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Trainieren für Olympia

Nur mehr hoher Aufwand an Wissenschaft und moderner Technik verschafft Spitzensportlern und -sportlerinnen die oft nur marginalen Vorteile, die heutzutage bei internationalen Wettkämpfen über Sieg und Niederlage entscheiden.

Im 6. vorchristlichen Jahrhundert suchte ein junger Mann namens Milon aus der in Süditalien gelegenen griechischen Kolonie Croton durch folgenden strengen Trainingsplan der stärkste Mensch der Welt zu werden: Täglich hob er ein Kalb über seinen Kopf und trug es um den Stall herum; und mit dem Tier wuchs auch seine Kraft, bis er schließlich die ausgewachsene Kuh zu stemmen vermochte.

Diese Methode war so erfolgreich, daß Milon der berühmteste Athlet der Antike wurde (Bild 1). Er gewann insgesamt 32 nationale Meisterschaften im Ringen, davon allein sechs in Serie bei Olympischen Spielen, die alle vier Jahre zu Ehren des Zeus in der Landschaft Elis im Nordwesten des Peloponnes stattfanden (die Festspiele von Olympia, die bedeutendsten des griechischen Altertums, sind für die Zeit von 776 vor bis 393 nach Christus historisch bezeugt). Intuitiv hatte Milon ein Prinzip moderner Sportwissenschaft erfaßt: Leistungssteigerung durch progressive Belastung. Das gezielte Beanspruchen von Muskeln beziehungsweise Muskelgruppen mit zunehmend höherer Intensität ist den mehr als 10000 Sportlerinnen und Sportlern aus 197 Ländern wohlbekannt, die nun an den hundertsten Olympischen Spielen der Neuzeit in Atlanta (Georgia) teilnehmen werden.

In den letzten 50 Jahren hat die Sportwissenschaft die Trainingsgrundsätze mehr und mehr verfeinert. Sportphysiologen und Trainer nutzen wissenschaftliche Erkenntnisse, um eine optimale Entwicklung körperlicher und psychischer Leistungsfähigkeit – dem Anforderungsprofil der jeweiligen Disziplin entsprechend – zu erreichen. Biomechaniker setzen computergestützte Analyseverfahren ein, beispielsweise die Auswertung von Videoaufzeichnungen und bei der Sportausübung aufgenommene Sensordaten, um Bewegungsabläufe zu optimieren. Ingenieure nutzen neue Materialien und Erkenntnisse der Aerodynamik, um etwa sehr windschlüpfige Rennräder zu konstruieren. Sportpsychologen bauen Selbstvertrauen, Konzentrationsfähigkeit und Durchhaltewillen durch Techniken des mentalen Trainings auf. In der Summe bewirken alle diese Maßnahmen jene kleinen Leistungssteigerungen, die letztlich über Sieg und Niederlage entscheiden können.

Physiologisches Training

Um Kraft- und Ausdauerfähigkeiten effektiv zu trainieren, muß man bei den Prozessen ansetzen, mit denen der Organismus die für Muskelkontraktionen benötigte Energie erzeugt. Jede menschliche Bewegung beruht auf Verbrauch und Resynthese von Adenosintriphosphat (ATP), einer energiereichen Verbindung der Purinbase Adenin mit dem Zucker Ribose und drei Phosphatgruppen. Abspalten zweier solcher Gruppen setzt die Energie frei, die Muskelkontraktionen oder andere zelluläre Reaktionen ermöglicht. Menschen vermögen allerdings nur bis zu fünf Millimol des universellen Energiespenders pro Kilogramm Muskel zu speichern, und bei maximaler Belastung ist diese Reserve innerhalb weniger Sekunden erschöpft. Um das Molekül immer neu aufzubauen, greift der Körper auf drei eng miteinander verbundene Stoffwechselprozesse zurück. Welcher davon dominiert, hängt von der momentanen Belastung und von der Dauer der Aktivität ab.

