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Total digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder Die Zukunft der Kommunikation.

Aus dem Amerikanischen
von Franca Fritz und Heinrich Koop.
C. Bertelsmann, München 1995.
288 Seiten, DM 39,80.

Ich komme nach Hause. Die freundliche Stimme meines Hauptcomputers empfängt mich und berichtet mir von wichtiger Post und wichtigen Anrufen (Unwichtiges hat er an einen der vielen Nebencomputer zur automatischen Bearbeitung delegiert); dann präsentiert er mir die Neuigkeiten des Tages in einer eigens für mich zusammengestellten Tageszeitung. Er hat für mich Termine verabredet, die ich jetzt bestätige – oder auch nicht. Für den Abend hat er schon – wie ein guter englischer Butler – eine interessante Sendung vorgemerkt.

Der Kühlschrank hat gemerkt, daß die Milch zur Neige geht, und das Auto gebeten, beim nächsten Einkauf daran zu erinnern. Das stelle ich aber erst fest, wenn ich mit dem Auto wieder losfahre.

So wie jetzt im Internet, aber viel schneller, nämlich in wenigen Sekunden, rufe ich zu beliebiger Zeit eine Fernsehsendung ab, die mich interessiert. Das ist etwa so, wie wenn das gesamte Angebot aller Sender in einer Videothek zur Verfügung stünde. Im Grunde bedeutet das, daß Fernseh- und Computertechnologie zusammenwachsen.

Aber damit ist in nächster Zeit wegen widerstreitender, vor allem wirtschaftlicher Interessen nicht zu rechnen. Ein Beispiel dafür aus dem Buch: Computer können problemlos ein Bild in praktisch jeder gewünschten Auflösung darstellen – selbst die Umrechnung verschiedener Auflösungen ist mit modernen PC-Graphikkarten nicht mehr aufwendig. Die TV-Branche hat aber nichts Besseres im Sinn, als sich über die richtigen Seitenverhältnisse (3:4 oder 9:16) und die genauen Anzahlen der Pixel für das Fernsehbild zu streiten.

Dies sind nur zwei der Visionen, die Nicholas Negroponte, Begründer und Direktor des Medienlabors am Massachusestts Institute of Technology in Cambridge und einer der weltweit führenden Experten für Kommunikationstechnologie, in "Total digital" vermittelt. Seine übrigen Ideen sind nicht so weit von der Realität entfernt, dafür aber auch weniger großartig. Außerdem enthält das Buch viel Wissenswertes über die Kommunikation in einer vernetzten Welt, vorzugsweise über deren technische Aspekte und darüber, wie unsere vom Computer vermittelte Kommunikation in Zukunft wohl ablaufen könnte.

Eines der wichtigen Themen ist, was Negroponte den Unterschied zwischen Bits und Atomen nennt: Wenn ich ein Buch kaufe, handelt es sich um Atome; erst das, was ich lese, sind die Bits, die ich genausogut von einer CD-ROM (die auch aus Atomen besteht) oder aus dem Internet holen kann. Eine Fernsehsendung, die ich abrufe, ist ebenfalls eine Folge von Bits.

Wenn ich eine Datei auf eine Diskette kopiere, was ist die Diskette dann wert? Die Atome nur sehr wenig, die Bits je nach Inhalt fast beliebig viel. Und es gibt so viele davon, daß Bits über Bits – das heißt Informationen über andere Informationen – immer wichtiger werden. Das merkt heute schon jeder, der versucht, im World Wide Web eine Auskunft zu finden. Ohne Suchmaschinen und elektronische Schlagwortverzeichnisse oder einen Hinweis von jemand anderem ist das praktisch nicht mehr möglich. Der Absatz einer großen Fernsehzeitung in den USA wirft mehr Gewinn ab als der Betrieb der Sender. Bits über Bits können also sogar mehr einbringen als die Bits selbst.

Ein anderes Thema des Buches ist das Benutzer-Interface heutiger Computer. Völlig unabhängig vom Betriebssystem – im Grunde sind Tastatur und Bildschirm nach wie vor klobig und unhandlich, und deswegen kann auch ein Laptop nicht wesentlich kleiner sein, als er ist. Negroponte schwärmt von einem Bildschirm in Form einer Folie oder generell vom Computer, mit dem man einfach spricht. Ist diese Technologie erst einmal ausgereift, ergeben sich tatsächlich vielerlei neue Anwendungsmöglichkeiten wie etwa das intelligente Haus (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, Juni 1996, Seite 44).

Anregungen also nur für Visionäre? Keineswegs. Vieles davon ist dem Alltag schon näher gerückt; und zweifellos will Negroponte alle diejenigen davon in Kenntnis setzen, die davon etwas wissen müssen, aber noch nicht unmittelbar betroffen sind.

Insgesamt läßt das Buch den roten Faden etwas vermissen. Es liest sich wie eine Abfolge von Geschichten aus der Welt der vernetzten Kommunikation, mit gelegentlichen Abschweifungen. Einige Geschichten sind in der näheren Zukunft angesiedelt, andere gleichen eher kühnen Spekulationen. Indes werden die meisten Themen recht oberflächlich erörtert, was bei dem bescheidenen Umfang wenig wundert.

Durchgängig ist eine übertrieben optimistische Grundhaltung. Daß es mit einigen Entwicklungen auch Probleme geben könnte, scheint Negroponte nicht in den Sinn gekommen zu sein, oder er tut zu erwartende Schwierigkeiten und Risiken mit dem Argument ab, die Jugend werde es schon richten.

Aber nicht die Jugendlichen, sondern die jetzt aktiven Berufstätigen sind die Gestalter und Entwickler künftiger Technik, und das schon in ihrer Rolle als Nutzer. Gerade deshalb sollten sie sich mit diesen Themen beschäftigen; und dafür ist dieses Buch nicht das schlechteste.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1997, Seite 117
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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