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Terrorwaffe Landminen

Jedes Jahr werden etwa 15000 Menschen durch Minen getötet oder verstümmelt – oft lange nach Waffenstillstandsvereinbarungen oder Friedensschluß. Die Opfer sind zumeist Zivilisten, viele davon Kinder. Ein weltweites Verbot dieser unterschiedslos wirksamen Waffen steht noch immer aus.

Endlich waren die blutigen Kämpfe in Ruanda beendet. Alphonsine befand sich zusammen mit ihrer Familie auf dem Rückweg in ihr Heimatdorf, als sie auf eine Mine trat. Im Krankenhaus von Kigali, das die Hilfsorganisation "Emergency" unterhält, versuchten meine Kollegen und ich alles, um ihre Verletzungen zu behandeln. Aber die Explosion hatte Alphonsines Beine zerfetzt und ihren linken Unterarm zerschmettert. Wir mußten beide Beine oberhalb der Knie amputieren.

Alphonsines Schwester hatte durch einen Metallsplitter eine schwere Hirnverletzung erlitten; sie kam nicht mehr zu Bewußtsein und starb sechs Stunden nach der Operation. Der Vater, der einige Meter von den beiden Mädchen entfernt gewesen war, kam hingegen mit zahlreichen kleineren Verletzungen im Brustbereich davon.

Alphonsine und ihre Schwester sind nur zwei von vielen Kindern, die ich während meiner Tätigkeit als Chirurg bei "Emergency" operiert habe. Sie alle sind Opfer einer neuen Art von Krieg.

Die meisten Konflikte der jüngsten Zeit werden auf nationaler anstatt auf internationaler Ebene ausgetragen: Bürgerkriege, Unabhängigkeitskämpfe, sogenannte ethnische und rassische Säuberungsaktionen sowie Terroranschläge. Insurgenten – Freischärler ohne Uniform – scheuen sich nicht mehr, inmitten dichtbelebter Gebiete Waffen mit verheerender Wirkung einzusetzen. Viele Banden und irreguläre Kommandos mischen sich absichtlich unter die Zivilbevölkerung, um nicht erkannt zu werden, und zuweilen mißbrauchen sie Zivilisten regelrecht als lebende Schutzschilde. So manche kriegführende Partei sieht es sogar als Bestandteil ihrer militärischen Strategie an, große Bevölkerungsgruppen zu bekämpfen oder zu terrorisieren.

Der Anteil der Zivilisten unter den Opfern kriegerischer Auseinandersetzungen hat durch diese Entwicklung immer weiter zugenommen. Während des Ersten Weltkriegs waren nur 15 Prozent aller Getöteten Nichtkombattanten; im Zweiten Weltkrieg stieg ihr Anteil – unter Einbeziehung der Holocaust-Opfer – auf 65 Prozent. In heutigen Konflikten, die mit Waffengewalt ausgetragen werden, gehören 90 Prozent der Verletzten der Zivilbevölkerung an. Zahlreiche wissenschaftliche Institutionen, darunter die internationalen Friedensforschungsinstitute in Stockholm und Oslo sowie Hilfsorganisationen für Kriegsopfer, haben diese Zahlen bestätigt.

Zu der dramatischen Entwicklung trägt der verstärkte Einsatz ungezielter grausamer Waffen wie der Personenabwehrminen wesentlich bei. Sie sind eine dauerhafte Bedrohung und verletzen oder töten wahllos, denn sie unterscheiden nicht zwischen dem Fuß eines gegnerischen Soldaten und dem eines spielenden Kindes. Minen werden weder durch Waffenstillstände noch durch Friedensabkommen entschärft; einmal gelegt, können sie selbst Jahre nach Beendigung der Kämpfe Tod und Verderben bringen – sie sind damit eine Massenvernichtungswaffe, die sozusagen seriell und schleichend zuschlägt.


Lauernder Horror

Die Bezeichnung Mine leitet sich von dem mittellateinischen bergmännischen Wort mina für Erzgang oder Grube her: Einige Zeit nach Erfindung des Schießpulvers begannen französische Militärs im 15. Jahrhundert, belagerte Festungen mit Stollen zu unterminieren, in denen Sprengladungen gezündet wurden. Nachdem diese Taktik durch immer beweglichere Truppen an Bedeutung verloren hatte, wurde sie im Russisch-Japanischen Krieg (1904 bis 1905) und dann vor allem in den Stellungskämpfen des Ersten Weltkriegs wieder vielfach angewandt. Mit diesen großen Materialschlachten setzte auch die intensive Entwicklung von Landminen ein (desgleichen von Seeminen zur Blockade von Schiffswegen und Häfen; im Zweiten Weltkrieg kamen noch Luftminen hinzu, Bomben mit geringer Splitter-, aber extremer Sprengwirkung).

