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Kognitionsforschung: The Blank Slate - The Modern Denial of Human Nature

Viking Press, New York 2002. 528 Seiten, $ 27,95


Der Kognitionspsychologe Steven Pinker, im Hauptberuf Chef des interdisziplinären Department for Brain and Cognitive Sciences am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), ist die Galionsfigur populärer Wissenschaftsliteraten. Mit wehenden Locken, Cowboystiefeln und samtener Stimme schreitet er voran, im Tross Koryphäen wie den Darwinisten Richard Dawkins oder den Kosmologen Brian Greene.

Sein Spezialgebiet ist die Natur des menschlichen Geistes. Sein populäres Erstlingswerk über die genetischen Wurzeln der Sprache, "Der Sprachinstinkt" (1994), verkaufte sich wie warme Semmeln, ebenso das vor fünf Jahren erschienene "Wie das Denken im Kopf entsteht" (siehe Spektrum der Wissenschaft 4/1998, S. 122, und 5/1999, S. 150). Mit solchen Erfolgen im Rücken kann sich Pinker auch einen Flop leisten. Die halbe Million Dollar, die er für das Spezialistenwerk "Wörter und Regeln – Die Natur der Sprache" (1999) als Vorschuss erhielt, spielte der Verlag nie wieder ein.

In seinem neuen, wieder bestseller­verdächtigen Traktat will Pinker aus un­seren Gehirnen ein Gespenst austreiben, das trotz jahrelanger Missionsarbeit in den Köpfen etlicher Intellektueller spuke: den Glauben an die Tabula rasa, der besagt, nicht biologische Anlagen, sondern allein die Gesellschaft präge den Menschen. Besonders extrem wird diese Position im Behaviorismus vertreten, dessen Begründer John B. Watson (1878-1958) behauptete, er könne ein jedes Baby "dazu trainieren, jegliche Art von Spezialist zu werden – Arzt, Anwalt, Künstler, Geschäftsmann, selbst Bettler oder Dieb, ungeachtet seiner Talente, Neigungen, seiner Berufung und der Rasse seiner Vorfahren".

Der ungarische Psychopädagoge Lászlo Polgar hat das am eigenen Beispiel zu beweisen versucht. Vor über dreißig Jahren nahm er sich mit seiner Frau zusammen vor, sechs Kinder zu zeugen und weitere sechs zu adoptieren, um die Einflüsse von Vererbung und Erziehung auf die Intelligenz von Kindern abzuklären. Ihr Wunsch war, zwölf Wunderkinder in der Familie zu haben. Das Experiment glückte, wenn auch nur mit einem Viertel der geplanten Kinderzahl. Die Eltern Polgar haben drei Mädchen, die allesamt zu Meistern des Schachbretts herangezogen wurden.

Aber diesem Einzelfall zum Trotz findet Watsons reichlich siebzig Jahre alte These unter Wissenschaftlern inzwischen keine Anhänger mehr. Der zwei Jahrzehnte alte Streit um den übermächtigen Einfluss der Umwelt, ausgefochten zwischen Evolutionspsychologen einerseits und Gesellschaftswissenschaftlern und Intellektuellen alter Schule andererseits, ist im Wesentlichen erledigt. Prominente Streiter von einst, wie Richard Lewontin oder der kürzlich verstorbene Stephen Jay Gould, haben sich dazu in den letzten Jahren kaum noch zu Wort gemeldet. Den Gegner, den sich Pinker aufbaut, gibt es eigentlich nicht mehr – was der auf gezielte Fragen hin auch halbwegs eingesteht.

Seine bilderstürmerische Attitüde wirkt für Außenstehende besonders amüsant, gehört er doch selbst zur Truppe jener Forscher, die der Öffentlichkeit eine neue Religion erfolgreich verkündet – aber diesmal die der Genetik: "Der Geist ist ein Produkt des Gehirns, das Gehirn verdankt seine Struktur zum Teil dem Genom, und das Genom hat seine Gestalt durch natürliche Selektion erhalten." Ihn und seine Kollegen umflort sogar ein fast heiliger Glanz, so als würden sie einer Aussage des Physikers und Naturphilosophen Carl-Friedrich von Weizsäcker aus dem Jahre 1958 erst ihre volle Gültigkeit verleihen: "Der Wissenschaftler rückt ungewollt in die Rolle eines Priesters dieser säkularen Religion. Er verwaltet ihre Geheimnisse, ihre Prophetie, ihre Wunder."

Blickt man jedoch hinter diesen Schaukampf ohne Gegner, so wirft Pinkers Werk spannende Schlaglichter auf unsere Psyche. So nimmt er treffend den Glauben vieler Eltern aufs Korn, ihre Erziehung präge die Sprösslinge stark. Die Wirklichkeit sieht indes anders aus. Studien belegen, dass unser Erbgut zu Persönlichkeit und Intelligenz ungefähr die Hälfte beiträgt. Eineiige Zwillinge, die in getrennten Familien aufwachsen, haben jede Menge bemerkenswerter Gemeinsamkeiten: Sie erzielen ähnliche Ergebnisse bei Persönlichkeitstests, teilen ihren Musikgeschmack, politische Ansichten und vieles mehr. Erziehungsexperten folgern daraus, die anderen fünfzig Prozent seien der Fürsorge der Eltern zu verdanken.

