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Transhumanismus: Wollen wir ewig leben?

Vielleicht können wir tatsächlich irgend­wann unser Bewusstsein in einen Computer hochladen und damit beliebig lange am Leben erhalten. Aber diese schöne neue Welt brächte manche Fragen und Probleme mit sich.
Es ist nicht von vornherein klar, ob die Maschinenmenschen der Zukunft überhaupt noch eine emotionale Beziehung zu gewöhnlichen Menschen haben werden.

Auf einem Hochzeitsempfang vor ein paar Monaten kam plötzlich das Thema Unsterblichkeit auf. Ich fragte ein hochakademisches Pärchen aus San Francisco, Eltern zweier junger Töchter: "Angenommen, ihr könntet schon morgen euer Gehirn auf einen Computer hochladen und dann ewig als Mischwesen aus Mensch und Maschine leben – würdet ihr das tun?" Der Mann, ein 42-jähriger promovierter Mediziner, sagte auf der Stelle Ja: Seine gegenwärtigen Forschungsarbeiten würden erst in den nächsten Jahrhunderten Früchte tragen, und das würde er gerne miterleben. "Außerdem wüsste ich zu gerne, wie die Welt in 10 000 Jahren ist." Seine 39 Jahre alte Ehefrau, Doktorin der Kunstgeschichte, antwortete ebenso eindeutig: "Auf gar keinen Fall. Der Tod gehört zum Leben. Ich will wissen, wie das Sterben ist."

Es hätte mich interessiert, ob die Entscheidung seiner Frau den Mann nachdenklich machte, aber ich ließ das Thema lieber diplomatisch fallen. Dennoch – die Frage ist alles andere als esoterisch. Immerhin gehen einige Zukunftsforscher davon aus, dass wir auf eine postbiologische Welt hinsteuern, in der sich der Tod erledigt hat oder zumindest unter unserer Kontrolle befindet. Wenn wir solchen Behauptungen Glauben schenken, werden früher oder später ungeahnte Entscheidungen auf uns zukommen.

Die ausführlichste Vorstellung einer derartigen transzendenten Zukunft finden wir bei dem Erfinder und Zukunftsforscher Ray Kurzweil, hauptberuflich Leiter der technischen Entwicklung bei Google. Im Jahr 2005 erschien sein Bestseller "The Singularity is Near" ("Menschheit 2.0: Die Singularität naht"), in welchem er voraussagte, die künstliche Intelligenz werde bald "das gesamte menschliche Wissen und Können umfassen". Durch technische Entwicklungen wie Hirnscans in Nanogenauigkeit werde es letztendlich möglich sein, "unsere Intelligenz, Persönlichkeit und Fähigkeiten schrittweise auf eine nichtbiologische Ebene zu überführen". Bis dahin würden Milliarden von Nanobots in unserem Körper "Krankheitskeime zerstören, Schäden reparieren, Giftstoffe neutralisieren sowie jede Menge anderer Aktionen durchführen, die unsere Gesundheit erhalten, mit der Folge, dass wir unbegrenzt leben, ohne zu altern." Obendrein erschaffen die Nanobots "eine virtuelle Realität, indem sie sich in unser Nervensystem einnisten". Wir werden zunehmend in einer virtuellen Welt leben, die in allem der herkömmlichen Welt (der "realen Realität") gleich ist – nur bunter und ereignisreicher …

Juni 2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Juni 2017

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  • Quellen

Hughes, J.: Citizen Cyborg. Why Democratic Societies Must Respond to the Redesigned Human of the Future. Basic Books, New York 2004

Hughes, J.: Soon we’ll use science to make people more moral. Washington Post, 19. Mai 2016

Koch, Christof: When Computers surpass us. In: Scientific American Mind 26, S. 26-29, 2015

Kurzweil, R.: Menschheit 2.0. Die Singularität naht. 2. Auflage, Lola Books, Berlin 2014

Sandler, R., Basl, J.: Transhumanism, Human Dignity, and Moral Status. In: The American Journal of Bioethics 10, S. 63–66, 2010

Seung, S.: Das Konnektom. Erklärt der Schaltplan des Gehirns unser Ich? Springer Spektrum, Heidelberg 2013

Zimmer, C.: Brain Cuttings. Fifteen Journeys Through the Mind. E-Book, Scott & Nix, New York 2010