Seither werden Landminen massenhaft in verschiedensten Formen eingesetzt, und mit dem Wandel der militärischen Zielsetzungen wurde ihre Anwendung immer hinterhältiger. Sie sind nicht mehr einfach Waffen, mit denen man dem Gegner den Vormarsch in bestimmte Gebiete zu verwehren, feindliche Truppenbewegungen zu kanalisieren oder wichtige Anlagen zu schützen sucht. Mittlerweile dienen Minen häufig allein dem Zweck, der örtlichen Bevölkerung den Zugang zu Nahrung und Trinkwasser, Holz, Brennstoffen, Verkehrswegen und selbst zu Friedhöfen zu versperren. In vielen Ländern wurden Hubschrauber, Artillerie und andere Distanzwaffen eingesetzt, um Minen weiträumig über Dörfer oder landwirtschaftliche Nutzflächen zu verstreuen – einzig mit dem Ziel, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und ihr sogar die Flucht aus dem Kampfgebiet zu verwehren.

Technisch handelt es sich bei einer Schützen- oder Personenabwehrmine um eine Vorrichtung zur Tötung oder Verstümmelung der sie auslösenden Person. (Im Gegensatz dazu dient eine größere Variante zur Zerstörung von Kampf- und Transportfahrzeugen; solche Panzerabwehrminen explodieren nur unter dem Druck eines mehrere hundert Kilogramm schweren Objekts, durch Auslösen eines Magnetzünders oder nach Ablauf der eingestellten Wirkzeit.) Personenabwehrminen sind mit einem Durchmesser von oft weniger als zehn Zentimetern sehr klein und kaum aufspürbar. Sie lassen sich zusätzlich durch Form und Farbe tarnen (Bild 1).

Eine Landmine wird meist durch direkten Druck auf die Waffe selbst oder durch Zug an einem Auslösedraht aktiviert. Dies läßt einen Zünder mit einer geringen Menge brisanten Sprengstoffs detonieren, was augenblicklich die Hauptladung zur Explosion bringt.

In den vergangenen Jahren wurde die Minentechnik noch wesentlich weiterentwickelt. Die Einführung von Plastik als Hüll- und Splittermaterial sowie von Sprengsätzen mit äußerst geringem Metallanteil hat diese Waffen billiger, zuverlässiger und haltbarer, insbesondere aber auch das Aufspüren und Räumen schwieriger gemacht. Mit Streuminen-Legesystemen (beispielsweise von Hubschraubern aus) lassen sich Tausende dieser Tötungsapparate innerhalb weniger Minuten über ein weites Gebiet verteilen. Dadurch bleibt ihre genaue Lage unbekannt, was ihre Beseitigung zusätzlich erschwert.

Landminen sind sehr einfach und billig herzustellen: Die meisten kosten nur zwischen 4,50 und 22 Mark. In den letzten Jahren haben sich deshalb immer mehr Staaten, darunter viele Entwicklungsländer, an Produktion und Verkauf beteiligt. Personenabwehrminen wurden von etwa 50 Ländern angeboten; gegenwärtig sind mindestens 350 verschiedene Modelle erhältlich – keineswegs nicht nur für reguläre Streitkräfte, sondern auch für militante Gruppen und Banden aller Art.

Niemand weiß genau, wie viele scharfe Minen weltweit im Erdboden ruhen. Verschiedene Quellen wie die Vereinten Nationen, das US-Außenministerium und mehrere Hilfsorganisationen vermuten übereinstimmend, daß in 64 Ländern mindestens 100 Millionen Stück verlegt sind (Bild 2). Weil aber in der Regel weder die Produzenten noch die Anwender Buch darüber führen, dürften die wirklichen Zahlen weit höher sein. Unzweifelhaft jedoch ist ein großer Teil der Welt minenverseucht.