Zunächst kann der Organismus Kreatinphosphat, selbst ein energiereiches Molekül, spalten und die freiwerdende Energie zur Resynthese von ATP verwenden. Auch diese Quelle ist aber nach kurzer Zeit erschöpft – beispielsweise während eines Sprints nach fünf bis zehn Sekunden.

Bei längeren Belastungen greift die Muskelzelle auf den Abbau von Glucose und deren Speicherform Glykogen zurück. Außer ATP entsteht durch die Glykolyse Pyruvat, wobei noch kein Sauerstoff verbraucht wird. Bleibt der Prozeß anaerob, wird diese Substanz in Milchsäure umgesetzt (synonym verwendet man den Begriff Lactat, der im strengen chemischen Sinne die Ester und Salze der Milchsäure bezeichnet). Dabei gewinnt der Muskel allerdings zum einen keine nennenswerte Energie, zum anderen akkumuliert Milchsäure innerhalb von zwei Minuten und kann – in Salz- und Wasserstoff-Ionen dissoziiert – brennenden Schmerz verursachen. Zwar vermag man durch Training die Muskulatur gegen höhere Lactatspiegel bei intensiver Belastung unempfindlicher zu machen; schließlich verhindert jedoch die zunehmende Konzentration von Milchsäure und Lactat weitere Kontraktionen.

Um die Menge an ATP zur Verfügung zu stellen, die für lang andauernde Belastungen benötigt wird, speist der Körper Pyruvat in aerobe Stoffwechselwege ein. Er muß dazu allerdings mindestens ein bis zwei Minuten sehr aktiv sein. Dann sind Atem- und Herzfrequenz genügend gestiegen und die Versorgung der Muskelzellen mit Sauerstoff ist somit sichergestellt. Zu diesem Zeitpunkt verlieren die anderen Stoffwechselprozesse – Umsetzung von Kreatinphosphat sowie Glykolyse – vorerst an Bedeutung. Zwar wird auch in der aeroben Phase immer noch Milchsäure produziert; sie wird aber von den weniger aktiven Muskeln verwertet oder in der Leber über Pyruvat in Glucose umgewandelt.

Das aerobe System mit der sogenannten Atmungskette arbeitet äußerst effizient und erzeugt mehr ATP als die anaerobe Glykolyse, doch hat auch es seine Grenzen. Wird noch mehr Energie benötigt, kommen die anderen Quellen vermehrt zum Einsatz. So würden die Muskeln eines Fußballspielers in der Mitte einer Halbzeit ATP vorwiegend über das aerobe System produzieren, bei einem plötzlich erforderlichen Sprint würde sich aber das Kreatinphosphat-System zuschalten müssen. Wenn diese hohe Belastung 5 bis 15 Sekunden anhält, steigert die Muskelzelle außerdem rapide die anaerobe Glykolyse. Nach Ende der Kurzzeitbelastung verläßt sich der Körper wieder auf das aerobe Stoffwechselsystem, während sich die anderen Energiespeicher regenerieren.

Trainer müssen die Erfordernisse ihrer Sportarten kennen und zur Verbesserung der aeroben oder anaeroben Kapazität die Intensität und Dauer der Übungen entsprechend variieren (Spektrum der Wissenschaft, August 1986, Seite 48). Das Prinzip ist, daß wiederholte körperliche Aktivität eine Anpassung der Muskeln an die jeweilige steigende Belastung initiiert; man bezeichnet dies auch als Über- oder Superkompensation. Die Kunst besteht darin, die für eine Sportart spezifischen Reize zur richtigen Zeit zu geben. Das Ausdauertraining einer Langstreckenläuferin zielt insbesondere auf eine bessere aerobe Kapazität, ein Gewichtheber dagegen sucht vor allem seine Maximalkraft zu steigern.

