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Vorderer Orient: Tod in Mesopotamien

Leben und Tod waren in der Glaubenswelt der ersten Zivilisationen an Euphrat und Tigris untrennbar miteinander verbunden. Wer seine Ahnen nicht ehrte, dem drohte Ungemach.


Tod im Frühstücksfernsehen! Der Krieg im Irak kam diesmal als Livebericht auf die Mattscheiben in aller Welt. Doch erst nach dem Sieg der Alliierten über das Saddam-Regime, erst als organisierte Banden und wütender Pöbel die Museen des Landes plünderten, erfuhren viele Menschen, dass dieser Krieg auf antikem Boden stattfand.

Denn der heutige Irak war einst das Kernland des Zweistromlands, Wiege und Heimat der ersten Zivilisationen. In den fruchtbaren Schwemmgebieten zwischen Euphrat und Tigris entstand im 4. Jahrtausend v. Chr. Uruk, die erste Großstadt der Menschheit. Es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis auch in Ägypten Vergleichbares aufkam. Den Völkern Mesopotamiens – wie Sumerer, Babylonier und Assyrer – gelangen wegweisende Erfindungen wie das Rad und die Schrift. Sie schufen die ersten Gesetzeswerke, begründeten Mathematik und Astronomie, perfektionierten die Ton-, Metall- und Steinverarbeitung und erfanden das Bier. Doch auch biblische Motive gehen auf babylonische Wurzeln zurück: Der Paradiesgarten, die Sintflutgeschichte, der Turmbau und die Sprachverwirrung von Babel sind ohne Mesopotamien nicht zu denken. Als der babylonische König Nebukadnezar II. (605 – 562 v. Chr.) die Judäer ins "babylonische Exil" führte und die Mauern von Jerusalem zerstörte, hat er auch die Geschichte Palästinas nachhaltig geprägt.

Kein einziges Museum weltweit konnte es mit der Sammlung mesopotamischer Kunstschätze in Bagdad aufnehmen. Unter den verschwundenen oder zerstörten Kunstgegenständen wie unter den vernichteten Keilschrifttexten legten viele auch Zeugnis davon ab, wie Menschen jener frühen Zivilisationen mit dem Tod umgingen.

Dieser war im Nahen Osten vorchristlicher Zeiten ein vertrauter Begleiter und akzeptierter Bestandteil des Lebens. Niemand glaubte daran, dass er ihm entkommen könne, denn die Götter hatten dem Menschen den Tod von Anfang an mitgegeben. Eine Lebenserwartung von etwa 35 Jahren bei Frauen, 45 Jahren bei Männern und eine enorm hohe Kindersterblichkeit ließen keinerlei Zweifel daran aufkommen. Zwar berichtet das akkadische Gilgamesch-Epos, eines der ältesten Literaturwerke der Welt, von der Suche des legendären Königs von Uruk nach dem "Kraut des Lebens". Doch eine Schankwirtin erklärte ihm im Epos: "Gilgamesch, wohin läufst du? Das Leben, das du suchst, wirst du nicht finden! Als die Götter die Menschheit erschufen, wiesen sie der Menschheit den Tod zu, nahmen das Leben in ihre eigene Hand. Du, Gilgamesch, voll sei dein Bauch, Tag und Nacht tanze und spiele! … Sieh auf das Kind, das deine Hand gefasst hält. Die Gattin freue sich auf deinem Schoß! So ist das Tun der Menschen!" (TUAT III.4, 665f, Gilgamesch-Epos, Meissner-Millard Tafel Kol. iii 1 12 )

War das Sterben offenbar unausweichlich, waren drei Aspekte von Bedeutung: unter welchen Umständen ein Mensch verschied, wie er bestattet wurde, und in welcher Form man seiner gedachte.

