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6. Rahmenprogramm: Strukturgerüst für die europäische Forschung

Die Europäische Union will einen gemeinsamen Forschungsraum für alle Mitgliedstaaten etablieren.


Der Titel verrät wenig Neues, der Inhalt schon: Das "6. Rahmenprogramm der Europäischen Gemeinschaft im Bereich der Forschung, technologischen Entwicklung und Demonstration", das Anfang 2003 in Kraft getreten ist, bereitet einen "europäischen Forschungsraum" vor. Das bis 2006 geltende Programm begnügt sich nicht wie seine Vorgänger damit, eine eher willkürlich zusammengekommene Anzahl von Projekten zu fördern. Vielmehr soll der Wissenschaft in Europa ein Strukturgerüst eingezogen werden. In der künftigen Verfassung der Europäischen Union wird die gemeinsame Forschungspolitik fest verankert sein. Sie soll die wissenschaft­lichen und technologischen Kapazitäten der Mitgliedstaaten weit enger als in den letzten Jahrzehnten bündeln.

Beunruhigender Anlass dazu ist, dass die meisten EU-Staaten in ihrer Forschungsleistung und vor allem in den nationalen finanziellen Aufwendungen dafür drastisch hinter die Konkurrenten USA und Japan zurückgefallen sind. Nur in Schweden und Finnland lagen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) im Jahre 2000 höher als der von Japan erreichte Wert von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die USA gaben 2,69 Prozent für FuE aus, Deutschland immerhin noch 2,48 Prozent, während die EU-Staaten im Durchschnitt nur 1,93 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in FuE investierten. Nach einem Beschluss des Europäischen Rates soll dieser Mittelwert bis 2010 auf drei Prozent steigen, damit Europa auf den weltweit ersten Platz in der Wissenschaft vorrückt. Ob das gelingt, ist zweifelhaft.

Fraglich bleibt auch, ob ein europä­ischer Forschungsraum die nationalen Egoismen beseitigen kann. Transnationale Koordination und Kooperation empfinden viele als Bevormundung. Auch ein dazu neu einzurichtender "Europäischer Forschungsrat" (European Research Coun­cil, ERC) wird oft als eher hinderlich angesehen. Der Vielfalt des europäischen wissenschaftlichen Lebens wäre besser gedient, wenn die nationalen Forschungsräte eng zusammenarbeiteten.

Diese Forschungsräte gehören der Europäischen Wissenschaftsstiftung (European Science Foundation, ESF) an. Für sie hat eine Expertengruppe unter Vorsitz von Sir Richard Sykes vom Imperial College in London zwei Möglichkeiten zur Diskussion gestellt: Entweder solle die Wissenschaftsstiftung umgebaut oder ein ganz neuer Forschungsrat gebildet werden. Außerdem wird bis kommenden Herbst eine Gruppe unter dem Vorsitz des früheren Unesco-Generaldirektors Federico Mayor einen Vorschlag ausarbeiten. Auch der Nobelpreisträger Erwin Neher, der Mitglied des europäischen Beratergremiums für Forschung ist, fordert einen ERC (siehe Interview). Die Diskussion darüber muss bis zum nächsten Jahr entschieden sein, damit der Europäische Forschungsrat in das 7. Rahmenprogramm aufgenommen werden kann.

Gebündelte Fachkompetenz

Doch auch die großen europäischen Forschungseinrichtungen sehen sich als Plattform für effiziente Zusammenarbeit und Koordinierung. Sieben von ihnen haben sich zur Koordinierungs- und Kooperationsgruppe EIROforum (European Intergovernmental Research Organisations) zusammengeschlossen: Cern (Teilchenphysik), EMBL (Molekularbiologie), Esa (Raumfahrt), Eso (Astronomie), ESRF (Synchrotronstrahlung), ILL (Neutronen­quelle) und EFDA (Fusionstechnik).

Insbesondere will EIROforum seine "gebündelte Fachkompetenz in der Grundlagenforschung und Steuerung internationaler Großvorhaben zum Nutzen der europäischen Forschung und Entwicklung einsetzen, und zwar über die vorhandenen engen Kontakte zwischen den Mitgliedsorganisationen und ihren jeweiligen europäischen Forscherkreisen". Dazu zählt auch die Bewertung neuer Großforschungsinfrastrukturen. Ein erster kritischer Punkt ist hier die europäische Spallationsquelle ESS, die der deutsche Wissenschaftsrat kürzlich abgelehnt hat.