Allerdings werden die erreichbaren Leistungszuwächse mit der Zeit relativ geringer. Während des ersten Jahres steigern 50 bis 100 Trainingsstunden je Saison das sportliche Ergebnis um 10 bis 15 Prozent; auf dem Höhepunkt einer Karriere ergeben womöglich 1000 Stunden intensiven Trainings nur eine Verbesserung um ein Prozent. Dies scheint sich zwar kaum zu lohnen, entscheidet aber doch über die Plazierung im Spitzensport. So betrug der Vorsprung der Goldmedaillen- gegenüber den Silbermedaillengewinnern bei Sprintwettbewerben der Olympischen Spiele von 1992 nur 0,7 Prozent beziehungsweise nur wenig mehr als zwei Zehntelsekunden.

Spezifische Anforderungen will ich anhand konkreter Beispiele aus unterschiedlichen Disziplinen verdeutlichen. Dabei beschränke ich mich auf mir bekannte amerikanische Sportlerinnen und Sportler, die sich im größten Trainingslager des Olympischen Komitees der USA in Colorado Springs auf die diesjährigen Spiele vorbereiten.

Ausdauersport

Der längste Wettbewerb von Atlanta wird ein etwa fünfstündiges Radrennen der Männer sein. Die 228 Kilometer lange Strecke erfordert ein auf extreme Dauerbelastung ausgerichtetes Training und nach den neuesten Erkenntnissen der Aerodynamik gebaute Rennmaschinen. Lance Armstrong aus Austin (Texas) gilt als Medaillenanwärter (Bild 3). Zwar blieb er bei den letzten Olympischen Spielen ohne eine der begehrten Auszeichnungen, gewann aber seitdem verschiedene wichtige Rennen.

Ein häufig verwendetes Maß für die Ausdauerleistungsfähigkeit ist die aerobe Kapazität, kurz als VO2 max bezeichnet. Das ist die maximale Menge an Sauerstoff, die in einer definierten Zeiteinheit aufgenommen und den Muskelzellen zum Aufbau von ATP zur Verfügung gestellt werden kann. Armstrong erreichte schon mit 15 Jahren 80 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht pro Minute und hält diesen Wert im Alter von 24 Jahren immer noch. Das entspricht fast der doppelten Kapazität eines durchschnittlich trainierten Mannes – mit ein Grund für seine Plazierung unter den besten ein bis zwei Prozent aller Radsportler weltweit.

Bei einem seiner mehrfachen Trainingsaufenthalte in unserem Zentrum unterzog sich Armstrong einer Stoffwechseluntersuchung auf einem Fahrrad-Ergometer – einem Gerät, das häufig in sportphysiologischen Labors verwendet wird. Damit läßt sich die Arbeitsbelastung genau kontrollieren, also zum Beispiel messen, wie stark und wie schnell ein Sportler in die Pedalen tritt. Armstrong wies die größte VO2 max auf, die je ein Radrennfahrer aus den USA erreicht hat, und bei höchster Anstrengung erbrachte er ganze 525 Watt – einen Weltklassewert.

Physiologen verwenden noch zwei weitere Kriterien zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit, nämlich die Effizienz der Sauerstoffausnutzung und die Rate der Lactatanhäufung in der Muskulatur. Die sogenannte Lactatschwelle – sie wird in Relation zur VO2 max angegeben – ist erreicht, wenn sich Milchsäure zu akkumulieren beginnt und brennende Schmerzen verursacht. Im Trainingszentrum erreichte Armstrong nur einen Wert von 75 Prozent, das sind 10 Prozentpunkte weniger als beim Durchschnitt der besten Radrennfahrer unserer Nationalmannschaft. Wir empfahlen ihm deshalb, öfter nahe an oder etwas oberhalb dieser Schwelle zu trainieren, um Funktionen des Kreislauf-, Nerven- und Enzymsystems so zu verändern, daß sein Wert ansteigt.