Als Ideal galt der normale, "gute" Tod in hohem Alter. Ihn fühlte man herannahen und er brachte ein erfülltes und ehrenwertes Leben zu einem würdigen Abschluss. Ein vorzeitiges, gar plötzliches Ableben auf Grund von Krankheit, Unfall, Mord oder gar durch Hinrichtung galten hingegen als Schande. Denn die Menschen jener Zeit glaubten, dass dem Charakter und der Lebensführung einer Person im Idealfall seine Todesart entsprechen würde. Allerdings diskutierten philosophische Texte wie der aus Babylonien stammende "Ludlul bel nemeqi" durchaus die mangelnde Verlässlichkeit jener Weltordnung. Denn mitunter traf der plötzliche, "schlechte" Tod durchaus einen gottesfürchtigen und vorbildlichen Menschen, während ein Gottloser im hohen Alter friedlich entschlafen durfte. Eine Vorstellung von einem Paradies, in dem nach dem Tod ein gerechter Ausgleich für alle Taten durch Belohnung oder Strafe erteilt wurde, gab es nicht. Die Götter der Unterwelt Mesopotamiens unterschieden weder zwischen Gut und Böse noch hielten sie Gericht über die Toten.

Gesalbt, geschminkt, begraben

Wie in vielen anderen Religionen galt ein Teil des Menschen als unsterblich. Doch war dieser Totengeist zunächst noch an den Körper gebunden. Die Schlüsselrolle für die Trennung beider kam dem korrekt durchgeführten Begräbnis zu. Es überführte den ungreifbaren, aber durchaus sicht- und hörbaren Geist in einem Übergangsritual vom Diesseits in das Jenseits.

Mit dem Leichnam selbst wurde je nach Epoche, Gegend und Sozialstatus unterschiedlich verfahren: Nur sehr selten verbrannten die Angehörigen ihre Verstorbenen. Auch warf man sie nicht wilden Tieren vor, um nur die abgenagten Gebeine zu bestatten (eine solche "Entfleischung" bezeugen beispielsweise 8000 Jahre alte Wandmalereien in der anatolischen Siedlung Çatal-Hüyük). Nach Quellen aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. wurde ein Leichnam zunächst gesalbt, geschminkt, bekleidet und geschmückt, bevor er am dritten Tag nach Todeseintritt bei Sonnenuntergang beigesetzt wurde. Meist bettete man den vollständigen Körper in leichter Hockstellung zur letzten Ruhe. Vielleicht steckt hinter dieser Positionierung die Vorstellung, dass der Mensch beim Tod in den Schoß von Mutter Erde zurückkehren würde, war er doch dem Mythos nach aus Lehm entstanden und wurde wieder zu Erde. So klagt Gilgamesch über seinen toten Freund Enkidu: "Mein Freund, den ich so sehr liebte, wurde zu Lehm." (TUAT III3.4, S. 721, Gilgamesch Tafel X col. ii)

Mitglieder der Eliten setzte man in Sarkophagen bei, ansonsten waren große Vorratsgefäße oder einfache Gruben üblich. Bestattet wurde unter den Fußböden von Häusern und Palästen sowie in Nekropolen und Felsgräbern außerhalb der Städte. Frei stehende, weithin sichtbare Mausoleen für die Könige etwa analog der ägyptischen Pyramiden waren in Mesopotamien eher unüblich. Je nach Aufwand musste den Bau der "Unterkunft" schon zu Lebzeiten in Auftrag gegeben werden.

Die Angehörigen legten ihren Toten Nahrung als Reiseproviant für den Weg in die Unterwelt bei, zuweilen auch Geschenke für die dort wohnenden Götter, um sie gnädig zu stimmen. Die Ausstattung der Gräber mit Nützlichem und Kostbarem brachte die Unterschiede in den Gesellschaftsschichten besonders deutlich zum Ausdruck. Generell gilt: Je reicher jemand im Leben war, desto mehr Beigaben begleiteten ihn im Tod.