Minenopfer-Hilfsorganisationen und Minenräumunternehmen schätzen, daß in den letzten zwanzig Jahren jährlich etwa 15000 Menschen durch diese Waffen getötet oder verstümmelt wurden; 80 Prozent davon waren Zivilisten. Vermutlich sind es tatsächlich noch weitaus mehr, denn viele Unfälle ereignen sich in abgelegenen Regionen ohne medizinische Versorgung und werden darum nicht registriert. In einem verminten Gebiet werden selbst viele alltägliche Tätigkeiten wie das Sammeln von Holz und Nahrung, Wasserholen, Feldarbeit, Spielen oder Viehhüten zu einem unkalkulierbaren Risiko. Ich selbst habe mittlerweile 1950 Minenopfer behandelt; 93 Prozent von ihnen waren Zivilisten und 29 Prozent Kinder unter 14 Jahren.

Arten von Verletzungen

Personenabwehrminen lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen. Sprengminen reagieren in der Regel auf Druck – beispielsweise durch Aufsetzen eines Fußes auf eine Sensorplatte; die Körperverletzungen werden dabei direkt durch die Druckwelle verursacht. Splitterminen hingegen werden meist durch einen Auslösedraht aktiviert; ihre Explosion schleudert zahlreiche Metallteilchen, die sich entweder direkt im Sprengsatz befinden oder beim Bersten der segmentierten Hülle entstehen, über eine beträchtliche Entfernung.

Art und Ausmaß der Verletzungen hängen vom Minentyp, von der Auslöse- und Sprengtechnik, von der Lage der Waffe auf dem Boden, von Standort und Haltung des Opfers sowie von der unmittelbaren Umgebung des Explosionsorts ab. Die höchst unterschiedlichen Verwundungen lassen sich grob in vier Klassen einteilen (Kasten auf dieser Doppelseite). Falls die nun folgende Beschreibung der einzelnen Muster bei einigen Lesern Anstoß erregen sollte, möchte ich mich dafür entschuldigen; doch die Grausamkeit dieser Waffen kann man nur dann richtig begreifen, wenn man ihre auf bestimmte Wirkungen ausgelegte Technik und die Folgen kennt.

Kleine Sprengminen mit Durchmessern von weniger als zehn Zentimetern verursachen ein sehr häufig auftretendes Verletzungsmuster, das wir Typ A nennen. Zu dieser Klasse gehören die italienischen Streuminen TS-50 und SB-33 sowie die handverlegten VS-50 und VAR-40, ferner die aus den USA stammenden M-14 und der chinesische Typ 72. Diese Waffen reißen dem Opfer meist den Fuß oder das Bein ab. Zuweilen wird auch nur ein Teil des Fußes zerfetzt, je nachdem wie die Mine lag und wie das Opfer auf sie getreten ist. In den meisten Fällen ist die Schädigung auf den Bereich unterhalb des Knies beschränkt; das andere Bein und der restliche Körper weisen keine größeren Verletzungen auf.

Größere Personenabwehrminen, beispielsweise die Sprengminen der russischen PMN-Serie, verursachen generell ein anderes Verletzungsmuster (Typ B). Der Unterschied ist zum Teil schon durch den massigeren Sprengsatz bedingt: Die VS-50 hat 90, eine PMN hingegen 112 Millimeter Durchmesser. Zwar breiten sich die Stoßwellen beider Minen mit einer Geschwindigkeit von etwa 6800 Metern pro Sekunde aus, siebenmal schneller als ein Hochgeschwindigkeitsgeschoß. Bei den PMN-Minen ist jedoch der Explosionskegel (das Volumen, in das die Energie geballt abgegeben wird) viel breiter als bei dem kleineren Modell. Des weiteren enthalten die großen Exemplare wesentlich mehr hochexplosiven Sprengstoff. So ist eine VS-50 mit 42 Gramm RDX-TNT geladen, eine PMN-2 hingegen mit 150 Gramm TNT und eine PMN sogar mit 240 Gramm TNT. (Mit dem Kürzel bezeichnet man den sowohl für militärische wie für gewerbliche Zwecke bedeutendsten Sprengstoff Trinitrotoluol, dessen Sprengwirkung als Vergleichswert für andere Explosivstoffe und selbst für Kernwaffen benutzt wird.)

Menschen, die auf solche großen Personenabwehrminen treten, verlieren immer Gliedmaßen durch die Explosion selbst. In vielen Fällen reißt sie den unteren Teil des Beines ab. Zuweilen ragt ein Rest des Schienbeins aus der blutigen Masse hervor; die verbleibenden Muskeln sind zerfetzt und hochgedrückt, so daß der Beinstumpf ein groteskes, blumenkohlartiges Aussehen hat. Mitunter wird der gesamte Unterschenkel zusammen mit dem Knie abgerissen. Weitere große Wunden entstehen oft am Oberschenkel, an den Genitalien oder am Gesäß. Weil bei vielen Opfern zusätzlich das zweite Bein durch tiefklaffende Wunden oder offene Brüche schwer versehrt ist, muß auch dieses zum Teil amputiert werden. Tiefe Verletzungen im Bauch- oder Brustbereich sind ebenfalls häufig.

