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Forschungspolitik

Streit ums simulierte Gehirn

2013 startete ein europäisches Großprojekt, um das menschliche Gehirn im Computer nachzubilden. Doch schon bald gerieten die verantwortlichen Projektleiter in die Kritik. Wie lässt sich verhindern, dass milliardenschwere Forschungsaufträge aus dem Ruder laufen?
Neural Slice

Jahrzehntelang träumte Henry Markram davon, das menschliche Gehirn nachzubauen. Als Postdoc am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg zapfte er als erster Wissenschaftler die elektrischen Ströme in den Membranen zweier miteinander verknüpfter Nervenzellen mit mikroskopisch kleinen Pipetten an. So konnte er aufzeigen, wie die Reizübertragung zwischen den Synapsen verstärkt und abgeschwächt wird – es wurde möglich, Lernprozesse zu untersuchen und zu modellieren. Als er sich 1998 habilitierte, war er einer der angesehensten Wissenschaftler auf seinem Gebiet.

Doch dann frustrierte ihn das Ausbleiben entscheidender Fortschritte in seiner Disziplin allmählich. Obwohl Forscher weltweit jährlich zehntausende neurowissenschaftliche ­Studien veröffentlichten, schien weder das Verständnis der grundlegenden Gehirnfunktionen zuzunehmen noch unsere Fähigkeit, Krankheiten dieses Organs zu behandeln. Markram war auch persönlich betroffen: Bei seinem Sohn wurde in den 1990er Jahren Autismus diagnostiziert. Gegenüber der britischen Tageszeitung "The Guardian" äußerte er 2013, er hätte gern die Fähigkeit, in eine Nachbildung des Gehirns seines Sohns zu steigen, "um die Welt so zu sehen wie er". Die einzige Möglichkeit hierfür sah er darin, statt einzelner Experimente zu Verhalten, Krankheiten und Anatomie ein Modell zu erstellen, das die Verschaltung des gesamten menschlichen Gehirns widerspiegelt.

In einem Vortrag während einer TED-Konferenz in Oxford präsentierte er 2009 erstmals der breiten Öffentlichkeit seine Vision, 86 Milliarden Neurone und 100 Billionen Synapsen mit einem Supercomputer mathematisch zu erfassen. …

3/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 3/2016

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