 60fachen Überschreitung der duldbaren täglichen Aufnahme geführt. Auch das klingt noch bedrohlich genug. Aufgrund der natürlichen Belastung und der langen Verweildauer der Dioxine im Körper, enthält das Fettgewebe eines durchschnittlichen Erwachsenen jedoch einen Grundlevel an Dioxin: 30 Nanogramm (milliardstel Gramm) pro Kilogramm. Dieser ist letztlich für die langfristigen Wirkungen verantwortlich. Selbst der tägliche Genuß eines stark belasteten Eies über einen ganzen Monat hinweg hätte diesen Pegel nur um ein Fünftel steigen lassen – nach Ansicht von Toxikologen ein vernachlässigbarer Effekt.

Freilich fällt für Kleinkinder oder gar Ungeborene die Rechnung viel ungünstiger aus. Die Abschätzung geht jedoch vom schlimmsten Fall aus. Nach Bekanntwerden des Skandals wurden potentiell verseuchte Lebensmittel belgischer Herkunft in Deutschland stichprobenartig analysiert. Dabei wiesen nur fünf Prozent eine erhöhte Belastung auf, und die betrug maximal das Siebenfache des Eingreifwertes. Insofern kann für Deutschland – sowie vermutlich auch die Schweiz und Österreich – wohl wirklich Entwarnung gegeben werden.

Grundsätzlich jedoch bleibt das Problem, im Fall einer Verseuchung die Menschen so zu informieren, daß sie weder in falscher Sicherheit gewiegt noch unbegründet in Angst versetzt werden. Experten sollten sich vor plakativen Verkürzungen hüten und die Medien der Versuchung widerstehen, sich genau darauf zu stürzen. Nur ein frommer Wunsch?


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1999, Seite 18
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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