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Traditionell-konservativ trotz Reformen


Das Jahr 1998 ist für die tschechischen Hochschulen in dreierlei Hinsicht von Bedeutung: Eine Feier gedenkt der Gründung der Karls-Universität in Prag durch Kaiser Karl IV. vor 650 Jahren, der ersten Universität im Heiligen Römischen Reich; des weiteren will Tschechien noch im Frühjahr ein neues Bildungsgesetz verabschieden und schließlich bis Ende dieses Jahres endgültig in die gesamteuropäischen Wissenschaftsprogramme eintreten. Tschechische Hochschulen nehmen bereits europaweit am Sokrates-Programm der Europäischen Union teil, und Stipendiaten der COST- und Erasmus-Programme verbinden Prag wie selbstverständlich mit Städten wie Paris, Berlin und London.
Der allgemeine Ruf nach Leistungskontrolle und Marketing in Bildung und Forschung ist in diesem Land nicht zu vernehmen. Reformen werden zwar angestrengt, doch nicht im Fieber einer stetigen Effizienzsteigerung. Generell konservativ und traditionsverbunden versucht man, sich in kleinen Schritten international anzugleichen. Das neue Hochschulgesetz soll ab diesem Jahr auch die Gründung von Privatuniversitäten ermöglichen. Bisher hatte sich Tschechien als einziger Staat Mittelosteuropas gegen die Flut unkontrollierbarer Privatuniversitäten gewehrt. Der Hochschulsektor erfährt eine weitere Differenzierung, und die Universitäten sollen künftig als Eigentümer über ihre Gebäude verfügen dürfen. Letzteres ermöglicht ihnen, Räume zu vermieten, so wie es das Prager Konservatorium für Tanz bereits diesen Sommer getan hat: Während der Feriensaison wurden die Unterrichtsräume in Schlafsäle für ausländische Schulgruppen umfunktioniert. Selbst das kann den Universitäten zusätzliche Einnahmen bringen, denn etwa fünf Prozent ihres Jahresbudgets müssen sie selbst erwirtschaften. Verkauft werden können Hochschulgebäude allerdings nur mit Zustimmung des Wissenschaftsministeriums.
Der Hochschulsektor wurde 1995 grundlegend neu strukturiert, indem man alle Studiengänge in ein dreistufiges Bildungssystem aufgliederte. An internationale Standards angepaßte Bachelor- und Magisterstudiengänge sowie sogenannte Ph.D.-Promotionsprogramme ermöglichen seitdem die Differenzierung von berufsorientierten Grundstudien und einer weiterführenden akademischen Ausbildung.
In diesem Jahr wird nun die Schul- und Universitätsstruktur an diese neue Ausbildungsform angeglichen. Nach der Matura – dem deutschen Abitur vergleichbar – kann man die Ausbildung künftig an drei Institutionstypen fortsetzen: An den Berufsschulen erwirbt man das Technische Diplom, während die Höheren Berufsfachschulen mit dem sogenannten Absolutorium abgeschlossen werden, einer Ausbildungsstufe unterhalb des Bachelor-Grades; und schließlich bieten die Universitäten Bachelor- und weiterführende Magisterstudiengänge an. Auch der Doktortitel – der neueingeführte Ph.D. – kann nur von den Universitäten verliehen werden.
Das Wissenschaftsministerium legt Wert auf die Feststellung, daß die Höheren Berufsfachschulen nicht mit den deutschen Fachhochschulen vergleichbar sind. "Fachhochschulen, wie sie das deutsche System kennt, wollen wir nicht einführen", so Josef Benes, Leiter der Abteilung für Hochschulfragen im tschechischen Ministerium für Bildung, Sport und Jugend in Prag, "denn die praktische Berufsausbildung soll den Universitäten vorbehalten bleiben. Ansonsten könnten diese womöglich ihre Spezialisten an die Forschungsinstitutionen und an die Fachhochschulen verlieren, und das hätte erneut eine Trennung von Bildung und Forschung zur Folge."