Gerade im Radrennsport sind indes Fertigkeiten wie Tritt-Technik und Haltung des Fahrers sowie das Design des Rades selbst mitentscheidend (Spektrum der Wissenschaft, Mai 1995, Seite 105). In unserem Biomechaniklabor fuhr Armstrong deshalb auch auf einem ortsfesten Rad, mit dem sich Richtung und Größe der auf die Pedale wirkenden Kräfte messen lassen. Es ergab sich, daß er rechts und links fast identisch tritt; lediglich die Vortriebskräfte im oberen und unteren Teil des Zyklus waren etwas zu schwach (Bild 3 links unten).

Die Analyse seiner Körperhaltung zeigte interessantere Optimierungsmöglichkeiten auf. Weil der Luftwiderstand für Fahrer und Rad mit dem Quadrat der Geschwindigkeit zunimmt, kommt der Haltung eine solche Bedeutung zu, daß Rennfahrer schon recht bizarre Stellungen eingenommen haben. Graeme Obree, der 1995 die Weltmeisterschaft im Einer-Verfolgungsfahren gewann und 1994 den Stundenrekord brach, hielt beispielsweise seinen Kopf weit nach vorn über den Lenker gebeugt, und die Arme hatte er eng unter die Brust geklemmt, die dem Lenker auflag. Obrees Position, die andere Rennfahrer kaum nachahmen konnten, gilt jedoch als instabil und gefährlich; sie wurde von der International Cycling Union verboten.

Das beratende Team des Olympischen Komitees der USA beurteilte Armstrongs Fahrhaltung anhand von Videoaufzeichnungen bei Wettkämpfen und im Trainingszentrum. Demnach sollte sein Oberkörper tiefer liegen, um weniger Widerstand zu bieten; auch infolge einer relativ breiten Armhaltung baute sich zuviel Druck gegen den Oberkörper auf, und durch seine Kopfhaltung ragte der Helm in den Luftstrom. Wir schlugen Armstrong darum vor, seinen Sattel etwas nach vorne und oben sowie seinen Lenker nach vorne und unten zu verlagern; die Hände sollte er weiter vorne auf den "Aero"-Stangen – aerodynamischen Erweiterungen der Standardlenker – auflegen. Außerdem bekam der Helm unter anderem eine schweifartige Verlängerung auf der Rückseite, so daß der Wind gleichmäßig über Kopf und Rücken strömen konnte (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1986, Seite 88).

Die Veränderungen ergaben im Labor eine um 1,44 Kilometer pro Stunde höhere Geschwindigkeit. In Verbindung mit der antrainierten besseren physiologischen Leistungsfähigkeit könnte Armstrong fast vier Minuten auf der 40-Kilometer-Strecke gutmachen (Bild 3).

Seine Lactatschwelle hat sich bereits von 75 auf 79 Prozent erhöht. Die Distanzen, die er in Training und Wettkampf zurücklegt, betragen derzeit bis zu 40000 Kilometer pro Jahr (im Alter von 15 Jahren legte er dagegen nur rund 1600 Kilometer zurück). Armstrong hat in letzter Zeit auch bei Rennen besser abgeschnitten. So gewann er 1995 die Tour DuPont in den USA und die 167 Kilometer lange Etappe der Tour de France von Montpon-Menesterol nach Limoges; 1993 war er bereits Weltmeister geworden.

Die amerikanischen Radrennfahrer werden auch in Atlanta wieder Räder nach neuesten technischen Konzepten verwenden (Bild 4). Die Entwicklungen förderte das Projekt '96, eine Kooperation der US Cycling Federation, des Olympischen Komitees der USA und der Industrie. Designer untersuchten jeden Quadratzentimeter des Rahmens, um die Aerodynamik zu verbessern. So soll ein kleineres und schmaleres Vorderrad den Windwiderstand verringern und bei Mannschaftswettbewerben ermöglichen, dichter zu fahren, also den Windschatten noch besser zu nutzen. Extrem stabile Verbundmaterialien halfen, den Anteil tragender Teile zu reduzieren. Statt rund wie die Stahlrohre klassischer Tourenräder sind die Rahmenkomponenten im Querschnitt schlank tropfenförmig.