Bereits in die Mitte des 3. vorchristlichen Jahrtausends datiert zum Beispiel ein Herrschergrab im nordmesopotamischen (heute syrischen) Tell Beydar, dem antiken Nabada (siehe auch Spektrum der Wissenschaft 4/1999, S. 42). Einer von uns (Bretschneider) entdeckte es vor zwei Jahren gemeinsam mit syrischen Kollegen im ehemaligen Palastbezirk.

Waffen und eine Vielzahl von Bronze- und Keramikgefäßen waren dem Toten in der dreiräumigen Gruft für die Reise ins Jenseits mitgegeben worden. Steinkreise mit einem Dolch und weitere mit Tierknochen sowie eine Statuette aus Ton sind frühe Zeugnisse eines Begräbnisrituals. Offen bleibt die Interpretation der Statuette: Welche Rolle kam ihr zu? Deuten die Steinkreise mit dem Dolch darauf hin, dass der Beigesetzte ein bedeutender Krieger gewesen war? Die Untersuchung der Funde dauert noch an. Opferschalen und rauchgeschwärzte Kultständer in der Hauptkammer bezeugen ebenfalls zeremonielle Handlungen im Rahmen der Beisetzung; danach hatte man den Zugang verschüttet.

Ein Hofstaat für den Totengeist

Wahrhaft königliche Schätze entdeckten die Tübinger Archäologen Peter Pfälzner und Mirco Novák in einer tausend Jahre jüngeren Gruftanlage unter dem Palast von Qatna (Syrien) im Winter des letzten Jahres (siehe auch Spektrum der Wissenschaft 4/2003, S. 10). In vier unterirdischen Felskammern, über einen langen Korridor vom Palast aus zugänglich, lagen die sterblichen Überreste des Herrscherhauses. Goldene Schmuck- und Zierelemente und andere Preziosen füllten neben einer großen Zahl von Vorrats- und Speisegefäßen die Grabräume. Der ungestörte Grabfund belegte zeitlich gestaffelte Bestattungsrituale sowie kultische "Mahlzeiten" zwischen Verstorbenen und Lebenden in der Gruft. Offensichtlich besuchte man die toten Vorfahren regelmäßig und hielt dadurch die Verbindung zu ihnen aufrecht.

Nicht nur Schätze sondern auch Teile des Hofstaates folgten den Herrschern von Ur im Süden Mesopotamiens vor über 4500 Jahren ins Jenseits. Nahe der heutigen – während des jüngsten Krieges heftig umkämpften – Stadt Nasirije entdeckte der englische Archäologe Sir Leonard Woolley (1880-1960), vom Britischen Museum in London in den 1920er und 1930er Jahren Gräber der Könige des 3. vorchristlichen Jahrtausends. Gefolgsleute, Dienerinnen, Musikanten mit ihren Instrumenten, Soldaten mit Waffen, selbst Wagen mit Gespannen gehörten zur Grabausstattung. Mensch und Tier starben wahrscheinlich an Gift und wurden anschließend in Reih und Glied in den Grabschächten niedergelegt. Derartige Gefolgschaftsbestattungen blieben aber im mesopotamischen Raum auf das Reich von Ur beschränkt.

Die Wirren des ersten Golfkriegs im Jahr 1991 überschatteten einen der größten Funde unseres Jahrhunderts: Die irakischen Archäologen Muayad Damerji und Muzahim Hussein fanden bei Restaurierungsmaßnahmen in Nimrud (assyrisch Kalhu, dem biblischen Kalah, heute südlich von Mossul), einst Hauptstadt des neuassyrischen Reichs, die unversehrten Gräber verschiedener Königinnen aus dem 9. – 8. Jahrhundert v. Chr. Unebenheiten in der Fußbodenpflasterung des lange bekannten Palastes von Assurnasirpal II (883-859) brachten Forscher auf die Spur – seit 1845 waren englische Archäologen buchstäblich über diese Schätzen hinweg gegangen. Nach altem Brauch hatte man die Toten in gemauerten Grüften unter den Fußböden des Königshauses bestattet.