Sowjetisches Erbe

Eine Trennung dieser Art gehörte zu dem Erbe des sowjetischen Bildungs-und Forschungssystems, dem das der tschechoslowakischen Republik 1952 angeglichen worden war. Geforscht wurde damals ausschließlich an der Akademie der Wissenschaften und an den staatlichen Forschungsinstitutionen; den Universitäten war lediglich die Grundausbildung geblieben. Eine ähnliche Situation, die den Universitäten nun eben diese Grundausbildung entziehen würde, soll deshalb unter allen Umständen vermieden werden. Die Universitäten als Bildungs-und Forschungszentren stehen im Zentrum des künftigen tschechischen Bildungssystems. Damit sollen sie wieder an Bedeutung gewinnen.
Tschechien zählt heute landesweit 165000 Studenten, etwa 35000 von ihnen sind an einer der 16 Fakultäten der Prager Karls-Universität immatrikuliert. Gegenwärtig strömen rund 25 Prozent der Schulabgänger an die Universitäten, und dieser Anteil steigt von Jahr zu Jahr. "Diese Entwicklung setzte bereits Ende der achtziger Jahre ein, als die Zulassungen an die Universitäten nicht mehr vom Staat streng reglementiert wurden", erklärt Frantisek Vrhel, Dekan der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität. Daraus erwächst freilich langsam ein großes Problem: "In Psychologie beispielsweise können wir jährlich 50 Studienplätze anbieten; doch dieses Jahr haben sich fast 2000 Abiturienten für dieses Fach beworben", berichtet Vrhel, den es vor allem sorgt, daß für die Einschreibung nicht mehr allein Leistungskriterien maßgeblich sein können: "Oftmals wissen wir gar nicht, wen wir bei so vielen Studenten aufnehmen und wen wir zurückweisen sollen."
Die Aufnahmebeschränkungen werden jährlich neu festgelegt. So durften 1997 lediglich an der Karls-Universität zehn Prozent mehr Studierende aufgenommen werden als im Jahr zuvor; 1998 wird der Zuwachs der Neuaufnahmen auf fünf Prozent reduziert. Solche Maßnahmen haben allerdings nicht verhindern können, daß allein die Philosophische Fakultät der Karls-Universität heute mehr als 5000 Studenten hat – fast doppelt so viele wie kurz vor der Revolution 1989. Dabei können sich jedes Jahr in der Regel nur 18 bis 24 Prozent aller Bewerber in den staatlichen Universitäten des Landes einschreiben. "Wir haben jährlich an der Philosophischen Fakultät zwischen 6000 und 8000 Bewerber", erklärt Vrhel, "doch wir können höchstens 1300 von ihnen aufnehmen."
Trotzdem solle die Anzahl der Studienplätze nicht erhöht werden, meint das Ministerium für Bildung, Sport und Jugend unter Hinweis auf den starken Rückgang der Geburten in den letzten Jahren. Viele Hochschullehrer halten dem entgegen, daß immer mehr junge Menschen studieren möchten oder zumindest eine sogenannte tertiäre Ausbildung bis zum Bachelor anstreben. "Folglich brauchen wir mehr Platz", so Vrhel.
Hinzu kommt, daß sich die tschechischen Universitäten weiter für ausländische Studierende öffnen wollen. Bislang stellen diese einen Anteil von nur vier Prozent. Fast alle Studiengänge werden mittlerweile sowohl auf Tschechisch als auch auf Englisch angeboten. Die Studiengebühren für Ausländer – eine lukrative Einnahmequelle für die Universitäten – betragen jährlich umgerechnet zwischen 1200 Mark für ein Sprach- und 18000 Mark für ein Medizinstudium. Den größten Anteil an den ausländischen Studenten haben die Griechen; ihre deutschen Kommilitonen, mit ihrer grundsätzlichen Abneigung gegenüber Studiengebühren, zieht es weniger in die Tschechische Republik.