Schwerathletik

Ist Radfahren das eine Extrem der physiologischen Herausforderung im Hochleistungssport, ist Gewichtheben das andere – keine andere Einzelübung ist so schnell vorüber. Das Heben einer 120 bis 250 Kilogramm schweren Hantel erfordert bis zu 3000 Watt. Dazu werden die ATP- und Kreatinphosphat-Speicher in der Muskulatur genutzt, die sich während der langen Erholungsphasen – im Training zwischen Serien bis zu fünf Versuchen, im Wettbewerb während des Antritts der anderen Teilnehmer – durch aerobe Stoffwechselprozesse wieder auffüllen.

Die USA dürften in Atlanta nur eine geringe Medaillenchance haben, denn die hervorragenden Trainingsprogramme der osteuropäischen Staaten haben den Zerfall ihres politischen Blocks überdauert. Immerhin ist seit fünf Jahren Dragomir Cioroslan, der für Rumänien bei den Olympischen Spielen 1984 eine Bronzemedaille gewann, Trainer für Gewichtheben an unserem Zentrum; sein vielfältig strukturiertes Ganzjahres-Programm basiert auf der in seinem Heimatland entwickelten Methodik.

Einer seiner Favoriten ist Tim McRae. Mit seinem amboßförmigen Oberkörper hätte er auch für die nationale Football-Liga rekrutiert werden können – wäre er nicht lediglich 1,60 Meter groß. Tatsächlich begann er das Gewichtheben in der Hoffnung, dadurch größer zu werden und beim Football mithalten zu können. McRae vermag mehr als das Doppelte seines Körpergewichts zu heben; er wurde fünfmal amerikanischer Meister und hält in den USA den Rekord in drei Gewichtsklassen der Disziplinen Reißen und Stoßen.

Beim Reißen greift der Sportler die Hantel in einem Handabstand der zwei- bis dreifachen Schulterbreite; dann zieht er sie bis auf Brusthöhe hoch, geht unter der Hantel in die Hocke, fängt sie mit gestreckten Armen über dem Kopf auf und richtet sich auf – das Gerät muß gleichsam in einer stetigen Bewegung nach oben gebracht werden. Beim Stoßen (Bild 5) greift der Sportler dagegen schulterbreit, bringt die Hantel auf Schulterhöhe, geht in die Hocke und legt das Gewicht auf den Schultern ab. Dann hält er kurz inne und bringt das Gerät schließlich ruckartig zur Hochstrecke; dabei unterstützt ihn ein explosiver vertikaler Impuls der Beine.

McRaes kurze Gliedmaßen, sein langer Rumpf und der sehr muskulöse Körper prädestinieren ihn für diese Disziplin. So muß er die Hantel wegen seiner geringen Größe nur eine relativ kurze Strecke bewegen. Seine Beinkraft ist erstaunlich, vermag er doch aus dem Stand fast einen Meter hoch zu springen.

Am Gewichtheben läßt sich ein weiteres grundlegendes Prinzip modernen Trainings gut veranschaulichen – die Periodisierung. Darunter versteht man das Strukturieren der kontinuierlichen Entwicklung von Kondition und sportlicher Technik. Die Zeiteinheiten reichen von einzelnen Übungen bis ganzen Jahreszyklen. Gewichtheber bereiten sich speziell zwei bis vier Monate lang auf einen wichtigen Wettkampf vor. Ein solcher Makrozyklus besteht wiederum aus mehreren Mesozyklen, kürzeren Abschnitten (Bild 6).