Aber selbst das ist erheblich überschätzt. Zwei adoptierte, nicht blutsverwandte Kinder, die im selben Haushalt aufwachsen, ähneln sich keinen Deut mehr als zwei beliebig aus der Menge herausgegriffene Personen. Zur Ausfüllung der verbleibenden Erklärungslücke propagiert Pinker den lange übersehenen Einfluss der Altersgenossen, mit denen man aufwächst, und beugt damit dem Vorwurf vor, er würde genetischem Determinismus huldigen oder die Rolle der Umwelt aus den Augen verlieren. Spielkameraden sind schließlich Teil der Umwelteinflüsse auf eine sich formende Persönlichkeit.

Die Evolutionspsychologie betreibt die Suche nach genetisch vererbtem Verhalten nach dem Ausschlussprinzip. Wenn etwa das Verhalten, dass Männer jüngere Partnerinnen bevorzugen, eine genetische Grundlage haben soll, lässt sich zuerst überprüfen, ob es in allen Kulturen vorkommt. Das allein reicht natürlich nicht. "Nur weil jeder den Speer mit der Spitze voraus wirft, ist das noch kein angeborenes Verhalten", wirft Pinker ein. "Aber es ist immerhin ein Anfang." Dann fragen die Forscher, ob es eine Hypothese gibt, die in diesem Verhalten evolutionären Sinn erkennen lässt. Zum Beispiel den, dass ein Mann sich mit einer jüngeren Partnerin besser versteht (was unwahrscheinlich ist, weil ältere Partner erfahrener und emotional stabiler sind) oder mit ihr seinen Kinderwunsch besser zu erfüllen hofft. Dann lässt sich testen, ob Männer immer noch jüngere Frauen bevorzugen, wenn sie verhüten und keine Kinder wollen – und so weiter. "Man schließt eine Hypothese nach der anderen aus, bis eine übrig bleibt, die sich nicht widerlegen lässt", fasst Pinker die Methode zusammen. Auf diese Weise gelingt es ihm zu zeigen, wie fruchtbar der evolutionäre Blickwinkel sein mag.

Oft genug verschwimmt die Unterscheidung zwischen ererbter Anlage und Umwelteinfluss – Grundlage des großen Streits – zu einem diffusen Grau, das herkömmliches Schwarz-Weiß-Denken nicht zulässt. So tragen etwa die sinnlichen Wahrnehmungen eines Babys dazu bei, wie sich das Gehirn verdrahtet. Doch allein der Umwelt lässt sich ein solcher Einfluss nicht zuschreiben, da er durch die Architektur des Sinnesapparates mit bestimmt wird. Die Welt besteht eben nicht nur aus zwei Lagern.

Die eigentliche Leistung des Buches besteht darin, die unterschwelligen Ängste auszuleuchten, die viele Menschen empfinden, die im Wochentakt mit wissenschaftlichen Neuigkeiten von der Entdeckung eines Verbrechergens, autonomen Robotern oder Klonversuchen konfrontiert werden. So schreibt Pinker von der Furcht, die genetische Sicht würde den Menschen den Lebenssinn nehmen: "Wenn sich zeigen lässt, dass all unsere Motive und Werte Produkte der Hirnphysiologie sind, die ihrerseits von den Kräften der Evolution geprägt wurden, dann wären sie in gewissem Sinn nur Schein und besäßen keine objektive Realität."

Dieses Unbehagen entwirrt Pinker, indem er darauf verweist, dass eine moralische Empfindung, nur weil sie durch den Prozess von genetischer Selektion und Auswahl gewachsen ist, keineswegs schon ihrer Gültigkeit beraubt ist. Wir zweifeln schliesslich auch nicht an den Regeln der Arithmetik, nur weil der Mensch in Jahrmillionen einen kognitiven Apparat entwickelt hat, der ihm zu zählen erlaubt.

Ebenso entkräftet Pinker die Sorge, der Erforschung biologischer Grundlagen der menschlichen Natur würden zwangsläufig Werte wie Gleichberechtigung zum Opfer fallen: "Wer für politische Gleichheit eintritt, der erkennt an, dass die Menschen unveräußerliche Rechte besitzen, aber er braucht keineswegs zu meinen, sie wären in jeglicher Hinsicht ununterscheidbar."

Der Streit um die Tabula rasa ist weitgehend erledigt. Abereine gewisse Beklemmung bleibt – und Pinker bringt sie zur Sprache.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2003, Seite 91
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2003

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