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Spielend genommene Hürden


Oft ist eine Legasthenie der Grund, wenn eigentlich intelligente Kinder auffallend spät und schwer lesen und schreiben lernen. Die Ursache ist allerdings noch immer umstritten, wie auch die Abgrenzung gegen andersartige Entwicklungsstörungen von sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten. Dies gilt auch für das in diesem Artikel vorgestellte Modell eines Defekts in der phonologischen Verarbeitung. Manche Wissenschaftler und Pädagogen bezweifeln sogar, daß Legasthenie überhaupt biologische Ursachen habe. Die Angabe, 20 Prozent aller Kinder seien legasthenisch, stößt teilweise ebenfalls auf Skepsis.

Ein weiterer kritischer Aspekt ist, ob und wie lese- und schreibschwache Kinder gefördert werden können. Manche der speziell auf sie zugeschnittenen Lernprogramme helfen allenfalls sehr wenig.

Besondere Erfolge können die Psychologin Paula Tallal von der Rutgers-Universität in Newark (New Jersey) und der Gehirnforscher Michael M. Merzenich von der Universität von Kalifornien in San Francisco vorweisen. Anfang 1996 stellten sie in der Wissenschaftszeitschrift "Science" die Ergebnisse eines Lautanalysetrainings mit Kindern vor, deren Sprachverständnis nicht altersgemäß war. In der Ende der siebziger Jahre begonnenen Studie werden absichtlich vielerlei Störungen dieser Art untersucht, weil nicht jedes legasthenische Kind, wie die Forscher anmerken, ein Sprachdefizit habe, wie umgekehrt viele sprachgestörte Kinder nicht legasthenisch sind. Vorsichtigen Schätzungen zufolge dürften von den mutmaßlich rund 8 Prozent sprachbehinderten Kindern aber immerhin 85 Prozent zugleich als Legastheniker einzustufen sein.

Paula Tallal konzentrierte sich auf ihren Befund, daß sprachlich zurückgebliebene Kinder oftmals sehr kurze Sprachlaute nicht zu unterscheiden vermögen, etwa/b/ und /p/. Während normale Kinder Phoneme von nur 40 Millisekunden Dauer erkennen, werden den sprachbehinderten erst bis zu 500 Millisekunden umfassende verständlich. Nach Ansicht der Psychologin ist dies durchaus mit dem Modell von Sally Shaywitz vereinbar, wenngleich sie selber den Zeitfaktor der neuralen Sprachverarbeitung stärker in Betracht zieht; und sie nimmt an, daß auch Störungen dieser Art gemeinhin organische Ursachen haben.

Gerade da läßt sich offenbar mit besonderen Übungen ansetzen. Die Wissenschaftler entwickelten Computerspiele, bei denen zum Beispiel ein Clown schwer unterscheidbare Laute künstlich gedehnt artikuliert; auch Wörter, Sätze und sogar ganze Kurzgeschichten werden in lustigen Rahmenhandlungen zunächst betont langsam gesprochen. Nach und nach – gemäß dem Lernerfolg – werden diese Programmteile dem natürlichen Sprechtempo angenähert. In nur vier Wochen machten die jungen Teilnehmer einen sprachlichen Entwicklungsschub, als hätten sie zwei Jahre übersprungen. Sprachschwache Kinder einer Kontrollgruppe, die gleiche Spiele ohne die künstliche Dehnung zu Anfang machten, verbesserten sich zwar auch, jedoch im Schnitt nur um ein halbes Jahr.

Inwieweit der Erfolg sich verallgemeinern beziehungsweise auf Legasthenie ausweiten läßt, wollen Paula Tallal, Merzenich und weitere Kollegen in mindestens 25 speziellen Schulungseinrichtungen in den USA und Kanada prüfen. Das Lernprogramm soll außerdem bald auf einer CD-ROM erhältlich sein. Derzeit stellen die Autoren über das World Wide Web Informationen bereit (http://www.scilearn.com).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997, Seite 76
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997

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