Cioroslan läßt die amerikanische Nationalmannschaft schon in der Vorbereitungsphase von acht bis zehn Wochen Dauer 600 Übungen pro Woche absolvieren. Dabei stemmen die Sportler jeweils 80 bis 90 Prozent des von ihnen maximal zu bewältigenden Gewichts. Solch Training mittlerer Intensität kräftigt Muskulatur, Bindegewebe und Bänder, beugt aber auch eventuellen Verletzungen bei höherer Belastung in der folgenden Trainingsphase oder im Wettbewerb vor.

Im zweiten Mesozyklus, der weitere vier bis fünf Wochen dauert, sind 200 bis 300 Übungen pro Woche gefordert, aber mit 90 bis 100 Prozent des Maximalgewichts. Nun soll nicht mehr Muskelmasse aufgebaut, sondern vielmehr das Kraftpotential durch intramuskuläre Koordination besser ausgeschöpft werden. Die Athleten der höchsten Gewichtsklasse heben wohl mehr als drei Millionen Kilogramm jährlich.

Der letzte Mesozyklus besteht aus zwei Phasen und führt direkt auf den Wettkampf hin. Zunächst trainiert der Sportler mit maximaler Intensität, um sich zu vergewissern, daß er das erworbene Leistungsvermögen optimal umsetzen kann. In der letzten Woche schließlich werden Umfang und Intensität des Trainings allmählich reduziert, damit sich der Körper von den Anstrengungen erholt, ohne an intensiv erarbeiteter Fitness zu verlieren.

Wie beim Radrennen ist auch beim Gewichtheben die Bewegungskoordination – wenngleich eine völlig andere – entscheidend: Von den Bein- und Hüftstreckern bis zu den Schulter- und Armmuskeln müssen alle Muskelgruppen in der richtigen Reihenfolge aktiviert werden. Deshalb wurde beispielsweise untersucht, wie gleichmäßig die S-förmige Bahn der Hantel vom Boden bis zur vollständigen Streckung bei McRae verläuft. Zwei Kameras zeichneten den Vorgang auf, während zwei Meßplatten die Kräfte unter beiden Füßen maßen (Bild 5, Ausschnitt). Tatsächlich zeigten sich Asymmetrien, die McRae das Fangen und Stabilisieren des Gewichts beim Reißen erschwerten – Anlaß für kleinere Korrekturen an seiner Technik.

Die Bedeutung genetischer Disposition

Der Physiologe Per-Olof Åstrand prägte den oft zitierten Satz: "Wenn du an Olympischen Spielen teilnehmen willst, suche dir deine Eltern gut aus". Bislang sind zwar keine Gene für spezielle athletische Eigenschaften bekannt, und Spitzensportler lassen sich noch nicht mit treffsicheren Tests finden. Immerhin kommt die Praxis dem recht nahe: In vielen Ländern werden Kinder und Jugendliche systematisch aufgrund körperlicher Merkmale für Förderprogramme rekrutiert.

Das war insbesondere in der DDR der Fall, doch ist beispielsweise der australische Ruderverband – nicht mit Hilfe staatlichen Drucks, sondern in Zusammenarbeit mit Trainern und Sportwissenschaftlern – ähnlich vorgegangen. Er hat ein Profil für Athletinnen entwickelt, die das Potential haben, in die Weltklasse aufzusteigen. Erhoben wurden solche Faktoren wie Körpergröße, Anteil an Körperfett, Länge der Gliedmaßen und kardiovaskuläre Ausdauer. Bewerberinnen ohne herausragende Werte wurden zwar nicht von vornherein ausgeschlossen, aber innerhalb von zwei Jahren siebte der Verband auf diese Weise doch international konkurrenzfähige Sportlerinnen heraus.

Würde ein solches Programm in den USA existieren, wären Mary und Betsy McCagg ausgewählt worden. Die muskulösen eineiigen Zwillingsschwestern, Paradefrauen des nationalen Ruderteams, sind für ihre Sportart prädestiniert (Bilder 1 und 6): Beide sind 1,85 Meter groß und wiegen 85 Kilogramm; ihr Körperfettanteil ist geringer als der eines durchschnittlichen Mannes im College-Alter, und ihre lange Beine erleichtern langgezogene kräftige Ruderschläge.