Die Fülle und Qualität der Beigaben übertraf alles bisher Bekannte: Mehr als einen Zentner wogen allein die goldenen Schmuckstücke. Einzigartig war auch eine in Marmor gearbeitete Steintafel aus der Gruft der Königin Jaba, Frau des Assyrerkönigs Tiglatpilesar III. (744-727 v. Chr.). Eine lange Fluchformel in Keilschrift warnte jeden davor, sich an den Schätzen des Grabes zu vergreifen: "Wer ... nach meinem Schmuck in böser Absicht seine Hand ausstreckt, wer das Siegel des besagten Grabes öffnet: Oben, im Sonnenschein, soll sein Totengeist durstig durch die Außenbezirke laufen! Unten, in der Unterwelt, soll er beim Wasserspenden erstklassiges Bier, Wein (und) ... Mehl ... nicht erhalten! ... die großen Götter der Unterwelt, mögen (seinem) Leichnam (als) Geist Ruhelosigkeit auferlegen für alle Ewigkeit!" (Übersetzung von Behzad Mofidi Nasrabadi.)

Das Land ohne Wiederkehr

Solche Flüche waren ebenso üblich wie Amulette und magische Zeichen. Denn der Leichnam und sein Grab galten als gefährdet: Offenbar wurde die Leiche immer noch als ein Mensch angesehen, jedoch in seiner schwächsten und angreifbarsten Form. Er konnte nicht mehr selbst dafür Sorge tragen, dass der Verwesungsprozess im Grab und die Reise in die Unterwelt ungestört verliefen. So waren die Lebenden bemüht, ihre Angehörigen in dieser prekären Lage so gut wie möglich zu unterstützen. Nach der Beisetzung versiegelten sie das Grab deshalb mitunter regelrecht . Für die Hinterbliebenen begann anschließend der zweite Teil der Trauerzeit. Bei den Assyrern, Babyloniern, aber auch bei den Israeliten (1 Samuel 31:13, Sirach 22:12) und Achämeniden dauerte sie üblicherweise sieben Tage.

Das Jenseits wurde in Mesopotamien, Palästina und Syrien unterhalb der Erde angesiedelt. Die Vorstellungen, die sich damit verbanden, sind äußerst vielfältig und komplex. Die mesopotamischen Bezeichnungen "Land des Seufzens", "Land ohne Wiederkehr", "Haus des Staubes", "Haus der Finsternis" oder "Ort des Sonnenuntergangs" machen deutlich, dass man dort nichts Gutes erwartete. Vielmehr drängten sich die Verstorbenen in der finsteren Totenstadt jammernd in den Ecken und aßen Staub und Lehm. Im Zentrum der Stadt, die durch sieben Tore erreicht wurde, stand der Palast des Götterpaares der Unterwelt Nergal und Ereschkigal, in dem sie mit ihrem Hofstaat residierten.

Das Schattendasein mit Hunger und Durst konnte nach altorientalischer Vorstellung nur dadurch erträglicher werden, dass die Angehörigen ihre Verstorbenen mit Nahrung (meist Mehl, Getreide) und Wasser versorgten. Diese Gaben an die Totengeister waren neben einer namentlichen Anrufung wesentlicher Bestandteil der Totenpflege. Diese sollte die Existenz in der Unterwelt erleichtern und die Identität des Verstorbenen absichern. Diesem Zweck dienten auch Gedenksteine, Statuetten oder Statuen.

Wenn auch literarische Quellen immer wieder deutlich machten, wie wichtig die Pflege der Toten sei, so sah die Realität doch anders aus. Archäologische Grabungen bestätigen häufig, dass ältere Gräber beraubt, mehrfach belegt oder gar nicht mehr gepflegt worden sind. Damit setzten sich die Hinterbliebenen allerdings dem Zorn des Toten aus.

