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Forschungsmethoden: "Man kann die Psychologie als Vorreiter sehen"

Erstaunlich viele psychologische ­Experimente lassen sich nicht mit vergleichbarem Ergebnis wiederholen. Das hat eine Qualitätsdebatte ausgelöst, die weit über das Fach hinausgeht.
Klaus Fiedler ist Professor für Sozialpsychologie an der Univer­sität Heidelberg. Susann Fiedler  ist promovierte Psychologin und arbeitet am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn.Laden...

Wenn sich in der jüngeren Geschichte der Psychologie ein Wendepunkt ausmachen lässt, ist es wohl das Jahr 2011. Im September stellte sich heraus, dass der niederländische Sozialpsychologe Diederik Stapel – bis dahin ein respektierter und oft zitierter Forscher – sich groben wissenschaft­lichen Fehlverhaltens schuldig gemacht hatte: Er hatte regelmäßig ganze Datensätze erfunden, um seine Theorien zu belegen. Bis heute mussten mehr als 58 seiner Veröffentlichungen zurückgezogen werden, darunter auch viele in angesehenen Fachzeitschriften, die ein großes Medienecho gefunden hatten.

Die Affäre Stapel war ein Paukenschlag, sein Fall extrem. Doch im Oktober desselben Jahres veröffentlichten Psychologen um Joseph Simmons von der University of Pennsylvania eine Analyse, die aufzeigte, wie leicht sich durch fragwürdige, aber verbreitete Forschungsmethoden alles Mögliche belegen lässt. Wer etwa über Kopfhörer den Beatles-Song "When I'm sixty-four" hörte, gab anschließend laut den Daten der Wissenschaftler ein jüngeres Alter zu Protokoll als Teilnehmer, die einem unbekannten Instrumentalstück gelauscht hatten!

Einer der Tricks, so Simmons und Kollegen, sei es, schon während der Datensammlung immer wieder zu prüfen, ob man bereits signifikante, also statistisch bedeutsame Ergebnisse habe – und wenn das der Fall sei, die Erhebung zu stoppen. Eine 2012 veröffentlichte Umfrage unter mehr als 2000 Psychologen ergab, dass immerhin ein Fünftel der Forscher schon einmal so vorgegangen war. Andere Techniken erwiesen sich als noch weitaus verbreiteter: etwa jene, nur über erwartungs­gemäß verlaufene Studien zu berichten, einzelne experimentelle Manipulationen zu vernachlässigen oder Teile des Datenmaterials nicht in die Berechnung einfließen zu lassen, um bessere Ergebnisse zu erhalten ...

9/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 9/2017

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  • Quellen

John, L. K. et al.: Measuring the Prevalence of Questionable Research Practices with Incentives for Truth Telling. In: Psychological Science 23, S. 524–532, 2012

Open Science Collaboration: Estimating the Reproducibility of Psychological Science. In: Science 10.1126/science.aac4716, 2015

Simmons, J. P. et al.: False-Positive Psychology: Undisclosed Flexibility in Data Collection and Analysis Allows Presenting Anything as Significant. In: Psychological Science 22, S. 1359-1366, 2011