An den McCaggs zeigt sich auch, daß das genetische Potential – Vater, Großvater und viele andere Familienmitglieder waren Mitglieder in Universitäts-Rudermannschaften – nur ausgeschöpft wird, wenn Training die körperliche Entwicklung fördert. Nachdem sie bereits an der High-School an einem Leistungsprogramm teilgenommen hatten, besuchten die Schwestern das Radcliffe-College in Cambridge (Massachusetts), das eine lange Tradition im Frauenrudern hat. Die Erwartungen an die Zwillinge waren von Anfang an hoch gesteckt. Mit Recht: Im zweiten und dritten Studienjahr blieb das College-Team ungeschlagen. Beide Schwestern qualifizierten sich für die Olympischen Spiele 1992, und mit der Achter-Crew erreichten sie den sechsten Platz im Endlauf.

Die McCaggs starten entweder im Achter oder Zweier, also in Booten, in denen jedes Crewmitglied einen langen Riemen mit beiden Armen zieht. Wie andere Disziplinen auch erfordert die 2000-Meter-Strecke, die sie in sechs bis sieben Minuten zurücklegen, Ausgeglichenheit der körperlichen Fähigkeiten: Muskelkraft zusammen mit einer sehr guten aeroben Kapazität und schnelles, anaerobes Mobilisieren von Reserven.

Das Nationalteam besuchte unser Trainingszentrum 1991. Beiden Schwestern, so meinten die Trainer, mangelte es noch an anaerober Kapazität für Endspurts. Unsere physiologischen und biomechanischen Tests belegten dann aber, daß sie in dieser Hinsicht mit den besten Ruderinnen der Welt mithalten konnten. Doch zeigte sich andererseits, daß ihre aerobe Kapazität nicht ausreichte, sie über die ersten 1500 Meter eines Rennens zu bringen, ohne daß der Lactatspiegel auf leistungsbeeinträchtigende Werte stieg.

Im gleichen Jahr übernahm Hartmut Buschbacher, der frühere Trainer der DDR-Ruderinnen, die Verantwortung für das US-Nationalteam. In einem Vollzeitprogramm in Chattanooga (Tennessee) für 15 sorgfältig ausgewählte Frauen setzte er Konzepte der Periodisierung und unterschiedliche Kombinationen von Umfang und Intensität des Trainings ein, um das aerobe Defizit zu verringern (Bild 6). Im Sommer 1995 gewann der Achter mit den McCaggs die Weltmeisterschaft im finnischen Tampere.


Mentale Vorbereitung

Unter den olympischen Disziplinen verlangt das Schießen zwar auch eine gute Kondition, aber statt Kraft vor allem Feinkoordination und äußerste Konzentration. Frauen können darin die gleichen oder sogar bessere Leistungen erzielen als Männer. Die Bedeutung der Sportpsychologie läßt sich deshalb daran gut verdeutlichen.

Die 27jährige Tammy Forster war wie die McCaggs schon von den Eltern gefördert worden: Ihr Vater nahm als hervorragender Gewehrschütze gelegentlich an Wettkämpfen teil und zeigte der Familie, wie man mit diesen Waffen umgeht. Als die Tochter großes Interesse hatte, besuchte er Trainerlehrgänge und ist immer noch einer ihrer Coaches.

Im Alter von 15 Jahren trainierte Tammy anderthalb Stunden pro Tag mit einem Luftgewehr oder machte Haltungsübungen mit einem ungeladenen kleinkalibrigen Gewehr im Haus. Ihr Werdegang ist ein Beispiel dafür, daß mitunter Entschlossenheit und intensives Bemühen einen Mangel an angeborenen Fähigkeiten ausgleichen: Ihre Schwester erreichte einstmals die gleichen Leistungen mit einem Viertel des Zeitaufwands; doch Tammy ließ sich nicht entmutigen. Nachdem sie so die Silbermedaille bei den nationalen Meisterschaften der Juniorinnen 1985 gewonnen hatte, beschloß sie, zur weiteren Schulung an der Universität von West Virginia in Morgantown bei Ed Etzel, dem Goldmedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele 1984, zu trainieren.

