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Urbanität: Stadt im Zeichen des Wandels

Trotz schrumpfender Siedlungsflächen und sich verändernder Erscheinungsbilder erwies sich das Netzwerk der gallischen Städte als anpassungs- und zukunftsfähig.

Als im 5. Jahrhundert die Rheingrenze zusammenbrach und Rom mehr und mehr die Kontrolle über die Region verlor, habe ganz Gallien wie ein einziger Scheiterhaufen geraucht. Diese dramatische Beschreibung aus der Feder des Bischofs Orientius aus der Stadt Augusta Auscorum (heute: Auch) nährte das Klischee einer Völkerwanderungszeit, in der blühende Städte in Flammen aufgingen. Obwohl viele Zentren zweifellos in irgendeiner Weise betroffen waren – und zwar nicht zuletzt wegen ihrer Bedeutung als politische Zentren für lokale Eliten, als Zufluchtsorte für Flüchtlinge oder als attraktive Ziele für Invasoren –, blieben die Auswirkungen germanischer Einwanderung aber wohl meist begrenzt. Grundlegende Veränderungen, die lange als Folge der Krisenzeit gedeutet wurden, erweisen sich im Licht aktueller Forschung vielmehr als Entwicklungen, die schon früher eingesetzt hatten.

Das spätrömische und frühmittelalterliche Gallien besaß ungefähr 110 bis 120 Gemeinden, die Zeitgenossen als Städte bezeichneten. Diese Zuordnung erklärt sich durch die herausragende Rolle dieser Siedlungen innerhalb der Reichsverwaltung. Eine gallorömische Stadt bildete nämlich das Zentrum eines Gebiets, das hinsichtlich seiner Fläche in etwa einer Grafschaft des Mittelalters entsprach. Dort wurden unter anderem Steuern erhoben, Gericht gehalten und Handel getrieben. Stadt und Umland wurden aber als Einheit betrachtet, so dass Autoren wie der Geschichtsschreiber und Hagiograf Gregor von Tours (538 – 594) das lateinische "civitas" sowohl für die Stadt selbst als auch für ihr Territorium verwendeten.

Das urbane Netzwerk Galliens entstand weit gehend in jener Zeit, da Rom sich die Region einverleibte. Auf diese Weise pflegte das Imperium seine Herrschaft zu sichern: Es gründete Städte und übergab deren Verwaltung meist lokalen Eliten, die somit ihre Machtposition behielten – unterstützt von Rom. Diese Eliten nutzten die neuen Möglichkeiten der Selbstdarstellung, indem sie in städtische Einrichtungen investierten, seien es Thermen oder die Ausstattung der Foren. Auf diese Weise rechtfertigten sie ihre gesellschaftliche Vorrangstellung und trugen diese gleichzeitig zur Schau. In weniger als zwei Jahrhunderten ließ die Konkurrenz unter den städtischen Eliten eine ganze Reihe von Metropolen Galliens zu Abbildern Roms werden. ...

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

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