Geld- und Lehrermangel

Hochschule und Forschung in Tschechien bedürfen, so meinen viele Wissenschaftler, dringend weiterer finanzieller Unterstützung. Doch auch 1998 werden sich der Hochschul- und der Wissenschaftsetat jeweils auf nur etwa 0,45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts belaufen. Erhöhungen der Etats um sechs Prozent jährlich reichen nicht aus, um die Inflationsrate von gegenwärtig zehn Prozent zu kompensieren; und das bekommen alle Bildungsinstitutionen, selbst die traditionellen, zu spüren. So soll die Akademie der Wissenschaften in diesem Jahr etwa 2,2 Milliarden Kronen (rund 110 Millionen Mark) erhalten – keine üppige Finanzierung für das, was die durchaus rege Akademie mit ihren 64 Instituten zu leisten hat.
"Überall bekommt man den Mangel zu spüren", beklagt sich selbst Jaroslav Slavicky, der Direktor des europaweit berühmten Prager Konservatoriums für Tanz (Bild). In den letzten Jahrzehnten sind die größten europäischen Tänzer aus dieser Schule hervorgegangen wie etwa Ivan Liska, der in Düsseldorf und Hamburg engagiert war, und Vladimir Klos, der lange Jahre in Stuttgart wirkte. Das Konservatorium, das heute seine Schüler bis zum Absolutorium führen kann, befindet sich in direkter Nachbarschaft zur Geisteswissenschaftlichen Fakultät, gegenüber dem berühmten Rudolfinum. Doch dieser Einrichtung fehlt es an genügend großen Sälen für einen reibungslosen Unterricht, an Material und vor allem an Lehrkräften.
Insbesonders der Lehrermangel bereitet den Fakultäten und den Schulen Sorgen. "Auch wenn nur wenige Wissenschaftler auswandern, so können wir mit unseren lächerlichen Gehältern kaum noch junge Leute an den Universitäten, geschweige denn an den Schulen halten", so Vrhel. Ein Dozent verdient durchschnittlich 10000 Kronen brutto (etwa 510 Mark), ein Professor maximal 15000 Kronen. In der Forschung ist es ähnlich. Die fähigsten Leute wandern in die Wirtschaft ab, in der es immer noch genügend Stellen für Akademiker gibt. Kaum einer von ihnen ist arbeitslos. Tschechien zeichnet ohnehin eine geringe Arbeitslosigkeit von vier Prozent international aus, wenngleich auch hier die Tendenz steigend ist.
Infolge dieser Arbeitsmarkttendenz leiden die tschechischen Schulen und Universitäten sowie die Akademie der Wissenschaften an zunehmender Überalterung des Personalbestandes. "Das Durchschnittsalter der Grundschullehrer beträgt 50 Jahre", so Vera Stastná von der Abteilung Hochschulfragen des Ministeriums für Bildung, Sport und Jugend. An der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität ist die Generation der jetzt Vierzigjährigen so gut wie nicht vertreten, und auch die Akademie der Wissenschaften meldet, daß ein Viertel ihres wissenschaftlichen Personals bereits älter als sechzig Jahre sei. Doch auf die immer wieder gestellte Forderung, den Wissenschaftsetat der Akademie für 1998 zu überdenken, kommt die ewig gleiche Antwort aus den Regierungsreihen: "Die Akademie und die Wissenschaftseinrichtungen des Landes erhalten das, was im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten des Staates liegt."

Kooperationen

Es gibt indes auch Anlaß zu Optimismus. In den internationalen Wissenschaftsaustausch kam seit der Wende 1989 Bewegung. Gab es zuvor nur sieben Hochschulpartnerschaften, so kann heute allein Deutschland 40 Partnerschaften mit tschechischen Universitäten verzeichnen.
Erst kürzlich nahmen die Fachhochschule Amberg und die 1991 gegründete wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in Cheb, einer Außenstelle der westböhmischen Universität Pilsen, eine weitere Kooperation auf. Geplant ist unter anderem eine Drittbeteiligung durch die Skoda-Werke in Pilsen, denn Studenten aus Amberg und Cheb sollen gemeinsam in dem Unternehmen Praktika absolvieren und Diplomarbeiten anfertigen.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte 1996 bereits 32 Kooperationsprojekte; und der Deutsche Akademische Austauschdienst finanzierte im vergangenen Jahr – wie bereits zuvor -den Aufenthalt von mehr als 200 Studenten und 300 Hochschullehrern aus Tschechien in der Bundesrepublik.