Seit 1991 sucht sie sich auch in unserem Trainingszentrum außer im Luftgewehrschießen auf 10 Meter im Dreikampf zu verbessern, also mit dem kleinkalibrigen Gewehr auf 50 Meter im Liegen, Knien und Stehen (Bild 7). Tammy Forster kombiniert verschiedene Techniken, darunter Übungen zur Konzentration und Muskelentspannung sowie das geistige Durchspielen der involvierten Bewegungsabläufe. Über ihre Leistungen und Gefühlsschwankungen führt sie zudem Tagebuch und setzt sich realistische Ziele, die sie während einer Trainingseinheit zu erreichen vermag. Bei der Visualisierung stellt sie sich entweder selbst beim Zielen und Schießen vor oder sieht sich als Zuschauerin; die aktivere Vergegenwärtigung scheint größere Effekte zu haben.

Vor jedem Schuß im Wettkampf wiederholt sie diese Routine. Im Geiste geht sie dabei Phase um Phase durch, vom Antreten über das Anlegen des Gewehrs bis zum Krümmen des Zeigefingers. Bei 60 Schüssen pro Dreikampf-Wettbewerb bedingt diese konzentrierte Ruhe vor jedem Schuß freilich, daß das Zeitlimit eines Wettkampfes von zweieinhalb Stunden umsichtig voll ausgeschöpft wird – über den Sieg entscheidet Präzision und nicht Geschwindigkeit.

Tammy Forster hat auch mit einem Sportpsychologen gearbeitet, weil sie ihren Zielbewegungen nicht traute. Um ihre Technik beurteilen zu können, benutzte sie ein mit einem Infrarotlaser bestücktes Gewehr. Die Analyse der Strahlpositionen auf der Scheibe belegten, daß sie sich unnötigerweise fortwährend noch zu korrigieren suchte; so nahm ihre Fähigkeit, das Ziel zu fixieren, nach fünf bis sechs Sekunden ab. Abhilfe brachten wieder Visualisierungs-Routinen, verbunden mit dem Wiederholen verschiedener Schlüsselwörter wie "entspannen" oder "fertig". Die Beharrlichkeit zahlte sich aus. Während ihres Aufenthalts im Trainingszentrum gewann die Schützin zwei Weltcups, und im letzten Jahr erreichte sie den zweiten Platz bei den nationalen Meisterschaften.

Verallgemeinernd läßt sich sagen, daß eine Kombination von körperlichem und mentalem Training sowie optimaler Ausrüstung in allen olympischen Sportarten vom Schwimmen bis zum Baseball unabdingbar ist. Wie die vorgestellten Beispiele zeigen, haben Sportwissenschaft und Technologie wesentlichen Anteil daran, daß Athleten und Athletinnen immer neue Rekorde aufstellen.

Literaturhinweise

- Theory and Methodology of Training: The Key to Athletic Performance. Von Tudor O. Bompa. Kendall / Hunt Publishing, 1994.

– Handbuch Trainingslehre. Von Dietrich Martin, Klaus Carl und Klaus Lehnertz. Karl Hofmann. Schorndorf 1991.

– The Olympic Factbook: A Spactator's Guide to the Summer Games. Herausgegeben von Rebecca Nelson und Marie J. MacNee. Visible Ink, 1966.

– Die offizielle Programmseite des Olympischen Kommitees erreichen Sie im World Wide Web unter der Adresse http://www.atlanta.olympic.org/acog/d-index.html.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1996, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1996

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1996

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