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Online-Forschung: Forscherliebe Facebook

Die Nutzer von Facebook sind beliebte Untersuchungsobjekte von Psychologen. Etliche Studien haben jedoch gravierende methodische Schwächen. Viel Hype um nichts?
Social MediaLaden...

Das ist der Traum aller Sozialwissenschaftler: Mehr als eine Milliarde potenzieller Probanden, und zwei von dreien liefern sogar täglich Informationen – berichten von Freizeitaktivitäten, zeigen Fotos, interagieren miteinander und lassen sich dabei ungeniert beobachten. Diesen Datenschatz birgt das Onlinenetzwerk Facebook. Kein Wunder, dass die wissenschaftliche Literaturdatenbank Pubmed für das Jahr 2015 schon dreimal so viele Studien zum Stichwort "Facebook" ausspuckt wie für 2010. Bereits im ersten Quartal 2016 erschienen 117 neue Veröffentlichungen zum Thema, im ersten Quartal 2010 waren es noch 18.

Doch der stürmischen Liaison zwischen Forschern und Facebook könnte bald Ernüchterung folgen. Denn bei näherem Hinsehen entpuppt sich der Erkenntniswert vieler Arbeiten als dürftig. Und das, obwohl die Ergebnisse der meisten Studien in Journals mit "Peer Reviews" erschienen sind, oft zitiert und auch in den Medien erwähnt werden. Beim Peer Review lesen unabhängige Experten aus dem gleichen Fachgebiet jede Veröffentlichung vorab, um deren Qualität zu sichern.

Zunächst standen die Wissenschaftler dem Phänomen Facebook noch eher ratlos gegenüber. Wer sind diese "Facebook-User" überhaupt? Und warum geben sie so viel preis? Auch die Methoden, mit denen sie diesen Fragen nachgingen, wirkten noch reichlich unausgereift. Im Jahr 2012 untersuchte David John Hughes von der schottischen University of St Andrews 300 Probanden mit einem Messinstrument, das der Wirtschaftspsychologe ad hoc zusammengestellt hatte. Die Skala mit sechs Fragen zur Nutzung von Facebook erreichte nur mäßige Werte hinsichtlich ihrer Messgenauigkeit – unter anderem deshalb konnte Hughes kaum erklären, wer warum Facebook wie stark nutzt. Lediglich zehn Prozent der Unterschiede im Medienverhalten, die mit diesem Fragebogen erhoben wurden, ließen sich darauf zurückführen, wie gesellig, neurotisch oder jung die Teilnehmer waren. ...

6/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 6/2016

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  • Quellen

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