Umstrukturierung der Forschung

Zwischen 1990 und 1997 erneuerte die Tschechische Republik zudem ihre Forschungsstrukturen grundlegend; betroffen sind insbesondere die Universitäten und die Akademie der Wissenschaften gemeinsam, aber auch die etwa 100 staatlichen Forschungsinstitutionen, die den einzelnen Ministerien unterstehen. Im Jahre 1990 hatte vor allem die Akademie eine kritische Situation zu meistern: Sie mußte viele Institute schließen und insgesamt 4000 Angestellte – rund 30 Prozent der Belegschaft – entlassen. Heute steht sie mit ihrem neuen Programm in insgesamt 28 Forschungsgebieten in engem Bezug zu den Universitäten; auf der Ebene der Promotionen und Habilitationen ist eine enge Zusammenarbeit möglich.
Die bevorzugten Forschungsbereiche liegen in den Fächern Medizin, Biologie, Mathematik, Physik, Chemie und Hochtechnologie. "Die Geistes- und Sozialwissenschaften stehen auch in den europäischen Forschungsprioritäten nicht an erster Stelle, wir haben uns dieser Tendenz natürlich angepaßt", so Petr Krenek, der Leiter für internationale Beziehungen in Wissenschaft und Entwicklung des Ministeriums für Bildung, Sport und Jugend. Er fordert die Universitäten und Akademien zu einer neuen Marketingpolitik auf, um verstärkt die Industrie zu einer Finanzierungsbeteiligung zu bewegen. Er sieht dafür auch in Tschechien ein gewisses Potential, denn bereits jetzt wendet die dortige Industrie jährlich mehr als 10 Milliarden Kronen für Forschung und Entwicklung auf.
Die größte Hoffnung legt die tschechische Forschung allerdings auf ihren Eintritt in die europäische Wissenschaftsgemeinschaft. Sie würde auch finanziell eine weitere Öffnung bedeuten. Noch bis 1989 hatte die Tschechoslowakei keine multilateralen Wissenschaftsbeziehungen mit den westlichen Ländern, von einigen wenigen Kooperationen mit der UNESCO, der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO abgesehen. Doch bereits 1991 trat sie COST (The European Cooperation in Scientific and Technical Research) und dem Europäischen Zentrum für Teilchenphysik CERN in Genf bei. Nach der Trennung von der Slowakei wurde die Tschechische Republik 1995 Mitglied der European Research Coordination Agency EUREKA, ein Jahr später auch der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD, der Europäischen Konferenz über Molekularbiologie EMBC sowie der europäischen Raumfahrtbehörde ESA.
"Allerdings haben wir in letzter Zeit die bilateralen Beziehungen ein wenig vernachlässigt. Das soll jetzt wieder aufgeholt werden", erklärt Krenek weiter. "Im Mittelpunkt unserer jetzigen Bemühungen stehen unter anderem die Aktion Österreich – Tschechische Republik mit ihrem Austauschprogramm von 30 Forschern und das französische Barrande-Programm, das ingesamt 60 laufende Projekte umfaßt." Die Beziehungen zu den direkten Nachbarstaaten sind hingegen ein wenig ins Stocken geraten. Mit Polen wurde bis jetzt ein allgemeines Abkommen unterzeichnet, und ein Vertrag mit Ungarn liegt als Entwurf vor. Die bislang beste bilaterale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wissenschaften konnte die Tschechische Republik allerdings mit Slowenien erzielen. Langfristig, so Krenek, werden sich die unmittelbaren Beziehungen zu den Nachbarstaaten aber erst aufgrund des Eintritts dieser Länder in die Europäische Union stärker entwickeln können.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1998, Seite 107
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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