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Stephen Hawking. Die Biographie


Stephen Hawkings 1988 erschienene "Kurze Geschichte der Zeit" (besprochen in Spektrum der Wissenschaft, April 1989, Seite 131) gilt als das meistgekaufte populärwissenschaftliche Werk der jüngeren Zeit. Der ungewöhnliche Erfolg ist insbesondere auf zahlreiche Beiträge in den Medien zurückzuführen, in denen Hawking als schwerbehindertes Genie oder neuer Einstein figuriert.

Die Autoren der vorliegenden Biographie, die im Original 1992 unter dem Titel "Stephen Hawking: A Life in Science" bei Viking in London erschienen ist, traten bisher als Wissenschaftsjournalisten hervor: Gribbin kennt man von vielen Kurzzusammenfassungen neuer naturwissenschaftlicher Ergebnisse in der britischen Zeitschrift "New Scientist"; White, der dort ebenfalls publiziert, ist auch für die BBC tätig.

Hawking wurde 1942 in Oxford geboren und verbrachte den größten Teil seiner Jugend in dem Städtchen St. Albans nördlich von London, wo er auch die private school besuchte. Nach einem dreijährigen Studium der Mathematik und Physik in Oxford zog er 1962 nach Cambridge, wo er bei Dennis Sciama promovierte. Dieser gilt als der Vater der modernen britischen Gravitationsforschung (oft verglichen mit John Wheeler in den USA), weil viele seiner Studenten – darunter außer Hawking auch George Ellis und Martin Rees – auf diesem Gebiet später zu wissenschaftlicher Berühmtheit gelangten. Während Hawkings Promotion zeigten sich erste Anzeichen einer amyotrophen Lateralsklerose, der lebensbedrohenden Systemerkrankung des Rückenmarks, die ihn schließlich zu fast völliger körperlicher Bewegungslosigkeit verdammte. Erstaunlich ist, daß sich seine wissenschaftliche Begabung erst beim Ausbruch der Krankheit offenbarte, was auf einen extremen Kompensationseffekt hindeutet.

Jane Wilde, die er 1964 heiratete, opferte sich unter großen Entbehrungen für ihn auf und war ihm Rettungsanker in den Depressionen, die ihn aufgrund seines chronischen und fortschreitenden Leidens befielen. Drei Kinder gingen aus dieser Ehe hervor, die 1990 zerbrach, als Hawking seine Familie verließ und zu seiner Krankenschwester zog.

Gegenstand seiner Promotion von 1965 waren Singularitätstheoreme in der Kosmologie: Unter sehr allgemeinen Bedingungen ist eine Singularität im Universum (das kann – muß aber nicht – ein Zustand unendlicher Raumkrümmung wie beim Urknall sein) unausweichlich. Zuvor hatte man meist angenommen, Singularitäten seien eine Folge der hohen Symmetrie, welche die entsprechenden kosmologischen Modelle unterstellen. Der darauf beruhende Essay "Singularities and the Geometry of Spacetime" trug Hawking 1966 den Adams-Preis ein, die erste von vielen Auszeichnungen; eine der bedeutendsten war der Wolf-Preis, den er 1988 zusammen mit dem Mathematiker Roger Penrose erhielt.

Die klassische Phase seiner Arbeit schloß Hawking 1973 – in Zusammenarbeit mit George Ellis – mit "The Large Scale Structure of Space-Time" ab. Seither erforscht er vor allem Quantenaspekte der Gravitation, was bereits 1974 in seiner wohl bedeutendsten wissenschaftlichen Leistung gipfelte: der Vorhersage der nach ihm benannten Strahlung.

Wenn man die Quantentheorie in die Betrachtung einbezieht, ergibt sich, daß Schwarze Löcher nicht wirklich schwarz sind, sondern strahlen – ebenso wie ein Körper, dem man eine bestimmte Temperatur zuordnen kann. Allgemein gilt das thermodynamische Verhalten Schwarzer Löcher als Schlüssel zum Verständnis einer noch ausstehenden Theorie der Quantengravitation. Nach Hawkings Überzeugung steht deren Formulierung kurz bevor – ein Optimismus, den nicht alle Experten teilen. Ganz im Sinne seines Vorbildes Karl Popper gelangte Hawking zu seiner Entdeckung aus dem Bestreben heraus, bestehende Hypothesen über eine Analogie zwischen Schwarzen Löchern und thermodynamischen Systemen zu falsifizieren.

Im Jahre 1974 wurde Hawking Mitglied der Royal Society, und 1979 berief ihn die Universität Cambridge auf den Lukasischen Lehrstuhl, den schon Isaac Newton innehatte. Sein Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit" (nach eigenen Angaben vor allem geschrieben, weil er das Geld brauchte) machte ihn einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

In dem vorliegenden Werk wechseln sich Kapitel mit Informationen zu Hawkings Lebenslauf mit solchen ab, die ein Thema aus dem physikalischen Kontext allgemeinverständlich zu referieren versuchen. Es fehlt allerdings eine in die Tiefe gehende Darstellung, welche die Verflechtung von persönlichen Erfahrungen und Leistungen mit dem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld aufzeigen würde – für eine gute Biographie eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Die physikalischen Kapitel behandeln im wesentlichen das, was bereits in "Eine kurze Geschichte der Zeit" dargestellt ist – dort aber viel klarer und sicherer. Besonders deutlich wird dies beim Thema Schwarze Löcher: Von dem Höhepunkt in Hawkings Buch bietet das vorliegende Werk nur einen schwachen Abglanz. Kapitel wie "Wenn das Universum Babys bekommt" sind zudem so konfus geschrieben, daß ein Nichtspezialist leicht den Faden verlieren dürfte.

Man kann sich des Eindrucks nicht gänzlich erwehren, daß hier der Name Stephen Hawking wieder einmal in klingende Münze umgewandelt werden soll. Darauf deutet schon der Klappentext hin, der (wie bei der "Kurzen Geschichte der Zeit") zunächst auf die schwere Behinderung hinweist. Trotz einiger kritischer Anmerkungen zu Hawkings Charakter kommt das Buch nicht über die sattsam bekannte naive Verehrung des "vielleicht größten Physikers unserer Zeit" hinaus. Viele Mitarbeiter, von denen einige ihm wissenschaftlich ebenbürtig sein dürften, werden als Statisten in den Hintergrund gedrängt. Auch sprachlich unterscheidet sich das Werk wegen seines journalistischen Stils kaum von den vielen Artikeln in entsprechenden Gazetten.

Warum war "Eine kurze Geschichte der Zeit" so erfolgreich? "Wir wollten alle einmal wissen, was es mit unserem Universum nun eigentlich auf sich hat; endgültige, auch gewaltig neue Erkenntnisse, geboten von einem führenden Gelehrten", so der Historiker Golo Mann 1988 in der "Zeit".

Warum sollte man zu "der" Biographie greifen? Sicher, sie bietet einige unterhaltsame Geschichten und Anekdoten, die sich um die Person Hawkings ranken, und bemüht sich redlich, der Vielschichtigkeit seines Charakters gerecht zu werden. Allerdings trifft auch auf das Buch zu, was die Autoren über die zahlreichen Artikel in der Weltpresse schreiben: daß nämlich "letztlich wenig Neues über ihn zu erfahren" ist.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1995, Seite 108
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 1995

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