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Sonne, Sturm und weiße Finsternis. Die Chronik der ostdeutschen Antarktisforschung.

Ernst Kabel, Hamburg 1996.
336 Seiten, DM 68,-.

Wissenschaft und Forschung standen in der DDR in hohem Ansehen. Das galt in den achtziger Jahren in besonderem Maße für die Erkundung der Antarktis, nachdem die DDR gleichberechtigtes Mitglied des Antarktis-Vertrages (demgemäß der siebente Kontinent seit 1961 internationaler kernwaffenfreier Gemeinschaftsraum mit hohen Naturschutzstandards ist) und des Scientific Committee for Antarctic Research geworden war. Zuvor hatte sie sich zwanzig Jahre lang an sowjetischen Antarktis-Expeditionen beteiligt; ostdeutsche Wissenschaftler trugen zunehmend zu deren Ergebnissen bei.

Gert Lange hat nun eine sehr schöne Chronik der ostdeutschen Polarforschung von 1959 bis heute vorgelegt. Der Wissenschaftsjournalist hat die Forscher und Techniker immer wieder in der Antarktis (und in der Arktis) sowie in ihren Instituten besucht und befragt (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1992, Seite 128, September 1993, Seite 104, Juni 1994, Seite 119, und März 1996, Seite 14). Er hat ihnen aber auch geholfen, nach jeder Expe-dition ihre Erlebnisse und wissenschaftlichen Erfahrungen in verständlicher und anschaulicher Form zu beschreiben. Dreißig solcher Artikel, erläutert und verknüpft durch kurze Zwischentexte Langes, erschienen 1982 beim VEB F. A. Brockhaus in Leipzig unter dem Titel "Bewährung in Antarktika"; das damals schnell vergriffene Werk ist im ersten Teil des neuen Buches fast unverändert nachgedruckt.

Geschildert werden darin Leben und Arbeit auf den sowjetischen Expeditionen, aber auch Schwierigkeiten, Gefahren und menschliche Herausforderungen. Im monate- und vielfach jahrelangen Zusammenleben auf engstem Raum waren mitunter persönliche Freundschaften gewachsen, die weit über die verordnete deutsch-sowjetische Bruderschaft hinausgingen. Kritik an den sowjetischen Gastgebern und Partnern sowie an den deutschen Organisatoren fehlt selbstverständlich ebenso wie eine nüchterne Darstellung der ökonomischen Schwierigkeiten und politischen Einschränkungen, unter denen die zum Teil hervorragen-den wissenschaftlichen Ergebnisse erzielt wurden. Nur in seine Zwischentexte hat Lange nachträglich einige kritische Hinweise eingearbeitet.

Die Beiträge aus den achtziger und frühen neunziger Jahren zeigen den Übergang in eine nicht nur wissenschaftlich, sondern auch logistisch eigenständige Antarktis-Forschung der DDR. In einem eigenen Artikel behandelt Lange abschließend die Verschmelzung der ost- mit der westdeutschen Polarforschung. Sie gelang ohne allzugroße Schwierigkeiten, weil unsere Kollegen in der DDR sich auf geowissenschaftliche Untersuchungen des Kontinents konzentriert hatten, wir in der Bundesrepublik hingegen auf das Südpolarmeer. Dieser fachlichen Trennung wurde dadurch Rechnung getragen, daß in der Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts die terrestrischen und atmosphärenphysikalischen Arbeitsgruppen zusammengefaßt und in der Bremerhavener Zentrale die Meeresforscher verblieben sind.

Die Georg-Forster-Station der DDR konnte allerdings nicht auf die Dauer neben der wohlausgestatteten und geographisch günstiger gelegenen Forschungsbasis "Neumayer", seit 1992 Nachfolgerin der nach elf Jahren Betrieb im Eis versunkenen Georg-von-Neumayer-Station, erhalten bleiben. Sie wurde einschließlich jahrzehntealter Müllberge in einem ökologisch vorbildlichen, wirtschaftlich und logistisch äußerst aufwendigen Unternehmen abgebaut und entsorgt; das schildert Lange unter dem Titel "Das große Reinemachen".

Auf die neuen Aufgaben der ostdeutschen Forschergruppen geht der Direktor des Alfred-Wegener-Instituts, Max Tilzer, in einem informativen Vorwort ein.

Lange läßt die 42 Polarforscher nicht nur von ihrem eher entbehrungsreichen als abenteuerlichen Leben erzählen; sie vermitteln auch gute Einblicke in ihre wissenschaftlichen Fragen und Methoden. Im Vordergrund steht dabei die Geophysik der festen Erde, die hochgenaue Geodäsie, die für das Erfassen der Eismassen-Dynamik unerläßlich ist. Ebenfalls breiten Raum nehmen die Meteorologie sowie die Physik und Chemie der hohen Atmosphäre ein. Die deutschen Ozon-Messungen gewannen später große Bedeutung wegen der rapiden Vergrößerung des stratosphärischen Ozonlochs über der Antarktis. Zudem wurden geologische und schließlich auch biologische Fragen von kleinen Forschungsgruppen behandelt, die sich in verschiedenen sowjetischen Stationen einquartierten und an langen Schlittenzügen und Flugunternehmungen teilnahmen.

In einem klugen Nachwort reflektiert Lange seine Rolle als Journalist, der wissenschaftliche Erkenntnisse und Ideen publik machen will. Das ist ihm mit dieser Chronik eines wichtigen Stückes deutscher Wissenschaftsgeschichte gelungen. Vor allem ist dies aber ein schönes, informatives und in vielen Passagen spannendes Lesebuch. Einige der jeweils etwa fünf Seiten langen Aufsätze sind inhaltlich und stilistisch zu den großen Zeugnissen der heroischen Zeit der Polarforschung zu zählen. Mich freut besonders, daß hier ein in Umfang und Anlage ähnliches ostdeutsches Pendant zu "Biologie der Polarmeere" (Jena 1995) erschienen ist, das ich mit herausgegeben habe (besprochen in Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1996, Seite 128).

Sehr verschiedene Kreise von Lesern, nicht nur Lehrer und interessierte Laien, sondern auch Schüler und Studenten können daraus Gewinn und Genuß schöpfen. Und weil das Alfred-Wegener-Institut und das Deutsche Schiffahrtsmuseum die Herausgabe gefördert haben, ist der Preis für das vorzüglich aufgemachte und drucktechnisch ansprechende Buch durchaus erschwinglich.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997, Seite 133
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997

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