Ein drittes Verletzungsmuster (Typ C) wird durch die russische PFM-1, die sogenannte Schmetterlingsmine, verursacht. Dieser Beiname ist auf ihre kleinen Flügel zurückzuführen, mit denen sie nach dem Abwurf aus einem Hubschrauber zu Boden gleitet. Eine große Anzahl solcher Minen setzte das russische Militär im Afghanistan-Krieg ein.

Die PFM-1 ist eine besonders teuflische Waffe – sozusagen ein als Spielzeug getarnter Sprengsatz. Ihre Form ist zwar, wie Militärexperten insistieren, allein durch die Funktion bestimmt; doch Tatsache ist eben auch, daß ahnungslose Kinder sie unweigerlich aufheben und damit hantieren.

Ein besonderes Merkmal dieser Minen ist ihr Auslösemechanismus: Sie zünden beim Verbiegen der Flügel oder durch sich verstärkenden Druck darauf, also nicht unbedingt bei der ersten Berührung. In Afghanistan hörten meine Kollegen und ich mehrere Male, daß Kinder mit dem interessant geformten Gegenstand – von den Afghanen "grüner Papagei" genannt – stundenlang gespielt hätten, bevor es zur Explosion kam. Die Bezeichnung "Spielzeugmine" scheint darum völlig berechtigt. Unter den mehr als 150 von unseren Chirurgen behandelten Opfern dieser Waffe befand sich nicht ein einziger Erwachsener.

Technisch gesehen ist die PFM-1 ebenfalls eine kleine, aus der Luft zu verlegende Sprengmine; doch weil sie ein spezielles Verletzungsmuster verursacht, muß sie gesondert beschrieben werden. Da die PFM-1 meist erst bei recht kräftiger Manipulation explodiert, reißt sie in der Regel eine oder beide Hände am Gelenk ab. In weniger schweren Fällen werden nur zwei oder drei Finger zerfetzt. Sehr oft treffen Splitter allerdings auch Oberkörper und Gesicht, und dann meist auch die Augen, so daß teilweise oder vollständige Erblindung die Folge ist.

Die eigentlichen Splitterminen verursachen das vierte Verletzungsmuster (Typ D). Zu dieser Minenklasse gehören die Schützenspringminen wie die italienische Valmara-69, die in den USA produzierte M16-Serie und die russische OZM-Serie. Diese Waffen werden auf dem Boden verlegt, springen jedoch vor der Explosion hoch, um so die Reichweite der Fragmente und den Tötungseffekt zu maximieren. Zu dieser Gattung gehören ferner zielgerichtete Splitterminen, zum Beispiel die in den USA produzierte M18A1 (auch als "claymore" bekannt) sowie die russischen MON- und POMZ-Stolperdrahtminen, die Geschosse auf ein bestimmtes Ziel abfeuern.

Allen Splitterminen ist gemein, daß sie Metallstücke in einen weiten Umkreis versprengen. So explodiert die Valmara-69 in einer Höhe von einem halben bis einem Meter, was ungefähr der Hüfthöhe eines Menschen entspricht, und schleudert etwa 1000 Schrapnell-Geschosse nach allen Seiten. Experten zufolge haben diese Waffen einen sogenannten Tötungsradius von 25 und einen Verletzungsradius bis zu 200 Metern.

Splitterminen erzeugen Wunden am gesamten Körper. Deren Umfang und Tiefe hängen von Wucht und Größe der eindringenden Geschosse ab. Befindet sich das Opfer einige Meter von der Explosionsstelle entfernt, dringen die Metallsplitter sehr häufig in Bauch, Oberkörper und Kopf ein, besonders wenn es sich um Springminen handelt. Bei geringerer Entfernung ähneln die Verletzungen denen vom Typ B. Allerdings haben Feldärzte mit der Behandlung derartiger Gliedmaßenabrisse wenig zu tun, weil die Opfer, die solche Minen durch direkten Kontakt auslösen, im allgemeinen sofort tot sind.

