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Erkenntnistheorie: Strukturen der Komplexität

Eine Morphologie des Erkennens und Erklärens Springer, Berlin 2000. 381 Seiten, DM 79,–


Hätte Immanuel Kant die Zweckmäßigkeit als vor aller Erfahrung – a priori – gültiges Prinzip formuliert, wenn schon zu seiner Zeit Charles Darwin und/oder Alfred Wallace das Zweckhafte auf das Spiel von Variation und Selektion zurückgeführt hätten? Hätte Kant aufzuzeigen versucht, was die Vernunft vor aller Erfahrung zu leisten vermag, wenn Konrad Lorenz bereits den Erkenntnisapparat als Ergebnis stammesgeschichtlicher Anpassung beschrieben hätte? Hätte Goethe mit Begeisterung Schillern seine Urpflanze ans Herz zu legen versucht, wenn Rupert Riedl schon damals das Erkennen komplexer Gestalten zur unbewussten "ratiomorphen" Leistung erklärt hätte?

Vielleicht war es besser, dass Goethe und Kant von solchen möglicherweise kränkenden Reduktionsbemühungen unbehelligt ihr Denken entwickelten. Konrad Lorenz und Rupert Riedl machen ja auch nicht "den ganzen Goethe" oder "den ganzen Kant" überflüssig; es gibt halt nur gewisse Parallelitäten mit den eigenen Ideen oder eine kleine gemeinsame "Schnittmenge".

Wenden wir uns Rupert Riedl und dem "Ratiomorphen" zu! Warum interpretieren wir in die erste Struktur im Bild rechts immerhin einen "Fischmenschen", wogegen wir in den anderen Strukturen zunehmend weniger "Vernünftiges" erkennen? Nach Rupert Riedl ist jenes Interpretationsvermögen eine Leistung unseres "ratiomorphen Apparates", den uns die Evolution "installierte". Dies Vermögen verhelfe auch in der Morphologie und Systematik zum Erkennen gesetzmäßig wiederkehrender Strukturen der Organismen. Das wundersame Erkennen von Strukturen, das im Alltag ebenso wie in der Wissenschaft stattfindet, ist für Riedl ein gerne unterschätzter Beitrag zum Verstehen der Welt. In seinen Augen wird zu oft und zu voreilig unter Verwendung vorgefasster Urteile "erklärt".

Am Schluss seines Buchs hallt das Anliegen, das induktive, von der Anschauung ausgehende Vorgehen zu fördern, als Appell auch an die Bildungspolitik weiter. Riedl stellt den Unterschied zwischen Erklären und Erkennen besonders heraus, und beim Erkennen wiederum betont er den unbewusst verrechnenden und zuordnenden Anteil.

Alles ist in den Rahmen der "EE", der Evolutionären Erkenntnistheorie, gestellt, die Riedl, parallel mit Gerhard Vollmer, seit den siebziger Jahren vertritt. Konrad Lorenz, Kants zeitweiliger Nachfahre auf dem Königsberger Lehrstuhl, hatte als einer der ersten ab den vierziger Jahren die Kantschen "Apri-ori" ins "rechte Licht" der stammesgeschichtlichen Anpassung gesetzt. Riedl fand sogar eine entsprechende, weit frühere Bemerkung in Ernst Haeckels "Natürlicher Schöpfungsgeschichte" von 1868: "Die wunderbare Fähigkeit zu Erkenntnissen a priori ist aber ursprünglich entstanden durch die Vererbung von Gehirnstrukturen, die bei den Vertebraten-Ahnen des Menschen langsam und stufenweise durch Anpassung an synthetische Verknüpfungen von Erfahrungen, von Kenntnissen a posteriori erworben wurden."

Die evolutionär bewährten "angeborenen Lehrmeister" (Konrad Lorenz) sorgen also bei komplexen Strukturen für Verstehen. Riedl sieht hier den Bezug zu Goethe, der hinter der Vielfalt von Erscheinungen eine diesen gemeinsame Gestalt erblickte. Mit solcher Abstützung im unerforschlich "Ratiomorphen" (auch Lorenz verwendet diesen Terminus) ist den Naturwissenschaften ein Bescheidenheitsgebot auferlegt. Riedl scheut nicht die Nähe zum "hermeneutischen" ("verstehenden") Verfahren in den Geisteswissenschaften.

Typisch für Riedl sind seine grafischen Darstellungen, anhand derer er eine reiche Begriffswelt entfaltet. Menschen reagieren offenbar verschieden auf Riedls Schreib- und "Malweise". Ich persönlich habe mit seiner Technik gute Erfahrungen gemacht. Das Durcharbeiten dieser sich wiederholenden und erweiternden Grafiken lohnt sich, vor allem da es Riedl vielfach gelingt, sie mit griffigen, vor allem biologischen Beispielen zu verknüpfen.

Was Riedls Begriffswelt angeht: Es ist wohl schon so, dass sich die Organismen mit der bei ihnen waltenden "Teleonomie" (Riedl übernimmt diesen Ausdruck für das Zweckhafte) gut eignen, ohne dogmatischen Anspruch eine systemtheoretische Terminologie zu entwickeln und zu erproben. In der Systemtheorie ist Riedl seinen Lehrern Ludwig von Bertalanffy und Paul Weiss verpflichtet.

Riedl baut auf seinen früheren, viel beachteten Büchern auf. Herrlich fulminant fand ich immer die "Strategie der Genesis" (1976), auch damals schon mit kurzen Faust-Zitaten. Was hat nun dieses neue und späte Werk mehr? Es insistiert auf Respekt im Umgang mit Komplexität, baut die Evolutionäre Erkenntnistheorie aus, zieht Parallelen zu Kunst-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Zwischenzeitliche bahnbrechende Ergebnisse der Erforschung der Genwirkungen sind einbezogen. Die Wirkungsweise der Gene ist natürlich auch das spannende Feld, auf dem sich entscheidet, was an den komplexen Strukturen der Organismen je verstanden werden wird. Riedl gibt hier illustrative Anregungen.

Der Autor betont das Konservative der genetischen Programme. Im Unterschied zu Produkten des Künstlers und anderen "Artefakten" (Kunstwerken, Sprachen, Kathedralen), deren Programme im Gehirn liegen, sind die Genprogramme durch "Bürden" der Vergangenheit in einer Weise eingeengt, dass Schimären wie Hieronymus Boschs Fischmensch strikt unmöglich sind. Es sei denn, sie würden durch moderne Gentechnik künstlich angestrebt. Aber man kann kaum erwarten, dass dies im Sinne Riedls wäre, seinen mahnenden Appell zu sorgsamem Umgang mit der Komplexität im Ohr.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001, Seite 100
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001

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