Ein Kernproblem bei der Realisierung europäischer Forschungsprogramme sind die Rollen, welche die Universitäten sowie die Klein- und Mittelunternehmen spielen. Beide Gruppen werden im Wettbewerb von Großorganisationen bedrängt: In der Grundlagenforschung kommen die Universitäten nur schwer gegen die großen hochschulunabhängigen Forschungszentren an. Und die Klein- und Mittelunternehmen können bei Innovationen nicht mit Großunternehmen mithalten. Kooperationen sind möglich und wurden letzten Herbst auf einer Konferenz in Brüssel diskutiert; Lösungen gibt es indes noch keine.

Am 6. Rahmenprogramm wirken die künftigen EU-Mitgliedsländer von Estland bis Slowenien voll mit. Überdies sollen EU-geförderte Arbeiten stärker als bisher auch Länder außerhalb der Gemeinschaft einbeziehen.

Inhaltlich legt das 6. Rahmenprogramm die offenkundigsten Schwächen Europas bloß: Mängel bei der technologischen Innovation, der grenzüberschreitenden Mobilität der Forscher (insbesondere von Frauen und wissenschaftlichem Nachwuchs), beim wechselseitigen Zugang zu Forschungseinrichtungen und nationalen Förderprogrammen, beim Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sowie bei der Koordination und Zusammenarbeit in der Forschung.

Neue Instrumente sollen europäische "Exzellenz-Netzwerke" der Spitzenforschung und zeitlich begrenzte "Integrierte Projekte" sein. Ferner soll sich die Gemeinschaft an genau festgelegten Programmen mehrerer Mitgliedstaaten beteiligen. Dazu kommen sechs schon bisher geförderte Verfahren: unter anderem spezifische Projekte für Klein- und Mittelunternehmen, Koordinierungsmaßnahmen, das Marie-Curie-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, Forschungs- und Innovationsprojekte unterschiedlicher Art sowie die nichtnukleare Arbeit der Gemeinsamen Forschungsstelle.

Das 6. Rahmenprogramm sieht (einschließlich Euratom) Ausgaben in Höhe von insgesamt 17,5 Milliarden Euro vor. Sein Schwergewicht liegt bei sieben thematischen Prioritäten, die rund zwei Drittel der Mittel für nichtnukleare Forschung in Höhe von 16,27 Milliarden Euro beanspruchen. Dazu sind bei der EU-Kommission schon vor dem offiziellen Beginn des Programms mehr als 11700 Interessenbekundungen eingegangen.

In diesen Expressions of Interest stehen "Technologien für die Informationsgesellschaft" eindeutig im Vordergrund, gefolgt von "Genomik und Biotechnologie im Dienste der Gesundheit" sowie "Nanotechnologie". Wissenschaftler und Institute, die sich an solchen thematischen Prioritäten des Rahmenplans beteiligen wollen, müssen sich zu Konsortien zusammenschließen.

Viele regionale Treffen führen derzeit in den bürokratischen Dschungel des Förderprogramms ein. Auch im Internet informieren das Bundesministerium für Bildung und Forschung (www.rp6.de) und die Koordinierungsstelle der Wissenschaftsorganisationen (www.kowi.de). Als Mobilitäts- und Kontaktzentrum nahm im Mai das neue EU-Referat der Alexander von Humboldt-Stiftung (www.humboldt-foundation.de) in Bonn seine Arbeit auf.l


Exzellenz in der Grundlagenforschung


Der Nobelpreisträger Erwin Neher, Direktor am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen und Mitglied des European Research Advisory Board, meint, ein Europäischer Forschungsrat könne die Grundlagenforschung eher stärken als die vorgesehenen Exzellenz-Netzwerke.

Spektrum der Wissenschaft: Herr Professor Neher, welche Funktion haben die Exzellenz-Netze?

Professor Erwin Neher: In den ersten Entwürfen des 6. EU-Rahmenprogramms waren die Funktionen klar getrennt: Integrierte Projekte sollten ziel- und produktorientiert sein, Exzellenz-Netzwerke dagegen eine Wissensbasis schaffen ohne ein präzise formuliertes Ziel oder Produkt. Diese Aufteilung schien mir sehr sinnvoll. Ich glaubte, die EU-Kommission habe endlich eingesehen, dass die Wissensgrundlage eine wichtige Basis ist für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft. Europa sollte ja die fortschrittlichste wissensbasierte Gesellschaft der Welt werden.