Während des ersten Golfkrieges 1980 bis 1988 zwischen dem Iran und dem Irak untersuchten wir im Nordirak sechs Opfer einer Valmara-69. Zwei Männer hatten eine Mine entschärfen wollen, um an das Aluminium darin zu gelangen (auf dem einheimischen Markt hätten sie umgerechnet etwa 1,50 Mark dafür bekommen); sie waren auf der Stelle tot. Gleichzeitig wurden vier weitere Personen in der Nähe, darunter zwei Hirtenjungen, schwer verletzt. Nur zwei überlebten.


Die Behandlung – eine Herausforderung

Die hier skizzierte Systematik kennzeichnet zwar typische Wunden von Minenopfern, zeigt aber nicht unbedingt die Schwere der Schädigung an. Der Abriß eines Fußes zusammen mit einer kleinen Wunde am Oberschenkel – also eine Typ-A-Verletzung – kann lebensgefährlich sein, wenn der scheinbar nebensächliche Splitter die Oberschenkelschlagader getroffen hat. Fast immer befinden sich die Opfer in kritischem Zustand, da häufig entweder ein lebenswichtiges Organ direkt beschädigt ist oder die Schwere der Verwundung (etwa der Abriß von Gliedmaßen) einen Blutungsschock zur Folge hat. Um in solchen Notfällen das Wichtigste zuerst tun zu können, sollten nicht nur Sanitäter und Ärzte, sondern auch Rettungs- und Minenräumtrupps die verschiedenen Landminentypen und jeweiligen Verletzungsmuster kennen.

Die chirurgische Behandlung von Minenopfern ist aufwendig und kompliziert. Die Ärzte müssen aber häufig unter Lebensgefahr im Kampfgebiet oder dicht hinter der Front arbeiten. Die medizinischen Einrichtungen sind zudem dort meist primitiv; kaum ausreichende Hilfsmittel, Mangel an Hygiene sowie zuweilen das Fehlen von Wasser und Strom gestalten diese Aufgabe äußerst schwierig. Die Ärzte müssen mit allen möglichen Arten von Traumata umgehen können wie etwa Gefäß-, Brustkorb- und Unterleibsverletzungen sowie Knochenbrüchen. Mitunter werden Knochensplitter zu Sekundärgeschossen – einmal mußte ich die Achselschlagader eines Patienten wiederherstellen, die durch einen Knochensplitter aus dem abgerissenen Fuß völlig durchtrennt worden war.

Aus medizinischer Sicht ist die chirurgische Reinigung der Wunde die wichtigste erste Maßnahme. Bei einer Sprengmine können Steine, Schlamm, Gras und auch Fetzen von Kleidung oder Schuhen durch die aufwärts gerichtete Druckwelle tief in das Gewebe eindringen. Das Entfernen aller Fremdkörper und vor allem das vollständige Herausschneiden des toten, absterbenden oder geschwächten Gewebes in der Wundumgebung sind unerläßlich, um lebensbedrohende postoperative Infektionen zu vermeiden.


Ein tödliches Erbe

Die meisten Überlebenden einer Minenexplosion können nie wieder voll am familiären oder gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Eine Rehabilitation dieser Patienten unter bestmöglichen Bedingungen wäre nötig; daran ist aber in Entwicklungsländern, wo Armut das Überwinden der physischen und psychischen Schäden oft noch erschwert oder verhindert, kaum je auch nur zu denken.

Minen richten jedoch nicht nur unsägliches menschliches Leid an; sie sind zudem eine gravierende soziale und wirtschaftliche Belastung für ganze Gesellschaften und Länder. Die Verminung landwirtschaftlicher Nutzflächen kann langfristig eine von Ackerbau und Viehzucht lebende Gemeinschaft ruinieren. Nicht geräumte Landminen halten viele Kriegsflüchtlinge von der Rückkehr in ihre Heimatorte ab. Sie werden oft zu Dauerflüchtlingen, welche die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen ihrer Aufnahmeländer strapazieren oder gar überlasten.

Die Vereinten Nationen haben 1980 eine Konvention über unmenschliche Waffen verabschiedet. Obgleich sie (zusammen mit den zugehörigen Protokollen) den Schutz der Zivilbevölkerung garantieren sollte, haben die seitherigen bewaffneten Konflikte nur allzu deutlich die Unzulänglichkeit der Regelungen offenbart. Seit mehreren Jahren haben deshalb mehr als 400 humanitäre Organisationen in fast 30 Ländern eine Kampagne gestartet, um die internationale Gemeinschaft auf die schrecklichen Folgen der Personenabwehrminen aufmerksam zu machen. Sie haben die Vereinten Nationen und einzelne Regierungen aufgefordert, Herstellung, Lagerung, Verkauf, Export und Einsatz von Minen zu verbieten. Die Kampagne konnte einige wichtige Teilerfolge erzielen: Mehrere Staaten beschlossen, die Produktion oder den Export von Landminen zumindest zeitweise einzustellen.