Knochen im Reisegepäck

Als gefährlicher Geist suchte der so Betrogene die Lebenden heim und konnte sogar tödliche Krankheiten auslösen. Das geschah auch dann, wenn der Verblichene nicht ordentlich beigesetzt wurde, weil er zum Beispiel fern der Heimat starb, oder wenn Grabräuber seine Ruhe störten. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Assyrerkönig Assurbanipal (669-629 v. Chr.) die Leichen seiner Gegner zerstückelte und "in alle Länder" verschickte, oder die Gebeine feindlicher Könige nach Assyrien verschleppte, wo er sie von deren leiblichen Söhnen öffentlich zermahlen ließ. So hatte er nicht nur die Dynastie des Feindes ausgerottet, sondern sie auch noch zu ruhelosen Totengeistern gemacht und damit der noch lebenden Königsfamilie eine dauerhafte Bedrohung beschert.

Kein Wunder, dass – Inschriften zufolge – die Einwohner verschiedener Städte auf der Flucht vor den nahenden Assyrern auch die Knochen ihrer Toten mitnahmen! Durch eine später wiederholte Bestattung konnte man die Ruhe der Geister zwar wiederherstellen. Wenn es jedoch nichts mehr zu bestatten gab, bestand diese Möglichkeit nicht mehr. Die letzte Rettung konnte dann in exorzistischen Ritualen bestehen, deren Aufgabe es war, ruhelose Geister wieder in die Unterwelt zu bannen.

Wenn die Bestattung jedoch ordnungsgemäß verlief, war der Totengeist mitunter sogar hilfreich. So kannte man im syro-mesopotamischen Raum seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. verschiedene Feste, zu denen die Toten für kurze Zeit auf die Oberwelt aufstiegen, um dann bei ihrer Rückkehr in die Unterwelt unter Umständen Krankheiten mitzunehmen. Die Begegnung mit einem Totengeist konnte auch bewusst provoziert werden, indem man ihn herbeirief und über die Zukunft befragte. Anscheinend gab es regelrechte Berufsgruppen, die sich auf die Totenevokation spezialisiert hatten.

Dass den Toten zwar keine körperlichen Kräfte, jedoch übernatürliche Fähigkeiten zugesprochen wurden, zeigt auch die gelegentliche Vergöttlichung Verstorbener. So wurde mancher Hochrangige in Syrien und Mesopotamien nach dem Tode als Gott bezeichnet; mitunter erhielt der Name eines verstorbenen Königs einen Zusatz, der sonst nur Gottheiten zukam. In solchen Fällen konnte sich die übliche Totenpflege zum Ahnenkult entwickeln.

Vergöttlichung der Herrscher

Eine solche kultische Verehrung der vergöttlichten, beziehungsweise göttlichen Ahnen ist besonders in den Zivilisationen auf dem Boden des heutigen Syrien gut belegt. Sie betraf vor allem verstorbene Könige, die als Vorfahren der herrschenden Dynastien segensreich für den regierenden König wirken sollten. Im Ugarit des 2. Jahrtausends v. Chr. wurden Steinstelen als Repräsentationen der Ahnengottheiten errichtet, an denen man opfern und den Vorvätern begegnen konnte. Es war die Pflicht des ältesten Sohnes einer Familie, diesen Kult zu pflegen, denn schließlich verdankte er seinen Vorfahren seine gegenwärtige Position, die er in dynastischer Linie weiterzuführen hatte.

Aber auch im heutigen Nordirak war die Vergöttlichung der Herrscher nicht unbekannt. Als im Jahr 612 v. Chr. ein Aufstand durch die Straßen der assyrischen Hauptstadt Ninive tobte und das Schicksal dieses Reiches besiegelte, richtete sich der Zorn der Unterdrückten auch gegen eine Bronzeplastik des akkadischen Königs Naramsins (ca. 2250 v. Chr.) im Tempel der Liebesgöttin Ischtar. Der König, der sich selbst "Herrscher der vier Weltteile" genannt hatte, galt vielen wohl als Sinnbild des totalitären Regimes. Ein Schwerthieb hinterließ eine tiefe Kerbe in der Nase des Bronzekopfes, seine Augen wurden ausgekratzt.

