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Spiel, Satz und Sieg für die Mathematik. Zwölf vergnügliche Ausflüge in die Welt der Zahlen


Um es gleich vorweg zu sagen: Der Untertitel dieses Buches verspricht keineswegs zuviel. Die Ausflüge, die erstmalig in „Pour la Science“, der französischen Schwesterausgabe dieser Zeitschrift, stattfanden, führen den Leser zu den verschiedensten Fragen. Vater Henry Wurm möchte sein unruhig schlafendes und sich häufig windendes Baby zuverlässig zudecken, aber seine sparsame Frau möchte möglichst wenig Aufwand dafür treiben: „Welche Form und welche Größe muß eine Decke haben, die einen Wurm der Länge L vollständig bedecken soll“ – einerlei, wie der gekrümmt ist, und mit möglichst geringem Stoffverbrauch? „Kann man eine Folge anhand ihrer Anfangsglieder eindeutig erkennen?“ Oder: „Warum ist es nicht möglich, aus einer Kleinschen Flasche Chianti zu trinken?“ Zwei kleine Zeitreisen führen uns nach Toulouse zu Pierre de Fermat (1601 bis 1665), mit dem Stewart, Kolumnist der „Scientific-American“-Zeitschriftenfamilie, kenntnisreich die weitere Entwicklung von dessen berühmtester Prognose erörtert (die Gleichung ist nicht in ganzen Zahlen x, y und z lösbar, wenn n größer als 2 ist), und nach Petersburg zu Leonhard Euler (1707 bis 1783), der mit Stewart über vollkommene Zahlen plaudert (solche, die gleich der Summe aller ihrer Teiler sind, die Zahl selbst ausgeschlossen). Es gibt auch Rätsel – diesmal serviert von einer englischen Weihnachtsgesellschaft – sowie Trugschlüsse und „Schlußtrüge“: scheinbar falsche, gleichwohl logisch korrekte Argumente (Seite 78). So lernt man eine ganze Menge Mathematik, und all das, ohne daß es einem langweilig würde oder das Buch trocken-belehrend daherkäme. Das ist nicht zuletzt Stewarts unerschöpflicher Phantasie, die immer wieder mit neuen Einfällen brilliert, und seinem – soll man sagen: britischen? – Humor zu verdanken. Der Übersetzerin gebührt Anerkennung für den ansprechenden und witzigen deutschen Text. Ein kleines Meisterwerk ist der Dialog zwischen Henry Wurm und seinem Bekannten Albert Wurmstein (Seite 184), einem „unbedeutenden Beamten des Patentamtes“, der gerade der Reihe nach Formeln wie und durchprobiert, als Henry Wurm eintritt: „Und Henry trug ihm sein Problem vor. ,Borsuk‘ sagte Albert. ,Gleichfalls‘ antwortete Henry leicht irritiert. Albert mußte ihm erklären, daß er ihn nicht beleidigen wollte.“ Karol Borsuk (1905 bis 1982) war ein polnischer Mathematiker. Doch wir wollen hier nicht zuviel verraten. Gönnen Sie sich dieses Buch! Einige Beanstandungen gehören wohl zum Geschäft der Rezension; in dem vorliegenden Buch gibt es allerdings nur wenig Anlaß dazu. Zum einen wäre es wünschenswert, daß das Literaturverzeichnis an deutsche Verhältnisse angepaßt worden wäre: So finden wir unter anderem Herbert Meschkowskis „Gelöste und unlösbare Probleme der Geometrie“ als englischen, in Budapest erschienenen Titel (Seite 25), und die „Anschauliche Geometrie“ von David Hilbert und Stefan Cohn-Vossen firmiert unter „Geometry and the Imagination“ (Seite 206). Nützlich und zuverlässig – wenn auch wohl nur für den mathematisch versierten Leser verwertbar – sind die Hinweise auf Originalarbeiten in Fachzeitschriften. Gelegentlich wird die Fachterminologie im Deutschen mißachtet: So sprechen wir heute von „Modul“ und nicht mehr von „Modulus“ (Seite 160), und die „Sierpinski-Dichtung“ (Seite 157) heißt meist „Sierpinski-Teppich“. An zwei Stellen nimmt der Mathematikhistoriker Anstoß: Euklids „Elemente“ weisen 13 (als echt erachtete) Bücher auf und nicht zehn Bände (Seite 97) – die regulären Körper, um die es Stewart geht, werden im 13. Buch behandelt –, und gleichberechtigt neben August Ferdinand Möbius (1790 bis 1868) wäre der Göttinger Mathematiker und Physiker Johann Benedikt Listing (1808 bis 1882) als Entdecker der einseitigen Flächen zu nennen (Seite 190). Aber all das sind nur geringfügige Kritikpunkte, die den Wert dieses wirklich gelungenen, adäquat übersetzten Buches keineswegs zu schmälern vermögen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993, Seite 131
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993

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