Im September 1995 fand in Wien eine Konferenz zur Überprüfung der Konvention statt. Die internationale Diplomatie diskutierte jedoch im wesentlichen nur über verschiedene technische und militärische Aspekte des Landmineneinsatzes. Aus humanitärer Sicht war diese Veranstaltung ein Fiasko. Ein vollständiges Verbot der perfiden Waffen – die einzig wirkliche Lösung – wurde nicht einmal erwogen. Auch als die Konferenz im April 1996 in Genf fortgesetzt wurde, vereinbarten die Teilnehmer lediglich Einsatzbeschränkungen: Nach Inkrafttreten des revidierten Protokolls dürfen nur noch solche Minen verlegt werden, die genügend Metall enthalten, um aufgespürt werden zu können; fernverlegte Minen müssen sich nach 30 Tagen selbst zerstören oder spätestens nach vier Monaten entschärfen. Freilich ist es den Vertragsparteien erlaubt, sich während einer Karenzzeit von neun Jahren selbst von diesen Vorschriften zu befreien.

Mittlerweile sind sich die meisten Bürger wohl aller Länder und ihre Regierungen zwar der entsetzlichen Folgen des Einsatzes von Kernwaffen bewußt; erstaunlich ist jedoch, daß dieselben Menschen und Machthaber Personenabwehrminen, die täglich Massaker an friedlichen Zivilisten verüben, nicht grundsätzlich ächten.

So wird die Welt es auch im nächsten Jahrhundert mit diesem schrecklichen Erbe zu tun haben. Viele der vor Jahrzehnten angebrachten Sprengsätze können noch nach mehreren hundert Jahren detonieren. Selbst wenn ab sofort keine neuen Minen mehr gelegt würden – die bereits in der Erde ruhenden werden weiterhin immense Schäden anrichten. Angehörige der Opfer und Hilfsorganisationen werden auch künftig viel Leid zu lindern haben.

Wir können nur hoffen, daß die internationale Gemeinschaft dem Problem oberste Priorität einräumt und Mittel für wichtige humanitäre Aktionen zur Verfügung stellt. Medizinische Soforthilfe bei jedem Unglück und anschließende Rehabilitation der Verletzten sowie Räumaktionen und Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren der Landminen sind die einzigen Möglichkeiten, dem Leiden Hunderttausender Zivilisten vorzubeugen und es notfalls zu lindern.

Auch für einen erfahrenen Kriegschirurgen ist der Anblick eines durch eine Mine zerrissenen Kinderleibes grauenhaft und schockierend. Dieses Hinschlachten hat nichts mit militärischer Strategie zu tun; damit werden fahrlässig oder bewußt zumeist jenen unvorstellbare Schmerzen und Verstümmelungen zugefügt, die an dem gerade aktuellen Konflikt gar nicht beteiligt sind. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Literaturhinweise

- Hidden Killers: The Landmine Crisis. Report to the U.S. Congress. Bureau of Political-Military Affairs. U.S. Department of State, 1994.

– Landmines: A Deadly Legacy. The Arms Project of Human Rights Watch and Physicians for Human Rights. Human Rights Watch, New York 1993.

– Social Consequences of Widespread Use of Landmines. Von Jody Williams in: ICRC Report of the Symposium of Anti-personnel Mines. ICRC (Internationales Komitee vom Roten Kreuz), Genf 1993.

– Ten Million Tragedies, One Step at a Time. Von Jim Wurst in: Bulletin of the Atomic Scientists, Band 49, Heft 6, Seiten 14 bis 21, Juli/August 1993.

– Landminen: schleichende Massenvernichtungswaffen. Von Markus Lackamp und Friedbert Pflüger in: S & F, Vierteljahresschrift für Sicherheit und Frieden, Band 13, Heft 3, Seiten 184 bis 188, 1995.

– Landminen: eine humanitäre Katastrophe. Von Friedhelm Solms in: Friedensgutachten 1996. Herausgegeben von Bruno Schoch, Friedhelm Solms und Reinhard Mutz. LIT, Münster 1996.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1996, Seite 64
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1996

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1996

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