Spektrum: Dieses Ziel gilt jetzt nicht mehr?

Neher: Leider hat sich das bei der weiteren Vorbereitung des Rahmenprogramms total umgedreht. Wissensgrundlagen zu schaffen war plötzlich auch Aufgabe der Integrierten Projekte. Die Exzellenz-Netzwerke dagegen sollten nunmehr hauptsächlich eine strukturierende Wirkung ausüben. Schließlich wurde bekannt, dass sie nicht für ihre Wissenschaft gefördert werden sollen, sondern lediglich für so genannte strukturierende und organisierende Maßnahmen.

Spektrum: Aber die Kommission betont noch immer, in Exzellenz-Netzen sollten Forschungsarbeiten gebündelt werden.

Neher: Die Exzellenz-Netzwerke haben vier Aufgaben. Für das Ziel, ein gemeinsames Forschungsprogramm durchzuführen, erhalten sie aber explizit kein Geld. Das gibt es nur für die anderen Aufgaben: integrierende Maßnahmen vornehmen – was immer das sein mag –, die Wissenschaftslandschaft umstrukturieren und die Exzellenz ausbreiten. Die Zuwendungen werden den Netzwerken allerdings global gegeben. Da mag es ihnen, wenn sie sich einig sind, vielleicht gelingen, etwas davon abzuzweigen für die eigene Wissenschaft.

Spektrum: Das 6. Rahmenprogramm ist also in diesem Punkt gar nicht so neu, wie es zunächst schien ...

Neher: Ich bin, was die Exzellenz-Netzwerke angeht, sehr enttäuscht. Was diese speziell machen sollen, ist den wenigsten Leuten klar. Es gibt einige gute Vorschläge, die zeigen in bestimmten Bereichen einen Bedarf an strukturierenden Maßnahmen auf. Aber zumeist ist das nicht der Fall, und die Vorschläge für Exzellenz-Netzwerke unterscheiden sich kaum von den Vorschlägen für Integrierte Projekte.

Spektrum: Was wünschen Sie sich generell von der Realisierung des 6. Rahmenprogramms?

Neher: Die Wissensbasis, also die Grundlagenforschung, sollte nach Richtlinien und Verfahren gefördert werden, die auf ihre besonderen Erfordernisse Rücksicht nehmen. Die verbesserten Verfahren des 6. Rahmenprogramms zur Evalua­tion von Anträgen kommen jetzt dem näher, was typischerweise in der Forschung praktiziert wird, etwa bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder auch bei internationalen Forschungsorganisationen. Ich hoffe daher, dass die Auswahl der Projekte im 6. Rahmenprogramm besser sein wird als im 5. Programm.

Vor allem sollten nun die Überlegungen, einen Europäischen Forschungsrat zu gründen, vorankommen – aber nicht als Teil des Rahmenprogramms. Die Erfahrung, wie die Exzellenz-Netzwerke unter das Diktat der Anwendungsorientierung gestellt wurden, hat in mir die Überzeugung gefestigt, dass wir von der Grundlagenforschung her gesehen mit den Rahmenprogrammen nie so richtig glücklich werden. Deshalb wünsche ich mir, dass ein Europäischer Forschungsrat zu Stande kommt, dessen Aufgabe dann ganz dezidiert die Förderung der Grundlagenforschung sein sollte.

Spektrum: Wie könnte dieser Europäische Forschungsrat aufgebaut sein?

Neher: Was ich mir sehr gut als Rollenmodell vorstellen kann, ist die Art und Weise, wie Embo, die Europäische Organisa­tion für Molekularbiologie, und Cern, das Europäische Labor für Teilchenphysik, für ihre Bereiche Grundlagenforschung organisieren. In beiden Organisationen haben wir gute Beispiele, wie Forschung auf europäischer Ebene auf hohem Niveau gefördert werden kann. Wenn möglichst viel davon im Europäischen Forschungsrat verwirklicht wird, dürfte die Sache auf dem richtigen Weg sein.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2003, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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