Starb ein König in der Ferne und blieb zudem unbestattet, kam es zur nationalen Katastrophe: Als der Assyrerkönig Sargon II. (722-705 v. Chr.) auf einem Feldzug in den kappadokischen Bergen fiel, konnte seine Garde den Leichnam nicht bergen. Das von ihm zuvor eigens als Hauptstadt ausgebaute Dur Scharrukin (Horsabad bei Mossul) wurde verlassen. Sein Sohn und Thronfolger Sanherib bezog in Ninive seine Residenz. Doch lastete auf der Dynastie das Problem, dass der Vorfahre kein ordentliches Grab gefunden hatte: Sanherib und dessen Sohn Asarhaddon konnten sich dieses schändliche Ende nur so erklären, dass die Götter ihren Ahn für eine Verfehlung bestraft hatten. Vater und Sohn gingen damit unterschiedlich um: Sanherib, vermied es, in seinen Inschriften den Namen seines Vaters auch nur zu nennen, um den Makel totzuschweigen. Asarhaddon hingegen wollte den Fluch von seiner Familie lösen, indem er die "Sünde Sargons" erkundete, um sie für die Zukunft zu vermeiden.

Er scheint nicht wirklich erfolgreich gewesen zu sein, wie das wechselvolle Schicksal des Irak zeigt. Nach dem Sturz des Hussein-Regimes fielen wertvolle Zeugnisse der Vergangenheit – auch die der mesopotamischen Vorstellungen von Tod und Jenseits – Vandalismus und Plünderung zum Opfer. Bei Abfassung dieses Artikels galten nach vorsichtigen Schätzungen von Experten 3000 bis 5000 Stücke als verschwunden und noch mehr als beschädigt, darunter eine unersetzbare Bibliothek von Rollsiegeln (die oft in den Medien genannte Zahl 32 bezieht sich nur auf kunsthistorische Meisterstücke wie die Warka-Vase oder die "Mona Lisa" von Uruk). Viele Iraker entluden ihre Wut an Objekten, die sie mit dem Regime identifizieren konnten. Denn der Diktator Saddam Hussein glaubte sich in der Linie der babylonischen Herrscher stehend und wurde entsprechend auf Postern und Geldscheinen dargestellt. Darüber hinaus aber nutzten professionelle Kunsträuber die Gelegenheit, sich in Museen und auf Grabungsstätten zu bedienen. Vor allem die Zeugnisse der frühsumerischen Zeit scheinen einen lukrativen Markt gefunden zu haben, denn bei Raubgrabungen wurden Artefakte jüngeren Datums oft achtlos beiseite geworfen, um schnell an die älteren Schichten zu gelangen.

Bis dieser Beitrag erscheint, werden einige Wochen vergehen. Wir hoffen, dass es den Irakern und der internationalen Staatengemeinschaft bis dahin gelungen sein wird, dem Ausverkauf der Vergangenheit Mesopotamiens Einhalt zu gebieten.

Literaturhinweise


Tod und Leben nach den Vorstellungen der Israeliten. Von A. Berlejung in: Das biblische Weltbild und seine altorientalischen Kontexte, B. Janowski und B. Ego (Hg.), Mohr Verlag, Forschungen zum Alten Testament, Band 32, Tübingen 2001, S. 465.

Untersuchungen zu den Bestattungssitten in Mesopotamien in der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends v. Chr. Von B. M. Nasrabadi, Baghdader Forschungen, Band 23, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1999.

Gräber Assyrischer Königinnen aus Nimrud. Von M. Damerji in: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Band 45/1998, Mainz 1999.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 2003, Seite 68
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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